Es ist Mittwoch und mittlerweile hat sich viel getan, die Uni hat begonnen – genauso wie die Paralympics und der Michi is mittlerweile wieder in Wien bzw Österreich. Grund genug für ein Blog Update.
Beginnen wir mal mit der Uni, die hat ziemlich genau vor einer Woche begonnen, doch bevor die Uni begann gabs am Vorabend noch ein Orientation Meeting, das von der lokalen Polizeistation am Unicampus organisiert worden war, zu dessen Teilnahme man mehr oder weniger verpflichtet war – Zitat: „[…] You will be responsible for any results caused by your absence from the meeting.“ -.-
Im Endeffekt glich dieses Orientation Meeting, bei dem der Chef der örtlichen Polizeistation einen Vortrag hielt, mehr einem Angstmache- bzw Belehringsmeeting a la China. Neben wenigen nützlichen Informationen (Notrufnummern, wann sind Feiertage und Ferien) wurde uns vor allem in diesen zwei Stunden nahe gelegt was wir in China alles nicht dürfen und was uns (aufgezeigt anhand von tw mehr als übertriebenen, aber angeblich wirklich geschehenen Beispielen) alle in Folge eines Gesetzesverstoßes geschehen könne. Nachdem also der Angstmachteil (welcher einen Großteil des Meetings in Anspruch nahm) beendet war folgte jener Teil, der in jedem Jugendlichen der Welt ein De ja vus hervorrufen würde: Der „Kind ich mach mir Sorgen um dich“-Teil, welcher vor allem beinhatete:
- betrinkt euch nicht
- schaut auf der Straße nach links rechts links
- passt beim Mopedfahren auf
- nehmt keine Drogen
- habt keine sexuellen Orgien (!!)
- sperrt eure Wohnungen gut ab
- macht keinem Fremden die Tür auf
Wie auch immer, einziger Grund warum ich dieses Meeting nicht vorzeitig verlassen habe, was das Versprechen, dass wir am Ende des Meetings unsere Studentenausweise bekommen würden, was dann auch der Fall war.
Doch wieder zurück zum Uniunterricht. Grundsätzliches: Wir haben hier 20 Wochenstunden, von Mo-Fr jeweils 4 Stunden am Vormittag, alles Sprachkurse, die noch dazu denen in Wien sehr ähneln (Grammatik, Sprechen/Hören, Schreiben/Lesen, Alltagskommunikation). Vom Schwierigkeitsgrad her gibt’s hier mehrere Levels beginnend bei: Treshold, Elementary, Upper Elementary, Lower Intermediate, Upper Intermediate und Advanced. Zuerst haben sie mich in Elementary gesteckt, was jedoch wirklich viel zu leicht war. Als ich mir dann das Buch angeschaut hab hab ich auch gesehen, dass der Stoff ca dort ansetzt wo wir in Wien Anfang des 3. Semesters begonnen haben. Nach der ersten Stunde bin ich dann gleich zum Registration Office in den 10. Stock gerannt (die Aufzüge im Hauptgebäude funktionieren nicht) und hab denen irgendwie versucht weis zu machen, dass diese Klasse für mich zu einfach ist und ich in eine schwierigere will. Konnte mir dann Bücher aus den höheren Levels anschauen und hab dann im Endeffekt beschlossen in Upper Elementary zu gehen, das setzt vom Stoff her am Beginn des 4. Semesters an, also recht gut. Die Johanna ist ebenfalls in eine höhere Stufe gegangen, nur eben eine über mir, nämlich Lower Intermediate. Hab mir da auch die Bücher angeschaut, wär auch gegangen, nur waren da wirklich schon viele Vokabel, die ich nicht konnte und so ließ ichs daweil mal lieber bleiben.
Also teilte ich denen mit, dass ich nur eine Stufe aufsteigen will, was zur Folge hatte, dass ich mal gleich aus dem Stehgreif raus eine kleine „Prüfung“ machen musste ob ich denn wirklich „reif“ für die nächste Stufe bin. Im Wesentlichen sah das Ganze so aus, dass ich einfach von der letzten Lektion aus dem Elementary Buch irgendwas vorlesen musste, was allerdings wirklich einfach war.
Im Endeffekt hab ich diese Einteilung per Testergebnis überhaupt ziemlich angezweifelt bzgl. Ihrer Effizienz, da ich in der Elementary Klasse als jemand drin saß, der schon seit 2 Jahren Chinesisch lernt. Gleichzeitig gabs dort aber auch Leute, die erst 2 Monate oder gar schon 5 Jahre lernten! Also irgendwas dürfte da nicht geklappt haben. War im Endeffekt auch nicht der einzige, der Klasse gewechselt hat.
Naja, jetzt bin ich auf jeden Fall in Upper Elementary und fühl mich recht wohl hier, ist genau meine Schwierigkeitsgrad. Die Klasse (so wie alle andren auch) hat ca eine Größe von 15-20 Leuten, die Lehrer sind alles Native Speaker und sprechen dementsprechend nur Chinesisch (die meisten können gar kein Englisch). Auch die Schüler reden untereinander Chinesisch – zumindest im Unterricht, danach dominiert natürlich Englisch. Dominante Nationen in meiner Klasse sind diverse asiatische (insbesondere S-Korea und Japan) und diverse südamerikanische Länder.
@ Michi: Ja, die Japaner haben in der Tat auch bei uns eine äußerst gewöhnungsbedürftige Aussprache, sprechen jedoch gut Englisch, so dass es nicht notwendig ist, sich mit ihnen auf Chinesisch rumzuplagen ;) Außerdem haben wir einen Kubaner in der Klasse, bei dem man nicht unterscheiden kann ob er gerade Spanisch oder Chinesisch spricht, weil er die Pinyin (für Nicht Sinologen: ist die Transkription von chinesischen Zeichen in unser Alphabet) wirklich genau so ausspricht, wie sie dort stehen, d.h. zB wenn dort 对面 steht, dann spricht er es auch wirklich duimian aus ^^. Ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber man gewöhnt sich dran. Ansonsten kann ich mich daweil echt nicht beschweren die Lehrer sind total bemüht einem den Stoff näher zu bringen. Man bekommt auch in der Regel wirklich viel Aufgabe, durchschnittlich sitz ich jeden Tag 2h oder mehr vor der Aufgabe, womit eigtl. die Zeit bis 15 oder 16 Uhr schon mal mit Unizeugs abgedeckt ist. Auch das Lerntempo ist ziemlich schnell, alle drei Tage starten wir eine neue Lektion, wobei eine Lektion ca den selben Umfang hat wie die aus unseren Lehrbüchern in Wien (also etwas mehr als 30 Vok. Und halt neue Grammatik etc.). Außerdem gibt’s alle paar Stunden ein Diktat, das man dann auch abgeben muss, weil das benotet wird, spätestens dann beginnt man Zeichen zu lernen :) Generell wird hier versucht den Leistungswillen anzukurbeln, zB wird jedes mal beim Austeilen der verbesserten Aufgaben alles laut vorgelesen, was wer falsch/richtig gemacht hat - vor der ganzen Klasse. Soll anscheinend auf den Schamgedanken abzielen, dies ist übrigens auch eine völlig gängige Methode an den normalen Schulen hier in China. Dort geht man sogar noch einen Schritt weiter, indem man den Kindern ihre Noten auf die Stirn schreibt (zumindest hab ich das mal in einer Doku auf CCTV gesehen^^). Der einzige Haken daran ist, dass derartige Methoden irgendwie bei den westl. Studenten nicht wirken, denn (zumindest ich) schäme mich nicht für eine schlechte Note. Wie auch immer, grundsätzlich bestehen unsere Aufgaben meist aus dem selben: ein Tagebuch auf chinesisch führen, regelmäßig die neuen Vokabeln schreiben & lernen und zum Anschauen dem Lehrer geben, diverse Grammatikübungen machen usw.
Ansonsten: Anscheinend nimmt es die Uni mit den Fehlstunden nicht zu ernst, da man summa summarum 5 Wochen durchgehend fehlen kann ohne auch nur eine Verwarnung zu bekommen, dagegen sind ja die 3 Stunden pro LV in Wien wirklich org!
Nächstes Thema: die Paralympics haben begonnen. Es gab ja nun eine 2 wöchige Pause zwischen Olympia und den Paralympics. Doch wer glaubt, dass es da tote Hose in China bzgl Oympia Euphorie gab, der irrt gewaltig. Irgendwie bekommt man hier schnell den Eindruck, dass die Chinesen nicht so recht wahrhaben wollen, dass Olympia – der Event auf den man Jahre lang hingearbeitet hat, der Event der schon als Beginn einer neuen Zeitrechnung galt - in wenigen Tagen für immer und ewig Geschichte sein wird. Besonders regelmäßige Benutzer des öffentlichen Verkehrssystems bekommen das zu spüren. Auf den Fernsehschirmen in den Ubahnen und den Bussen wurden tagelang immer die selben Highlights der Eröffnungsfeier (aber nie aus der Abschlussfeier!) von Olympia gezeigt, in der morgentlichen und abendlichen Rush Hour wurden in den Ubahn Waggoons abwechselnd das „Beijing huanying ni“ und „Me and you, from one World“ Lied über die Lautsprecher eingespielt – auf voller Lautstärke und lediglich von den Stationsansagen unterbrochen. Doch auch im Fernsehen ging der „Olympia-Terror“ weiter. Dass CCTV 5 (der chines. Sportsender) die 2 Wochen Pause irgendwie den Highlights aus Olympia widmen musste, war klar. Jedoch auch andere Sender wie B-TV 2 (Beijing TV 2) und andere CCTV Kanäle zeigten die Wiederholungen von ganzen Wettkämpfen – naturgemäß nur jene in denen China gewann. Auch auf der Uni bzw dem Campus entkommt man Olympia nicht. Besonders nich auf dem Campus der BLCU, da in unserer Sporthalle irgendwelche Wettkämpfe bzw Vorbereitungen für diese stattfinden. Das hat zur Folge, dass derzeit das ganze Sportgelände großzügig ageseperrt ist, auf allen zehn Metern Polizisten stationiert sind und ständig Paralympics Busse mit Teilnehmern drin ein- und ausfahren.
Soweit ich es mitbekommen habe wurde ja vergangenen Samstag im österr. Fernsehen – zumindest im ORF – nicht die Eröffnungsfeier der Paralympics übertragen. Doch hier in Beijing konnte man der Eröffnungsfeier ja irgendwie nicht entgehen. Da ich sowieso vom Vorabend noch ausnüchtern musste, beschloss ich am Samstag Abend nicht fort zu gehen und mich voll und ganz dem Millionen teuren Propagandaspektakel im TV hinzugeben.
Hierbei setzte man gewohnt auf jene Ressource von der man in China am meisten zur Verfügung hat: Menschen. Der Großteil der Showakte war geprägt von einem unglaublichen Aufmarsch an Menschenmassen in tw. Mehr als trashig geschmacklosen Kostümen (zB in Ganzkörper-Latex Kostümen in Regenbogenfarben im Eröffnungsshowakt). Allein für den Showakt „The Interlinked Lotus Leaves of midsummer“ standen 4000 Kinder als Statisten zur Verfügung, die in dermaßen makelloser Perfektion simultane Kopfstände und sonstige Bewegungen ausführten, dass sogar die Massengymnastiken unter der Leitung eines Hitlers oder Kim Jong Ils alt dagegen aussehen würden. Doch die Grenze zwischen Imposanz und Propaganda ist ja bekanntlich ein unklare.
Was in einem derart großen chines. Spektakel neben Menschenmassne natürlich nicht fehlen darf ist der Kitschfaktor. Bereits im Vorfeld wurde der an Empathie und Kitsch kaum zu übertreffende Song „Everyone is Number One“ in allen TV Stationen etc. regelrecht tot gespielt (bzw dessen Musikvideo
http://www.youtube.com/watch?v=k7R6Pkx_4kU), doch auch die Songs, die während der Eröffnungsfeier live performt wurden, standen dem in facto Kitsch um nichts nach. Alle Songs wurden von Menschen gesungen, die in irgendeiner Form an einer körperlichen Behinderung leiden. So zB gleich das erste Performancestück, gesungen von einem Blinden, der Text ging etwa in die Richtung „Ich kann dich nicht sehen, spüre jedoch deine Wärme; Wasser ich kann dich nicht sehen, du erfrischst mich aber jedes mal aufs Neue etc). Nach minutenlangem Applaus und Großaufnahmen von weinenden Zuschauern wurde noch das Sahnehäubchen draufgesetzt, indem der Sänger über das Stadionmikro „seine Mama und seinen Papa, sowie euch alle“ grüßen ließ. Die Tränenorgie war perfekt.
In ähnlicher Gangart prozedierte die Show, auch wenn bei einigen Stücken der Zusammenhang zwischen dem Showakt und den Paralympics (zumindest für mich) unklar schien. Höhepunkt der Zeremonie war natürlich die Entzündung des Olympischen Feuers durch einen im Rollstuhl sitzenden Mann. Dessen Rollstuhl wurde mittels einer speziellen Vorrichtung an ein Seilsystem gekoppelt. Um das Olympische Feuer zu entzünden musste sich der Mann mitsamt seines Rollstuhls und der daran befestigten Fackel am Seill hochziehen. Vom Boden des Stadions bis an die Spitze zur olympischen Fackel! Und das nur mit den Kräften seiner Oberarme. Gekonnt wurden schmerzverzerrte und verschiwtzte Gesichtsausdrücke des Mannes in Großaufnahme inszeniert, im Hintergrund das anfeuernde Publikum. Dann, ca auf der Hälfte der Strecke, machte der Mann eine kurze Pause, wischte sich den Schweiß von der Stirn, sah nach oben zu der noch zurückzulegenden Strecke, biss die Zähne zusammen und zog sich weiter, Zentimeter für Zentimeter hoch – dermaßen laut von den Massen umjubelt, dass jeglicher österr. Fußballtorjubel bei Österreich gegen Frankreich damit in den Schatten gestellt wurde.
Summa summarum muss man sich jedoch eingestehen, dass die Show schön zum Ansehen war, leider konnte ich – obwohl ich nur 4 Kilometer vom Vogelnest weg wohne – nichts vom abschließenden Feuerwerk mitbekommen, da ich nur im 2. Stock wohne und lauter Gebäude meine Sicht versperren.
Die Paralympics sind also mittlerweile in vollem Gange, doch erneut stellt sich mir die Frage, was mit China passieren wird, wenn Olympia nächste Woche endgültig vorbei ist. Wird man in ein Loch fallen? Zumindest Shanghai kann sich über die EXPO 2010 freuen, aber Beijing wird wohl auch wieder langsam zu seinem Alltag zurückkehren, wieder alle Autos fahren und alle Fabriken wieder in Vollbetrieb gehen lassen. Es werden keine Silberjodit-Raketen mehr in den Himmel geschossen werden um schönes Wetter zu garantieren, der Smog wird seine übliche Dichte annehmen und die Ubahnen werden nicht mehr so lange am Abend fahren.
Die letzten westlichen Touristen werden endgültig abreisen, und auch die typisch chinesischen roten Olympia Banner werden allmählich von den Straßen verschwinden.
Trotzdem: eine ungewisse Zeit liegt vor Beijing.