Donnerstag, 31. Dezember 2015

2015/16 aus chinesischer Sicht

Ein weiteres Jahr geht zu Ende und wie schon 2010, 2011, 2012, 2013 und 2014 wird es somit wieder Zeit für einen Rückblick auf 2015 aus chinesischer Sicht sowie einen kurzen Ausblick, was das Land der Mitte 2016 alles erwarten wird. 2015 war ein ereignisreiches Jahr, kein Ereignis kann als DAS Newsereignis des Jahres bezeichnet werden, daher wird hier nur ein Überblick über die wichtigsten außenpolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen gegeben, die China heuer besonders beschäftigt haben.


Außenpolitik 
Das außenpolitisch wohl wichtigste Ereignis war das Aufeinandertreffen zwischen Xi Jinping und dem taiwanesischen Präsidenten Ma Ying-jeou im November. Es war das erste Aufeinandertreffen zwischen höchsten Regierungsvertretern Chinas und Taiwans seit 1949. Dementsprechend wurde das Treffen auf beiden Seiten der Taiwanstraße als „historisch“ bezeichnet. Doch um histporisch zu sein, muss ein solches Treffen schon mehr Resultate hervorbringen als einen Handshake und das Austauschen freundlicher Floskeln. Das Treffen war großteils von symbolischer Natur: es wurden weder gemeinsame Verträge oder Abkommen beschlossen, noch offiziele Staatstitel verwendet. Nicht einmal ein gemeinsames Kommunique, welches eine Roadmap für weitere Vorgehensweisen beinhalten hätte können, wurde zum Abschluss veröffentlicht.

Wer wird zuerst über seinen Schatten springen?
Dennoch: allein die Tatsache, dass sich die ranghöchsten Vertreter Chinas und Taiwans miteinander treffen, veranschaulicht, wie sehr sich die Beziehungen in der Taiwanstraße verbessert haben. Noch vor wenigen Jahren lehnten beide Seiten ein entsprechendes Treffen kategorisch ab. Die Frage lautet nur: warum kam es genau jetzt dazu? Vielen Analysten zufolge möchte sich China in Taiwans Präsidentschaftswahlen im kommenden Früjahr einmischen. Doch ganz so einfach ist es nicht. De facto hat Ma ein solches Gespräch bereits kurz nach seiner Wiederwahl  im November 2012 vorgeschlagen – die Einladung war also bereits seit drei Jahren aufrecht ehe sie von China angenommen wurde. Der Zeitpunkt ist natürlich von China kalkuliert. Die derzeitige taiwanesische Oppositionspartei, die Democratic People‘s Party (DPP), lag sowohl bei den heurigen Regionalwahlen als auch bei allen Umfragen für die im Frühjahr stattfindende Präsidentschaftswahl haushoch vor der Partei von Ma Ying-jeou, der Kuomintang (KMT). 

KMT Herausforderin und DPP Obfrau Tsai Ing-wen
Es ist kein Geheimnis, dass Peking die KMT befürwortet, die sich stets für eine Annäherung mit dem Festland ausgesprochen hat, während die DPP in ihrer Regierungszeit vor rund 10 Jahren mehrmals mit einer formalen Unabhängigkeitserklärung Taiwans liebäugelte, was wiederum ein Grund für Peking wäre in der „abtrünnigen Provinz Taiwan“ militärisch zu intervenieren. Zwar hat die derzeitige Obfrau der DPP, Tsai Ing-wen, sich von solchen Vorhaben bereits medienwirksam distanziert, jedoch erkennt sie im Gegensatz zur KMT die 1992 beschlossene Deklaration beider Länder nicht an, die besagt, dass es nur ein China geben kann – in Peking blickt man daher entsprechend nervös Richtung Präsidentschaftswahl und versucht mit allen Mitteln – eben beispielsweise mit einem spontan einberufenem bilateraen Treffen – der KMT Rückenwind zu verschaffen.

Darüber hinaus war Peking mehr als verärgert als die USA neue Waffenlieferungen an das taiwanesische Militär ankündigte. Schnell warf China der Obama Administration vor, sich in interne Staatsangelegenheiten einzumischen, und so mancher Beobachter ortete sogar eine aktive  Einmischung in die taiwanesischen Präsidentschaftswahlen. Besonders letzter Vorwurf muss jedoch relativiert werden. Erstens, finden diese Waffenlieferungen schon seit Jahrzehnten in regelmäßig Abständen statt. Zweitens, hat die Obama Administration aus Rücksicht auf Proteste Chinas, den jüngsten Deal bereits mehrmals nach hinten verschoben – sehr zum Ärger des Kongresses. Drittens, ist der jüngste Waffendeal, der u.a. zwei alte Frigatten der Perry-Klasse, einige amphibische Fahrzeugen, Stinger Raketen und Schiff-und Flugzeugabwehrsysteme umfasst, weitaus weniger brisant als Deals der Vergangenheit, bei denen teilweise mehrere dutzend F-16 Kampfjets oder M-60 Panzer an Taiwan verkauft wurden.


Wirtschaftspolitik 
Vor allem wirtschaftspolitisch hat China 2015 eine regelrechte Achterbahnfahrt hinter sich. Einerseits wurde der Renminbi in die Special Drawing Right (SDR) aufgenommen – eine vom IWF eingeführte künstliche Währung, die sich aus Dollar, Euro, Pfund, Yen und nun eben auch dem Reminbi zusammmensetzt und als Zahlungsmittel verwendet werden kann. Seit Jahren kämpft China für eine Internationalisierung des Renminbi. Dementsrechend war dessen Aufnahme in die SDR für China ein prestigeträchtiger, aber letzlich bloß symbolischer Meilenstein: Der Renminbi wird im Korb der SDR Währungen mit 10,9% zwar einen größeren Anteil als der Yen (8,33%) oder Pfund (8,09%) haben, aber dennoch von Dollar (41,7%) und Euro (30,9%) dominiert werden.

Ebenfalls zu einer Stärkung und Internationalisierung des Renminbis wird die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) beittragen, eine von China initiierte multilaterale Entwicklungsbank, die als direkte Antwort auf die Weltbank oder die Asian Development Bank gesehen werden kann, mit dessen US-dominierten Strukturen China seit jeher unzufrieden war. Nachdem die USA jahrelang entsprechende Reformen der jeweiligen Institutionen blockierten, war schließlich die Idee einer chinesischen Entwicklungsbank geboren. Zur Freude Chinas bewarben sich von Anfang an zahlreiche Nationen als AIIB Mitglieder: nicht nur de-facto ganz Europa und Asien sind mittlerweile an Bord. Die Tatsache, dass Südkorea – ein enger Verbündeter der USA – ebenfalls das Gründungsmemorandum unterzeichnet  hat, hat in den USA für  Unruhe gesorgt. V.a. die USA und Japan lehnen bisher eine Zusammenarbeit mit der AIIB strikt ab. Dem wachsenden Einfluss des Renminbis in Asien wird das dennoch keinen Abbruch tun.

Scheint also ein wirtschaftspolitisch erfolgreiches Jahr für China gewessen zu sein, wäre da nicht der Börsencrash vom Sommer gewesen. Aufgrund der Komplexität dieses Themas, kann der Börsencrash nicht in einem Absatz hier analysiert werden. Ich arbeite bereits an einem umfassenden Blogartikel, den ich in den nächsten Woche hier veröffentlichen werde. An dieser Stelle nur kurz vorweg: dass es auf den chinesischen Aktienmärkten seit jeher wie in einem Casino zuging, war ein offenes Geheimnis. Gepaart mit einer vom Staatsfernsehen angeheizten Stimmung ("investiert in Aktien und helft chinesischen Firmen") und naiven Anlegern („du musst nur in viele verschiedene Aktien investieren. Auch wenn die Masse negativ notiert, wird der horrende Gewinn einiger weniger Aktien den Verust bei Weitem ausgleichen“) war ein Chaos vorprogrammiert. Aber mehr dazu in den kommenden Wochen.


Gesellschaftspolitik 
Völlig überraschend kündigte die Regierung Ende Oktober die Aufhebung der umstrittenen Ein-Kind-Politik ab. Demnach sind in Zukunft zwei Kinder pro Ehepaar erlaubt. Der plötzliche Umschwung kommt nicht von ungefähr. Dank der Ein-Kind-Politik altert Chinas Gesellschaft rasant – zu rasant für ein Schwellenland. Im Jahr 2000 waren noch 7,1% der Bevölkerung über 65 Jahre alt. 2015 waren es bereits 10,6%. Parallel zu einer alternden Gesellschaft hat China mit einer stetigen Abnahme seiner erwerbstätigen Bevölkerung (15-59 Jährige) zu kämpfen, die sich heuer zwar noch immer auf stattliche 804 Millionen beziffern ließ, aber seit 2012 erstmals nicht mehr wächst, sondern abnimmt. Langfristig bedeutet das zwangsweise eine Abnahme der Wirtschaftsleistung sowie eine fehlende junge Konsumgeneration, die für die Reformierung der chinesischen Wirtschaft hin zu einem konsumorientierten Modell so wichtig wäre.

China erwartet sich von der Zwei-Kind-Politik zusätzliche 30 Millionen Geburten bis 2050. Experten sind jedoch weniger optimistisch und rechnen mit nur 18-20 Millionen. Aufgrund steigender Lebenskosten können oder wollen sich die meisten Chinesen schlicht kein zweites Kind leisten. Hinzu kommt ein Wandel in der Selbstwahrnehmung vieler junger Chinesen. Im Gegensatz zu früheren Generationen, sind die in den 1980ern und 90ern geborenen Jahrgänge, auf die die Reform primär abzielt, erstmals in bescheidenem Wohlstand aufgewachsen. Bei diesen Generationen wiegt der Gedanke der „Selbstverwirklichung“ viel mehr, als noch bei alten Generationen, bei denen es während der politisch chaotischen Anfangsjahre der Volksrepublik de facto bloß ums „nackt Überleben und Durchkommen“ ging. Die 80er und 90er Generationen möchten verständlicherweise nicht die Strapazen ihrer (Groß)elterngeneration durchmachen und jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Sie möchten bewusst konsumieren. Bereits Paare unter der Ein-Kind-Politik müssen nicht nur ihr eigenes Kind, sondern wegen eines schwächelnden staatlichen Pensionssystems zusätzlich auch noch die Eltern versorgen. Nun, mit einem weiteren Kind, würde diese Rechnung noch schwieriger aufgehen, ein Neuwagen oder der jährliche Auslandsurlaub zur Selbstverwirklichung wäre wohl nicht mehr finanzierbar. 

Ironie der Zeit: Altes Propagandagemälde der Ein-Kind-Politik: "Die Mühen drei junger Mütter" soll veranschaulichen, dass das Leben mit einem Kind doch viel einfacher und besser sei als mit zwei oder drei Kindern (2012 in Zaozhuang/ Shandong fotografiert)
Die Auswirkungen der Zwei-Kind-Politik werden sich letztlich in Grenzen halten. Nicht nur wegen mangelnder Euphorie in der Bevölkerung, sondern auch wegen der – erfahrungsgemäß – langsamen Umsetzung solcher Reformen. Im Frühjahr wird der Nationale Volkskongress die zwei-Kind-Politik formal beschließen. Wie jedoch schon seiner Zeit bei Einführung der Ein-Kind-Politik, wird es auf Provinz und Kreisebene zu jahrelangen Verzögerungen bis zur vollständigen Implementierung der Reformen kommen, was sich wiederum negativ auf die Effektivität der Reform auswirken wird.


Ausblick auf 2016 
Wie bereits eingangs erwähnt, werden die Präsidentschaftswahlen in Taiwan das für China wohl wichtigste außenpolitische Ereignis bilden, auch wenn der Wahlausgang keine unmittelbaren Veränderungen in den China-Taiwan Beziehungen bewirken wird (warum dem so ist, werde ich in den kommenden Wochen in einem separaten Blogeintrag erläutern). 

Doch auch die US Präsidentschaftswahlen werden in Peking mit Argusaugen verfolgt werden. Die USA haben in letzter Zeit verstärkt Chinas Territorialansprüche im Südchinesischem Meer herausgefordert, die Stimmung bei Xis Staatsbesuch in den USA war mehr als unterkühlt und auch sonst scheinen sich die sino-US amerikanischen Beziehungen zumindest auf politischer Ebene zu verschlechtern. Egal, ob der nächste US-Präsident Hillary Clinton oder gar Donald Trump heißt: der Umgangston zwischen China und den USA wird in jedem Fall rauer werden.

2016 wird auch jenes Jahr sein, in dem sich China verstärkt auf internationaler Ebene einbringen will, konkret: bei UN Missionen. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde von Xi Jinping im Oktober verlesen und von der internationalen Staatengemeinschaft euphorisch willkommen geheißen. Dennoch ist dieser strategische Richtungswechsel für China riskant, da man sich somit das bis dato wichtigste Prinzip der eigenen Außenpolitik de facto aufgibt: die Nicht-Einmischung in die Interna souveräner Staaten. China versuchte bisher stets dieses Prinzip zu befolgen: man beteiligte sich weder an internationalen Militäroperationen noch stellte man politische Forderungen im Rahmen von wirtschaftlichen Kooperationen mit so manchem afrikanischem „Schurkenstaat“. Gleichzeitig nutzte man die Doktrin um Kritik von sich zu weisen, wenn etwa der Westen China aufgrund seiner Menschenrechts- oder Tibetpolitik kritisierte. Insofern wird es interessant sein, wie China diese Doktrin mit einem verstärkten Engagement bei UN Missionen nun interpretieren wird. Darüber hinaus ist gleichzeitig mit einem erhöhtem Risiko von Terroranschlägen in China zu rechnen, sollte sich das Land beispielsweise im Nahen Osten engagieren. Im muslimisch geprägten Xinjiang hat China bereits ein massives Terrorproblem und im Herbst wurde eine chinesische Geisel von IS entführt und schließlich hingerichtet – eine Tatsache, die in den chinesischen Medien bewusst heruntergespielt oder gar verschwiegen wurde. 

Wirtschaftspolitisch wird China seinen Kurs der Wirtschaftsliberalisierung weiter fortführen. Reformen werden jedoch mit mehr Herz angegangen werden müssen als bisher. Besonders die panikartige Handhabung des Börsencrash im Sommer hat gezeigt, dass die Regierung nach wie vor nur zögerlich und äußerst unwillig dem freien Markt die Kontrolle über die Wirtschaft überlassen will. Dennoch bin ich überzeugt, dass China den Reformkurs seiner Wirtschaft kontinuierlich und erfolgreich vorantreiben wird, wenn auch mit den einen oder anderen Rückschlägen. Darüber hinaus wird der Nationale Volkskongress im Frühjahr den 13. Fünfjahresplan beschließen, der aller Voraussicht nach ein jährliches Wirtschaftswachstum von 6,5% als Ziel vorgeben wird. Dieses Ziel wird aufgrund der alternden Gesellschaft und der Diversifizierung der Wirtschaft spätestens ab 2017 schwer erreichbar sein. Dementsprechend könnte die Regierung von einem konkreten „Punktziel“ absehen und stattdessen eine weichere Formulierung als Wachstumsziel vorgeben (z.B. „zwischen 5 und 6%“)


Zum Abschluss noch etwas in eigener Sache. Wie ihr sicherlich mitbekommen habt, war ich heuer auf meinem Blog nicht sehr aktiv. Das hat mehrere Gründe. Einerseits hat sich 2015 privat bei mir einiges getan (Jobwechsel, Umzug zurück nach Peking etc.). Andererseits haben sowohl die Länge als auch die Qualität (hoffe ich zumindest ;)) meiner Blogeinträge im Vergleich zu früher massiv zugenommen. Vor einigen Jahren reichte es meine Gedanken zu einem aktuellen Ereignis auf meinem Blog niederzuschreiben. Mittlerweile ist mein Selbstanspruch aber gewachsen. Ich möchte nicht nur „Tagesgeschehen“ kommentieren, sondern auch tiefgehende Hintergrundinfos und Perspektiven für „das Ganze/ Große“ liefern. Das ist mit einfachem „Zeitung lesen und Kommentieren“ nicht mehr möglich. Mittlerweile lese ich für die Verfassung eines Blogeintrags durchschnittlich 2-3 Bücher und verfolge nebenbei die aktuelle Berichterstattung in den chinesischen Medien und diversen Wirtschaftspublikationen. Nebenbei muss ich natürlich auch noch meinem 50-60 Wochenstundenjob nachgehen und irgendwann brauche auch ich auch einmal eine Auszeit. 

Daher bitte ich um Verständnis, dass heuer so wenig gepostet wurde. Wie bereits oben mehrmals erwähnt arbeite ich bereits im Hintergrund an weiteren Einträgen (u.a.: der Börsencrash, Chinas offizielle Statistiken, die Präsidentschaftswahlen in Taiwan, die sino-koreanischen Beziehungen, ein Essay über „Gesicht bewahren“, u.v.m.), die im ersten Quartal online gehen sollten. In diesem Sinne, Prosit Neujahr!

Dienstag, 6. Oktober 2015

Chinas neue Konsumgeneration


Bereits Christoph Kolumbus erkannte seiner Zeit die Bedeutung des chinesischen Markts, als er in seinen Notizen festhielt, dass das Reich der Mitte künftig das Potential für „mercacciones innumeras" – Handel in unermesslichen Ausmaß – berge. Seitdem suchten viele Geschäftsleute aus aller Welt ihr Glück in China und wurden großteils enttäuscht. Großbritanniens unzufriedenstellende Handelsbeziehungen mit dem Reich der Mitte sowie die daraus resultiernden Opiumkriege stellen nur die Spitze des Eisberges einer schier unendlich langen Liste an nicht erfüllten wirtschaftlichen Erwartungen des Westens gegenüber China dar.

2015, mehr als 500 Jahre nach Kolumbus' Notizen, wird China aller Voraussicht nach sein selbst gestecktes Ziel von 7% Wirtschaftswachstum (knapp) verfehlen. Was für uns Europäer in Zeiten wie diesen wie Musik in den Ohren klingt, ist für China enttäuschend und wird von Xi Jinping bereits als „neue Normalität“ bezeichnet. Eine Einschwörung für die eigene Bevölkerung auf schlechtere Zeiten? Ganz im Gegenteil. Zweistellige Wachstumszahlen, wie sie in China in den vergangenen Jahren Standard geworden sind (noch 2007 wuchs die chinesische Wirtschaft um mehr als 14,2%), waren zwar beeindruckend, hatten aber mit Nachhaltigkeit wenig bis gar nichts zu tun. De facto haben Unternehmer mehr Anlass denn je optimistisch gegenüber dem chinesischen Markt eingestellt zu sein.

Chinas Wirtschaft befindet sich im Wandel: zahlreiche Faktoren haben dazu beigetragen, dass China nicht mehr wie einst die Werkbank der Welt ist. Diese Entwicklung hat der von Exporten getriebenen chinesischen Wirtschaft schwer zugesetzt. Eine zunehmende Urbanisierung, steigende Löhne und damit höhere Haushaltsrücklagen, sowie eine rasch wachsende Mittelschicht haben Chinas Regierung veranlasst das chinesische Wachstumsmodell hin zu einer von Binnenkonsum angetriebenen Wirtschaft zu lenken. Das soll das Land auch weniger verwundbar gegenüber „externen Schocks“ wie der Finanzkrise 2008 machen, als chinesische Exporte massiv einbrachen, weil Konsumenten in Amerika und Europa plötzich sparen mussten.

Gingen einst ausländische Unternehmen nach China, um dort für westliche Märkte produzieren zu lassen, so strömen sie nun reihenweise nach China, um dort ihre Produkte zu vertreiben. Speziell der chinesische Einzelhandel klingt verlockend: 1,3 Milliarden Konsumenten und ein jährliches Retailwachstum von zuletzt mehr als 10% versprechen viel. Doch was überwiegt auf dem chinesischen Markt? Das Potential oder die Risiken? Dieser Blogeintrag soll etwas Licht ins Dunkel bringen. Aufgrund der Komplexität des Themas, ist dieser Eintrag wieder in mehrere Kapitel gegliedert:




Die Ausgangslage und Aussichten könnten für Investoren nicht rosiger sein. Allein die Größe des chinesischen Marktes ist vielversprechend:  1,3 Millarden potentielle Konsumenten, sowie seit Jahren steigende Löhne & Kaufkraft. 2014 betrugen die kombinierten Ersparnisse aller chinesischen Haushalte mehr als 50 Trillion RMB. Im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum, weist Chinas Retailbranche seit Jahren (wenn auch zuletzt sinkend) zweistellige Wachstumszahlen vor, zuletzt (August 2015) 10.8% YOY. Eine Studie der Boston Consulting Group sagt voraus, dass Chinas Privatkonsum in urbanen Gebieten von derzeit 3.6 Trillion USD auf 5.6 Trillion USD im Jahr 2020 ansteigen wird.

Chinas Retailwachstum (2011-2015) in Prozent, YOY

Ganz klar, angesichts dieser Zahlen und Prognosen scheint die Frage wohl nicht zu lauten ob, sondern wann man den Schritt Richtung China wagen soll. Wären da nicht die Sonderheiten des chinesischen Marktes.



Traditionell gesehen ist der durchschnittliche chinesische Bürger, speziell die Generation 50+, ein Sparefroh. Das is wenig verwunderlich. Wie auch hierzulande, hat v.a. die ältere Generation wirtschaftlich harte Zeiten durchgemacht. Was in Europa der 2. Weltkrieg ist, sind für die chinesische Generation 50+ Ereignisse wie die der Große Sprung Vorwärts oder die Kulturrevolution. Von akuten Existenzängsten bedroht, wurde selbst nach den Krisenjahren aus der ehemaligen Gewohnheit eine neue Tugend: man sparte an allen Ecken und Enden und sah wenig Sinn darin Geld für Dinge auszugeben, die man nicht dringend zum Leben benötigte (Unterschied Bedarf vs. Bedürfnis). Das schlägt sich auch in den Statistiken nieder: China besitzt eine der höchsten Haushaltsrücklagen pro Kopf weltweit.

Als  krasser Gegenpol dazu dient eine neue, junge Konsumgeneration, die solche Existenzängste nicht kennt und Konsum gegenüber alles andere als skeptisch eingestellt ist. 200 Millionen Chinesen befinden sich derzeit in der Altergruppe der 15-24 Jährigen. Hier wächst eine neue Generation an kauffreudigen Konsumenten heran: 2020 wird diese Gruppe für 35% des gesamten Binnenkonsums in China verwantwortlich sein. Bereits jetzt macht die Konsumentengruppe der 18-30 Jährigen 50% der gesamten Haushaltsausgaben in Chinas Einzelhandel aus. Im Gegensatz zur Generation der Sparefrohs benötigt diese neue Konsumgeneration keinen Grund, sondern lediglich einen Zeitpunkt für ihren Konsum: Die Frage lautet nicht „ob“ ich mir das (neueste) iPhone kaufe, sondern „wann“ (sprich: wann ich es mir leisten kann). Die Grenzen zwischen Bedarf und Bedürfnis verschwimmen zusehends. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass das iPhone (sowie viele andere Luxusartikel) in China teurer als in vielen westlichen Industrienationen ist. Anstatt von existenziellen Ängsten, bei denen es ums nackte Überleben geht, wird Chinas junge Konsumgeneration von einer ganz anderen Angst getrieben: der Angst vor Standardisierung. Der Wunsch, sich zu individualisieren, um sich von der Masse abzuheben; mit seinem Konsum bewusst Zeichen zu setzen, um seine eigene Identität zu formen; ist in Chinas junger Konsumgeneration stark ausgeprägt (mehr dazu in Kapitel 4). In Zeiten, in denen zunehmend mehr Uniabsolventen keinen qualifizierten Job finden können, ist eine solche Reaktion als Antwort auf die Perspektivenlosigkeit einer ganzen Generation nur allzu verständlich.

Was bedeutet das jedoch für die chinesische Regierung und (ausländische)Unternehmer? Es sind ambivalente Aussichten. Die Regierung will privaten Konsum fördern, um den Wandel des chinesischen Wachstumsmodells voranzutreiben. Doch was bei der jungen Generation schon quasi zum Selbstläufer geworden ist, wird sich bei der Generation 50+ weitaus komplizierter gestalten. Zu frisch sind in dieser Generation die Erinnerungen an vergangene Krisenjahre. Hinzu kommt, dass viele ihr einst felsenfestes Vertrauen in die Stabilität der chinesischen Wirtschaft verloren haben. Schließlich machten v.a. Pensionisten den Großteil jener Anleger aus, die einen beträchtlichen Teil ihrer Lebensersparnisse in Wertpapiere investiert hatten – nur um dann zusehen zu müssen, wie diese im Rahmen des Shanghaier Börsenkrachs Anfang Juli binnen weniger Tage zerbröselten und praktisch wertlos wurden. Zu Recht fragt sich nach diesem Debakel ein Großteil der Generation 50+: Wozu noch (unnötig) Geld ausgeben, anstatt jetzt erst recht zu sparen?

Hinzu kommen gesellschaftliche Zwänge, die zusätzlichen finanziellen Druck auf die junge Generation ausüben. Denn von eben jener jungen (männlichen) Generation, die laut Regierung nun mehr konsumieren soll, wird seitens der Gesellschaft gleichzeitig erwartet, dass sie in eine Ehe zumindest eine gekaufte Wohnung sowie ein Auto einbringen. Dies stellt sich bereits jetzt für viele junge Männer als zunehmend unrealisierbar heraus (Stichwort Immobilienblase). Mit einem verstärkt auf Konsum ausgerichteten Lebensstil wird es jedoch noch schwieriger werden solche gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen zu können. Die Regierung wird also äußerst viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um sowohl die Sparefroh- als auch die junge Konsumgeneration in einer solch sensiblen Thematik wie Geld umstimmen zu können. Ebenso wird es für Unternehmer nicht einfach sein, ältere Generationen für den Kauf von Produkten zu überzeugen, die nicht als Grundbedarf, sondern lediglich als entbehrliches Bedürfnis angesehen werden.



China ist groß. Obwohl jedes Kind diese Floskel kennt, ist es doch immer wieder erstaunlich, wieviele ausländische Unternehmen im Rahmen ihrer Chinaambitionen bereits an dieser (Nicht-)Erkenntnis gescheitert sind. Denn: Obwohl es sich um ein Land handelt, ist der chinesische Makt alles andere als homogen. Mit seinem riesigen Staatsgebiet umfasst China die verschiedensten geographischen Regionen, die wiederum alle komplett unterschiedliche Rohstoffe vorweisen und dementspechend im Laufe der Jahrzehnte (wenn nicht gar Jahrhunderte) unterschiedliche Industrien zum Vorschein gebracht haben. Entsprechend der jeweiligen Industrie haben sich diese Regionen natürlich auch unterschiedlich rasch entwickelt, was in der heutigen Diskrepanz der Entwicklungsstadien der einzelnen Regionen resultiert: die reichen Küstenregionen mit ihren boomenden Millionenmetropolen als Gegenpol zu nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägten Binnenregionen mit einzelnen Großstädten und bescheidenem Wohlstand.

2012 betrugen die verfügbaren Haushaltsrücklagen in Shanghai 40.188 RMB. Haushalte in der verarmten Binnenprovinz Gansu hatten im Gegenzug dazu mit 17.156 RMB weniger als die Hälfte zur Verfügung – mit direkter Auswirkung auf die Lebensumstände. Während das Durchschnittsalter in Shanghai 80,26 Jahre beträgt, sind es in Gansu nur 72,23 Jahre (in Tibet als absolutes Schlusslicht gar nur 68,17 Jahre). Das wiederum hat direkte Folgen auf das Konsumveralten der jeweiligen lokalen Bevölkerung. Ein Tibeter, der durchschnittlich 12 Jahre früher stirbt als ein Shanghaier, hat einen anderen, rascheren Lebensstil: er heiratet früher und hat zu einem früheren Zeitpunkt eine größere Anzahl an Kindern, während sich sein Shanghaier Counterpart Zeit lässt. Verstärkt wird diese Entwicklung zusätzlich durch einen massiven Shanghaier Arbeitsmarkt mit zahlreichen Chancen, der in Tibet schlichtweg nicht vorhanden ist. Während der Shanghaier Anfang 20 also erst seine Karriere plant, bereitet der gleichaltrige Tibeter im weitesten Sinne mit zahlreichen Nachkommen bereits seine Altersvorsorge vor. Und während der Shanghaier an Bedürfnis-orientierten Unterhaltungsprodukten interessiert ist, stehen für den Tibeter Bedarfs-orientierte Güter wie Kindernahrung und Schulutensilien eher im Vordergrund.

BIP/ Kopf in Chinas Provinzen (2011)

Dieser kurze Exkurs soll eines veranschaulichen: China kann nicht nur aufgrund seiner immensen Größe, sondern auch wegen seiner unterschiedlichen Entwicklungsstadien nicht als homogener Markt verstanden werden. China ist ungleich China. Am ehesten macht es Sinn, China als Kontinent und die einzelnen Provinzen als Nationalstaaten mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien zu begreifen. Dementsprechend muss sich jedes Unternehmen vor einem Markteintritt genau überlegen in welche dieser „Nationalstaaten“ man expandieren möchte und schließlich eine eigene Marktstrategie für jeden dieser „Staaten“ entwerfen. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, mit der gleichen Marktstrategie in allen Ländern Europas an den Start zu gehen. Genauso wie der europäische, ist auch der chinesische Markt nicht homogen und bedarf mehrerer differenzierter Marktstrategien.

 Natürlich kann man dem Überblick halber nach einer genauen Marktanalyse den Markt in einzelne Cluster mit einem ähnlichem Entwicklungsstadion unterteilen, z.B. Chinas sog. First Tier Cities (Peking, Shanghai, Guangzhou, Shenzhen) als ein Cluster. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, da in manchen Branchen selbst solche Cluster nicht homogen sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Food-Retail Sektor in Peking und Shanghai. Im Gegensatz zu weitläufigen Peking ist die Stadt Shanghai aufgrund ihrer geologischen und topographischen Gegebenheiten extrem kompakt gebaut: Straßen haben meist nur 2-4 Spuren (im Vergleich dazu Peking mit 6-10+ Spuren) und Häsuerblöcke überschreiten selten die Längen von 500 Metern (in Peking oft mehr als das doppelte). Für Food Retailer bedeutet dies, dass mehrstöckige „Supermarkttempel“ mit einem kompletten Warensortiment a la Carrefour oder Walmart keine Option in Shanghai sind. Natürlich gibt es solche Riesensupermärkte auch in Shanghai. Die befinden sich jedoch vermehrt außerhalb des Stadtzentrums bzw. in Satellitensiedlungen am Rande der Stadt. Dieser immanente Platzmangel ist mitunter übrigens auch ein Grund, warum der Convenience Store Sektor in Shanghai jenem Pekings massiv überlegen ist.

Doch Shanghais Platzmangel bewirkt auch eine massiv reduzierte Verkaufsfläche. Im Gegensatz zu Riesensupermärkten befinden sich solche „kleinen“ Supermärkte oft in stark verbauten Gebieten des Stadtzentrums, meist in den Tiefgeschoßen von kleinen- bis mittelgroßen Shoppingmalls. Durch die beschränkte Verkaufsfläche können Food Retailer nur einen Bruchteil ihrer Waren anbieten und sind gezwungen das Warensortiment speziell auf die Strukturen und Bedürfnisse der lokalen Wohngemeinschaften zuzuschneiden. Befindet sich der Store in einem Viertel mit hoher Kaufkraft (z.B. Expatviertel), werden v.a. importierte Waren von ausländischen Marken angeboten. In Studentenvierteln fokusiert sich das Warensortiment v.a. auf preiswerte Konsumgüter wie (gekühlten!) Alkohol und Fertiggerichte. In Gegenden mit einem hohen Altersdurchschnitt wird hingegen verstärkt frisches Gemüse und Obst angeboten, oft sind auch kleine Apotheken in solchen Supermärkten integriert.

All das führt zu einer zentralen Erkenntnis: eine gründliche und zuverlässige Marktforschung spielt in China eine noch viel wichtigere Rolle als in vielen anderen Märkten. Doch genau an dieser Hausaufgabe – der Marktforschung – sind bereits so viele Retailer in China gescheitert. In den ersten Jahren nach der Öffnung des chinesischen Marktes war die Welt für ausländische Retailer noch simpel. Man ging ledigllich in den First Tier Cities (meist überhaupt nur Peking und Shanghai) an den Start, da dort die Kaufkraft und die Erfolgsaussichten mit Abstand am größten waren. Doch im Laufe der Jahre begann der Retailmarkt in den Second- und Third Tier Cities ein weitaus größeres Wachstum auf als in den First Tier Cities aufzuweisen, die mit zunehmender Marktsättigung und steigenden Nebenkosten zu kämpfen hatten. Angetrieben von Euphorie auf noch größere Erfolgsaussichten begannen viele ausländische Unternehmen in den frühen 00er Jahren überstürzt in mehrere Second- und Third Tier Cities zu expandieren – und scheiterten teils grandios.

Der Grund hierfür war eine Mischung aus übertriebener Euphorie, Überstürzung und Ratlosigkeit. Die Markteintritte vieler Retailer in Second und Third Tier Cities waren oft wenig bis gar nicht durchdacht und wurden mit ähnlichen Marktstrategien wie in entwickelten First Tier Cities begangen. Der britische Businessanalyst Matthew Crabbe beschreibt in seinem neuesten Buch „Myth Busting China’s Numbers" eindrucksvoll, wie damals Top Manager verschiedenster Retailer ihm gegenüber ihre Ratosigkeit eingestanden: Anstatt eigene Marktforschung zu betreiben, sei es damals unter zahlreichen ausländischen Retailern üblich gewesen, einen fraglichen Markteintritt in Second und Third Tier Cities an dem Markteintritt von sog. „key brands" festzulegen. Je nachdem welche Zielgruppe man ansprechen wollte, suchte sich damals jeder Retailer seine eigene key brand, deren Zielgruppe der Kaufkraftparität der eigenen Zielgruppe halbwegs entsprechen würde. Für Retailer, die auf niedrigere Einkommensschichten abzielten, waren McDonalds und KFC klassische key brands, während Retailer mit gehobeneren Preisstrukturen jedem Schritt von Starbucks o.ä. folgten. Sobald eine relevante key brand in eine bestimmte Second oder Third Tier City zog, sah man das als Beweis, dass dieser Markt „reif“ (im Sinne der Kaufkraft) für eine Expansion wäre und folgte diesen key brands.

Was sich im Nachhinein wie absurde Kaffeesudleserei anhört, war jedoch damals bittere Realität und trat als Statthalter für gründliche, im eigenen Haus durchgeführte Marktforschung auf. Die Probleme an dieser „Strategie" sind natürlich nicht von der Hand zu weisen:
  • Wer konnte garantieren, dass die Marktforschungsresultate dieser key brands zuverlässig waren? Vielleicht folgten diese Marken ihren eigenen key brands? Das Resultat war eine Teufelsspirale aus Desinformation und Fehlinterpretation.
  • Gerade das Beispiel von KFC als key brand ist absurd: Wenn solche Marken den Markteintritt in einer neuen Stadt wagen, dann tun sie das in der Regel mit mehreren Restaurant-Outlets. Doch trotz seiner immensen Marktpräsenz von mehr als 4.000 Restaurants in China, besitzt KFC nicht einmal 10% Marktanteil am chinesischen Fast Food Markt (verglichen mit 4.500 Restaurants in den USA und einem Marktanteil von fast 25%)– ein Indiz für die starke Fragmentierung des chinesischen Marktes. Wie wollen also beispielsweise mehrere Retailer in einer überschaubaren Second Tier City mit jeweils mindestens einem Riesensupermarkt einen signifikanten (und v.a. rentablen) Marktanteil erlangen?

Das führt wiederum zu einer zweiten Erkenntnis. Der chinesische Markt ist nicht nur inhomogen, sondern auch extrem fragmentiert. Das ist wegen der schier unglaublichen Größe des Marktes alles andere als verwunderlich. Natürlich streben überdurchschnittlich viele Mitbewerber auf einen solch großen und versprechenden Markt. Das wiederum resultiert in verstärktem Wettbewerb und die inhomogene Natur des Marktes fördert eine überdurchschnittlich hohe Fragmentierung des Marktes, wie es die obige KFC Fallstudie gut verdeutlicht. Nach überstürzten Expansionen sind mittlerweile verschiedenste Retailer, wie Marks & Spencer, Hooters oder TGI Fridays, an diesem Punkt der Erkenntnis angelangt. Mit dem Resultat, dass sie ihr Kerngeschäft mittlerweile wieder zurück auf die First Tier Cities gelegt haben. Wer also ein Stück von Chinas massivem Kuchen haben will, muss immense Summen investieren, hohe Risiken eingehen und hat letztlich trotzdem einen sehr ungewissem Ausblick auf Erfolg. Wer jedoch die inhomogene und fragmentierte Natur des chinesischen Markts begriffen hat und weder Kosten noch Mühen für eine sorgfältige Marktforschung scheut, der erhöht seine Chancen auf Erfolgaussicht zumindest signifikant.


Kapitel 4: Chinas Konsumenten – anfordernd, iloyal, gnadenlos

Dank steigender Gehälter und Haushaltsrücklagen können sich zunehmend mehr Chinesen Urlaub in zunehmend fernere Regionen leisten. Dass dabei natürlich kräftig konsumiert wird, liegt auf der Hand. Auf Österreichs bekanntester Luxus-Shoppingmeile, der Wiener Kärnternstraße, haben zahlkräftige chinesische Kunden längst russischen Luxustouristen den Rang abgelaufen. Das überrascht wenig. Denn chinesische Konsumenten haben extrem hohe Ansprüche. Anders als der durchschnittliche österreichische Konsument, für den ein niedriger bzw. „vernünftiger“ Preis nach wie vor das Hauptargument bei der Wahl eines Produktes ist, tickt der (kaufkräftige) chinesische Konsument anders. Die Devise  lautet: je teurer, desto besser. Das hat (großteils) wenig mit Protzen und Arroganz zu tun, sondern viel mehr mit einem Streben nach Sicherheit.

Haushaltsrücklagen pro Kopf (2006-2015) in RMB

Dieser Wunsch nach Sicherheit lässt sich besonders gut im Lebensmittelsektor beobachten. In einem Land, in dem jährlich mehrere Lebensmittelskandale aufgedeckt werden, die wiederum nur die Spitze des Eisberges bilden, ist es nur allzu verständlich, dass Konsumenten einer ganzen Industrie gegenüber misstrauisch eingestellt sind. Daher spielt für (kaufkräftige) chinesische Konsumenten ein niedriger Preis bei Lebensmittel keine Rolle, ganz im Gegenteil: oft wird ein niedriger Preis mit schlechter oder zumindest fragwürdiger Qualität gleichgesetzt. Das Resultat: Konsumenten wenden sich zunehmend importierten Marken aus dem Ausland zu. Und Unternehmen sind auf diesen Trend bereits eingegangen. Der Online Food-Retailer Yi-Hao-Dian schaltet beispielsweise regelmäßig Kampagnen, die bewerben wieviele Container an importierter Milchprodukte nun zum Aktionspreis verkauft werden. Auch der Offline Food Sektor hat nachgezogen. So sind in den letzten Jahren zahlreiche „Importsupermärkte“ in den Großstädten entstanden, die sich an kaufkräftige Kunden richten und großteils importierte Waren anbieten. In solchen Supermärkten ist es normal geworden 5-7€ für einen importierten Liter Milch aus Neuseeland zu bezahlen.

Yi-Hao-Dian: Zeitlich begrenzte Rabattaktion von importierter Milch
 
Auch abseits des Lebensmittelsektors gilt für den (kaufkräftigen) chinesischen Konsumenten die Devise: je höher der Preis, desto besser die Qualität. Das iPhone genießt bei chinesischen Konsumenten v.a. deshalb so einen guten Ruf, da der chinesische Smartphone Markt von minderwertigen Smartphones und Imitaten regelrecht überschwemmt wird. Natürlich gibt es auch hochwertige Alternativen zum iPhone wie Samsung. Doch diese Alternativen sind meist mit dem von Google entwickelten Android Betriebssystem ausgestattet, welches sehr von verschiedenen Google Services wie Google Play (wo Apps heruntergeladen/ upgedatet werden können) abhängig ist, die wiederum in China blockiert sind. Das schränkt wiederum die Funktionalität von Android Smartphones in China massiv ein. Natürlich gibt es Softwarealternativen, die in China funktionieren und diverse Google Services obsolet machen. Doch das ist vielen Konsumenten in China zu mühsam. Wer sicher gehen will, kauft sich ein einfach zu handhabendes iPhone. Darüber hinaus ist es für viele Konsumenten wesentlich ansprechender, behaupten zu können, dass man ein Smartphone von Apple hat als von einem koreanischen oder gar chinesischen Herstelller (auch wenn sich letzteres dank Xiaomi langsam ändert). Womit wir schon bei der oben angesprochenen Angst vor Standardisierung wären.

Starke Marken vermitteln chinesischen Kunden v.a. zwei Dinge: Sicherheit (im Sinne von Qualität) und Individualisierung. Letzteres scheint logisch: Vorausgesetzt Geld spielt für einen Konsumenten keine Rolle: warum sollte er sich dann für einen soliden VW Passat entscheiden, wenn er um einige Tausend RMB mehr einen Audi A6 erhallten kann? Die meisten Chinesen würden die Marke VW eher mit solider Qualität made in Germany als mit Luxus assoziieren – im Gegesatz zu Marken wie Audi, Mercedes oder Porsche. Wie auch im Westen, ist das Auto ein zentrales Element um „Gesicht zu zeigen“ und „ein Statement abzugeben“. Aus dem selben Grund bevorzugen chinesische Konsumenten Luxusartikel von Top Marken wie LV oder Chanel gegenüber Marken des „Mittelfelds“.

Daher versuchen auch so viele Retailer die kaufkräftige oberste Einkommensschicht Chinas anzusprechen. Das Problem dabei: Chinas Konsumenten sind extrem iloyal. Sie werden sich zwar stets für eine Marke aus dem Top-Segment einer Branche entscheiden, bleiben aber selten einer bestimmten Marke treu. Dieses als „Brand Hopping“ bekannte Phänomen stelllt Retailer vor eine enorme Herausforderung. Eine Bain & Co. Studie aus dem Jahr 2012 fand heraus, dass jeweils 5 Marken aus dem Top-Segment in 10 verschiedenen Retailbereichen im Zeitraum 2011-2012 30-60% ihrer Altkunden verloren hatten. Für Marktforscher bedeutet das folgendes: Würde man einen durchschnittlichen chinesischen Konsumenten eine Liste von all jenen Marken erstellen lasssen, die er im vergangenen Jahr gekauft hat, und die selbe Umfrage ein Jahr später durchführen, so würden die Ergebnisse der beiden Jahre extrem divergieren. Das macht es wiederum für Retailer extrem kompliziert verlässliche Marktstudien durchzuführen, da die Ergebnisse solcher Studien sehr rasch nicht mehr aktuelll sind.

Als ob all dies nicht schon herausfordernd genug wäre, kommt noch dazu, dass chinesische Konsumenten keine Gnade kennen, sobald sich ein Unternehmen einen Fehltritt leistet. Dies gilt insbesondere für Konzerne, die in Lebensmittelskandale verwickelt sind. Die Empörung, die sich daraufhin im Internet entlädt und der oft ein Boykottaufruf folgt, kann allein schon aufgrund der immensen Anzahl an chinesischen Konsumenten schnell zu einer existentiellen Bedrohung für ein Unternehmen werden, insbesondere wenn dieses sein Geschäft auf China als Hauptaugenmerk ausgerichtet hat. So wirkte sich ein Fleischskandal bei einem Zulieferer von McDonalds, KFC und Pizza Hut im Juli 2014 dermaßen schlecht auf deren Ruf aus, dass sich besagte Unternehmen bis heute nicht vollständig von den damaligen Boykottaufrufen erfangen haben.



Der Wandel von Chinas Gesellschaft hin zu verstärktem Konsum ist bereits in vollem Gange. Doch im Gegensatz zu früher, spielt Qualität mittlerweile eine immer ausschlaggebendere Rolle. Dafür sind Chinas Konsumenten auch bereit einen höheren Preis zu bezahlen, zu dem sie dank steigender Einkommen und Haushaltsrücklagen auch zunehmend in immer größeren Ausmaß in der Lage sind. Dem durchschnittlichen chinesischen Konsumenten geht es heutzutage nicht mehr darum zwei oder drei Yuan zu sparen, sondern darum, ein Statement abzugeben.

Im Herbst 2013 sendete der staatliche Fernsehsender CCTV als Teil einer Reihe von Anschuldigungen gegen ausländische Unternehmen eine Reportage über vermeintlich „unethischeund korrupte“ Businessmethoden der amerikanischen Kaffeekette Starbucks in China. Zentraler Bestandteil der Anschuldigung war die Tatsache, dass Starbucks Kaffee in China viel teurer ist als in den USA, und das trotz niedrigerer Personal- und Produktionskosten für Pappbecher etc. Die Empörung war groß und nicht wenige verlangten, dass die Regierung regulierend einschreiten sollte.

Was CCTV und diese Empörten jedoch nicht verstanden hatten, war jenes Prinzip, welches jeder Student der Wirtschaftswissenschaften in seiner ersten Vorlesung lernt: das Prinzip von Angebot und Nachfrage – Economics 101 wenn man so will. Denn es zwingt niemand die chinesischen Konsumenten einen überteuerten Starbucks Kaffee zu kaufen. Es gibt genug billigere Alternativen, angefangen vom 10 Cent Instant Kaffee im Supermarkt bis hin zum McDonalds Kaffee, der um umgerechnet 1€ zu erhalten ist, inklusive Pappbecher (unglaublich!).

Ob sie gezwungen wurde?

Doch es macht letztlich für den Konsumenten einen enormen Unterschied, ob er mit einem billigen Instant Kaffee oder mit einem Starbucks-gebrandeten 4€ Chai Latte durch die Straßen schlendert. Denn der Konsument hat eine gezielte Entscheidung getroffen, mit der er ein bewusstes Statement abgeben will. Und das ist vermutlich der größte Unterschied zwischen Chinas heutiger Konsumgeneration und jener von vor 20 Jahren. Chinesische Konsumenten sind neugiereig und zunehmend offen gegenüber Konsum eingestelllt. Themen wie Branding und Viral Marketing befinden sich in China noch in den Kinderschuhen. Und das eröffnet wiederum noch nie dagewesene Möglichkeiten für Unternehmer. Christoph Kolumbus hat letztlich doch Recht behalten.

Montag, 29. Dezember 2014

2014/ 2015 aus chinesischer Sicht

2014 befindet sich in seinen letzten Zügen und wird in wenigen Stunden Geschichte sein. Und wie es bereits in den letzten fünf Jahren (siehe 2010, 2011, 2012 und 2013) auf diesem Blog gute Tradition geworden ist, hier noch ein kurzer Jahresrückblick und -ausblick auf 2014 und 2015 aus chinesischer Sicht.

"MH370, lass uns nicht zu lange warten!"

Bereits im März wurde 2014 - das Jahr des Pferdes – von einer aus chinesischen Sicht mittelschweren Katastrophe heimgesucht, als Flug MH370 der Malaysian Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos vom Radar verschwand und bis heute verschollen bleibt. Mit 152 von 239 vermutlichen Todesopfern, waren die meisten Opfer des Unglücks chinesische Staatsbürger. Die öffentliche Trauer schlug in China zudem relativ schnell in Wut und Hass gegenüber der malayischen Regierung um, die durch ihr chaotisches Krisenmanagement diffuse und teils widersprüchliche Ausssagen zum Verbleib über MH370 ablieferte und so nicht nur den Zorn der Hinterbliebenen auf sich zog. Staatliche Medien und sogar Reisebüros sprangen ebenfalls rasch auf den Zug auf, betrieben Stimmmungsmache gegen Malaysien und riefen zum Boykott auf. Zahlreiche Chinesen stornierten ihre Flüge bei Malaysian Airlines und/ oder ihren Urlaub in Malaysien – teils aus Angst, teils aber auch aus Protest – was sich letztlich sogar in messbar sinkenden Tourismuszahlen zeigte.

Ab sofort auf den Straßen Shanghais unterwegs:
Mit Revolvern ausgestattete Polizeitrupps

Im Frühjahr wurden gleich mehrere chinesische Städte Schauplatz von Terrorattacken, die nach offizieller Darstellung meist von uigurischen Separatisten aus der Krisenregion Xinjiang durchgeführt wurden. Solche Anschläge sind in der muslimischen Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes seit Jahren bereits traurige Realität geworden. Neu ist mittlerweile, dass sich diese Proteste nun auch zunehmend auf Städte außerhalb Xinjiangs ausweiten. Bereits im Herbst 2013 verübten uigurische Extremisten ein Selbstmordattentat vor der Toren der Verbotenen Stadt in Peking. Im März 2014 kam es schließlich zu einer folgeschweren Messerattacke auf den Bahnhof von Kunming. Dass die lokalen Polizeikräfte – wie in China üblich – keine Schusswaffen bei sich trugen und die Täter weiter morden konnte, ehe sie erst nach einer halben Ewigkeit von den eintreffenden Spezialkräften niedergerungen werden konnten, verschärfte die Situation nur. Eine umittelbare Folge war, dass in ausgewählten Großstädten ab sofort Streifenpolizisten mit Handfeuerwaffen ausgestattet wurden, um in Zukunft schneller auf ähnliche Vorfälle reagieren zu können (an Chinas strengem Waffengesetz soll nach wie vor nichts verändert werden). Darüber hinaus gab es noch weitere Selbstmordanschläge auf den Bahnhof in Ürümqi und Guangzhou. Galt bis vor einigen Jahren noch die Devise „Nicht nach Xinjiang fahren und sicher bleiben“ so wird die chinesische Bevölkerung künftig in Ungewissheit leben müssen, da sich Terror nun  zunehmend auch auf andere Städte ausweitet. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Chinesen, die Reisen mit dem Zug bzw. belebte Bahnhöfe vermeiden und stattdessen lieber mit dem teureren Flugzeug verreisen.

Die geographische Position Chinas
Ölbohrplattform im Südchinesischen Meer

Außenpolitisch wurde es im Mai turbulent, als China vor der Küste Vietnams eine schwimmende Ölbohrplattform in Stellung brachte, um dort bis August nach Ölvorkommen zu suchen. Die besagte Meeresstelle wird sowohl von China als auch Vietnam beansprucht. Es folgten mehrere kleinere Scharmützel zwischen der vietnamiesischen Küstenwache und den Begleitschiffen der chinesischen Ölbohrplattform und bald darauf zu Massenprotesten in Vietnam, die sich schnell gewaltsam gegen chinesische Unternehmen und Betriebe im Vietnam richteten. Zahlreiche chinesische Betriebe mussten für Wochen ihre Pforten schließen und ihre Belegschaft nach China evakuieren lassen. Die Gesamtsituation beruhigte sich erst nachdem China im Juli – einen Monat früher als ursprünglich angekündigt – seine Ölbohrplattform aus dem besagten Gebiet abzog. Somit konnten sich beide Seiten als Gewinner der Affäre darstellen. Vietnam bewahrte Gesicht, indem es vor der eigenen Bevölkerung nun behaupten konnte, China habe sich auf Druck der vietnamesische Regierung aus den nationalen Gewässern Vietnams zurückgezogen. China hingegen konnte sich als die benevolente Großmacht darstellen, die Vietnam – trotz anderer Pläne – frühzeitig „in Ruhe lassen“ würde. Darüber hinaus war diese Vorgehensweise ein richtungsweisendes Experiment für Chinas Führung, die, wie in diesem Blog schon mehrmals beschrieben (siehe hier und hier), zahlreiche Gebiete im Südchinesischen Meer für sich beansprucht und somit regelmäßig seine asiatischen Nachbarn erzürnt. Doch China pokert bisher gut, da es – genauso wie alle anderen Beteiligten auch – weiß, dass sich das Reich der Mitte seine Provokationen bis dato nur leisten konnte, weil keiner einen wirschaftlichen oder gar militärischen Konflikt mit dem „gelben Riesen“ heraufbeschwören will. Dementsprechend geht China nun nach dem „trial & error“ Prinzip vor und versucht auszuloten wie weit es mit seinen Territorialansprüchen tatsächlich gehen kann ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen (die Antwort: überraschend weit). In dieser Hinsicht sind weitere Konflikte ähnlicher Art auch in den kommenden Jahren vorprogrammiert.

Tiananmen und seine Nachwehen

Im Herbst wurde Chinas Sonderverwaltungszone Hongkong von der größten Protestbewegung seiner Geschichte heimgesucht. Entgegen der offiziellen Darstellung, handelte es sich dabei jedoch nicht um eine reine Demokratiebewegung, sondern um eine generelle Unmutsbekundung gegenüber China und dem Status Quo. China war sich bewusst, dass jede Aktion in Bezug auf Hongkong auf der anderen Seite der Taiwanstraße mit Argusaugen verfolgt wird und dass man sich ein zweites „Tiananmen-Massaker“ nicht leisten könne (schon gar nicht im Zeitalter von Internet und omnipräsenten Handykameras). Versuchte man anfangs noch erfolglos die Proteste mit Tränengas und Polizeigewalt schnell aufzulösen, änderte man nach harscher Kritik schließlich die Vorgehensweise und spielte auf Zeit, bis die Demonstranten ihren Rückhalt in der Hongkonger Bevölkerung verloren hatten und letztlich ohne großen Widerstand ihre Protestcamps wenige Tage vor Weihnachten räumten. Es ist nicht zu leugnen, dass sich Chinas und Hongkongs Bevökerung misstrauen. Doch wie in diesem Blog bereits beschrieben, ist eine Annäherung/ Aussöhnung für beide Seiten nicht nur sinnvoll, sondern in meinen Augen auch unausweichlich und lediglich eine Frage der Zeit. Insbesondere die chinesische Regierung benötigt ein erfolgreiches Beispiel für ihr „Ein Land, zwei Systeme“ Modell um eine etwaige weitere Annäherung in der Zukunft mit Taiwan vorantreiben zu können. Dort ist nämlich seit 2008 die China-freundliche Guomindang Patei (GMD) an der Macht und setzt sich für engere Beziehungen mit Festlandchina ein – teils sehr zum Misfallen der lokalen Bevölkerung, wie beispielsweise die Besetzung von Taiwans Parlamentsgebäude durch Demonstranten im März oder die jüngsten Ergebnisse der Lokalwahlen zeigten, in denen die GMD von den Wählern abgestraft wurde.

Wegen Korruption entmachtet und festgenommen: Zhou Yongkang

Womit wir schon beim Ausblick für 2015 wären. Innenpolitisch wird Xi Jinping seinen „Kampf gegen Korruption“ mit immer weniger Skrupel fortsetzen. Das hat 2013 die Entmachtung von Bo Xilai gezeigt und wird nun durch die Entmachtung von Zhou Yongkang immer deutlicher. Zhou Yongkang war bis 2012 ein Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, dem höchsten politischen Führungskreis der Partei, und wurde ab Dezember 2013 von der Disziplinarkommission der KPCh der Korruption verdächtigt. Die Disziplinarkommission kam letztlich zu dem Schluss, dass sich Zhou u.a. durch Korruption bereichert und seine Macht misbraucht habe, womit Anfang Dezember 2014 offiziell ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde. Zuvor hatte der Ständige Ausschuss des Politbüros ihm noch die Parteimitgliedschaft entzogen. Für Chinas Politszene galt dies als Tabubruch, da es bisher eine ungeschriebene Regel war, ehemalige Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros nach ihrem Rücktritt für etwaige Vergehen im Nachhinein strafrechtlich nicht zu verfolgen. Seit der Entmachtung der sog. Viererbande Ende der 1970er war kein derart ranghohes (ehemaliges) Regierungsmitglied mehr entmachtet worden. Doch das deutet nicht auf einen Machtkampf innerhalb der Partei hin, sondern – ganz im Gegenteil – auf eine Machtkonsolidierung. Bereits jetzt steht fest, dass Xi Jinping der mächtigste und innerhalb seiner Partei unumstrittenste Führer seit Deng Xiaoping ist – nicht zuletzt wohl auch aufgrund seiner als Anti-Korruptionskampagne getarnten sorgfältigen Ausmusterung von innerparteilichen Gegnern. Inwiefern das gut oder schlecht für China ist, wird sich weisen. Fakt ist, dass die politische Macht, die in China der Struktur der KPCh sei Dank ohnehin schon sehr exklusiv ist, nun noch konzentrierter an eine Person gebündelt wird. Eine ähnliche Gangart ist auch für 2015 zu erwarten.

Wirtschaftspolitisch wird sich China 2015 mit verhältnismäßig bescheidenen Wachstumszahlen zwischen 6 und 7% Wirtschaftswachstum pro Jahr zufrieden geben müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird China bereits 2014, zum ersten mal seit Jahren, das sich selbst (ohnehin schon relativ niedrig) gesteckte Ziel von 7,5% Wirtschaftswachstum nicht erreichen können. Das wiederum wird mittelfristig zu einem Umdenken führen, dass qualitiatives, konsum-getriebenes Wachstum einem quantitativen, export-getriebenen Wachstum vorzuziehen ist. Wie in diesem Blog bereits dargelegt, ist eine Reformierung des chinesischen Wachstumsmodells unumgänglich, wenn China auch in Zukunft auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig bleiben möchte. Hinzu kommt, dass sich Chinas aufstrebende Mittelschicht immer weniger von Wachstumszahlen beeindrucken lässt und sich stattdessen nach besserer Bildung, sauberer Luft, aber auch nach banalen Dingen wie billigeren iPhones, Chanel-Handtaschen oder Bordeaux-Weinen sehnt (Sachen, die durch Chinas exorbtant hohe Luxus- und Alkoholsteuer unverhältnismäßig teuer sind). 

Mit dem iPhone in der Hand durch das Luxuswunderland

Letzten Endes wird es interessant zu beobachten sein wie eine immer anspruchsvollere (urbane) Bevölkerung auf eine zunehmend gedämpfte Wirtschaftssituation reagieren wird. Das bedeutet jetzt weder, dass 2015 die Revolution der enttäuschten Konsumenten in China ausbrechen wird, noch dass die „fetten Jahre“ bereits 2015 vorbei sein werden. Aber – ohne jetzt apokalyptisch klingen zu wollen – eine steigende Inflation, ein stagnierender Immobiliensektor und ein zunehmend kompetitiver Arbeitsmarkt, in dem selbst Staatsunternehmen immer öfter den Sparstift ansetzen müssen, werden ab 2015 zunehmend ihren Tribut fordern. Insbesondere den Hochschulabsolventen und den „young professionals“ Chinas wird 2014 wohl in besserer Erinnerung bleiben als 2015. Getreu dem Motto „Augen zu und durch“. Pros(i)t 2015!