Bereits Christoph Kolumbus erkannte seiner Zeit die
Bedeutung des chinesischen Markts, als er in seinen Notizen festhielt, dass das
Reich der Mitte künftig das Potential für „mercacciones innumeras" – Handel in
unermesslichen Ausmaß – berge. Seitdem suchten viele Geschäftsleute aus aller
Welt ihr Glück in China und wurden großteils enttäuscht. Großbritanniens unzufriedenstellende
Handelsbeziehungen mit dem Reich der Mitte sowie die daraus resultiernden
Opiumkriege stellen nur die Spitze des Eisberges einer schier unendlich langen Liste
an nicht erfüllten wirtschaftlichen Erwartungen des Westens gegenüber China
dar.
2015, mehr als 500 Jahre nach Kolumbus' Notizen, wird China aller
Voraussicht nach sein selbst gestecktes Ziel von 7% Wirtschaftswachstum (knapp)
verfehlen. Was für uns Europäer in Zeiten wie diesen wie Musik in den Ohren
klingt, ist für China enttäuschend und wird von Xi Jinping bereits als „neue
Normalität“ bezeichnet. Eine Einschwörung für die eigene Bevölkerung auf
schlechtere Zeiten? Ganz im Gegenteil. Zweistellige Wachstumszahlen, wie sie in
China in den vergangenen Jahren Standard geworden sind (noch 2007 wuchs die
chinesische Wirtschaft um mehr als 14,2%), waren zwar beeindruckend, hatten
aber mit Nachhaltigkeit wenig bis gar nichts zu tun. De facto haben Unternehmer
mehr Anlass denn je optimistisch gegenüber dem chinesischen Markt eingestellt
zu sein.
Chinas Wirtschaft befindet sich im Wandel: zahlreiche
Faktoren haben dazu beigetragen, dass China nicht mehr wie einst die Werkbank der
Welt ist. Diese Entwicklung hat der von Exporten getriebenen chinesischen Wirtschaft
schwer zugesetzt. Eine zunehmende Urbanisierung, steigende Löhne und damit
höhere Haushaltsrücklagen, sowie eine rasch wachsende Mittelschicht haben
Chinas Regierung veranlasst das chinesische Wachstumsmodell hin zu einer von Binnenkonsum
angetriebenen Wirtschaft zu lenken. Das soll das Land auch weniger verwundbar
gegenüber „externen Schocks“ wie der Finanzkrise 2008 machen, als chinesische
Exporte massiv einbrachen, weil Konsumenten in Amerika und Europa plötzich sparen
mussten.
Gingen einst ausländische Unternehmen nach China, um dort für
westliche Märkte produzieren zu lassen, so strömen sie nun reihenweise nach
China, um dort ihre Produkte zu vertreiben. Speziell der chinesische
Einzelhandel klingt verlockend: 1,3 Milliarden Konsumenten und ein jährliches Retailwachstum
von zuletzt mehr als 10% versprechen viel. Doch was überwiegt auf dem
chinesischen Markt? Das Potential oder die Risiken? Dieser Blogeintrag soll
etwas Licht ins Dunkel bringen. Aufgrund der Komplexität des Themas, ist dieser
Eintrag wieder in mehrere Kapitel gegliedert:
Kapitel 1: Goldgrube China?
Kapitel 2: Sparefroh- vs. Konsumgesellschaft- Bedarf vs. Bedürfnis
Kapitel 3: China ist ungleich China
Kapitel 4: Chinas Konsumenten: anfordernd, iloyal, gnadenlos
Kapitel 5: Conclusio: Economics 101
Kapitel 2: Sparefroh- vs. Konsumgesellschaft- Bedarf vs. Bedürfnis
Kapitel 3: China ist ungleich China
Kapitel 4: Chinas Konsumenten: anfordernd, iloyal, gnadenlos
Kapitel 5: Conclusio: Economics 101
Die Ausgangslage und Aussichten könnten für Investoren nicht rosiger sein. Allein die Größe des chinesischen Marktes ist vielversprechend: 1,3 Millarden potentielle Konsumenten, sowie seit Jahren steigende Löhne & Kaufkraft. 2014 betrugen die kombinierten Ersparnisse aller chinesischen Haushalte mehr als 50 Trillion RMB. Im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum, weist Chinas Retailbranche seit Jahren (wenn auch zuletzt sinkend) zweistellige Wachstumszahlen vor, zuletzt (August 2015) 10.8% YOY. Eine Studie der Boston Consulting Group sagt voraus, dass Chinas Privatkonsum in urbanen Gebieten von derzeit 3.6 Trillion USD auf 5.6 Trillion USD im Jahr 2020 ansteigen wird.
| Chinas Retailwachstum (2011-2015) in Prozent, YOY |
Ganz klar, angesichts dieser Zahlen und Prognosen scheint die
Frage wohl nicht zu lauten ob, sondern wann man den Schritt Richtung China
wagen soll. Wären da nicht die Sonderheiten des chinesischen Marktes.
Traditionell gesehen ist der durchschnittliche chinesische Bürger, speziell die Generation 50+, ein Sparefroh. Das is wenig verwunderlich. Wie auch hierzulande, hat v.a. die ältere Generation wirtschaftlich harte Zeiten durchgemacht. Was in Europa der 2. Weltkrieg ist, sind für die chinesische Generation 50+ Ereignisse wie die der Große Sprung Vorwärts oder die Kulturrevolution. Von akuten Existenzängsten bedroht, wurde selbst nach den Krisenjahren aus der ehemaligen Gewohnheit eine neue Tugend: man sparte an allen Ecken und Enden und sah wenig Sinn darin Geld für Dinge auszugeben, die man nicht dringend zum Leben benötigte (Unterschied Bedarf vs. Bedürfnis). Das schlägt sich auch in den Statistiken nieder: China besitzt eine der höchsten Haushaltsrücklagen pro Kopf weltweit.
Als krasser Gegenpol
dazu dient eine neue, junge Konsumgeneration, die solche Existenzängste nicht
kennt und Konsum gegenüber alles andere als skeptisch eingestellt ist. 200
Millionen Chinesen befinden sich derzeit in der Altergruppe der 15-24 Jährigen.
Hier wächst eine neue Generation an kauffreudigen Konsumenten heran: 2020 wird
diese Gruppe für 35% des gesamten Binnenkonsums in China verwantwortlich sein.
Bereits jetzt macht die Konsumentengruppe der 18-30 Jährigen 50% der gesamten
Haushaltsausgaben in Chinas Einzelhandel aus. Im Gegensatz zur Generation der Sparefrohs
benötigt diese neue Konsumgeneration keinen Grund, sondern lediglich einen
Zeitpunkt für ihren Konsum: Die Frage lautet nicht „ob“ ich mir das (neueste)
iPhone kaufe, sondern „wann“ (sprich: wann ich es mir leisten kann). Die Grenzen
zwischen Bedarf und Bedürfnis verschwimmen zusehends. Dabei spielt es auch
keine Rolle, dass das iPhone (sowie viele andere Luxusartikel) in China teurer als
in vielen westlichen Industrienationen ist. Anstatt von existenziellen Ängsten,
bei denen es ums nackte Überleben geht, wird Chinas junge Konsumgeneration von einer
ganz anderen Angst getrieben: der Angst vor Standardisierung. Der Wunsch, sich zu
individualisieren, um sich von der Masse abzuheben; mit seinem Konsum bewusst
Zeichen zu setzen, um seine eigene Identität zu formen; ist in Chinas junger
Konsumgeneration stark ausgeprägt (mehr dazu in Kapitel 4). In Zeiten,
in denen zunehmend mehr Uniabsolventen keinen qualifizierten Job finden können,
ist eine solche Reaktion als Antwort auf die Perspektivenlosigkeit einer ganzen
Generation nur allzu verständlich.
Was bedeutet das jedoch für die chinesische Regierung und
(ausländische)Unternehmer? Es sind ambivalente Aussichten. Die Regierung will
privaten Konsum fördern, um den Wandel des chinesischen Wachstumsmodells voranzutreiben.
Doch was bei der jungen Generation schon quasi zum Selbstläufer geworden ist,
wird sich bei der Generation 50+ weitaus komplizierter gestalten. Zu frisch
sind in dieser Generation die Erinnerungen an vergangene Krisenjahre. Hinzu
kommt, dass viele ihr einst felsenfestes Vertrauen in die Stabilität der
chinesischen Wirtschaft verloren haben. Schließlich machten v.a. Pensionisten
den Großteil jener Anleger aus, die einen beträchtlichen Teil ihrer
Lebensersparnisse in Wertpapiere investiert hatten – nur um dann zusehen zu
müssen, wie diese im Rahmen des Shanghaier Börsenkrachs Anfang Juli binnen
weniger Tage zerbröselten und praktisch wertlos wurden. Zu Recht fragt sich
nach diesem Debakel ein Großteil der Generation 50+: Wozu noch (unnötig) Geld
ausgeben, anstatt jetzt erst recht zu sparen?
Hinzu kommen gesellschaftliche Zwänge, die zusätzlichen
finanziellen Druck auf die junge Generation ausüben. Denn von eben jener jungen
(männlichen) Generation, die laut Regierung nun mehr konsumieren soll, wird
seitens der Gesellschaft gleichzeitig erwartet, dass sie in eine Ehe zumindest
eine gekaufte Wohnung sowie ein Auto einbringen. Dies stellt sich bereits jetzt
für viele junge Männer als zunehmend unrealisierbar heraus (Stichwort
Immobilienblase). Mit einem verstärkt auf Konsum ausgerichteten Lebensstil wird
es jedoch noch schwieriger werden solche gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen
zu können. Die Regierung wird also äußerst viel Überzeugungsarbeit leisten
müssen, um sowohl die Sparefroh- als auch die junge Konsumgeneration in einer
solch sensiblen Thematik wie Geld umstimmen zu können. Ebenso wird es für
Unternehmer nicht einfach sein, ältere Generationen für den Kauf von Produkten
zu überzeugen, die nicht als Grundbedarf, sondern lediglich als entbehrliches
Bedürfnis angesehen werden.
China ist groß. Obwohl jedes Kind diese Floskel kennt, ist es doch immer wieder erstaunlich, wieviele ausländische Unternehmen im Rahmen ihrer Chinaambitionen bereits an dieser (Nicht-)Erkenntnis gescheitert sind. Denn: Obwohl es sich um ein Land handelt, ist der chinesische Makt alles andere als homogen. Mit seinem riesigen Staatsgebiet umfasst China die verschiedensten geographischen Regionen, die wiederum alle komplett unterschiedliche Rohstoffe vorweisen und dementspechend im Laufe der Jahrzehnte (wenn nicht gar Jahrhunderte) unterschiedliche Industrien zum Vorschein gebracht haben. Entsprechend der jeweiligen Industrie haben sich diese Regionen natürlich auch unterschiedlich rasch entwickelt, was in der heutigen Diskrepanz der Entwicklungsstadien der einzelnen Regionen resultiert: die reichen Küstenregionen mit ihren boomenden Millionenmetropolen als Gegenpol zu nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägten Binnenregionen mit einzelnen Großstädten und bescheidenem Wohlstand.
2012 betrugen die verfügbaren Haushaltsrücklagen in Shanghai
40.188 RMB. Haushalte in der verarmten Binnenprovinz Gansu hatten im Gegenzug
dazu mit 17.156 RMB weniger als die Hälfte zur Verfügung – mit direkter
Auswirkung auf die Lebensumstände. Während das Durchschnittsalter in Shanghai
80,26 Jahre beträgt, sind es in Gansu nur 72,23 Jahre (in Tibet als absolutes
Schlusslicht gar nur 68,17 Jahre). Das wiederum hat direkte Folgen auf das
Konsumveralten der jeweiligen lokalen Bevölkerung. Ein Tibeter, der
durchschnittlich 12 Jahre früher stirbt als ein Shanghaier, hat einen anderen,
rascheren Lebensstil: er heiratet früher und hat zu einem früheren Zeitpunkt
eine größere Anzahl an Kindern, während sich sein Shanghaier Counterpart Zeit
lässt. Verstärkt wird diese Entwicklung zusätzlich durch einen massiven Shanghaier
Arbeitsmarkt mit zahlreichen Chancen, der in Tibet schlichtweg nicht vorhanden
ist. Während der Shanghaier Anfang 20 also erst seine Karriere plant, bereitet
der gleichaltrige Tibeter im weitesten Sinne mit zahlreichen Nachkommen bereits
seine Altersvorsorge vor. Und während der Shanghaier an Bedürfnis-orientierten Unterhaltungsprodukten
interessiert ist, stehen für den Tibeter Bedarfs-orientierte Güter wie
Kindernahrung und Schulutensilien eher im Vordergrund.
| BIP/ Kopf in Chinas Provinzen (2011) |
Dieser kurze Exkurs soll eines veranschaulichen: China kann
nicht nur aufgrund seiner immensen Größe, sondern auch wegen seiner
unterschiedlichen Entwicklungsstadien nicht als homogener Markt verstanden
werden. China ist ungleich China. Am ehesten macht es Sinn, China als Kontinent
und die einzelnen Provinzen als Nationalstaaten mit unterschiedlichen
Entwicklungsstadien zu begreifen. Dementsprechend muss sich jedes Unternehmen
vor einem Markteintritt genau überlegen in welche dieser „Nationalstaaten“ man expandieren
möchte und schließlich eine eigene Marktstrategie für jeden dieser „Staaten“
entwerfen. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, mit der gleichen
Marktstrategie in allen Ländern Europas an den Start zu gehen. Genauso wie der
europäische, ist auch der chinesische Markt nicht homogen und bedarf mehrerer
differenzierter Marktstrategien.
Natürlich kann man
dem Überblick halber nach einer genauen Marktanalyse den Markt in einzelne
Cluster mit einem ähnlichem Entwicklungsstadion unterteilen, z.B. Chinas sog. First Tier Cities (Peking, Shanghai,
Guangzhou, Shenzhen) als ein Cluster. Doch auch hier ist Vorsicht
geboten, da in manchen Branchen selbst solche Cluster nicht homogen sind. Ein
gutes Beispiel dafür ist der Food-Retail Sektor in Peking und Shanghai. Im
Gegensatz zu weitläufigen Peking ist die Stadt Shanghai aufgrund ihrer geologischen
und topographischen Gegebenheiten extrem kompakt gebaut: Straßen haben meist
nur 2-4 Spuren (im Vergleich dazu Peking mit 6-10+ Spuren) und Häsuerblöcke
überschreiten selten die Längen von 500 Metern (in Peking oft mehr als das
doppelte). Für Food Retailer bedeutet dies, dass mehrstöckige
„Supermarkttempel“ mit einem kompletten Warensortiment a la Carrefour oder
Walmart keine Option in Shanghai sind. Natürlich gibt es solche Riesensupermärkte
auch in Shanghai. Die befinden sich jedoch vermehrt außerhalb des Stadtzentrums
bzw. in Satellitensiedlungen am Rande der Stadt. Dieser immanente Platzmangel ist
mitunter übrigens auch ein Grund, warum der Convenience Store Sektor in
Shanghai jenem Pekings massiv überlegen ist.
Doch Shanghais Platzmangel bewirkt auch eine massiv reduzierte
Verkaufsfläche. Im Gegensatz zu Riesensupermärkten befinden sich solche
„kleinen“ Supermärkte oft in stark verbauten Gebieten des Stadtzentrums, meist
in den Tiefgeschoßen von kleinen- bis mittelgroßen Shoppingmalls. Durch die
beschränkte Verkaufsfläche können Food Retailer nur einen Bruchteil ihrer Waren
anbieten und sind gezwungen das Warensortiment speziell auf die Strukturen und
Bedürfnisse der lokalen Wohngemeinschaften zuzuschneiden. Befindet sich der Store
in einem Viertel mit hoher Kaufkraft (z.B. Expatviertel), werden v.a. importierte
Waren von ausländischen Marken angeboten. In Studentenvierteln fokusiert sich
das Warensortiment v.a. auf preiswerte Konsumgüter wie (gekühlten!) Alkohol und
Fertiggerichte. In Gegenden mit einem hohen Altersdurchschnitt wird hingegen
verstärkt frisches Gemüse und Obst angeboten, oft sind auch kleine Apotheken in
solchen Supermärkten integriert.
All das führt zu einer zentralen Erkenntnis: eine gründliche
und zuverlässige Marktforschung spielt in China eine noch viel wichtigere Rolle
als in vielen anderen Märkten. Doch genau an dieser Hausaufgabe – der
Marktforschung – sind bereits so viele Retailer in China gescheitert. In den
ersten Jahren nach der Öffnung des chinesischen Marktes war die Welt für ausländische
Retailer noch simpel. Man ging ledigllich in den First Tier Cities (meist
überhaupt nur Peking und Shanghai) an den Start, da dort die Kaufkraft und die
Erfolgsaussichten mit Abstand am größten waren. Doch im Laufe der Jahre begann der
Retailmarkt in den Second- und Third Tier Cities ein weitaus größeres Wachstum
auf als in den First Tier Cities aufzuweisen, die mit zunehmender
Marktsättigung und steigenden Nebenkosten zu kämpfen hatten. Angetrieben von
Euphorie auf noch größere Erfolgsaussichten begannen viele ausländische
Unternehmen in den frühen 00er Jahren überstürzt in mehrere Second- und Third
Tier Cities zu expandieren – und scheiterten teils grandios.
Der Grund hierfür war eine Mischung aus übertriebener
Euphorie, Überstürzung und Ratlosigkeit. Die Markteintritte vieler Retailer in
Second und Third Tier Cities waren oft wenig bis gar nicht durchdacht und
wurden mit ähnlichen Marktstrategien wie in entwickelten First Tier Cities
begangen. Der britische Businessanalyst Matthew Crabbe beschreibt in seinem
neuesten Buch „Myth Busting China’s Numbers" eindrucksvoll, wie damals Top
Manager verschiedenster Retailer ihm gegenüber ihre Ratosigkeit eingestanden:
Anstatt eigene Marktforschung zu betreiben, sei es damals unter zahlreichen
ausländischen Retailern üblich gewesen, einen fraglichen Markteintritt in Second
und Third Tier Cities an dem Markteintritt von sog. „key brands" festzulegen.
Je nachdem welche Zielgruppe man ansprechen wollte, suchte sich damals jeder
Retailer seine eigene key brand, deren Zielgruppe der Kaufkraftparität der
eigenen Zielgruppe halbwegs entsprechen würde. Für Retailer, die auf niedrigere
Einkommensschichten abzielten, waren McDonalds und KFC klassische key brands,
während Retailer mit gehobeneren Preisstrukturen jedem Schritt von Starbucks o.ä.
folgten. Sobald eine relevante key brand in eine bestimmte Second oder Third
Tier City zog, sah man das als Beweis, dass dieser Markt „reif“ (im Sinne der
Kaufkraft) für eine Expansion wäre und folgte diesen key brands.
Was sich im Nachhinein wie absurde Kaffeesudleserei anhört, war
jedoch damals bittere Realität und trat als Statthalter für gründliche, im
eigenen Haus durchgeführte Marktforschung auf. Die Probleme an dieser
„Strategie" sind natürlich nicht von der Hand zu weisen:
- Wer konnte garantieren, dass die Marktforschungsresultate dieser key brands zuverlässig waren? Vielleicht folgten diese Marken ihren eigenen key brands? Das Resultat war eine Teufelsspirale aus Desinformation und Fehlinterpretation.
- Gerade das Beispiel von KFC als key brand ist absurd: Wenn solche Marken den Markteintritt in einer neuen Stadt wagen, dann tun sie das in der Regel mit mehreren Restaurant-Outlets. Doch trotz seiner immensen Marktpräsenz von mehr als 4.000 Restaurants in China, besitzt KFC nicht einmal 10% Marktanteil am chinesischen Fast Food Markt (verglichen mit 4.500 Restaurants in den USA und einem Marktanteil von fast 25%)– ein Indiz für die starke Fragmentierung des chinesischen Marktes. Wie wollen also beispielsweise mehrere Retailer in einer überschaubaren Second Tier City mit jeweils mindestens einem Riesensupermarkt einen signifikanten (und v.a. rentablen) Marktanteil erlangen?
Das führt wiederum zu einer zweiten Erkenntnis. Der
chinesische Markt ist nicht nur inhomogen, sondern auch extrem fragmentiert.
Das ist wegen der schier unglaublichen Größe des Marktes alles andere als
verwunderlich. Natürlich streben überdurchschnittlich viele Mitbewerber auf
einen solch großen und versprechenden Markt. Das wiederum resultiert in
verstärktem Wettbewerb und die inhomogene Natur des Marktes fördert eine
überdurchschnittlich hohe Fragmentierung des Marktes, wie es die obige KFC Fallstudie
gut verdeutlicht. Nach überstürzten Expansionen sind mittlerweile
verschiedenste Retailer, wie Marks & Spencer, Hooters oder TGI Fridays, an
diesem Punkt der Erkenntnis angelangt. Mit dem Resultat, dass sie ihr
Kerngeschäft mittlerweile wieder zurück auf die First Tier Cities gelegt haben.
Wer also ein Stück von Chinas massivem Kuchen haben will, muss immense Summen
investieren, hohe Risiken eingehen und hat letztlich trotzdem einen sehr
ungewissem Ausblick auf Erfolg. Wer jedoch die inhomogene und fragmentierte
Natur des chinesischen Markts begriffen hat und weder Kosten noch Mühen für eine
sorgfältige Marktforschung scheut, der erhöht seine Chancen auf Erfolgaussicht
zumindest signifikant.
Kapitel 4: Chinas Konsumenten – anfordernd, iloyal, gnadenlos
Dank steigender Gehälter und Haushaltsrücklagen können sich zunehmend mehr Chinesen
Urlaub in zunehmend fernere Regionen leisten. Dass dabei natürlich kräftig
konsumiert wird, liegt auf der Hand. Auf Österreichs bekanntester Luxus-Shoppingmeile,
der Wiener Kärnternstraße, haben zahlkräftige chinesische Kunden längst
russischen Luxustouristen den Rang abgelaufen. Das überrascht wenig. Denn chinesische
Konsumenten haben extrem hohe Ansprüche. Anders als der durchschnittliche
österreichische Konsument, für den ein niedriger bzw. „vernünftiger“ Preis nach
wie vor das Hauptargument bei der Wahl eines Produktes ist, tickt der
(kaufkräftige) chinesische Konsument anders. Die Devise lautet: je teurer, desto besser. Das hat (großteils)
wenig mit Protzen und Arroganz zu tun, sondern viel mehr mit einem Streben nach
Sicherheit.
| Haushaltsrücklagen pro Kopf (2006-2015) in RMB |
Dieser Wunsch nach Sicherheit lässt sich besonders gut im
Lebensmittelsektor beobachten. In einem Land, in dem jährlich mehrere Lebensmittelskandale aufgedeckt werden, die
wiederum nur die Spitze des Eisberges bilden, ist es nur allzu verständlich, dass Konsumenten einer
ganzen Industrie gegenüber misstrauisch eingestellt sind. Daher spielt für
(kaufkräftige) chinesische Konsumenten ein niedriger Preis bei Lebensmittel
keine Rolle, ganz im Gegenteil: oft wird ein niedriger Preis mit schlechter oder
zumindest fragwürdiger Qualität gleichgesetzt. Das Resultat: Konsumenten wenden
sich zunehmend importierten Marken aus dem Ausland zu. Und Unternehmen sind auf
diesen Trend bereits eingegangen. Der Online Food-Retailer Yi-Hao-Dian schaltet
beispielsweise regelmäßig Kampagnen, die bewerben wieviele Container an
importierter Milchprodukte nun zum Aktionspreis verkauft werden. Auch der
Offline Food Sektor hat nachgezogen. So sind in den letzten Jahren zahlreiche „Importsupermärkte“
in den Großstädten entstanden, die sich an kaufkräftige Kunden richten und
großteils importierte Waren anbieten. In solchen Supermärkten ist es normal
geworden 5-7€ für einen importierten Liter Milch aus Neuseeland zu bezahlen.
![]() |
| Yi-Hao-Dian: Zeitlich begrenzte Rabattaktion von importierter Milch |
Auch abseits des Lebensmittelsektors gilt für den (kaufkräftigen)
chinesischen Konsumenten die Devise: je höher der Preis, desto besser die
Qualität. Das iPhone genießt bei chinesischen Konsumenten
v.a. deshalb so einen guten Ruf, da der chinesische Smartphone Markt von minderwertigen
Smartphones und Imitaten regelrecht überschwemmt wird. Natürlich gibt es auch
hochwertige Alternativen zum iPhone wie Samsung. Doch diese Alternativen sind
meist mit dem von Google entwickelten Android Betriebssystem ausgestattet,
welches sehr von verschiedenen Google Services wie Google Play (wo Apps
heruntergeladen/ upgedatet werden können) abhängig ist, die wiederum in China
blockiert sind. Das schränkt wiederum die Funktionalität von Android Smartphones
in China massiv ein. Natürlich gibt es Softwarealternativen, die in China
funktionieren und diverse Google Services obsolet machen. Doch das ist vielen Konsumenten
in China zu mühsam. Wer sicher gehen will, kauft sich ein einfach zu
handhabendes iPhone. Darüber hinaus ist es für viele Konsumenten wesentlich ansprechender,
behaupten zu können, dass man ein Smartphone von Apple hat als von einem
koreanischen oder gar chinesischen Herstelller (auch wenn sich letzteres dank
Xiaomi langsam ändert). Womit wir schon bei der oben angesprochenen Angst vor
Standardisierung wären.
Starke Marken vermitteln chinesischen Kunden v.a. zwei
Dinge: Sicherheit (im Sinne von Qualität) und Individualisierung. Letzteres
scheint logisch: Vorausgesetzt Geld spielt für einen Konsumenten keine Rolle: warum
sollte er sich dann für einen soliden VW Passat entscheiden, wenn er um einige
Tausend RMB mehr einen Audi A6 erhallten kann? Die meisten Chinesen würden die
Marke VW eher mit solider Qualität made in Germany als mit Luxus assoziieren –
im Gegesatz zu Marken wie Audi, Mercedes oder Porsche. Wie auch im Westen, ist
das Auto ein zentrales Element um „Gesicht zu zeigen“ und „ein Statement abzugeben“.
Aus dem selben Grund bevorzugen chinesische Konsumenten Luxusartikel von Top
Marken wie LV oder Chanel gegenüber Marken des „Mittelfelds“.
Daher versuchen auch so viele Retailer die kaufkräftige oberste
Einkommensschicht Chinas anzusprechen. Das Problem dabei: Chinas Konsumenten
sind extrem iloyal. Sie werden sich zwar stets für eine Marke aus dem
Top-Segment einer Branche entscheiden, bleiben aber selten einer bestimmten Marke
treu. Dieses als „Brand Hopping“ bekannte Phänomen stelllt Retailer vor eine
enorme Herausforderung. Eine Bain & Co. Studie aus dem Jahr 2012 fand
heraus, dass jeweils 5 Marken aus dem Top-Segment in 10 verschiedenen Retailbereichen
im Zeitraum 2011-2012 30-60% ihrer Altkunden verloren hatten. Für Marktforscher
bedeutet das folgendes: Würde man einen durchschnittlichen chinesischen Konsumenten
eine Liste von all jenen Marken erstellen lasssen, die er im vergangenen Jahr
gekauft hat, und die selbe Umfrage ein Jahr später durchführen, so würden die
Ergebnisse der beiden Jahre extrem divergieren. Das macht es wiederum für
Retailer extrem kompliziert verlässliche Marktstudien durchzuführen, da die
Ergebnisse solcher Studien sehr rasch nicht mehr aktuelll sind.
Als ob all dies nicht schon herausfordernd genug wäre, kommt
noch dazu, dass chinesische Konsumenten keine Gnade kennen, sobald sich ein
Unternehmen einen Fehltritt leistet. Dies gilt insbesondere für Konzerne, die
in Lebensmittelskandale verwickelt sind. Die Empörung, die sich daraufhin im
Internet entlädt und der oft ein Boykottaufruf folgt, kann allein schon
aufgrund der immensen Anzahl an chinesischen Konsumenten schnell zu einer
existentiellen Bedrohung für ein Unternehmen werden, insbesondere wenn dieses sein
Geschäft auf China als Hauptaugenmerk ausgerichtet hat. So wirkte sich ein
Fleischskandal bei einem Zulieferer von McDonalds, KFC und Pizza Hut im Juli 2014
dermaßen schlecht auf deren Ruf aus, dass sich besagte Unternehmen bis heute
nicht vollständig von den damaligen Boykottaufrufen erfangen haben.
Der Wandel von Chinas Gesellschaft hin zu verstärktem Konsum ist bereits in vollem Gange. Doch im Gegensatz zu früher, spielt Qualität mittlerweile eine immer ausschlaggebendere Rolle. Dafür sind Chinas Konsumenten auch bereit einen höheren Preis zu bezahlen, zu dem sie dank steigender Einkommen und Haushaltsrücklagen auch zunehmend in immer größeren Ausmaß in der Lage sind. Dem durchschnittlichen chinesischen Konsumenten geht es heutzutage nicht mehr darum zwei oder drei Yuan zu sparen, sondern darum, ein Statement abzugeben.
Im Herbst 2013 sendete der staatliche Fernsehsender CCTV als
Teil einer Reihe von Anschuldigungen gegen ausländische Unternehmen eine Reportage über vermeintlich „unethischeund
korrupte“ Businessmethoden der amerikanischen Kaffeekette Starbucks in China.
Zentraler Bestandteil der Anschuldigung war die Tatsache, dass Starbucks Kaffee
in China viel teurer ist als in den USA, und das trotz niedrigerer Personal-
und Produktionskosten für Pappbecher etc. Die Empörung war groß und nicht
wenige verlangten, dass die Regierung regulierend einschreiten sollte.
Was CCTV und diese Empörten jedoch nicht verstanden hatten,
war jenes Prinzip, welches jeder Student der Wirtschaftswissenschaften in
seiner ersten Vorlesung lernt: das Prinzip von Angebot und Nachfrage –
Economics 101 wenn man so will. Denn es zwingt niemand die chinesischen
Konsumenten einen überteuerten Starbucks Kaffee zu kaufen. Es gibt genug billigere
Alternativen, angefangen vom 10 Cent Instant Kaffee im Supermarkt bis hin zum McDonalds
Kaffee, der um umgerechnet 1€ zu erhalten ist, inklusive Pappbecher (unglaublich!).
![]() |
| Ob sie gezwungen wurde? |
Doch es macht letztlich für den Konsumenten einen enormen
Unterschied, ob er mit einem billigen Instant Kaffee oder mit einem
Starbucks-gebrandeten 4€ Chai Latte durch die Straßen schlendert. Denn der Konsument
hat eine gezielte Entscheidung getroffen, mit der er ein bewusstes Statement abgeben
will. Und das ist vermutlich der größte Unterschied zwischen Chinas heutiger
Konsumgeneration und jener von vor 20 Jahren. Chinesische Konsumenten sind neugiereig
und zunehmend offen gegenüber Konsum eingestelllt. Themen wie Branding und
Viral Marketing befinden sich in China noch in den Kinderschuhen. Und das
eröffnet wiederum noch nie dagewesene Möglichkeiten für Unternehmer. Christoph
Kolumbus hat letztlich doch Recht behalten.

