Eine Massenschlägerei,
in der Chengguan Beamte verwickelt waren, hatte zahlreiche Verletzte und eine
Debatte über den Unmut der chinesischen Gesellschaft zur Folge. Es wäre übertrieben von einem drohendem zivilen Ungehorsam gegenüber den chinesischen Sicherheitsorganen zu reden. Dennoch ist es an der Zeit, die überholte Institution der Chengguan gründlich zu reformieren.
Der besagte Vorfall
ereignete sich bereits am 19. April in Cangnan, einer 1,3 Millionen Einwohner Stadt
in der Provinz Zhejiang und involvierte fünf Beamte der Chengguan sowie mehrere hundert
Passanten. Die Chengguan ist in China eine Art Para-Polizei und lässt sich am
ehesten als „Stadtwache“ beschreiben. Während sich die regulären Polizeibeamten
mit gröberen Angelegenheiten wie Kriminaldelikten oder Verkehrssündern befassen,
beschäftigt sich die Chengguan eher mit „kleinen“
Vergehen, wie z.B. unliebsame Straßenhändler oder aggressive Bettler von der
Straße zu vertreiben.
Am Morgen des
besagten 19. April hatten einige Chengguan Beamte den Auftrag eine enge Straße
in Cangnan, die regelmäßig von zahlreichen Straßenhändlern aufgesucht und dabei
blockiert wird, für den Verkehr zu räumen. Dabei weigerte sich eine
Straßenhändlerin ihre Sachen zu packen und ihren Stand woanders aufzustellen. Es
begann ein Wortgefecht zwischen der Straßenhändlerin und den Chengguan Beamten,
das erste Passanten aufmerksam machte. An dieser Stelle sollte man anmerken,
dass solche Vorfälle regelmäßig stattfinden und es häufig zu gewaltsamen Eskalationen
kommt. Chengguan Beamte sind dafür bekannt bei solchen „Meinungdisputen“ mit
einer sehr arroganten und rechthaberischen Art sehr schnell abfällig und
gewalttätig werden. Immer wieder schaffen es einzelne Berichte über Chengguan
Gewalttaten in die Medien (erst kürzlich sollen Chengguan Beamte in der
inneren Mongolei mehrere streunende Hunde bei lebendigem Leibe begraben haben,
aber das ist eine andere Geschichte).
Dementsprechend sensibilisiert ist die chinesische Bevölkerung im Hinblick auf
das Auftreten der Chengguan.
Schließlich begann
ein Passant das Wortgefecht zwischen den Chengguan Beamten und der Straßenhändlerin mit seinem Handy aufzunehmen
und sich dabei mit mahnenden Worten gegen die Chengguan Beamten zu wenden.
Diese forderten den Mann daraufhin auf, die Videoaufnahme mit dem Handy zu
stoppen und weiterzugehen. Als sich der Mann weigerte, kam es schließlich zu
Handgreiflichkeiten und zu einer Schlägerei, bei der der Mann von den fünf
Chengguan Beamten bewusstlos geschlagen wurde. Daraufhin eskalierte die
Situation. Die umstehenden Passanten – in der Annahme, dass der leblos daliegende
und Blut verschmierte Mann totgeschlagen wurde – riefen plötzlich empört, dass
die Chengguan jemanden getötet habe, woraufhin Menschenmassen aus allen umliegenden
Restaurants und Geschäften auf die Straße stürmten und sich schnell ein
wütender Mob bildete. Die Chengguan Beamten erkannten die Aussichtslosigkeit
ihrer Situation, flüchteten in ihren Kleinbus zurück, verschlossen alle
Fenster und Türen und riefen über den Polizeinotruf um Hilfe und Verstärkung.
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| Der von den Chengguan Beamten bewusstlos geschlagene Passant |
Als die Verstärkung
schließlich knapp eine Stunde später in Form einer mit Knüppel, Helmen und
Schildern ausgestatteten CRT Einheit (Crowd & Riot Control) eintraf, war
die Situation bereits völlig außer Kontrolle geraten. Der aufgebrachte Mob
hatte den Chengguan Kleinbus umgestürzt, alle Fenster eingeschlagen, die
Chengguan Beamten aus dem Bus gezerrt und diese schließlich Krankenhausreif geschlagen.
Erst am Nachmittag konnte die Polizei mit weiteren CRT Einheiten Herr der Lage
werden.
| Der Chengguan Kleinbus mit eingeschlagenen Fensterscheiben und verletzten Beamten |
Interessantes
Detail am Rande: die chinesischen Medien berichteten überraschend offen über
den Vorfall in Cangnan und verurteilten die Chengguan Beamten scharf. Jedoch ließ
man die betroffenen Beamten auch zu Wort kommen. Diese verteidigten ihre Taten
damit, dass sie ihre Privatsphäre schützen wollten und daher den Mann
aufforderten sein Handy wegzustecken und weiterzugehen.
Fazit: Der Mann,
der ursprünglich von den Chengguan Beamten verprügelt wurde, erholt sich
mittlerweile langsam und schwer verletzt im Krankenhaus. Alle fünf Chengguan
Beamten sind in Untersuchungshaft – ebenso wie elf Passanten des wütenden Mobs,
die in der anschließenden Schlägerei gegen die Chengguan Beamten verwickelt
waren. Und: der Fall hat eine Debatte in zweifacher Hinsicht entbrannt. Einerseits
wird (wieder einmal) die Vorgehensweise der Chengguan von der chinesischen Öffentlichkeit kritisiert. Andererseits stellen sich viele westliche Medien (u.a. das Wall Street Journal) die Frage, inwiefern sich die
chinesische Gesellschaft am Rande des zivilen Ungehorsams gegenüber den Sicherheitsbehörden
des Landes befindet. Letzterer Schluss ist meiner Meinung nach jedoch aus zwei Gründen
überzogen.
Erstens, richten
sich der Unmut der Bevölkerung und solche Proteste nicht gegen die chinesischen
Sicherheitsbehörden im Allgemeinen, sondern ausschließlich gegen die Chengguan.
Der Respekt vor normalen Polizisten ist nach wie vor sehr groß. Das hat mehrere
Gründe. Einerseits werden Chengguan Beamte von der breiten Bevölkerung nicht
respektiert. Das liegt u.a. daran, dass sich die Chengguan zum Großteil aus an
der Polizei Aufnahmsprüfung gescheiterten Individuen zusammensetzt. Wenn man es
banal ausdrücken will, sind Chengguan Beamte „schlechte Polizisten“ und haben
dementsprechend eine schlechtere Ausbildung und Fähigkeiten als reguläre Polizeibeamte.
Verstärkt wird diese Tatsache durch das dennoch oft überhebliche und grobe Verhalten
von Chengguan Beamten, durch das sich viele Chinesen provoziert fühlen.
Andererseits
heuern lokale Chengguan Büros aus Personalmangel oft „Söldner“ an. Das sind Mitarbeiter
von privaten Security-Unternehmen, die zwar in Chengguan Uniformen gesteckt und
mit allen Chengguan Befugnissen ausgestattet werden, jedoch mit der Chengguan
als Behörde an sich rein gar nichts zu tun haben. Die im Cangnan Zwischenfall
involvierten Chengguan Beamten waren solche Söldner. Genau hier liegt vielen Chinesen
zufolge das Problem, denn besagte Söldner würden sich nicht mit der Institution
Chengguan identifizieren und somit ein noch überheblicheres und respektloseres
Verhalten an den Tag legen, als dies ohnehin bereits normale Chengguan Beamte
tun würden.
Zweitens, nehmen
bei solchen Aufläufen zwar immer mehrere hundert oder gar tausende Leute teil,
die Masse davon bilden jedoch nur Passanten, die teilnahmslos dem Treiben zusehen
und bestenfalls mal als Ausdruck ihres Ärgers die eigene Stimme oder Arme
erheben. Wenn man das Video einer Überwachungskamera in Cangnan betrachtet, so
stimmt es zwar, dass die Straße mit Menschenmassen gefüllt ist. Jedoch ist nur
ein kleiner harter Kern, der sich rund um den Chengguan Kleinbus aufhält
wirklich gewaltbereit. Der weitaus größere Teil des Mobs steht mehr oder
weniger teilnahmslos im Hintergrund.
Jeder, der in
China schon einmal einen auf der Straße offen ausgetragenen Konflikt miterlebt
hat, wird mir Recht geben, dass sich stets binnen kürzester Zeit eine immens
große Traube an Menschen bildet, die das Geschehen interessiert verfolgt. Das
hat auch u.a. damit zu tun, dass die Polizei in solchen Fällen nur selten die
Passanten zum Weitergehen auffordert. Die meisten dieser Passanten werden und
wollen nicht in solche Streitigkeiten involviert werden und stehen stattdessen
lieber am Rande um das Geschehen zu beobachten oder ein Video mit dem eigenen Handy
zu drehen um es dann später aufgeregt den eigenen Freunden und Bekannten zeigen
zu können („Du, heute am Heimweg...“).
Eine ähnliche
Vorgehensweise gab es bereits in der Vergangenheit bei solchen öffentlichen
Aufmärschen, zuletzt bei den anti-japanischen Protesten 2012, bei denen zwar tausende wütende Bürger in
verschiedenen Städten auf die Straßen zogen und japanische Autos zerstörten. Dennoch
war im Endeffekt der Anteil zerstörter Autos im Verhältnis zu den tatsächlich
auf der Straße vorhandenen Menschenmassen unterdurchschnittlich gering. Weil sich
eben der Großteil der Menschenmassen friedlich verhielt und nicht durch Gewalt
seinen Ärger äußern wollte. Folglich wäre es übertrieben von einem drohenden
Umsturz oder von zivilen Ungehorsam in breitem Maße zu sprechen, wie es der
besagte Artikel des Wall Street Journal tut.
Dennoch sollte
die chinesische Regierung nicht untätig bleiben. Erst vor kurzem wurde
verlautbart, dass Streifenpolizisten in Shanghai ab sofort mit Schusswaffen ausgestattet werden. Bisher waren nur
Spezialkommandos mit Schusswaffen ausgestattet, normale Polizeibeamte trugen lediglich
einen Gummiknüppel bei sich. Die Maßnahme soll den Polizisten mehr Handlungsspielraum
im Falle von akuten Gewaltverbrechen bieten und im Laufe der nächsten Jahre
schrittweise auf weitere chinesische Städte ausgeweitet werden. Es ist jedoch fraglich,
inwiefern diese Strategie erfolgreich sein wird. Einerseits besitzt China eines
der restriktivsten Waffengesetze der Welt, die Gesellschaft hat dementsprechend
wenig bis gar keine Erfahrung im Umgang mit Schusswaffen. Andererseits ist es
fraglich, inwieweit ein 9mm kalibriger Revolver mit 6 Schuss (!) Munition im Ernstfall
Schlimmeres verhindern soll. Im Falle von Cangnan hätten 6 Schüsse die aufgebrachte
Menschenmasse wohl kaum gestoppt, sondern wohl eher noch viel mehr in Aufruhr
und/ oder Panik versetzt. Von dem Lynchen des die Schüsse abgebenden Polizisten,
das durch den aufgebrachten Mob daraufhin vermutlich erfolgt wäre, mal ganz abgesehen.
Wie bereits
erwähnt, liegt die Wurzel des Problems nicht in einem angeblichen zivilen
Ungehorsam der Bevölkerung, sondern in dem Auftreten sowie dem Öffentlichkeitsbild
der Chengguan. Ein erster wichtiger Schritt wäre, dass die Chengguan mit
sofortiger Wirkung die Anheuerung von Söldnern, die in der Bevölkerung nur als streitlustige
Rowdies wahrgenommen werden, sofort einstellt. Stattdessen sollten gezielte
Anheuerungsmethoden erarbeitet werden um dem Problem des Personalmangels in
manchen Gebieten entgegenzuwirken. So könnten zum Beispiel reguläre Polizisten,
die sich von einer Dienstverletzung erholen und für den normalen
Streifenbetrieb noch nicht voll einsatzfähig sind, temporär in der Chengguan eingesetzt
werden. Denn die Aufgaben der Chengguan erfordern keine körperlichen
Extremleistungen. Und nebenbei könnten die ehemaligen Chengguan Beamten von
ihren Polizeikollegen einiges lernen.
Als weiterer
langfristiger Schritt sollte man die Chengguan als Sub-Einheit der normalen
Polizei untergliedern um eine qualitativ hochwertige Ausbildung gewährleisten und unangebrachtes Verhalten im Dienst hart sanktionieren zu können. Idealiter sollten ehemalige Chengguan Beamte und reguläre Polizisten alle mit den gleichen Uniformen ausgestattet werden,
da die Polizei nach wie vor als Authorität von der breiten Bevölkerung
akzeptiert und respektiert wird. Das wird bei so manchem stolzen Polizisten zwar
auf Unmut stoßen, handelt es sich doch hier um unterschiedlich Qualifizierte in
der gleichen Uniform. De facto ist dies jedoch bereits jetzt der Fall. Jener junge
Streifenpolizist, der einen Taschendieb durch die Straßen jagt, trägt genau die
gleiche Uniform, wie sein alter Kollege, der in der lokalen Polizeistation den Meldezettel
oder die Aufenthaltsgenehmigung von Ausländern abstempelt. Darüber hinaus gäbe
es zur Diversifizierung von unterschiedlich qualifizierten Beamten nach wie vor
das Dienstgradsystem, mit dem man weniger befähigte ehemalige Chengguan Beamte auf
die untersten Dienstgrade beschränken könnte, während anderen Beamten eine Karriere
über Dienstgrade nach oben hin offen steht.
Fakt ist, dass
die Chengguan als Institution in ihrer jetzigen Form nicht mehr tragbar ist.
Nicht nur, weil sie immer wieder unprofessionell agiert, sondern auch, weil sie
von der Bevölkerung zunehmend weniger ernst genommen und somit als
Sicherheitsorgan de facto ineffizient geworden ist.
