Das Jahr 2013 neigt sich dem Ende zu und somit ist es wieder einmal Zeit einen Rückblick auf 2013 und einen Ausblick auf 2014 aus chinesischer Sicht zu wagen.
Während das erste Halbjahr aus chinesischer Sicht relativ ruhig verlief – lediglich unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt Edward Snowdens in Hong Kong bevor dieser weiter nach Moskua reiste um in Russland Asyl zu bentragen – hatte es das zweite Halbjahr dafür in sich.
Im Sommer wurde China gleich von drei (Terror)anschlägen heimgesucht. Die Erklärung warum ich „Terror“ in Klammern setze erfolgt weiter unten. Im Juli zündete ein Mann einen selbst gebastelten Sprengsatz am Beijing Capital Airport. Der einzige Leidtragende des Anschlags war der Attentäter selbst, der dabei einen Arm verlor. Der Mann gab später vor Gericht an vor einigen Jahren in seinem Heimatort von Sicherheitskräften dermaßen geprügelt worden zu sein, dass er seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen sei. Er wollte durch seine Tat Aufmerksamkeit für seinen Fall erregen. Ergebnis: 6 Jahre Haft.
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| Der Attentäter kurz vor dem Zünden des Sprengsatzes am Beijing Capital Airport |
Anfang November explodierten mehrere kleine Sprengsätze in Taiyuan. Dabei wurde eine Person getötet und 8 verletzt. Der Täter konnte bis dato nicht ausfindig gemacht werden. Offensichtlich richtete sich das Attentat gegen die lokale Regierung von Taiyuan, da die Sprengsätze vor einem Regierungsgebäude platziert worden waren.
Im Gegensatz zu diesen Attentaten, richtete sich jedoch ein Attentat Ende Oktober gegen die Zentralregierung in Peking, als uigurische Seperatisten einen SUV in eine Menschenmenge vor der Verbotenen Stadt in Beijing steuerten. Der Waagen war mit Benzinkanistern befüllt und ging entsprechend schnell in Flammen auf. Die Insaßen überlebten nicht, darüber hinaus starben 5 Personen, 38 wurden verletzt. Es war der folgenreichste Anschlag auf die chinesische Hauptstadt seit 2008, als ein amerikanisches Ehepaar von einem Geisteskranken im Rahmen der olympischen Spiele auf offener Straße erstochen wurde. Der Anschlag verdeutlicht Chinas wachsendes Problem mit seiner Unruheregion Xinjiang, einer autonomen und von uigurischen Ethnizitäten bevölkerte Provinz im Nordwesten des Landes, welche seit Jahren formelle Unabhängigkeit von Peking fordert. Die Tatsache, dass Peking mittels gezielter Zuwanderung von Han-Chinesen die uigurische Bevölkerung in Xinijang zunehmend unterwandert (mittlerweile kommt die uigurische Bevölkerung in Xinijang nicht mehr auf 50%), gießt in dieser Causa zusätzlich Öl ins Feuer. Dennoch bleibt festzuhalten, dass es übertrieben wäre die allgemeine politische Situation in China als instabil zu bezeichnen. Zwar wird der uigurische Seperatismus auch in den nächsten Jahren an Aufwind gewinnen und Beijings erhöhte Aufmerksamkeit erfordern. Der Großteil der Proteste richtet sich im Reich der Mitte jedoch nach wie vor „nur“ gegen die lokalen Regierungen vor Ort.
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| Kurz nachdem uigurische Seperatisten einen SUV in eine Menschenmenge gesteuert hatten. |
Der Sommer brachte ebenfalls den Fall Bo Xilai vor die Gerichte und stieß auf ungewöhnliches großes Medienecho. Während normalerweise Kamerateams während des Prozesses selbst im Verhandlungssaal nicht gestattet sind, wurde dieses mal ausführliches Bildmaterial des Prozesses im Staatsfernsehen gezeigt. Im Rahmen des Prozesses erwies sich Bo Xilai als überraschend eloquent und gut vorbereitet, wurde letztlich jedoch in allen Punkten der Anklage schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Bos Justizfall markiert den aufsehenerregensten Prozess in China seit der Verurteilung der legendären Viererbande Anfang der 80er.
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| "Mit 45 in Pension gehen ist nun möglich!" Ein Werbeplakat für private Pensionsvorsorgeder amerikanischen CitibankGruppe in Shanghai. |
Nachdem Xi Jinping im März erwartungsgemäß als Chinas neuer Präsident angelobt worden war, präsentierte er der Öffentlichkeit im November die Details seiner groß angekündigten Reformpläne. Demnach soll die Ein-Kind-Politik, ein zentraler Pfeiler der chinesischen Gesellschaftspolitik, nach 30 Jahren beendet und in eine Zwei-Kind Politik umgewandelt werden (wennn einer der Elternteile ein Einzelkind war, darf das Paar zwei Kinder bekommen). Auch der staatlich streng kontrollierte Finanzsektor soll schrittweise ausländischen Investoren geöffnet werden. Erst im Juni erreichte der Zinssatz vieler chinesischer Bank schlagartig ein Hoch von bis zu 25%. Chinas Banken wollten plötzlich einander kein Geld mehr leihen. Das wiederum alarmierte die Weltmärkte – mit ähnlichen Symptomen brach 2008 auch die Finanzkrise über den Westen ein. Dementsprechend will China in den kommenden Jahren (ein genauer Zeitrahmen wurde nicht genannt) seine Zinssätze liberalisieren, den Renminbi als Währung frei konvertibel machen sowie den Bankensektor für private Investoren öffnen. Somit könnten Privatinvestoren eigene Banken eröffnen oder sog. welfare products (z.B. private Altersvorsorge) anbieten. All das war bisher nur chinesischen Staatsbanken vorbehalten. All diese Reformen sollen zunächst schrittweise in der eigens dafür geschaffenen Sonderwirtschaftzone in Shanghai getestet werden. Je nach Erfolg würden sie daraufhin im ganzen Land umgesetzt werden. Die zentrale Frage ist – falls es so weit komt – inwiefern solche Reformen in den Provinzen auf den lokalen Regierungsebenen umgesetzt würden. Es wäre nicht das erste mal, dass umfassende Reformen der Zentralregierung an dem Willen von lokalen Kadern in den Provinzen scheitern (wie z.B. einst Chinas Pensiosreform).
Am 23. November überraschte China die asiatische Staatengemeinschaft als es eine Luftverteidigungszone verkündete. Die Zone erregte bei Chinas Nachbarstaaten Besorgnis. Erstens, weil sich Chinas Zonen mit vergleichbaren Zonen Japans und Südkoreas überschneidet. Zweitens, weil sich künftig alle Luftfahrzeuge in dieser Zone identfizieren und den Anweisungen der chinesischen Luftfahrtbehörde Folge leisten müssen, ansonsten würde es zu „militärischen Defensivmaßnahmen“ kommen. Das ganze Vorhaben erwies sich letztlich als Flop und als zu wenig durchdacht. China rechnete offenbar damit, dass es niemand wagen würde die chinesische Zone zu betreten ohne dabei den Anweisungen der Chinesen Folge zu leisten. Doch just wenige Tage nach der Errichtung der Zone schickten die USA zwei (unbewaffnete) B-52 Bomber in die Zone und kamen unversehrt wieder zurück. Nach Angaben der B-52 Besatzung seien diese nicht einmal von der chinesischen Luftfahrtbehörde angefunkt worden. Nach Luft ringend versuchte sich China zu rechtfertigen: zunächst hieß es, dass die amerikanischen Bomber nur entlang der Zonengrenze geflogen seien, eine Kontaktaufnahme sei daher nicht notwendig gewesen. Das wurde jedoch wiederum von der Besatzung beider Bomber ausdrücklich widerlegt, man sei tief in die Zone vorgedrungen. Daraufhin antwortete China, dass sich die Zone eigentlich nur gegen Japan richtete (Stichwort Senkakuinseln), obwohl man einige Tage zuvor noch erklärt hatte, dass sich jedes Luftfahrzeug in der Zone identfizieren müsse.
Im ersten Anlauf ist die Luftverteidgungszone der Chinesen jedenfalls gescheitert und brachte Chinas politischer Elite sowohl im Ausland, aber v.a. seitens der eigenen Bevölkerung, eher Spott und Häme ein. Letztlich hat China somit auch Japans Premier Shinzo Abe in die Hände gespielt, der sich seit Monaten gegen die pazifistische Verfassung seines Landes ausspricht und offen für deren Abänderung eintritt. Demnach darf Japan laut Verfassung – ein Relikt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – nur ein Militär mit defensivem Charakter besitzen. Eine Verfassungsänderung würde Japans Militär eine massive Aufrüstung ermöglichen. Das wiederum hätte im Hinblick auf diverse Territorialstreitigkeiten um verschiedene Inselgruppen im Ost- und Südchinesischen Meer eine eskalierende Wirkung.
Mit etwas erfreulicheren Neuigkeiten konnte China Ende Dezember aufwarten, als es als dritte Nation (nach den USA und der Sowjetunion) eine Sonde auf dem Mars landen ließ. Der wissenschaftliche Zweck dieser Mission war für viele nur bedingt nachvollziehbar, jedoch war es beeindruckend zu sehen, wie sich die Raumfahrttechnologie in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt hatte (die letzte Sonde landete 1976 auf dem Mond). Das chinesische Landemodul hatte einen Hightech-Computer an Bord, der es der Sonde ermöglichte die Oberfläche des Mondes zu scannen und so selbst einen optimalen Landeplatz auszusuchen. Die hochauflösenden Bilder, die dabei entstanden, waren nicht minder aufsehenerregend. Dennoch ist der jüngste Meilenstein in Chinas ambitioniertem Raumfahrtprogramm v.a. als – äußerst teueres – Prestigeprojekt zu sehen. Die Frage ist, ob sich China auch in Zukunft mit geschwächten Wachstumszahlen sein gesamtes Raumfahrtprogramm in dem Ausmaß, wie es derzeit betrieben und geplant wird, leisten können wird oder ob man diese Investitionen in Milliardenhöhe nicht vielleicht wo anders besser unterbringen könnte.
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| Die Landung der Mondsonde wurde live im Staatsfernsehen übertragen |
Womit wir auch schon beim Ausblick für das Jahr 2014 wären. Chinas Wirtschaftswachstum wird weiter sinken, jedoch nach wie vor traumhafte Werte von 6-7 Prozent erreichen. Das liegt v.a. daran, dass das Reich der Mitte versucht sein risikoreiches Export getriebenes Wachstumsmodell in ein stabileres Konsum getriebenes Modell umzuwandeln. Im Klartext heißt das, dass weniger ins Ausland exportiert und stattdessen mehr von der eigenen Bevölkerung konsumiert werden soll. Das macht auch insofern Sinn, da die chinesischen Löhne v.a. im sekundären Sektor in den letzten Jahren stark angestiegen sind und viele Firmen ihre Produktionsstätten kontinuierlich nach Südostasien verlagern. China als „Werkbank der Welt“ wird somit zunehmend an Bedeutung verlieren und in naher Zukunft zur Gänze verschwunden sein. Einhergehend mit dieser Entwicklung ist eine stärkere Fokusierung auf den tertiären-, den Dienstleistungssektor. Dieser wird im kommenden Jahr mit ziemlicher Sicherheit den sekundären Sektor endgültig an BIP-Anteilen überholen (was er nach einigen Berechnungsmodellen bereits dieses Jahr getan hat).
Fakt ist, dass ein langsameres Wirtschaftswachstum China gut tun wird. Erstens, weil dieses Wachstum in Zukunft eher von qualitativer als von quantitativer Natur sein wird. Zweitens, kommen geringere Wachstumszahlen auch der KPCh zugute, die sich nun eine neue Legitimationsstrategie überlegen muss. Seit dem Beginn der Reform- und Öffnungsperiode vor über 30 Jahren waren Wirtschaftswachstumszahlen der mit Abstand bedeutenste Legitimationsgrund für die Macht der KPCh in China. Diese Strategie wird jedoch in Zukunft mit stetig abnehmenden Wachstumszahlen nicht mehr funktionieren. Ebenso müssen sich sog. Experten von dem seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholten „7% Krisenmodell“ verabschieden. Dieses Modell prophezeit landesweite soziale Unruhen und politische Putschversuche, sobald Chinas Wirtschaftswachstum unter die magische Marke von 7% fällt. Die Erklärung, warum es ausgerechnet 7% sein müssen, bleiben uns diese Experten ebenso schuldig wie die Erklärung, wie die chinesische Bevölkerung einen Unterschied von 0,1% Wachstum am eigenen Leibe fühlen und dementsprechend bei 7% ruhig bleiben und bei 6.9% ausrasten soll.
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| Ein Smogtag in Shanghai |
Fakt ist, dass China auch mit einem weiterhin sinkendem Wirtschaftswachstum sozial sowie politisch stabil ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die KPch zurücklehnen und entspannen kann. Die chinesische Bevölkerung stellt sehr wohl immer größere Ansprüche an ihre politische Elite und lässt sich immer weniger von Wachstumszahlen oder Prestigeprojekten beeindrucken. Eines der gravierensten Probleme der nächsten Jahre sind die Spekulationen im Immobiliensektor sowie das Umwelt- und Smogproblem, über das die chinesische Regierung trotz zahlreicher Maßnahmen zunehmend die Kontrolle zu verlieren scheint. Waren Smog und schlechte Luftwerte einst „nur“ ein Problem der Haupstadt Beijing sowie von ausgewählten Industriestädten, so hat sich dieses Problem mittlerweile auf fast alle anderen Tier 1 und 2 Städte ausgebreitet und auch im Tourismus sind bereits spürbare Rückgänge aufgrund von Luftverschmutzung zu verzeichnen. Auch in dieser Hinsicht wird ein langsameres Wirtschaftswachstum China enorm gut tun. Prosit 2014!










