Mittwoch, 16. Juni 2010

Bildungsfernsehen

Soeben hatte die Zeichentrickserie „海宝来了“ (Haibao ist gekommen) auf dem Kinder TV Kanal Kaku Premiere. Und im Mittelpunkt der Serie steht – wie der Titel bereits erahnen lässt – das Maskottchen der diesjährigen Expo: Haibao. Doch mit der Expo selbst hat die Serie herzlich wenig gemeinsam.


Zwar ist der Plot im heutigen Shanghai angesiedelt, anstatt sich allerdings mit in der Expo offiziell propagierten Themen wie alternativer Energie oder Nachhaltigkeit zu befassen, ist Haibao mithilfe drei Shanghaier Kleinkinder und einem Baby-Dinosaurier (!!) damit beschäftigt den immer wiederkehrenden Bösewicht – einen Zauberer und dessen Rabe - aus der Stadt zu verjagen. Ganz im Mittelpunkt steht der Hauptakteur Haibao selbst, der als kleines blaues knuddeliges Etwas vor dem China Pavillon auf Wiesen Schmetterlingen nachrennend dargestellt wird. Am Ende einer Epsiode fragt Haibao die Zuschauer völlig aus dem Kontext gerissene Fragen, wie z.B.: „Liebe Freunde, kennt ihr euch mit der Kultur der Stadt Suzhou aus? Nein? Na dann kommt doch einfach zur Expo in den Suzhou Pavillon und informiert euch dort…“. Im Hintergrund flimmern die uns bekannten eindrucksvollen Nachtaufnahmen verschiedenster Expo Pavillons über den Schirm. Nach den Credits folgt dann auch noch gleich ein Expo Werbespot, die Vermarktung ist perfekt. Mehr ist es auch nicht, simple vom Steuerzahler finanzierte Werbung in Form einer Zeichentrickserie. Schade.

Denn grundsätzlich hätte eine an die Expo angelehnte Serie, die Kinder auf Umweltproblematiken (speziell in China ja ein ernstzunehmendes Problem) aufmerksam macht, durchaus Potential. Stattdessen zieht man es aber lieber vor mit Werbekampagnen Kinder mitsamt deren Eltern zur Expo zu locken um so die in letzter Zeit immer entäuschenderen Besucherzahlen zu schönen – Kinder sind ja bekanntlich relativ leicht für etwas zu begeistern. Und selbst wenn dadurch ein paar zusätzliche Haibao-Stofftiere unter die Leute gebracht werden können, gibt es eine (wenn auch geringe) Profitsteigerung. Niemand verlangt überforderndes Bildungsfernsehen für Kleinkinder. Aber Serien wie „Es war einmal der Mensch“ oder „Als die Tiere den Wald verließen“ wurden dem Begriff „Bildungsfernsehen“ wenigstens noch halbwegs gerecht.

Freitag, 4. Juni 2010

Die politischen Erben Tiananmens

21 Jahre ist es also nun her, als sich Tausende Leute am Platz des Himmlischen Friedens versammelten. 21 Jahre ist es her, als die Volksbefreiungsarmee auf Passanten und Demonstranten schoss und Panzer über unzählige Körper ratterten. 21 Jahre ist es her, als wohl eines der eindruckvollsten Fotos des 20. Jahrhunderts – der Tank Man – geschossen wurde, in dem ein unbewaffneter Passant eine ganze Panzerkolonne aufhält. Und ebenfalls 21 Jahre ist es her, als die chinesischen Abendnachrichten dieses Geschehen mit den Worten „Jeder mit etwas Vernunft kann erkennen, dass dieser einzelne Schurke nie unsere Panzer am Vormarsch hätte hindern können. Dieses Dokument fliegt in das Gesicht westlicher Propaganda. Es beweist, dass unsere Soldaten durch gute Ausbildung ein höchstes Maß an Disziplin besitzen.“ kommentierten.


Heute sieht die Welt freilich anders aus, Tabu Thema ist das Tiananmenmassaker von 1989 jedoch immer noch - das beweist schon allein die in China übliche Namensgebung Tiananmen-Zwischenfall. Für die Partei war es nicht nur eine der gefährlichsten Macht- und Stabilitätsbedrohungen, sondern viel mehr: der bis dato letzte klassen- und soziale Schichten übergreifende Massenprotest gegen die Regierung. Denn entgegen vieler Behauptungen war die Tiananmen-Bewegung weder eine reine Demokratiebewegung noch eine reine Studentenbewegung. Zwar war der Protest durch Studenten und Intelektuelle mit Demokratieambitionen initiiert worden, richtig in Fahrt (v.a. zahlenmäßig) kam die Bewegung letztlich aber erst durch den Anschluss unzähliger Arbeiter, welche sich trotz der Reform- und Öffnungspolitik von 1978 nach wie vor benachteiligt fühlten. Somit war die Tiananmen-Bewegung vielmehr als eine Demokratiebewegung, sie glich mehr einem Aufschrei der Bevölkerung, welche jahrelang Ungerechtigkeiten ertragen musste und Ungereimtheiten im System ausmerzen wollte.

Derartige Massenaufstände sind in der chinesischen Geschichte jedoch keinesfalls die Ausnahme, ganz im Gegenteil: Seit jeher galt zu Zeiten des Kaiserreichs das Prinzip des himmlischen Mandats. Als Gesandter des Himmels fungiert der Kaiser als Mediator zwischen Himmel und Erde, sprich dem Volk. Sofern der Kaiser seine Aufgaben gut ausführt und gut für sein Volk sorgt, wird er dafür mit Loyalität und Treue seitens des Volkes belohnt. Sollte er sich allerdings als unfähig erweisen, besitzt das Volk jederzeit das Recht ihm seines himmlischen Mandats zu entziehen, sprich ihn zu stürzen und einen neuen Führer auszuwählen. Somit endete jede Dynastie jeweils mit einem Aufstand seitens des Volkes. Dieses im kaiserlichen China als Grundrecht geltende Verfahren galt zu Zeiten der modernen Volksrepublik China freilich nicht mehr, in der Tiananmen-Bewegung mitsamt ihrer immensen Eigendynamik spiegelten sich aber viele Aspekte des himmlischen Mandats-Prinzips wider, was daraufhin wiederum einige Parteikader nervös stimmte. Hinzu kam die Tatsache, dass die Bewegung eine weitere Staatsreform im Sinne von – wenn auch nur schrittweiser - Demokratisierung forderte, was wiederum im Falle eines Erfolgs Instabilität und somit eine gewisse Verwundbarkeit der Partei als Machthaber (Möglichkeit des Abwählens einer Regierung) zur Folge gehabt hätte. Es handelte sich also in den Augen der Partei um eine langfristige Machtgefährdung, die es zu unterbinden galt.

In diesem Sinne war die Art und Weise wie mit der Protestbewegung seitens der Partei umgegangen wurde ein reiner Schauprozess, sowohl in den Phasen während als auch nach der Bewegung, in denen es zu unzähligen Hinrichtungen und Verurteilungen wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ kam. Die Botschaft „Die Partei ist der alleinige Herr im Haus, und niemand kann und darf etwas daran ändern“ sollte unmisverständlich an das gesamte Volk gebracht werden. Die Jahre nach dem Tiananmenmassaker waren vom Totschweigen über die Ereignisse jener schwülen Juni Nacht anno 1989 geprägt; die Wenigen, die es dennoch wagten sich zu äußern, wurden verfolgt, verurteilt und nicht selten hingerichtet. Eine Ära der Angst, in der weder Geschichtsbücher noch Lehrer ein Wort über jene Ereignisse verlieren durften, wurde eingeläutet. Selbst heutzutage gibt es noch viele Kinder der 90er und später 80er Generation, denen das Schlagwort Tiananmen-Bewegung nichts sagt. Ebenso wie die verfehlte Ideologiepolitik Maos in den 60ern ist das Tiananmen-Massaker eines der größten – wenn nicht sogar das größte – Tabuthemen des modernen Chinas.

Dass seiner Zeit dermaßen viele (v.a. unzählige junge Leute) auf die Straße gingen um sich für ein besseres Leben oder einen gerechteren Staat einzusetzen, erscheint heute geradezu utopisch. Die heutige Jugend kann grob in drei Gruppen eingeteilt werden: der Großteil der Unpolitischen, die Gruppe der stramm auf Parteilinie stehenden und letztendlich wenig kritisch Denkende. Doch zunächst alles der Reihe nach.

Als am leichtesten formbare Gesellschaftsgruppe besitzen Jugendliche in den Augen der Partei einen Sonderstatus – ihre Herzen und somit ihre Loyalität gilt es zu erobern. Die Grundvorraussetzungen hierfür wären da schon mal nicht so schlecht: man wird zu Großteil als verhätscheltes Einzelkind in eine moderne, friedliche und von Wohlstand geprägte Welt - wie sie sich die eigenen Großeltern nicht einmal im Traum hätten vorstellen können – hineingeboren. Dass man in einer derartigen „Traumwelt“ lebt, ist im Endeffekt reiner Verdienst der Partei, die an der Spitze der Gesellschaft steht und sich wie die Hand Gottes schützend über das Volk streckt und wohlwollend für alle sorgt. Dass man als naiver Jugendlicher mal schnell auf einen solchen Propagandazug aufspringt, ist nicht so abwegig. Wer jedoch mit jener Art von Jugendlichen über politisch kontroversielle Themen wie z.B. die Taiwan-Problematik spricht, wird schnell feststellen, dass zwar immer schön gemäß Parteilinie von der Ein-China Politik gesprochen wird, spezifische Argumente bleiben die jungen „Parteisoldaten“ einem dann aber doch meist schuldig. Denn warum Chinesen ein spezielles Visum benötigen und sich einer speziellen Reisegruppe anschließen müssen, wenn sie bloß in die landeseigene Provinz Taiwan fahren wollen, konnte mir bisher noch niemand ernsthaft erklären.

Auf der anderen Seite gibt es die zahlenmäßig bedeutungslosen kritisch-Denkenden. Diese Gruppe findet zwar vieles oder einiges an der Partei als nicht-unterstützungswürdig, ist jedoch nicht ausreichend genug untereinander vernetzt oder es fehlt ihnen an Courage um ihren Unmut in Form von Demonstrationen o.ä. an die Öffentlichkeit zu tragen. Sollte es sich bei dieser Gruppe um Leute aus reicheren Bevölkerungsschichten handeln, wird man mit Geld künstlich ruhig gestellt, frei nach dem Motto: Es gibt zwar Ungerechtigkeiten in unserem Land, aber so lange es mir gut geht, will ich mich nicht beklagen. Eine erkaufte Zufriedenheit eben.

Und zu guter Letzt wäre da noch die Gruppe der Unpolitischen, die sich entweder wirklich nicht für Politik interessiert oder aus Angst vor der „falschen“ Meinung zumindest ihre wahre politische Gesinnung nicht preisgibt. Wie jedem Regime ist auch der Partei jegliches kritische Denken stets ein Dorn im Auge gewesen, denn kritisches Denken seitens der Bevölkerung bedeutet mögliche Kritik und somit Gefährdung der Regierung. Das zeigte sich bereits im Rahmen der Kulturrevolution, der Unzählige vorrangig Intellektuelle zum Opfer fielen und setzte sich 1989 mit den von Gelehrten und Studenten initiierten Tiananmenprotesten fort. Tiananmen hatte die Partei seiner Zeit beinahe in eine Staatskrise im Sinne von Existenzbedrohung geführt, umso wichtiger galt es ab nun sämtliche ähnliche Proteste bereits im Keim zu ersticken um offiziell die Stabilität des Staates und inoffiziell die Alleinherrschaft der Partei gewährleisten zu können.

Kritisches Denken sollte von Anfang an speziell bei Jugendlichen unterbunden werden – mit Erfolg. Denn neben einer gewissen Propagandapolitik spielt in dieser Problematik auch das genau auf solche Bedürfnisse zugeschnittene Bildungssystem eine wichtige Rolle. Hierbei muss man sich nicht einmal an Beispielen der eigenen Geschichtsreflexion bedienen, es genügt bereits ein simpler Blick in den typischen Tagesablauf eines Durchschnitsschülers einer Mittelschule. Die Unterrichtsgegenstände sind zwar ähnlich wie bei uns weit gefächert und reichen von Klassikern wie Mathematik über Geographie bis gar hin zu politische Bildung. Die Art des Unterrichts unterscheidet sich dann doch wieder eklatant zu jenen Didaktikmethoden des Westens: trockener Frontalunterricht steht auf der Tagesordnung, selbst bei Fremdsprachenfächern wie Englisch, in denen aktives Lernen besonders wichtig wäre, liest man stets nur Texte oder hört Listening Comprehenions, deren Fragen man dann im Rahmen eines Multiple Choice Tests (!!) beantworten muss. Und ohne jetzt in eine Bildungsdebatte über die besten Unterrichtsmethoden verfallen zu wollen, muss man doch zugeben, dass aktive Lernformen wie Gruppenarbeit, Diskussionen oder Referate nicht nur eine gute Vorbereitung auf das Beruf- oder Unileben darstellen, sondern v.a. kritisches Denken fördern! All jene Formen des Unterrichts werden jedoch an chinesischen Schulen nicht angewandt. Während im Westen das Sprichwort „In der Schule lernt man fürs Leben“ gilt, bekommt man in China eher den Eindruck, dass man hier nur für Prüfungen lernt – und das sagen sogar die Masse der Schüler und Studenten selbst. Denn bei Hausübungen geht es ähnlich weiter: Anstatt mit der neu erlernten Gramatik eigene Sätze zu bilden, kreuzt man eine von fünf Antwortmöglichkeiten auf einem vorbereiteten Multiple Choice Test als Englisch-Hausübung an. Zu guter Letzt fehlt den Schülern auch noch die in der Jugend für die Persönlichkeitsbildung so wichtige Freizeit. Denn durchschnittlich sitzt man von 8 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends in der Schule, plus Aufgaben schreiben bis spät in die Nacht hinein. Die seit jeher tief in der chinesischen Gesellschaft verankerte Vorstellung, dass man mehr im Sinne von besser lernt je länger man auf der Schule oder mit Hausübungen verbringt, verstärkt diese Tatsache nur. Über die wenigen Feiertage im Jahr wird zudem extra Hausüung vergeben oder Prüfungen speziell am ersten Schultag nach den Feiertagen angesetzt, so dass man erst recht wieder keine Zeit für sich selbst hat. Wie soll sich bei einem derartigen Alltag auch nur ansatzweise ein halbwegs kritisch denkender Mensch heranbilden können?


Nach jahrelangem Auswendig-Lernen und Multiple Choice Test-Ausfüllen hat man dann letztendlich die letzte große Hürde – den Gaokao (entspricht einer College Entry Exam) – vor sich. Dieser landesweit einheitliche Test entscheidet wer künftig auf welcher Uni studieren darf – je besser das Ergebnis desto besser die Uni. Oder man fällt eben komplett durch und steht ohne Studienberechtigung da. Paradoxerweise wird dann aber auf der Uni genau das gefordert, was in den Schulen jahrelang nie gefördert wurde: Kritisches Denken! Somit fehlt den typischen Durchschnitts-Erstsemestrigen die komplette Reife und Erfahrung zum Studieren – ihr Körper ist erwachsen, ihr Geist und ihre Psyche jedoch nach wie vor in der nie wirklich gelebten Pubertät.

Aber es geht noch weiter: ohne Seitenhiebe austeilen zu wollen, aber wer schon mal mit einem durchschnittlichen 18-19 Jährigen chines. Studenten geredet oder ihn einfach nur angesehen hat, wird den Eindruck nicht los, dass man es hier mit einem Kind oder bestenfalls einem Jugendlichen zu tun hat. Weil man eben während der Schulzeit für Sachen wie die erste Freundin, soziale Netzwerke und Kontakte knüpfen oder persönliche Interessensentwicklung einfach keine Zeit hatte! Da kommt es schon mal leicht vor, dass man aufgrund nicht vorhandener Sozialkompetenz keine Freunde hat und den ganzen Tag einsam in der Internetbar mit Online PC-Spielen verbringt. Oder dass man mal ungewollt die Freundin schwängert, weil man einfach keine Ahnung von korrekter Verhütung hat. Dass man sich von solchen Leuten, die ohnehin schon mit sich sebst genug beschäftigt sind, auch noch eine gefestigte politische Meinung erwartet, ist mehr als absurd. Doch genau jene Individuen sind die politischen Erben Tiananmens. Und die Tatsache, dass deren Vorgängergeneration 1989 sich auch genau in demselben Alter befand, verstärkt dieses Paradoxon nur noch mehr.

Seitens der Partei war man also erfolgreich, indem man eine ganze Generation quasi mundtot gemacht hat – und die Wenigen die den Mund aufmachen, plappern sowieso die Propagandapolitik nach. Die eigene Herrschaft ist somit wieder für einige Zeit gewährleistet, die Bevölkerung ruhig gestellt. Chapeau!

Es läuft alles nach Plan, doch bisher wurde jede Dynastie mit einem Volksaufstand beendet. Und auch wenn es derzeit ruhig zugeht, wird die Zeit kommen, in der die Bevölkerung auch der Partei das himmlische Mandat entziehen wird. Geschiche ist eben (un)berechenbar.