Dass aus Nordkorea – seiner Zeit von George W. Bush als Teil der Achse des Bösen bezeichnet – ab und zu Drohungen oder diverse Testraketen gen Süden/Himmel gesandt werden, ist nichts Neues und regt mittlerweile nur mehr die Wenigsten auf. Doch angesichts der momentanen angespannten Lage zwischen Nord- und Südkorea kommen sogar hartgesottene Analysten des ostasiatischen Raums ins Schwitzen.
Knapp ein Monat ist nun seit dem Untergang der Cheonan, einer Korvette der südkoreanischen Marine, bereits vergangen, trotzdem hat sich die allgemeine Situation auf der koreanischen Halbinsel noch immer nicht beruhigt, ganz im Gegenteil: Südkorea macht nun offen den Norden für das Sinken der Cheonan verantwortlich, eine Untersuchungskommission habe bei der Bergung des Schiffwracks Torpedoreste mit nordkoreanischen Beschriftungen geborgen. Gleichzeitig kündigt der Süden die Beendigung des gegenseitigen Handels sowie die Wiederaufnahme von Propagandasendungen via Radio und Lautsprecher über die innerkoreanische Grenze gen Norden hinweg an. Im Gegenzug weist Nordkorea alle Schuld von sich, droht Südkorea mit einem „heiligen Krieg“, kappt alle Kontakte zum Süden und versetzt seine Armee in Alarmbereitschaft. All das passiert binnen knapp 30 Tagen.
So überraschend wie der Untergang der Cheonan selbst kam auch dieses erneute Aufflammen des Koreakonflikts für die Weltstaatengemeinschaft, denn außer auf Deeskalation zu setzen fällt derzeit niemandem eine bessere und v.a. langfristig passable Lösung ein. Selbst in Südkorea sind Bevölkerung und Politik gespalten wenn es um Lösungsansätze geht, man ist sich schon bei der Schuldfrage selbst uneinig. Während viele Leute „Vergeltung für die Opfer der Cheonan“ fordern, zweifeln ebenso viele Südkoreaner eine nordkoreanische Beteiligung am Cheonan Untergang an und fragen sich wie bei einer dermaßen gewaltigen Explosion noch immer Tintenreste an der Außenhülle eines explodierten Torpedos auffindbar und als nordkoreanische Symbolik identifizierbar sein sollen. Hinzu kommt, dass Südkorea die Bitte des Nordens eigene Experten und Analysten zur Wracksuntersuchung senden zu dürfen abgelehnt hat. Allein dieser Täterdiskurs mitsamt seinen Graubereichen macht die Diskussion in der südkoreanischen Bevölkerung über anstehende Konsequenzen für den Norden kompliziert genug – bereits in der Vergangenheit zu wesentlichen friedlicheren Zeiten war sich die Bevölkerung in der Frage wie mit dem Norden umzugehen sei stets uneins.
Wie sehr die südkoreanische Bevölkerung mittlerweile gespalten ist wurde mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Lee Myung-bak anno 2008 deutlich, welcher prompt die sog. Sonnenscheinpolitik seines Vor-Vorgängers Kim Dae-jung beendete und eine Ära der härteren Gangart gegenüber dem nordkoreanischen Regime einläutete. Schon damals kam es zu massiven innenpolitischen Diskussionen über die Frage inwiefern man den nördlichen Nachbarn zu provozieren, zu unterstützen und generell mit ihm umzugehen habe. Eine Frage, die bis heute die sükoreanische Innenpolitik prägt, denn während liberale Kräfte verstärkte Beziehungen sowie eine Wiedervereinigung mit dem Norden anstreben, vertreten konservative Kräfte den Standpunkt einer härteren Außenpolitik und dem Beibehalten des Status-Quo. Argumentiert wird hier vor allem mit eventuellen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Problemen einer Wiedervereinigung – der Kostenaufwand seitens des Südens im Falle einer Wiedervereinigung wird immerhin auf bis zu unvorstellbare 5 Trillion US Dollar geschätzt.
Doch neben Südkorea hat man generell vom ganzen ostasiatischen Raum den Eindruck, dass niemand so wirklich passable Lösungsvorschläge parat hat. Während sich die USA als de-facto Schutzmacht von Südkorea für eine diplomatische Lösung bemühen, versucht Japan - dem das nordkoreanische Regime als Destabilisator der Wirtschaftsregion schon länger ein Dorn im Auge war - mit härteren Sanktionen oder evtl. sogar einem Militärschlag zu reagieren, den dafür notwendigen Sitz im permanenten UN Sicherheitsrat besitzt man jedoch nicht. Und selbst wenn: ein militärischer Konflikt wäre für alle Beteiligten von Nachteil: Für Nordkoreas Regime wäre ein Krieg das letzte Aufbäumen (inkl. eventueller Atomschläge) vor dem tiefen Fall, für Südkoreas sich langsam wieder eholende Wirtschaft wäre ein Militäreinsatz ebenfalls alles andere als wünschenswert – mal ganz abgesehen vom Kriegsunwillen der eigenen Bevölkerung . Auch die USA mit ihrem diplomatischen Lösungsansatz werden in die Klemme gebracht: denn außer gut Zureden könnte man das nordkoreanische Regime nur noch auf die „Liste der Schurkenstaaten“ setzen, damit einen politischen Schachzug Obamas anno 2008 rückgängig machen und somit letztendlich die in Ostasien ohnehin schon angeschlagene politische Glaubwürdigkeit der Obama-Administration endgültig ruinieren.
Generell bekommt man also den Eindruck als ob alle Beteiligten bei dem derzeitigen kurz bevorstehenden Worst Case Szenario im selben Boot sitzen. Das Zünglein an der Waage könnte – wie so oft – China als einflussreicher quasi-Verbündeter und wichtigster Handelspartner des nordkoreanischen Regimes sein. Denn auch das Reich der Mitte dürfte als aufstrebende Wirtschaftsmacht über einen grenznahen militärischen Konflikt mitsamt seinen Folgen (regionale Destabiliserung, Flüchtlingsströme etc.) alles andere als erfreut sein. Und wäre da nicht die einstige oder die zumindest offiziell noch bestehende gemeinsame kommunistische Idelogie der beiden Staaten, hätte die chines. Regierung das nordkoreanische Regime, das wie ein Klotz am Bein Chinas wirtschaftliche und außenpolitische Bestrebungen behindert, ohnehin schon längst fallen gelassen.
Die Kommunistische Partei Chinas spricht immer so stolz davon, wie man sich binnen eines halben Jahrhunderts vom Agrarstaat zum sog. Global Player auf der weltpolitischen Bühne entwickelt hat. Nun ist es an der Zeit zu beweisen, ob hinter diesen Worten auch tatsächlich Taten oder bloß leere Selbstbeweihräucherungs-Phrasen stecken.



