Freitag, 20. Juni 2014

Ein Sündenbock für alle

China will seine Wirtschaft weg von einer exportgetriebenen hin zu einer konsumorientierten führen. Doch die bisherigen Reformschritte sind von Halbherzigkeit und fehlendem Pragmatismus geprägt. Mit Kritik und Regulierung von alternativen Investitionsformen und Schattenbanken allein wird man nicht weit kommen.

Wegen der Komplexität des Themas ist dieser Blogeintrag überdurchschnittlich lang ausgefallen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich ihn daher in folgende Abschnitte gegliedert:



Die chinesische Wirtschaft stagniert, wenn auch auf einem sehr hohen Niveau. Mehr als 7% Wirtschaftswachstum verzeichnete das Reich der Mitte im vergangenen Jahr. Freilich eine beeindruckende Zahl, die dennoch im Vergleich zur Blütezeit der 00er Jahre blass aussieht: 2007 verzeichnete Chinas Wirtschaft noch ein Wachstum von mehr als 14%. Verwantwortlich für solch hohe Wachstumszahlen war v.a. das Exportmodell, auf dem Chinas Wirtschaft aufgebaut war. Unternehmen in China investieren und produzieren günstig für den Weltmarkt (insbesondere Amerika und Europa).

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Finanzkrise und die folgende Euro-Krise veranschaulichten die Schwächen eines solchen Modells. Westliche Industrieländer mussten sparen. Nicht nur die einzelnen Staaten, sondern auch deren Bürger, die fortan ihren Konsum einschränkten und weniger Waren (aus China) kauften. Die Folge: 2008 stürzten die Wachstumsraten der v.a. von Exporten abhängigen Wirtschaft Chinas auf „lediglich“ 9,6% ab.  Nach einem Milliarden schweren Investitionspaket der chinesischen Regierung zur Ankurbelung der Wirtschaft im Jahre 2009/10 gab es kurz Zeit zum Aufatmen, doch seit knapp vier Jahren stagniert die chinesische Wirtschaft konstant bei rund 8% - Tendenz fallend.

Chinas Wirtschaftswachstum 2002-2013

Chinas Führung ist sich bewusst wie dringend notwendig es ist, die chinesische Wirtschaft weg von einem exportgetriebenen hin zu einem konsumorientierten Modell zu führen. Ein Wirtschaftmodell, zu dessen Wachstum v.a. die einheimischen Konsumenten beitragen, soll das Land nicht nur besser vor finanziellen Schwankungen auf dem Weltmarkt schützen, sondern auch schließlich den Weg vom Schwellenland zur Industrienation China ebnen. Dementsprechend ist die chinesische Führung, v.a. seit der Machtübernahme von Xi Jinping, bemüht verschiedene Reformen bzw. eine Öffnung des Finanzsektors voranzutreiben. Doch anstatt wirklich tiefgreifende Reformen ohne Scheuklappen zu diskutieren, führen die Machthaber der chinesischen Politik und der staatlichen Finanzindustrie einen ideologischen (und teils nicht sehr überzeugenden) Krieg gegen alternative Investitionsformen und Schattenbanken.  Doch alles der Reihe nach.


Zunächst zur Ausgangslage: Der chinesische Banken- und Finanzsektor liegt fest in staatlicher Hand. In der kommunistischen Ära Chinas war die primäre Aufgabe von Banken noch vergleichsweise simpel: Geld von Sparern physisch aufbewahren und (kleine) Kredite vergeben. Doch damals war nicht nur die chinesische Gesellschaft in mehrere Klassen unterteilt, sondern auch der Bankensektor. Die Namen der gängigen chinesischen Banken geben hierbei Aufschluss. So diente beispielsweise die Agricultural Bank of China (中国农业银行) als primäre Anlaufstelle für Erwerbstätige der Landwirtschaft.  Gleichzeitig verwaltete die China Construction Bank (中国建设银行) das Vermögen von Industriellen der Baubranche. Ähnlich ging es bei der China Merchant Bank (招商银行) oder bei der Bank of Communications (交通银行) zu.

Doch mit der politischen und wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaopin wurde eine solche Klassifizierung der Gesellschaft und des Finanzssektors obsolet. Der Bankensektor wurde liberalisiert und Banken begannen ihre Kundenbasis zu diversifizieren. Fortan konnte man auch mit einem urbanen Hauptwohnsitz ein Konto bei der Agricultural Bank of China beantragen. Und die China Construction Bank gewährte auch jenen Unternehmern Kredite, die nicht in der Baubranche tätig waren. Zahlreiche Banken wurden (teils schmerzhaft) privatisiert oder gingen in Konkurs, der Bankensektor schrumpfte sich erstmals gesund. Bis auf wenige Ausnahmen gaben so gut wie alle Banken ihre Klassifizierung zugunsten einer breiteren Kundschaft auf. Prominente Ausnahme ist hierbei die China Exim Bank (中国进出口银行), die nach wie vor staatlich ist und überaus günstige Kredite ausschließlich an Staatsunternehmen für Direktinvestitionen ins Ausland vergibt. Obwohl sich seitdem zahlreiche private Banken etabliert haben, sind die staatlichen Banken nach wie vor äußerst mächtig – in Hinblick auf Kundenanzahl, verfügbares Kapital und bevorzugter Behandlung seitens der Politik. Auch der Finanzsektor wird bis heute unter den Argusaugen der Politik streng reguliert.

An der Spitze aller einheimischen Banken steht die chinesische Volksbank (kurz: PBOC für People’s Bank Of China, 中国人民银行), die als regulierende Einheit wie eine Zentralbank fungiert. Dank ihrer Organisationsstruktur ist die PBOC direkt der chinesischen Zentralregierung (genauer gesagt dem Staatsrat) unterstellt. An der Spitze der PBOC steht der Gouverneur, welcher dem Vorsitzenden des Staatsrates vorgeschlagen und vom Nationalen Volkskongress (dem chinesischen Parlament) bestimmt wird. Somit sind sämtliche finanzielle Weisungen der PBOC nicht nur höchst politisch, sondern v.a. für alle Akteure im Finanzsektor bindend. Was bis vor kurzem nicht weiter ein Problem war, da Staatsunternehmen ohnehin den Großteil der Akteure im chinesischen Finanzsektor ausmachten – man war quasi unter sich.

Die Zentrale der PBOC in Peking


Doch es dauerte nicht lange bis neue Kräfte in den Finanzsektor Chinas vordrangen. Der Siegeszug von Internet, Smartphone & Co. war auch an China nicht spurlos vorüber gegangen und führte zu zahlreichen Innovationen im Finanzsektor. Und zwar in Form von virtuellen Währungen (v.a. Bitcoin) und alternativen Investitionsformen (kurz: WMP für Wealth Management Product). 

Hongkongs erster Bitcoin Bankomat wird eingeweiht

Bitcoin – 2009 gegründet – wurde der breiten Öffentlichkeit Chinas erst 2013 ein Begriff. Doch bevor die virtuelle Währung, die abseits der Regulierungen des traditionellen globalen Finanzmarkts agiert, in China richtig Fuß fassen konnte, wurde dies seitens der chinesische Regierung anfangs noch zögerlich, dann jedoch immer vehementer verhindert. Noch im Dezember 2013 erklärte die PBOC, dass Bitcoin keine legitime Währung sei, ehe sie Anfang April 2014 schließlich alle Banken aufforderte sämtliche Transaktionen und Anleihen mit virtuellen Währungen mit Wirkung vom 15. April einzustellen. Seitdem ist China (mit Ausnahme des autonom regierten Hongkongs, wo vor kurzem sogar einige Bitcoin-Bankomaten installiert  wurden) ein Land, in dem virtuelle Währungen keinen Platz mehr haben. Begründet wurde dieser Schritt mit dem angeblich negativen Einfluss von virtuellen Währungen auf die Stabilität des Finanzsektors sowie mit der Tatsache, dass Bitcoin aufgrund seiner hohen Anonymität häufig von Kriminellen genutzt wird.

Doch während Bitcoin & Co. in China relativ schnell gebannt waren, entpuppten sich WMPs als die weitaus größere Herausforderung für Chinas Finanzregulierungsbehörden. Diese alternativen Investitionsformen wühlten – mit massiver Unterstützung von Kleinanlegern – ab dem Sommer 2013 den chinesischen Finanzsektor zunehmend auf. Das populärste aller WMPs ist Alipay, besser bekannt unter seinem chinesischen Namen Yu‘ebao (余额宝), was man ungefähr als „Geldbörse für Kleingeld“ übersetzen kann. Alipay funktioniert wie eine virtuelle Geldbörse und ein virtuelles Anlagekonto zugleich. Alipay wurde von Alibaba gegründet, einem mächtigen (privaten) Technologiekonzern, dem u.a. auch das beliebte Online-Shoppingportal Taobao (淘宝) und die populäre Taxi-App Kuaidi Dache (快的打车) gehören. Anwender können einen Alipay-Account erstellen und einen bestimmten Geldbetrag auf diesen Account laden. Fortan kann Alipay als virtuelle Geldbörse zum Bezahlen verwendet werden, z.B. beim Einkaufen auf Taobao oder beim Bestellen eines Taxis mit Alibabas Taxi-App. 

Doch die weitaus revolutionärere – und aus Sicht der Finanzregulierungsbehörden bedenklichere – Eigenschaft Alipays ist, dass es auch als alternative Anlageform verwendet werden kann. Denn: um Anwender anzuspornen, stetig Geld auf den eigenen Alipay-Account zu laden, verteilt Alipay auf hochgeladene Geldbeträge einen Jahreszinssatz von durchschnittlich 5-7% – unabhängig von der Höhe des eingezahlten Betrags und jederzeit verfügbar. Im Vergleich dazu: Traditionelle Banken bieten für Sparkonten durchschnittlich einen jährlichen Zinssatz von lediglich 3,3% - und somit auf ungefährer Höhe der offiziellen Inflationsrate von knapp 3% (wobei die tatsächliche Inflationsrate bei 5% liegen dürfte, aber das ist eine andere Geschichte). Darüber hinaus unterliegen traditionelle Sparkonten strengen Regulierungen und besitzen oft eine Sperrzeit von mindestens 12 Monaten.

Eine Alipay Werbung bewirbt durchschnittliche
Zinsraten von 4,87% p.a.

Eine Arbeitskollegin von mir wollte letztens ihr Girokonto der China Merchant Bank mit ihrem Alipay Account verknüpfen (was notwendig ist, um Geld auf den Alipay Account hochzuladen). Imzuge dessen machte ihr der China Merchant Bank Mitarbeiter ein „einmaliges“ Angebot: Sie solle doch einfach 50,000 RMB in einem Sparkonto von China Merchant Bank anlegen, dann hätte sie ebenso einen Jahreszinssatz von 5%. Dieses Beispiel veranschaulicht nicht nur auf drastische Weise wie naiv und ahnungslos etablierte Großbanken im Umgang mit Alipay sind, sondern auch wie abgehoben der chinesische Bankensektor mittlerweile vom breiten Fußvolk ist. Denn mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 4000-5000 RMB hat ein chinesischer „white collar worker“ nunmal keine 50,000 RMB einfach so an der Bettkante liegen (von einem „blue collar worker“ mal ganz zu schweigen). Und selbst wenn: warum sollte er diese immense Summe in ein (vermeintliches) Sparkonto investieren, dessen Zinssatz gerade einmal auf Höhe der Inflation liegt und auf dessen Geld er erst nach 12 Monaten Zugriff hat? In dieser Hinsicht ist Alipay für den kleinen Sparer geradezu perfekt: Ohne bürokratischen Auflagen kann man Geld rasch und unkompliziert auf seinen Alipay Account hochladen, wo man sein Erspartes bereits ab einem Betrag von 1 RMB mit einem überdurchschnittlich hohen Zinssatz anlegen kann und darüber hinaus auch jederzeit Zugriff darauf hat! 

Die Folge ist für die etablierten Großbanken natürlich fatal, da immer mehr ihrer Kunden ihr Kapital von traditionellen Konten abziehen und in WMPs wie Alipay investieren. Für die Großbanken ist nicht nur die Tatsache, dass es zu einer Verschiebung am Kapitalmarkt kommt, sondern v.a. die Geschwindigkeit, mit welcher diese Verschiebung stattfindet, beängstigend. Im November 2013 verzeichnete Alipay noch 30 Millionen Kunden mit einem kombinierten Kapital in der Höhe von 100 Milliarden RMB. Mittlerweile (Mai 2014) hat Alipay 86 Millionen Kunden und verwaltet ein Kapital von unglaublichen 554 Milliarden RMB (rund 65 Milliarden Euro). Entsprechend groß ist der Aufschrei in Chinas Bankensektor, der mittlerweile offen ein Verbot oder zumindest eine empfindliche Regulierung von WMPs  fordert. 

Doch genauso ratlos wie die betroffenen Großbanken selbst ist auch die chinesische Regierung, die nicht so recht zu wissen scheint, ob WMPs überhaupt eine Bedrohung sind und ob sie dementsprechend reguliert werden müssen. So verbot die Regierung - wohl mehr aus Rücksicht auf die eigenen Freunde im Bankensektor als aus wohl überlegter Logik heraus – im März 2014 das Bezahlen mit Alipay durch das simple Scannen von QR Codes in Lebensmittelmärkten sowie Kreditkartentransaktionen via Alipay. Begründet wurde dies mit angeblichen Sicherheitsmängeln. Der Popularität von WMPs hat dies freilich nicht geschadet und das Angebot wird ständig erweitert. Mittlerweile hat auch Baidu, Betreiber der gleichnamigen populären chinesischen Suchmaschine, sein eigenes WMP namens Baifa gestartet, das nach dem selben Prinzip wie Alipay funktioniert und seinen Kunden Zinsraten von bis zu 8% p.a. verspricht. Das Tauziehen zwischen den Betreibern von WMPs und dem traditionellen Bankensektor wird also weitergehen und man kann davon ausgehen, dass Chinas Finanzregulierungsbehörden mittelfristig mit entsprechend einschneidenden Maßnahmen gegen WMPs reagieren werden.


Doch als ob all dies nicht schon genug wäre, stellen sog. Schattenbanken die langfristig gesehen größte Herausforderung für den chinesischen Finanzsektor dar. Um das Problem (?) von Schattenbanken voll zu begreifen, muss man zunächst zurück ins Jahr 2008 blicken, als die PBOC aufgrund fehlender bzw. ineffizienter Kontrollmaßnahmen die Tätigkeit von sog. Schattenbanken landesweit legalisierte. Schattenbanken, das sind – je nach Sichtweise – für die einen Kredithaie, die am Rande der Kriminalität Kredite zu verantwortungslosen Konditionen vergeben und somit die Stabilität des Finanzsektors gefährden. Für die anderen sind es schlicht Kreditinstitute abseits des traditionellen bürokratischen Finanzsektors, die Kredite zu günstigen Konditionen an jene vergeben, die die strengen Auflagen der traditionellen Kreditinstitute nicht erfüllen. 

So konträr diese zwei Definitionen klingen, so deutlich veranschaulichen sie doch wie sehr Schattenbanken die chinesische Politik und Gesellschaft polarisieren. Man ist entweder für oder gegen sie. Dazwischen gibt es nichts. Und dementsprechend emotional wird die Diskussion hinsichtlich einer Reglmenetierung/ Liberalisierung von Schattenbanken in China geführt. Doch warum sind Schattenbanken so verhasst/ beliebt? Die simple Antwort: Schattenbanken sind ein relativ neues Phönomen für die chinesischen Finanzregulierungsbehörden. Zwar wurden das Schattenbankenwesen bereits 2008 legalisiert, bis dato fehlt es jedoch an einem ausgeklügelten Regelwerk. Das Ergebnis sind teils sehr liberale oder (noch) nicht vorhandene Finanzregulierungsauflagen, die für Schattenbanken gelten, während traditionelle Banken weitaus strengeren und ausgeklügelten Bestimmungen unterliegen. Das wiederum ermöglicht es Schattenbanken, Kredite zu günstigeren Konditionen auszustellen.


Ein Beispiel: Aufgrund der laschen Bestimmungen dürfen Schattenbanken einen Darlehenszinssatz von bis zu 24% p.a. vergeben – das entspricht dem beinahe 4-fachen Wert des Darlehenszinssatzes von streng regulierten staatlichen Banken von ca. 6% p.a.! Und: Kunden von Schattenbanken müssen bei einer Kreditaufnahme weitaus weniger Eigenkapital und Sicherheiten aufweisen als Kunden von traditionellen Banken. Im Gegenzug ist der Kreditrahmen von Schattenbanken wesentlich enger gesetzt als der von traditionellen Banken. Sprich: da Schattenbanken in der Regel über weitaus geringere verfügbare Investitionssummen verfügen, dürfen sie auch nicht so hohe Kredite wie etablierte Großbanken vergeben. Diese Tatsache wird auch durch das veralterte (und seit 1949 nicht mehr abgeänderte) Volksbankengesetz verschärft, welches vorschreibt, dass pro Gemeinde/ Bezirk nur ein lokales Kreditinstitut existieren darf. Diese Gesetzesgrundlage wurde 2008 mit der Legalisierung von Schattenbanken auch auf den Schattenbankensektor angewandt. Das Ergebnis sind tausende Schattenbanken, die zwar alle für sich gesehen ein Monopol darstellen, aber aufgrund der Limitierung ihrer geographischen Tätigkeiten und ihrer eingeschränkten Kundschaft äußerst schwach sind - gefährlich schwach. 

Denn durch die geographische Einschränkung der Kundenbasis einer Schattenbank wird auch das Risiko von faulen Krediten massiv erhöht. Warum? Ein simples Beispiel: Die einzige Schattenbank eines ländlich geprägten Dorfs gewährt mehreren Jungbauern Kredite zum Anschaffen von industriellen Agrarmaschinen zur Bewirtschaftung ihrer Felder. Wenige Wochen später kommt es in der Region zu starken Regenfällen und massiven Überschwemmungen. Dabei werden nicht nur die Maschinen, sondern auch die gesamte Ernte der Bauern vollkommen zerstört. Die Bauern verlieren dabei nicht nur ihre Kreditinvestitionen (Agrarmaschinen), sondern durch die Missernte auch noch ihr gesamtes Einkommen, mit dem sie ursprünglich den Kredit zurückzahlen wollten. Und die Schattenbank bleibt auf ihren plötzlich faulen Krediten sitzen und geht unweigerlich in Konkurs, da der Großteil ihrer homogenen und geographisch konzentrierten Kundschaft von dem gleichen Problem betroffen ist und keine Kredite zurückzahlen kann.

Darüber hinaus sind Schattenbanken wesentlich mehr Finanzregulierungsebenen unterstellt als traditionelle Banken. Ein Beispiel: eine staatliche Bank ist lediglich den Weisungen einer Regulierungsbehörde (der PBOC) unterstellt. Eine Schattenbank ist jedoch gleich vier Regulierungsebenen unterstellt:
  • der PBOC 
  • der Finanzabteilung der Provinzregierug 
  • der Finanzabteilung der Stadtregierung
  • dem Reform- und Entwicklungsbüro der Bezirksregierung
Während sich also eine etablierte Großbank jedes Ansuchen oder Formular nur einmal (von der PBOC) genehmigen oder unterschreiben lassen muss, dauert dieser Arbeitsprozess für eine Schattenbank viermal so lang – was in der schnelllebigen Finanzindustrie und bei der chinesischen Bürokratie ein veritabler Nachteil ist. Laut PBOC sollen all diese Maßnahmen das Wachstum des Schattenbankenwesens auf natürliche Weise limitieren. In anderen Worten, Betreiber von Schattenbanken sollen sich „gefrotzelt“ fühlen und abgeschreckt werden. 


In der ganzen Debatte kristallisieren sich schnell zwei Fronten heraus. Auf der einen Seite die traditionellen (und meist staatlichen) Banken, die in (meist private) WMPs und Schattenbanken einen Sündenbock für alle gefunden haben. Auf der anderen Seite die Kleinanleger, die oft die strengen Spar- und Kreditauflagen von Banken nicht erfüllen, sowie die Betreiber von WMPs und Schattenbanken, die diesen Personen günstigere Investitionsmöglichkeiten und Kredite bieten wollen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Fronten: die chinesische Regierung, die jedoch aufgrund des hohen Anteils an Staatsbanken eher zu den Anklägern anstatt zu den Verteidigern von WMPs und Schattenbanken tendiert.

Dunkle Wolken über Shanghais
Finanzviertel - und Chinas Finanzsektor

Der Tenor der Debatte seitens der etablierten Großbanken ist dabei stets derselbe: WMPs und Schattenbanken schwächen Chinas Finanzssektor und machen diesen instabil. Doch WMPs und Schattenbanken sind nicht die Krankheit im System, sondern nur das Symptom einer Krankheit. Denn in Wahrheit ist der streng regulierte Banken- und Finanzsektor Chinas die Krankheit an sich, WMPs und Schattenbanken sind bloß ein direktes Resultat. WMPs und Schattenbanken stellen aus mehreren Gründen (derzeit) keine Bedrohung für den chinesischen Banken- oder Finanzsektor dar:

1) Wie der Erfolg von Alipay gezeigt hat, ignoriert das traditionelle Bankenwesen den durchschnittlichen Kunden, indem es ihm zu strenge Vorgaben für Kreditvergaben oder Anlegeoptionen vorschreibt. Chinesische Großbanken dienen somit v.a. der privilegierten Elite, die ausreichend Kapital zur Verfügung hat. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich Kleinanleger nach Alternativen umsehen. Gemäß dem Grundsatz „Wo Nachfrage, da ein Angebot“ füllen WMPs und Schattenbanken also nur ein Nische im Finanzsektor, anstatt mit traditionellen Banken direkt zu konkurrieren. 

2) Alternative Investitionsformen abseits des traditionellen Bankensektors sind bei weitem nichts neues. Seit der Liberalisierung des Immobilienmarkts Anfang der 1980er investiert die absolute Mehrheit aller Chinesen  ihr Erspartes in Immobilien, da ihre Investitionen dort viel mehr Geld abwerfen (Immobilienpreise stiegen in China 2012-2013 um mehr als 10%), als traditionelle Sparkonton von Banken (inwiefern das nachhaltig oder gar sinnvoll ist, ist ein anderes Kapitel). Auch Schattenbanken haben bereits vor ihrer Legalisierung anno 2008 existiert und tatsächlich illegal im Schatten des Gesetzes agiert. Jetzt unterliegen sie hingegen mehr oder weniger strengen Regulierungen. Kurzum: wenn der traditionelle Finanzsektor in den letzten 30 Jahren die Ko-existenz von Schattenbanken überstanden hat, wird er das auch nun mit einem legalen Rahmen können. 

3) WMPs und Schattenbanken haben zwar hinsichtlich ihrer raschen Kapitalanhäufung einen vorläufigen Achtungserfolg erzielt. Dennoch sind all diese Summen (noch) viel zu gering, um die Existenz von etablierten Großbanken oder gar die Stabilität des gesamten Finanzsektors zu gefährden. Ein Vergleich: Alipay besaß mit Mai 2014 ein Kapitalvermögen von 65 Milliarden Euro. Gleichzeitig besaß aber z.B. die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC, 中国工商银行) allein ein Kapitalvermögen von 2335 Milliarden Euro. Es ist seitens der etablierten Großbanken also mehr als lächerlich, zu behaupten, WMPs würden die Existenz von Banken gefährden. Ebenso wenig ist der Vorwurf haltbar, Schattenbanken würden den Finanzsektor destabilisieren. Zwar betrug das kombinierte Kapital aller chinesischen Schattenbanken 2012 nahezu 20 Trillionen RMB (2350 Milliarden Euro) – was in etwa dem Kapitalwert der ICBC allein (!) bzw. einem Fünftel von Chinas BIP entspricht. Doch, wie oben dargelegt, kommt diese immense Zahl nur durch die Kombination von vielen kleinen und schwachen Monopolisten zustande. Und: verglichen mit den G20 Staaten, wo Schattenbanken lt. Standard & Poors Ende 2012 einen Gesamtanteil von 111% am kombinierten BIP  dieser Staaten hatte (Zhang: 97-99), ist das Ausmaß von Chinas Schattenbankwesen noch vergleichsweise gering. 

4) Schattenbanken und v.a. WMPs sind etwas neues und werden dementsrpechend gehypt. Viele v.a. unerfahrene Kunden haben sich mit teils zu hohen Erwartungen euphorisch an WMPs gewandt. Doch die anfängliche Euphorie über (noch) junge Produkte wie Alipay wird bald merklich abnehmen. Ähnliches war 2008 nach der Legalisierung von Schattenbanken zu beobachten, als sich binnen weniger Tage zigtausende Chinesen für eine Schattenbank-Lizenz registrierten und tausende Schattenbanken aus dem Boden schossen – einfach nur, weil es vielversprechend anmutete. Doch mittlerweile hat die überwältigende Mehrheit von ihnen ernüchtert aufgegeben und die meisten Schattenbanken haben ihre Tätigkeiten wieder eingestellt. Eine ähnliche Entwicklung ist bei WMPs zu erwarten. 

5) Der Fremdkapitalanteil von traditionellen Großbanken ist bereits immens. Der Betrag, den Schattenbanken zu dem massiv hohen Gesamtverschuldungsgrad des chinesischen Finanzsektors beitragen, ist vergleichsweise gering und kein „game changer“.


Anstatt also WMPs und Schattenbanken die Schuld an Chinas wirtschaftlicher Stagnation zuzuschreiben und Panikmache zu betreiben, sollten Chinas Bankensektor und politische Elite an einem Strang ziehen und pragmatische Reformen einleiten. Denn letztlich ist der Erfolg von WMPs und Schattenbanken v.a. auf mangelnde Reformen im Finanz- und Bankensektor zurückzuführen.

Chinas streng regulierte Zinspolitik
fördert indirekt WMPs und Schattenbanken

Die Liberalisierung von Zinsraten ist die wohl dringenste Maßnahme, um Chinas Finanzsektor nachhaltig zu reformieren. Denn in China sind Zinsraten streng reguliert, Banken können ihren Zinssatz nicht selbst bestimmen. Stattdessen legt die PBOC jeden Morgen einen verbindlichen landesweiten Wert für den Tageszinssatz fest. Banken haben dann lediglich die Freiheit in einem Spielraum von +/- 1,5% dieses Werts einen eigenen Tageszinssatz festzulegen. Das Ergebnis: Alle chinesischen Banken besitzen fast idente Zinssätze. Zwar wurde der Spielraum für Zinsschwankungen in der vergangenen Jahren mehrmals liberalisiert (2012 betrug der Spielraum noch 1%). Dennoch wird die PBOC früher oder später Zinssätze komplett den Kräften des freien Markts überlassen müssen. Doch für die chinesische Politik ist das (noch) undenkbar, da sie eine totale Liberalisierung von Zinsraten für „verrückt“ hält, da dann sämtliche Banken im Wettstreit um einen „besseren“ Zinssatz konkurrieren würden, was letztlich die Zinsraten in astronomische Höhen treiben würde. Wenn Kritiker dieser Mutmaßung entgegnen, dass dies ja in westlichen Ländern, wo Zinsraten komplett liberalisiert sind, auch nicht der Fall ist, erhält man von der chinesischen Politik meist die Antwort, dass die Banken in solchen Ländern ja meist nicht verstaatlicht seien und daher vernünftiger agieren würden (Zhang: 102). Diese Antwort ist insofern interessant, da sich Chinas politische Führung offenbar selbst eingesteht, dass sie ihren eigenen finanziellen Institutionen nicht vertraut und eine Privatisierung des Bankensektors vermutlich der beste Lösungsansatz wäre!

Künstlich niedrig gehaltene Zinsraten haben v.a. drei Nebenwirkungen:
  • Niedrige Zinsen dezimieren das Ersparte von Kleinanlegern und fördern einseitig privilegierte Kunden, die Zugriff auf Kredite und ertragsreichere Anlageoptionen haben.
  • Sie steigern die Nachfrage an Krediten und tragen so zum bereits hohen Fremdkapitalanteil des chinesischen Bankensektors bei.
  • Sie fördern letztlich die Entstehung von 2 Kreditmärkten: einem etablierten, der die Privilegierten bedient und einem „Schattenmarkt“, der den Unter-privilegierten dient – wobei die Bedingungen des etablierten Markts die Ursache für die Existenz des Schattenmarkts ist.·
Generationen von Chinesen wurde als Kind eingeredet, wie wichtig es sei, zu sparen. Doch im derzeitigen Finanzsystem Chinas verliert der kleine Sparer massiv. Die Ersparnisse eines Durchschnittschinesen reichen nicht aus, um in Anlagen einer traditionellen Bank zu investieren. Und sie reichen auch – der Immobilienblase sei Dank – zunehmend weniger aus, um sich eine Wohnung zu kaufen. Dabei bleibt den meisten Chinesen gar keine andere Wahl als in den Immobiliensektor zu investieren, wenn sie ihr Geld irgendwie anlegen wollen. Verstärkt wird dies durch gesellschaftliche Erwartungen, dass ein Mann bei seiner Hochzeit zumindest eine erkaufte Wohnung als Sicherheit in die Ehe einbringen muss. 

Chinas Immobilienpreise 2000-2013

Doch die Immobilienpreise sind v.a. in den Großstädten astronomische teuer und für den Durchschnittschinesen nicht mehr leistbar. Viele müssen daher für einen Immobilienkauf in ländliche Gebiete oder an den Rand von Ballungsräumen ausweichen und nehmen dafür stundenlanges Pendeln zwischen Wohnsitz und Arbeitsplatz in Kauf. Oder sie werden zu sog. Haussklaven (房奴), die ihr restliches Leben den Großteil ihres Vermögens für das Begleichen einer aufgenommenen Hypothek aufwenden müssen. Die etwas Vermögenderen kaufen sich in urbanen Außenbezirken eine zweite Immobilie als Wertanlage und glauben, ihre Lebensersparnisse weise zu investieren. Doch solche Zweitimmobilien stehen aufgrund ihrer ungünstigen Lage oft 10-15 Jahre lang leer, ohne dabei je benutzt oder gewartet zu werden. Das Resultat ist, dass solche Immobilien trotz stetig steigendener Immobilienpreise de facto massiv an Wert verlieren und 20-30 Jahren oft wegen mangelnder Wartung baufällig und abrissreif sind. Mit einer Liberalisierung der Zinsen könnten Banken Kleinanlegern attraktivere Anlageoptionen anbieten und somit zum Abkühlen des Immobiliensektors beitragen.

Chinas urbane Bevölkerung
spart mehr als sie ausgibt
Ein weiterer wichtiger Reformschritt wäre die flächendeckende Einführung von Einlagensicherungen bei traditionellen Banken, da diese bisher entweder gar nicht oder nur in sehr geringem Ausmaß existiert. In keinem anderen Land weltweit werden so viele verfügbare Haushaltsrücklagen in bar zu Hause gehortet wie in China. Das ist nicht nur ein Ausdruck des Misstrauens gegenüber Banken, sondern v.a. ein massiver Verlust an Geldmenge für den gesamten Geldfluss der chinesischen Wirtschaft.Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass Chinesen traditionell eher sparsam und nicht sehr konsumfreudig sind.

Chinas Politik sollte also v.a. diese Probleme adressieren, anstatt WMPs und Schattenbanken zu dämonisieren. Natürlich wird man auch diese Bereiche (v.a. das Schattenbankwesen) mit effizienteren und ausgeklügelteren Regelwerken reformieren müssen. Doch in Wahrheit sind WMPs und Schattenbanken nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Höhere Zinsen würden nicht nur das Wachstum der Immobilienblase bremsen, sondern auch das Vermögen von Kleinanlegern steigern. Das würde zu einem höheren verfügbaren Haushaltskapital führen, welches sich  wiederum positiv auf das Konsumverhalten der chinesischen Bevölkerung auswirken würde. Und ein gesteigerter Konsum ist letztlich ausschlaggend um Chinas Wirtschaft weg von einem eportgetriebenen zu einem konsumorienmtierten Wachstumsmodell zu führen.

Zum Abschluss noch eine Binsenweisheit:
  • Wo Regulierung, da Umgehung 
  •  Wo Zoll, da Schmuggel 
  • Wo regulierte Zinsen, da Schatteninstitutionen·      
In diesem Sinne sollte China vorrangig seine Zinspolitik reformieren, da dies die mit Abstand tiefgreifensten Effekte auf den chinesischen Finanz- und Bankensektor sowie Chinas Wirtschaft hätte. Einfach WMPs und Schattenbanken als Sündenböcke abzustempeln, bringt in dieser Hinsicht wahrlich niemanden weiter.



Weiterführende Literatur:
Zhang, Joe (2013): China's Shadow Banking Industry - The Next Big Crisis?