2014 befindet sich in seinen letzten Zügen und wird in wenigen Stunden Geschichte sein. Und wie es bereits in den letzten fünf Jahren (siehe 2010, 2011, 2012 und 2013) auf diesem Blog gute Tradition geworden ist, hier noch ein kurzer Jahresrückblick und -ausblick auf 2014 und 2015 aus chinesischer Sicht.
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| "MH370, lass uns nicht zu lange warten!" |
Bereits im März wurde 2014 - das Jahr des Pferdes – von
einer aus chinesischen Sicht mittelschweren Katastrophe heimgesucht, als Flug
MH370 der Malaysian Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos
vom Radar verschwand und bis heute verschollen bleibt. Mit 152 von 239 vermutlichen
Todesopfern, waren die meisten Opfer des Unglücks chinesische Staatsbürger. Die
öffentliche Trauer schlug in China zudem relativ schnell in Wut und Hass
gegenüber der malayischen Regierung um, die durch ihr chaotisches
Krisenmanagement diffuse und teils widersprüchliche Ausssagen zum Verbleib über
MH370 ablieferte und so nicht nur den Zorn der Hinterbliebenen auf
sich zog. Staatliche Medien und sogar Reisebüros sprangen ebenfalls rasch auf
den Zug auf, betrieben Stimmmungsmache gegen Malaysien und riefen zum Boykott auf.
Zahlreiche Chinesen stornierten ihre Flüge bei Malaysian Airlines und/ oder
ihren Urlaub in Malaysien – teils aus Angst, teils aber auch aus Protest – was
sich letztlich sogar in messbar sinkenden Tourismuszahlen zeigte.
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| Ab sofort auf den Straßen Shanghais unterwegs: Mit Revolvern ausgestattete Polizeitrupps |
Im Frühjahr wurden gleich mehrere chinesische Städte Schauplatz von Terrorattacken, die nach offizieller Darstellung meist von uigurischen Separatisten aus der Krisenregion Xinjiang durchgeführt wurden. Solche Anschläge sind in der muslimischen Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes seit Jahren bereits traurige Realität geworden. Neu ist mittlerweile, dass sich diese Proteste nun auch zunehmend auf Städte außerhalb Xinjiangs ausweiten. Bereits im Herbst 2013 verübten uigurische Extremisten ein Selbstmordattentat vor der Toren der Verbotenen Stadt in Peking. Im März 2014 kam es schließlich zu einer folgeschweren Messerattacke auf den Bahnhof von Kunming. Dass die lokalen Polizeikräfte – wie in China üblich – keine Schusswaffen bei sich trugen und die Täter weiter morden konnte, ehe sie erst nach einer halben Ewigkeit von den eintreffenden Spezialkräften niedergerungen werden konnten, verschärfte die Situation nur. Eine umittelbare Folge war, dass in ausgewählten Großstädten ab sofort Streifenpolizisten mit Handfeuerwaffen ausgestattet wurden, um in Zukunft schneller auf ähnliche Vorfälle reagieren zu können (an Chinas strengem Waffengesetz soll nach wie vor nichts verändert werden). Darüber hinaus gab es noch weitere Selbstmordanschläge auf den Bahnhof in Ürümqi und Guangzhou. Galt bis vor einigen Jahren noch die Devise „Nicht nach Xinjiang fahren und sicher bleiben“ so wird die chinesische Bevölkerung künftig in Ungewissheit leben müssen, da sich Terror nun zunehmend auch auf andere Städte ausweitet. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Chinesen, die Reisen mit dem Zug bzw. belebte Bahnhöfe vermeiden und stattdessen lieber mit dem teureren Flugzeug verreisen.
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| Die geographische Position Chinas Ölbohrplattform im Südchinesischen Meer |
Außenpolitisch wurde es im Mai turbulent, als China vor der
Küste Vietnams eine schwimmende Ölbohrplattform in Stellung brachte, um dort bis
August nach Ölvorkommen zu suchen. Die besagte Meeresstelle wird sowohl von
China als auch Vietnam beansprucht. Es folgten mehrere kleinere Scharmützel
zwischen der vietnamiesischen Küstenwache und den Begleitschiffen der
chinesischen Ölbohrplattform und bald darauf zu Massenprotesten in Vietnam, die
sich schnell gewaltsam gegen chinesische Unternehmen und Betriebe im Vietnam richteten.
Zahlreiche chinesische Betriebe mussten für Wochen ihre Pforten
schließen und ihre Belegschaft nach China evakuieren lassen. Die Gesamtsituation
beruhigte sich erst nachdem China im Juli – einen Monat früher als ursprünglich
angekündigt – seine Ölbohrplattform aus dem besagten Gebiet abzog. Somit
konnten sich beide Seiten als Gewinner der Affäre darstellen. Vietnam bewahrte
Gesicht, indem es vor der eigenen Bevölkerung nun behaupten konnte, China habe
sich auf Druck der vietnamesische Regierung aus den nationalen Gewässern
Vietnams zurückgezogen. China hingegen konnte sich als die benevolente
Großmacht darstellen, die Vietnam – trotz anderer Pläne – frühzeitig „in Ruhe
lassen“ würde. Darüber hinaus war diese Vorgehensweise ein richtungsweisendes
Experiment für Chinas Führung, die, wie in diesem Blog schon mehrmals
beschrieben (siehe hier und hier), zahlreiche Gebiete im Südchinesischen Meer für sich
beansprucht und somit regelmäßig seine asiatischen Nachbarn erzürnt. Doch China
pokert bisher gut, da es – genauso wie alle anderen Beteiligten auch – weiß,
dass sich das Reich der Mitte seine Provokationen bis dato nur leisten konnte,
weil keiner einen wirschaftlichen oder gar militärischen Konflikt mit dem „gelben
Riesen“ heraufbeschwören will. Dementsprechend geht China nun nach dem „trial
& error“ Prinzip vor und versucht auszuloten wie weit es mit seinen Territorialansprüchen tatsächlich gehen kann ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen (die Antwort: überraschend weit). In dieser Hinsicht sind weitere Konflikte ähnlicher Art auch in den
kommenden Jahren vorprogrammiert.
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| Tiananmen und seine Nachwehen |
Im Herbst wurde Chinas Sonderverwaltungszone Hongkong von
der größten Protestbewegung seiner Geschichte heimgesucht. Entgegen der
offiziellen Darstellung, handelte es sich dabei jedoch nicht um eine reine
Demokratiebewegung, sondern um eine generelle Unmutsbekundung gegenüber China
und dem Status Quo. China war sich bewusst, dass
jede Aktion in Bezug auf Hongkong auf der anderen Seite der Taiwanstraße mit Argusaugen
verfolgt wird und dass man sich ein zweites „Tiananmen-Massaker“ nicht leisten
könne (schon gar nicht im Zeitalter von Internet und omnipräsenten
Handykameras). Versuchte man anfangs noch erfolglos die Proteste mit Tränengas
und Polizeigewalt schnell aufzulösen, änderte man nach harscher Kritik
schließlich die Vorgehensweise und spielte auf Zeit, bis die Demonstranten
ihren Rückhalt in der Hongkonger Bevölkerung
verloren hatten und letztlich ohne großen Widerstand ihre Protestcamps wenige
Tage vor Weihnachten räumten. Es ist nicht zu leugnen, dass sich Chinas und Hongkongs
Bevökerung misstrauen. Doch wie in diesem Blog bereits beschrieben, ist eine Annäherung/ Aussöhnung für beide Seiten nicht nur sinnvoll,
sondern in meinen Augen auch unausweichlich und lediglich eine Frage der Zeit. Insbesondere
die chinesische Regierung benötigt ein erfolgreiches Beispiel für ihr „Ein
Land, zwei Systeme“ Modell um eine etwaige weitere Annäherung in der Zukunft
mit Taiwan vorantreiben zu können. Dort ist nämlich seit 2008 die
China-freundliche Guomindang Patei (GMD) an der Macht und setzt sich für engere
Beziehungen mit Festlandchina ein – teils sehr zum Misfallen der lokalen
Bevölkerung, wie beispielsweise die Besetzung von Taiwans Parlamentsgebäude durch
Demonstranten im März oder die jüngsten Ergebnisse der Lokalwahlen zeigten, in
denen die GMD von den Wählern abgestraft wurde.
| Wegen Korruption entmachtet und festgenommen: Zhou Yongkang |
Womit wir schon beim Ausblick für 2015 wären. Innenpolitisch
wird Xi Jinping seinen „Kampf gegen Korruption“ mit immer weniger Skrupel fortsetzen. Das hat 2013 die Entmachtung von Bo Xilai gezeigt und wird nun durch die Entmachtung von Zhou Yongkang immer deutlicher.
Zhou Yongkang war bis 2012 ein Mitglied des Ständigen Ausschusses des
Politbüros, dem höchsten politischen Führungskreis der Partei, und wurde ab Dezember 2013 von
der Disziplinarkommission der KPCh der Korruption verdächtigt. Die
Disziplinarkommission kam letztlich zu dem Schluss, dass sich Zhou u.a. durch
Korruption bereichert und seine Macht misbraucht habe, womit Anfang Dezember
2014 offiziell ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde. Zuvor hatte der
Ständige Ausschuss des Politbüros ihm noch die Parteimitgliedschaft entzogen. Für
Chinas Politszene galt dies als Tabubruch, da es bisher eine ungeschriebene Regel
war, ehemalige Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros nach ihrem
Rücktritt für etwaige Vergehen im Nachhinein strafrechtlich nicht zu verfolgen.
Seit der Entmachtung der sog. Viererbande Ende der 1970er war kein derart
ranghohes (ehemaliges) Regierungsmitglied mehr entmachtet worden. Doch das
deutet nicht auf einen Machtkampf innerhalb der Partei hin, sondern – ganz im Gegenteil – auf eine Machtkonsolidierung. Bereits jetzt steht fest, dass Xi
Jinping der mächtigste und innerhalb seiner Partei unumstrittenste Führer seit
Deng Xiaoping ist – nicht zuletzt wohl auch aufgrund seiner als
Anti-Korruptionskampagne getarnten sorgfältigen Ausmusterung von innerparteilichen Gegnern. Inwiefern das gut oder schlecht für China ist, wird sich weisen.
Fakt ist, dass die politische Macht, die in China der Struktur der KPCh sei
Dank ohnehin schon sehr exklusiv ist, nun noch konzentrierter an eine Person gebündelt wird. Eine ähnliche Gangart ist auch für 2015 zu erwarten.
Wirtschaftspolitisch wird sich China 2015 mit verhältnismäßig
bescheidenen Wachstumszahlen zwischen 6 und 7% Wirtschaftswachstum pro Jahr
zufrieden geben müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird China bereits 2014,
zum ersten mal seit Jahren, das sich selbst (ohnehin schon relativ niedrig)
gesteckte Ziel von 7,5% Wirtschaftswachstum nicht erreichen können. Das wiederum
wird mittelfristig zu einem Umdenken führen, dass qualitiatives, konsum-getriebenes
Wachstum einem quantitativen, export-getriebenen Wachstum vorzuziehen ist. Wie
in diesem Blog bereits dargelegt, ist eine Reformierung des chinesischen
Wachstumsmodells unumgänglich, wenn China auch in Zukunft auf dem globalen Markt
wettbewerbsfähig bleiben möchte. Hinzu kommt, dass sich Chinas aufstrebende
Mittelschicht immer weniger von Wachstumszahlen beeindrucken lässt und sich stattdessen
nach besserer Bildung, sauberer Luft, aber auch nach banalen Dingen wie billigeren
iPhones, Chanel-Handtaschen oder Bordeaux-Weinen sehnt (Sachen, die durch
Chinas exorbtant hohe Luxus- und Alkoholsteuer unverhältnismäßig teuer sind).
| Mit dem iPhone in der Hand durch das Luxuswunderland |
Letzten Endes wird es interessant zu beobachten sein wie
eine immer anspruchsvollere (urbane) Bevölkerung auf eine zunehmend gedämpfte
Wirtschaftssituation reagieren wird. Das bedeutet jetzt weder, dass 2015 die
Revolution der enttäuschten Konsumenten in China ausbrechen wird, noch dass die „fetten Jahre“ bereits 2015
vorbei sein werden. Aber – ohne jetzt apokalyptisch klingen zu wollen –
eine steigende Inflation, ein stagnierender Immobiliensektor und ein zunehmend
kompetitiver Arbeitsmarkt, in dem selbst Staatsunternehmen immer öfter den
Sparstift ansetzen müssen, werden ab 2015 zunehmend ihren Tribut fordern. Insbesondere den
Hochschulabsolventen und den „young professionals“ Chinas wird 2014 wohl in
besserer Erinnerung bleiben als 2015. Getreu dem Motto „Augen zu und durch“. Pros(i)t
2015!







