Es gibt eine zugegeben nicht ganz unamüsante Anekdote aus den wirren Reformperioden der Kommunistischen Partei in den 1960er Jahren. Im Rahmen des sog. „Großen Sprung nach vorn“ wurden alle Chinesen zu jener Zeit zu höheren Produktionsvolumina (insbesondere von Getreide) aufgerufen um somit das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Was auf den Papieren simpel aussah (einfach mehr Felder bewirtschaften = höherer Ertrag), bewies sich in der Realität dann doch etwas schwieriger. Die Partei hatte nämlich die Rechnung ohne den Vögeln – insbesondere den Krähen - des Landes gemacht, die in kühleren Jahreszeiten zu Tausenden besagte Felder stürmten und verzweifelt alle auffindbaren Saatkörner verspeisten. Mit Erfolg. Das Resultat waren verheerende Misernten im Folgejahr und tiefe Falten auf den Stirnen der Parteikader. Irgendwas musste unternommen werden. So kam Vorsitzender Mao schließlich auf die glorreiche Idee: tötet alle Vögel, die euch in die Quere kommen und eure Ernten gefährden! Daraufhin zog das ganze Land ausgestattet mit Gewehren und Schießpulver in die Wildnis um an den vermeintlich harmlosen Tierchen Rache zu nehmen. Und in der Tat konnte man durch diese Aktion den Vogelbestand beträchtlich reduzieren. Leider hatte man dabei komplett auf die Auswirkungen für die komplette Nahrungskette vergessen, denn aus der plötzlichen Unterzahl an Vögeln resultierte nun eine explosionsartige Verbreitung anderer Schädlinge wie zB Heuschrecken, welche daraufhin ebenfalls wie die Vögel zuvor große Teile der Ernte vernichteten. Die Natur ist eben (un)berechenbar.
Es gehört zur Natur der Partei immer alles kontrollieren, keinen noch so kleinen Faktor vergessen und berechnen zu wollen, schlicht und einfach: der Herr im Haus sein. Das zeigt sich zum Beispiel bei der chinesischen Einheitszeitzone, die trotz der unglaublichen Größe des Landes (welche in Wirklichkeit mindestens 3 Zeitzonen erfordern würde) allen Regeln des Globus zum Trotz für das gesamte Staatsgebiet gilt und auf Peking ausgerichtet ist. Dafür scheint in Tibet halt um 22 Uhr noch immer die Sonne. Es zeigt sich aber auch, wenn die Partei wieder mal Wettergott spielt und hunderte Silberjodith Raketen in den Himmel schießt um dadurch das Wetter zu beeinflussen. Hintergrund: Dass Peking ein Smogproblem der Extraklasse hat ist nichts Neues. Jährlich erreicht die Luftverschmutzung der Hauptstadt während der Wintermonate traditionell ihre schlechtesten Werte innerhalb eines Jahres. Gründe hierfür sind vor allem der im Winter natürlich vorherrschende Tiefdruck, aber auch die Tatsache, dass noch immer viele Leute mit Kohle heizen. Der wie immer dichte Straßenverkehr sowie ortsansäßige Industriegebiete tragen ihr Übriges bei. Das alle wäre halb so wild, wenn da nicht noch das „Regenproblem“ wäre, denn parallel zu den immens hohen winterlichen Luftverschmutzungswerten bleibt jegliche Art von Niederschlag in den Wintermonaten traditionell aus. Es ist in Peking völlig normal, wenn es mit Winterbeginn mal locker für 6 Monate nicht regnet, auch Schnee ist trotz der eisigen Temperaturen (-15°C) eher eine Ausnahmeerscheinung - der Winter ist weitgehend kalt, aber trocken. Problem: Durch den ausbleibenden Regen kann die Luft nicht „reingewaschen“ werden – bei einer Smogbelastung wie sie Peking vorzuweisen hat ein ernsthaftes Problem. Erst Anfang November musste Pekings 6. Ringstraße sowie einige andere Expressways aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt werden, da die Sichweite aufgrund schweren Smogs unter 1km (!) gesunken war.
Doch wir würden uns nicht in China befinden, wenn die politischen Führungskräfte selbst für solche Probleme keine Lösung parat hätten. Die Rede ist von dem sog. Wetterministerium, welches sich mit der der Erforschung und Manipulation von meteorologischen Bedingungen befasst. Salonfähig wurde die Wettermanipulation (welche in China bereits seit mehr als 50 Jahren erforscht und praktiziert wird) vergangenes Jahr mit den Olympischen Spielen. Denn trotz verschiedenster Umweltreformen bekam man den Smog in der Hauptstadt einfach nicht in den Griff. Überraschenderweise präsentierte sich Peking am Tag der Olympia Eröffnungszeremonie von seiner besten Seite – wolkenfreier Himmel und strahlender Sonnenschein. Das Wundermittel sind Silberjodith Raketen – ein Stück nicht wesentlich größer als eine Zigarette – die zu hunderten in den Himmel geschossen werden, dort eine chemische Substanz freisetzen und somit direkt das Wetter beeinflussen. So kann man auf Wunsch Sonnenschein oder Regen „erzeugen“. Durch die überraschende Zuverlässigkeit wurde das neue System schnell populär und immer öfters eingesetzt. So zum Beispiel im Herbst 2008, als nach einer langen Dürreperiode massive Ernteausfälle drohten. Doch nach bestelltem Regen waren die Erntebestände gerettet. Auch im Rahmen der 60 Jahr Jubiläumsfeiern am 1. Oktober 2009 kam das System wieder zum Einsatz um die Militärparade auf der Changanjie vor Smog zu bewahren.
So war es auch diesen November wieder mal Zeit das Wetterministerium anzurufen, denn wenn mehrere Expressways inklusive der 6. Ringstraße wegen Smogs (in den TV Nachrichten übrigens offiziell als „starker Nebel“ deklariert – was kompletter Schwachsinn ist, da es an besagtem Tag für Nebel viel zu warm war) gesperrt werden müssen, wird es selbst dem hartnäckigsten Parteikader zuwider. Es kann doch nicht sein, dass jemand – sei es selbst die Natur höchstpersönlich – der Partei einen Strich durch die Rechnung macht! Interessant an der ganzen Wettergottspielerei: Obwohl sich China die Wettermanipulation jährlich mehrere Millionen kosten lässt und das eigens entwickelte System aufgrund der Zuverlässigkeit auch genug Propagandastoff liefern würde, wird jeglicher Einsatz stets verschwiegen und nie offiziell angekündigt. Das wäre vielleicht auch ab und zu von Vorteil:
Das Resultat war ein bestellter Wintereinbruch über Nacht inkl. Temperaturabfall von mehr als 15°C und 30cm Neuschnee. Der nächtliche Schneesturm traf den Norden Chinas komplett unvorbereitet, das (eigentlich ohnehin schon immer vorhandene) Chaos war insbesodnere auf den Straßen der Millionenmetropole Peking vorprogrammiert. Die zahlenmäßig unausreichenden Räumungsfahrzeuge wurden erst zögerlich im Laufe des Tages auf die Straßen geschickt, der Großteil der Autofahrer hatte aufgrund der bis vor Kurzem herbstlichen Temperaturen noch immer nicht Winterreifen montiert, niedrige Fahrtgeschwindigkeiten und Staus waren die Folge. Hunderttausende Leute kamen nicht oder nur mit erheblicher Verspätung zu ihrem Arbeitsplatz, da das Fahrrad nach wie vor ein wichtiges Fortbewegungsmittel von Pekings Bevölkerung darstellt – doch bei 30cm Neuschnee auf ungeräumten Straßen gibt auch der härteste Optimist auf. In Folge wichen die Massen auf das ohnehin schon völlig überlastete öffentliche Verkehrssystem aus, welches jedoch bis auf die unterirdisch verkehrende Ubahn, ebenfalls komplett aussetzte. Am Beijing International Airport wurden über 100 Flüge gestrichen, mehr als 300 waren verspätet, der 300km entfernte Flughafen von Shijiazhuang musste sogar komplett schließen und alle Flüge bis auf Weiteres streichen, in der benachbarten Provinz Shanxi wurden landesweit alle Highways aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt (!). Im weiteren Norden Chinas richteten verheerende Schneestürme Schäden in Millionenhöhe an.
Der Versuch seitens der Partei Gott zu spielen und sich über die Natur zu stellen ging (wieder einmal) gründlich daneben. Bei dem Versuch Unheil A zu beseitigen wird Unheil B erzeugt – das ursprüngliche Problem bleibt aber nach wie vor vorhanden. Den Vögeln folgen die Heuschrecken, die Misernten bleiben bestehen. Dem Smog folgt der Schneesturm, die unzureichende Sichtweite weiterhin vorhanden. Man köntte glatt von von einem winterlichen Deja vus sprechen.
Der Unterschied ist jedoch, dass die Partei heute im Gegensatz zu früher Gesicht bewahrt. Denn offiziell ist es ja bloß die Natur, die aufgrund des weltweiten Klimawandels verrückt spielt.