China
will seine Wirtschaft weg von einer exportgetriebenen hin zu einer konsumorientierten
führen. Doch die bisherigen Reformschritte sind von Halbherzigkeit und
fehlendem Pragmatismus geprägt. Mit Kritik und Regulierung von alternativen
Investitionsformen und Schattenbanken allein wird man nicht weit kommen.
Wegen der Komplexität des Themas ist
dieser Blogeintrag überdurchschnittlich lang ausgefallen. Aus Gründen der
Übersichtlichkeit habe ich ihn daher in folgende Abschnitte gegliedert:
Einführung
Allgemeines zum chinesischen Bankensektor
2013: Virtuelle Währungen und WMPs
2008: Legalisierung von Schattenbanken
Großbanken vs. Schattenbanken
Ein Sündenbock für alle
Reformvorschläge & Ausblick
Allgemeines zum chinesischen Bankensektor
2013: Virtuelle Währungen und WMPs
2008: Legalisierung von Schattenbanken
Großbanken vs. Schattenbanken
Ein Sündenbock für alle
Reformvorschläge & Ausblick
Die chinesische Wirtschaft stagniert, wenn
auch auf einem sehr hohen Niveau. Mehr als 7% Wirtschaftswachstum verzeichnete
das Reich der Mitte im vergangenen Jahr. Freilich eine beeindruckende Zahl, die
dennoch im Vergleich zur Blütezeit der 00er Jahre blass aussieht: 2007
verzeichnete Chinas Wirtschaft noch ein Wachstum von mehr als 14%. Verwantwortlich
für solch hohe Wachstumszahlen war v.a. das Exportmodell, auf dem Chinas
Wirtschaft aufgebaut war. Unternehmen in China investieren und produzieren
günstig für den Weltmarkt (insbesondere Amerika und Europa).
Doch die Zeiten haben sich geändert. Die
Finanzkrise und die folgende Euro-Krise veranschaulichten die Schwächen eines
solchen Modells. Westliche Industrieländer mussten sparen. Nicht nur die
einzelnen Staaten, sondern auch deren Bürger, die fortan ihren Konsum
einschränkten und weniger Waren (aus China) kauften. Die Folge: 2008 stürzten
die Wachstumsraten der v.a. von Exporten abhängigen Wirtschaft Chinas auf
„lediglich“ 9,6% ab. Nach einem
Milliarden schweren Investitionspaket der chinesischen Regierung zur
Ankurbelung der Wirtschaft im Jahre 2009/10 gab es kurz Zeit zum Aufatmen, doch
seit knapp vier Jahren stagniert die chinesische Wirtschaft konstant bei rund
8% - Tendenz fallend.
| Chinas Wirtschaftswachstum 2002-2013 |
Chinas Führung ist sich bewusst wie
dringend notwendig es ist, die chinesische Wirtschaft weg von einem
exportgetriebenen hin zu einem konsumorientierten Modell zu führen. Ein
Wirtschaftmodell, zu dessen Wachstum v.a. die einheimischen Konsumenten
beitragen, soll das Land nicht nur besser vor finanziellen Schwankungen auf dem
Weltmarkt schützen, sondern auch schließlich den Weg vom Schwellenland zur
Industrienation China ebnen. Dementsprechend ist die chinesische Führung, v.a.
seit der Machtübernahme von Xi Jinping, bemüht verschiedene Reformen bzw. eine
Öffnung des Finanzsektors voranzutreiben. Doch anstatt wirklich tiefgreifende
Reformen ohne Scheuklappen zu diskutieren, führen die Machthaber der
chinesischen Politik und der staatlichen Finanzindustrie einen ideologischen
(und teils nicht sehr überzeugenden) Krieg gegen alternative Investitionsformen
und Schattenbanken. Doch alles der Reihe
nach.
Zunächst zur Ausgangslage: Der chinesische
Banken- und Finanzsektor liegt fest in staatlicher Hand. In der kommunistischen
Ära Chinas war die primäre Aufgabe von Banken noch vergleichsweise simpel: Geld
von Sparern physisch aufbewahren und (kleine) Kredite vergeben. Doch damals war
nicht nur die chinesische Gesellschaft in mehrere Klassen unterteilt, sondern
auch der Bankensektor. Die Namen der gängigen chinesischen Banken geben hierbei
Aufschluss. So diente beispielsweise die Agricultural Bank of China (中国农业银行) als primäre
Anlaufstelle für Erwerbstätige der Landwirtschaft. Gleichzeitig verwaltete die China Construction
Bank (中国建设银行)
das Vermögen von Industriellen der Baubranche. Ähnlich ging es bei der China
Merchant Bank (招商银行)
oder bei der Bank of Communications (交通银行) zu.
Doch mit der politischen und
wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaopin wurde eine solche Klassifizierung
der Gesellschaft und des Finanzssektors obsolet. Der Bankensektor wurde
liberalisiert und Banken begannen ihre Kundenbasis zu diversifizieren. Fortan
konnte man auch mit einem urbanen Hauptwohnsitz ein Konto bei der Agricultural
Bank of China beantragen. Und die China Construction Bank gewährte auch jenen
Unternehmern Kredite, die nicht in der Baubranche tätig waren. Zahlreiche
Banken wurden (teils schmerzhaft) privatisiert oder gingen in Konkurs, der
Bankensektor schrumpfte sich erstmals gesund. Bis auf wenige Ausnahmen gaben so
gut wie alle Banken ihre Klassifizierung zugunsten einer breiteren Kundschaft
auf. Prominente Ausnahme ist hierbei die China Exim Bank (中国进出口银行), die nach wie
vor staatlich ist und überaus günstige Kredite ausschließlich an Staatsunternehmen
für Direktinvestitionen ins Ausland vergibt. Obwohl sich seitdem zahlreiche
private Banken etabliert haben, sind die staatlichen Banken nach wie vor
äußerst mächtig – in Hinblick auf Kundenanzahl, verfügbares Kapital und
bevorzugter Behandlung seitens der Politik. Auch der Finanzsektor wird bis heute
unter den Argusaugen der Politik streng reguliert.
An der Spitze aller einheimischen Banken
steht die chinesische Volksbank (kurz: PBOC für People’s Bank Of China,
中国人民银行),
die als regulierende Einheit wie eine Zentralbank fungiert. Dank ihrer Organisationsstruktur
ist die PBOC direkt der chinesischen Zentralregierung (genauer gesagt dem
Staatsrat) unterstellt. An der Spitze der PBOC steht der Gouverneur, welcher dem
Vorsitzenden des Staatsrates vorgeschlagen und vom Nationalen Volkskongress
(dem chinesischen Parlament) bestimmt wird. Somit sind sämtliche finanzielle
Weisungen der PBOC nicht nur höchst politisch, sondern v.a. für alle Akteure im
Finanzsektor bindend. Was bis vor kurzem nicht weiter ein Problem war, da
Staatsunternehmen ohnehin den Großteil der Akteure im chinesischen Finanzsektor
ausmachten – man war quasi unter sich.
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| Die Zentrale der PBOC in Peking |
Doch es dauerte nicht lange bis neue Kräfte
in den Finanzsektor Chinas vordrangen. Der Siegeszug von Internet, Smartphone
& Co. war auch an China nicht spurlos vorüber gegangen und führte zu
zahlreichen Innovationen im Finanzsektor. Und zwar in Form von virtuellen Währungen
(v.a. Bitcoin) und alternativen Investitionsformen (kurz: WMP für Wealth Management Product).
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| Hongkongs erster Bitcoin Bankomat wird eingeweiht |
Bitcoin – 2009 gegründet – wurde der
breiten Öffentlichkeit Chinas erst 2013 ein Begriff. Doch bevor die virtuelle
Währung, die abseits der Regulierungen des traditionellen globalen Finanzmarkts
agiert, in China richtig Fuß fassen konnte, wurde dies seitens der chinesische
Regierung anfangs noch zögerlich, dann jedoch immer vehementer verhindert. Noch
im Dezember 2013 erklärte die PBOC, dass Bitcoin keine legitime Währung sei,
ehe sie Anfang April 2014 schließlich alle Banken aufforderte sämtliche
Transaktionen und Anleihen mit virtuellen Währungen mit Wirkung vom 15. April
einzustellen. Seitdem ist China (mit Ausnahme des autonom regierten Hongkongs,
wo vor kurzem sogar einige Bitcoin-Bankomaten installiert wurden) ein Land, in dem virtuelle Währungen keinen
Platz mehr haben. Begründet wurde dieser Schritt mit dem angeblich negativen
Einfluss von virtuellen Währungen auf die Stabilität des Finanzsektors sowie
mit der Tatsache, dass Bitcoin aufgrund seiner hohen Anonymität häufig von
Kriminellen genutzt wird.
Doch während Bitcoin & Co. in China
relativ schnell gebannt waren, entpuppten sich
WMPs als die weitaus größere Herausforderung für Chinas Finanzregulierungsbehörden.
Diese alternativen Investitionsformen wühlten – mit massiver Unterstützung von
Kleinanlegern – ab dem Sommer 2013 den chinesischen Finanzsektor zunehmend auf.
Das populärste aller WMPs ist Alipay, besser bekannt unter seinem chinesischen
Namen Yu‘ebao (余额宝),
was man ungefähr als „Geldbörse für Kleingeld“ übersetzen kann. Alipay
funktioniert wie eine virtuelle Geldbörse und ein virtuelles Anlagekonto
zugleich. Alipay wurde von Alibaba gegründet, einem mächtigen (privaten) Technologiekonzern,
dem u.a. auch das beliebte Online-Shoppingportal Taobao (淘宝) und die populäre
Taxi-App Kuaidi Dache (快的打车) gehören. Anwender können einen Alipay-Account
erstellen und einen bestimmten Geldbetrag auf diesen Account laden. Fortan kann
Alipay als virtuelle Geldbörse zum Bezahlen verwendet werden, z.B. beim Einkaufen
auf Taobao oder beim Bestellen eines Taxis mit Alibabas Taxi-App.
Doch die weitaus revolutionärere – und aus
Sicht der Finanzregulierungsbehörden bedenklichere – Eigenschaft Alipays ist,
dass es auch als alternative Anlageform verwendet werden kann. Denn: um
Anwender anzuspornen, stetig Geld auf den eigenen Alipay-Account zu laden,
verteilt Alipay auf hochgeladene Geldbeträge einen Jahreszinssatz von
durchschnittlich 5-7% – unabhängig von der Höhe des eingezahlten Betrags und
jederzeit verfügbar. Im Vergleich dazu: Traditionelle Banken bieten für
Sparkonten durchschnittlich einen jährlichen Zinssatz von lediglich 3,3% - und
somit auf ungefährer Höhe der offiziellen Inflationsrate von knapp 3% (wobei
die tatsächliche Inflationsrate bei 5% liegen dürfte, aber das ist eine andere Geschichte).
Darüber hinaus unterliegen traditionelle Sparkonten strengen Regulierungen und
besitzen oft eine Sperrzeit von mindestens 12 Monaten.
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| Eine Alipay Werbung bewirbt durchschnittliche Zinsraten von 4,87% p.a. |
Eine Arbeitskollegin von mir wollte
letztens ihr Girokonto der China Merchant Bank mit ihrem Alipay Account
verknüpfen (was notwendig ist, um Geld auf den Alipay Account hochzuladen).
Imzuge dessen machte ihr der China Merchant Bank Mitarbeiter ein „einmaliges“
Angebot: Sie solle doch einfach 50,000
RMB in einem Sparkonto von China Merchant Bank anlegen, dann hätte sie ebenso
einen Jahreszinssatz von 5%. Dieses Beispiel veranschaulicht nicht nur auf
drastische Weise wie naiv und ahnungslos etablierte Großbanken im Umgang mit Alipay
sind, sondern auch wie abgehoben der chinesische Bankensektor mittlerweile vom
breiten Fußvolk ist. Denn mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von
4000-5000 RMB hat ein chinesischer „white collar worker“ nunmal keine 50,000
RMB einfach so an der Bettkante liegen (von einem „blue collar worker“ mal ganz
zu schweigen). Und selbst wenn: warum sollte er diese immense Summe in ein (vermeintliches)
Sparkonto investieren, dessen Zinssatz gerade einmal auf Höhe der Inflation
liegt und auf dessen Geld er erst nach 12 Monaten Zugriff hat? In dieser Hinsicht
ist Alipay für den kleinen Sparer geradezu perfekt: Ohne bürokratischen
Auflagen kann man Geld rasch und unkompliziert auf seinen Alipay Account
hochladen, wo man sein Erspartes bereits ab einem Betrag von 1 RMB mit einem überdurchschnittlich
hohen Zinssatz anlegen kann und darüber hinaus auch jederzeit Zugriff darauf
hat!
Die Folge ist für die etablierten
Großbanken natürlich fatal, da immer mehr ihrer Kunden ihr Kapital von
traditionellen Konten abziehen und in WMPs wie Alipay investieren. Für die
Großbanken ist nicht nur die Tatsache, dass es zu einer Verschiebung am
Kapitalmarkt kommt, sondern v.a. die Geschwindigkeit, mit welcher diese
Verschiebung stattfindet, beängstigend. Im November 2013 verzeichnete Alipay noch
30 Millionen Kunden mit einem kombinierten Kapital in der Höhe von 100
Milliarden RMB.
Mittlerweile (Mai 2014) hat Alipay 86 Millionen Kunden und verwaltet ein Kapital
von unglaublichen 554 Milliarden RMB (rund 65 Milliarden Euro).
Entsprechend groß ist der Aufschrei in Chinas Bankensektor, der mittlerweile
offen ein Verbot oder zumindest eine empfindliche Regulierung von WMPs fordert.
Doch genauso ratlos wie die betroffenen
Großbanken selbst ist auch die chinesische Regierung, die nicht so recht zu
wissen scheint, ob WMPs überhaupt eine Bedrohung sind und ob sie
dementsprechend reguliert werden müssen. So verbot die Regierung - wohl mehr
aus Rücksicht auf die eigenen Freunde im Bankensektor als aus wohl überlegter Logik
heraus – im März 2014 das Bezahlen mit Alipay durch das simple Scannen von QR
Codes in Lebensmittelmärkten sowie Kreditkartentransaktionen via Alipay.
Begründet wurde dies mit angeblichen Sicherheitsmängeln. Der Popularität von
WMPs hat dies freilich nicht geschadet und das Angebot wird ständig erweitert.
Mittlerweile hat auch Baidu, Betreiber der gleichnamigen populären chinesischen
Suchmaschine, sein eigenes WMP namens Baifa gestartet, das nach dem selben
Prinzip wie Alipay funktioniert und seinen Kunden Zinsraten von bis zu 8% p.a.
verspricht. Das Tauziehen zwischen den Betreibern von WMPs und dem traditionellen
Bankensektor wird also weitergehen und man kann davon ausgehen, dass Chinas
Finanzregulierungsbehörden mittelfristig mit entsprechend einschneidenden
Maßnahmen gegen WMPs reagieren werden.
Doch als ob all dies nicht schon genug
wäre, stellen sog. Schattenbanken die langfristig gesehen größte
Herausforderung für den chinesischen Finanzsektor dar. Um das Problem (?) von
Schattenbanken voll zu begreifen, muss man zunächst zurück ins Jahr 2008
blicken, als die PBOC aufgrund fehlender bzw. ineffizienter Kontrollmaßnahmen die
Tätigkeit von sog. Schattenbanken landesweit legalisierte. Schattenbanken, das
sind – je nach Sichtweise – für die einen Kredithaie, die am Rande der Kriminalität
Kredite zu verantwortungslosen Konditionen vergeben und somit die Stabilität
des Finanzsektors gefährden. Für die anderen sind es schlicht Kreditinstitute
abseits des traditionellen bürokratischen Finanzsektors, die Kredite zu
günstigen Konditionen an jene vergeben, die die strengen Auflagen der traditionellen
Kreditinstitute nicht erfüllen.
So konträr diese zwei Definitionen
klingen, so deutlich veranschaulichen sie doch wie sehr Schattenbanken die
chinesische Politik und Gesellschaft polarisieren. Man ist entweder für oder
gegen sie. Dazwischen gibt es nichts. Und dementsprechend emotional wird die
Diskussion hinsichtlich einer Reglmenetierung/ Liberalisierung von
Schattenbanken in China geführt. Doch warum sind Schattenbanken so verhasst/
beliebt? Die simple Antwort: Schattenbanken sind ein relativ neues Phönomen für
die chinesischen Finanzregulierungsbehörden. Zwar wurden das
Schattenbankenwesen bereits 2008 legalisiert, bis dato fehlt es jedoch an einem
ausgeklügelten Regelwerk. Das Ergebnis sind teils sehr liberale oder (noch) nicht
vorhandene Finanzregulierungsauflagen, die für Schattenbanken gelten, während traditionelle
Banken weitaus strengeren und ausgeklügelten Bestimmungen unterliegen. Das
wiederum ermöglicht es Schattenbanken, Kredite zu günstigeren Konditionen
auszustellen.
Ein Beispiel: Aufgrund der laschen
Bestimmungen dürfen Schattenbanken einen Darlehenszinssatz von bis zu 24% p.a.
vergeben – das entspricht dem beinahe 4-fachen Wert des Darlehenszinssatzes von
streng regulierten staatlichen Banken von ca. 6% p.a.! Und: Kunden von
Schattenbanken müssen bei einer Kreditaufnahme weitaus weniger Eigenkapital und
Sicherheiten aufweisen als Kunden von traditionellen Banken. Im Gegenzug ist
der Kreditrahmen von Schattenbanken wesentlich enger gesetzt als der von
traditionellen Banken. Sprich: da Schattenbanken in der Regel über weitaus
geringere verfügbare Investitionssummen verfügen, dürfen sie auch nicht so hohe
Kredite wie etablierte Großbanken vergeben. Diese Tatsache wird auch durch das
veralterte (und seit 1949 nicht mehr abgeänderte) Volksbankengesetz verschärft,
welches vorschreibt, dass pro Gemeinde/ Bezirk nur ein lokales Kreditinstitut
existieren darf. Diese Gesetzesgrundlage wurde 2008 mit der Legalisierung von
Schattenbanken auch auf den Schattenbankensektor angewandt. Das Ergebnis sind
tausende Schattenbanken, die zwar alle für sich gesehen ein Monopol darstellen,
aber aufgrund der Limitierung ihrer geographischen Tätigkeiten und ihrer
eingeschränkten Kundschaft äußerst schwach sind - gefährlich schwach.
Denn durch die geographische Einschränkung der Kundenbasis einer Schattenbank wird auch das Risiko von faulen Krediten massiv erhöht. Warum? Ein simples Beispiel: Die einzige Schattenbank eines ländlich geprägten Dorfs gewährt mehreren Jungbauern Kredite zum Anschaffen von industriellen Agrarmaschinen zur Bewirtschaftung ihrer Felder. Wenige Wochen später kommt es in der Region zu starken Regenfällen und massiven Überschwemmungen. Dabei werden nicht nur die Maschinen, sondern auch die gesamte Ernte der Bauern vollkommen zerstört. Die Bauern verlieren dabei nicht nur ihre Kreditinvestitionen (Agrarmaschinen), sondern durch die Missernte auch noch ihr gesamtes Einkommen, mit dem sie ursprünglich den Kredit zurückzahlen wollten. Und die Schattenbank bleibt auf ihren plötzlich faulen Krediten sitzen und geht unweigerlich in Konkurs, da der Großteil ihrer homogenen und geographisch konzentrierten Kundschaft von dem gleichen Problem betroffen ist und keine Kredite zurückzahlen kann.
Darüber hinaus sind Schattenbanken wesentlich
mehr Finanzregulierungsebenen unterstellt als traditionelle Banken. Ein
Beispiel: eine staatliche Bank ist lediglich den Weisungen einer
Regulierungsbehörde (der PBOC) unterstellt. Eine Schattenbank ist jedoch gleich
vier Regulierungsebenen unterstellt:
- der PBOC
- der Finanzabteilung der Provinzregierug
- der Finanzabteilung der Stadtregierung
- dem Reform- und Entwicklungsbüro der Bezirksregierung
Während sich also eine etablierte Großbank
jedes Ansuchen oder Formular nur einmal (von der PBOC) genehmigen oder
unterschreiben lassen muss, dauert dieser Arbeitsprozess für eine Schattenbank
viermal so lang – was in der schnelllebigen Finanzindustrie und bei der chinesischen
Bürokratie ein veritabler Nachteil ist. Laut PBOC sollen all diese Maßnahmen das
Wachstum des Schattenbankenwesens auf natürliche Weise limitieren. In anderen
Worten, Betreiber von Schattenbanken sollen sich „gefrotzelt“ fühlen und
abgeschreckt werden.
In der ganzen Debatte kristallisieren sich
schnell zwei Fronten heraus. Auf der einen Seite die traditionellen (und meist
staatlichen) Banken, die in (meist private) WMPs und Schattenbanken einen
Sündenbock für alle gefunden haben. Auf der anderen Seite die Kleinanleger, die
oft die strengen Spar- und Kreditauflagen von Banken nicht erfüllen, sowie die Betreiber
von WMPs und Schattenbanken, die diesen Personen günstigere Investitionsmöglichkeiten
und Kredite bieten wollen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Fronten: die
chinesische Regierung, die jedoch aufgrund des hohen Anteils an Staatsbanken
eher zu den Anklägern anstatt zu den Verteidigern von WMPs und Schattenbanken
tendiert.
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| Dunkle Wolken über Shanghais Finanzviertel - und Chinas Finanzsektor |
Der Tenor der Debatte seitens der
etablierten Großbanken ist dabei stets derselbe: WMPs und Schattenbanken
schwächen Chinas Finanzssektor und machen diesen instabil. Doch WMPs und Schattenbanken
sind nicht die Krankheit im System, sondern nur das Symptom einer Krankheit. Denn
in Wahrheit ist der streng regulierte Banken- und Finanzsektor Chinas die
Krankheit an sich, WMPs und Schattenbanken sind bloß ein direktes Resultat. WMPs
und Schattenbanken stellen aus mehreren Gründen (derzeit) keine Bedrohung für
den chinesischen Banken- oder Finanzsektor dar:
1) Wie der Erfolg von Alipay gezeigt hat,
ignoriert das traditionelle Bankenwesen den durchschnittlichen Kunden, indem es
ihm zu strenge Vorgaben für Kreditvergaben oder Anlegeoptionen vorschreibt.
Chinesische Großbanken dienen somit v.a. der privilegierten Elite, die
ausreichend Kapital zur Verfügung hat. Es ist also nicht verwunderlich, dass
sich Kleinanleger nach Alternativen umsehen. Gemäß dem Grundsatz „Wo Nachfrage,
da ein Angebot“ füllen WMPs und Schattenbanken also nur ein Nische im
Finanzsektor, anstatt mit traditionellen Banken direkt zu konkurrieren.
2) Alternative Investitionsformen abseits des
traditionellen Bankensektors sind bei weitem nichts neues. Seit der
Liberalisierung des Immobilienmarkts Anfang der 1980er investiert die absolute
Mehrheit aller Chinesen ihr Erspartes in
Immobilien, da ihre Investitionen dort viel mehr Geld abwerfen (Immobilienpreise
stiegen in China 2012-2013 um mehr als 10%), als traditionelle Sparkonton von
Banken (inwiefern das nachhaltig oder gar sinnvoll ist, ist ein anderes
Kapitel). Auch Schattenbanken haben bereits vor ihrer Legalisierung anno 2008
existiert und tatsächlich illegal im Schatten des Gesetzes agiert. Jetzt
unterliegen sie hingegen mehr oder weniger strengen Regulierungen. Kurzum: wenn
der traditionelle Finanzsektor in den letzten 30 Jahren die Ko-existenz von
Schattenbanken überstanden hat, wird er das auch nun mit einem legalen Rahmen
können.
3) WMPs und Schattenbanken haben zwar hinsichtlich
ihrer raschen Kapitalanhäufung einen vorläufigen Achtungserfolg erzielt.
Dennoch sind all diese Summen (noch) viel zu gering, um die Existenz von
etablierten Großbanken oder gar die Stabilität des gesamten Finanzsektors zu
gefährden. Ein Vergleich: Alipay besaß mit Mai 2014 ein Kapitalvermögen von 65
Milliarden Euro. Gleichzeitig besaß aber z.B. die Industrial & Commercial
Bank of China (ICBC, 中国工商银行)
allein ein Kapitalvermögen von 2335 Milliarden Euro.
Es ist seitens der etablierten Großbanken also mehr als lächerlich, zu
behaupten, WMPs würden die Existenz von Banken gefährden. Ebenso wenig ist der
Vorwurf haltbar, Schattenbanken würden den Finanzsektor destabilisieren. Zwar
betrug das kombinierte Kapital aller chinesischen Schattenbanken 2012 nahezu 20
Trillionen RMB (2350 Milliarden Euro) – was in etwa dem Kapitalwert der ICBC
allein (!) bzw. einem Fünftel von Chinas BIP entspricht. Doch, wie oben dargelegt,
kommt diese immense Zahl nur durch die Kombination von vielen kleinen und
schwachen Monopolisten zustande. Und: verglichen mit den G20 Staaten, wo
Schattenbanken lt. Standard & Poors
Ende 2012 einen Gesamtanteil von 111% am kombinierten BIP dieser Staaten hatte (Zhang: 97-99), ist das Ausmaß von
Chinas Schattenbankwesen noch vergleichsweise gering.
4) Schattenbanken und v.a. WMPs sind etwas
neues und werden dementsrpechend gehypt. Viele v.a. unerfahrene Kunden haben
sich mit teils zu hohen Erwartungen euphorisch an WMPs gewandt. Doch die
anfängliche Euphorie über (noch) junge Produkte wie Alipay wird bald merklich
abnehmen. Ähnliches war 2008 nach der Legalisierung von Schattenbanken zu
beobachten, als sich binnen weniger Tage zigtausende Chinesen für eine
Schattenbank-Lizenz registrierten und tausende Schattenbanken aus dem Boden
schossen – einfach nur, weil es vielversprechend anmutete. Doch mittlerweile
hat die überwältigende Mehrheit von ihnen ernüchtert aufgegeben und die meisten
Schattenbanken haben ihre Tätigkeiten wieder eingestellt. Eine ähnliche
Entwicklung ist bei WMPs zu erwarten.
5) Der Fremdkapitalanteil von
traditionellen Großbanken ist bereits immens. Der Betrag, den Schattenbanken zu
dem massiv hohen Gesamtverschuldungsgrad des chinesischen Finanzsektors
beitragen, ist vergleichsweise gering und kein „game changer“.
Anstatt also WMPs und Schattenbanken die Schuld
an Chinas wirtschaftlicher Stagnation zuzuschreiben und Panikmache zu
betreiben, sollten Chinas Bankensektor und politische Elite an einem Strang
ziehen und pragmatische Reformen einleiten. Denn letztlich ist der Erfolg von
WMPs und Schattenbanken v.a. auf mangelnde Reformen im Finanz- und Bankensektor
zurückzuführen.
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| Chinas streng regulierte Zinspolitik fördert indirekt WMPs und Schattenbanken |
Die Liberalisierung von Zinsraten ist die
wohl dringenste Maßnahme, um Chinas Finanzsektor nachhaltig zu reformieren.
Denn in China sind Zinsraten streng reguliert, Banken können ihren Zinssatz
nicht selbst bestimmen. Stattdessen legt die PBOC jeden Morgen einen verbindlichen
landesweiten Wert für den Tageszinssatz fest. Banken haben dann lediglich die
Freiheit in einem Spielraum von +/- 1,5% dieses Werts einen eigenen Tageszinssatz
festzulegen. Das Ergebnis: Alle chinesischen Banken besitzen fast idente
Zinssätze. Zwar wurde der Spielraum für Zinsschwankungen in der vergangenen
Jahren mehrmals liberalisiert (2012 betrug der Spielraum noch 1%). Dennoch wird
die PBOC früher oder später Zinssätze komplett den Kräften des freien
Markts überlassen müssen. Doch für die chinesische Politik ist das (noch) undenkbar,
da sie eine totale Liberalisierung von Zinsraten für „verrückt“ hält, da dann
sämtliche Banken im Wettstreit um einen „besseren“ Zinssatz konkurrieren
würden, was letztlich die Zinsraten in astronomische Höhen treiben würde. Wenn
Kritiker dieser Mutmaßung entgegnen, dass dies ja in westlichen Ländern, wo
Zinsraten komplett liberalisiert sind, auch nicht der Fall ist, erhält man von
der chinesischen Politik meist die Antwort, dass die Banken in solchen Ländern ja
meist nicht verstaatlicht seien und daher vernünftiger agieren würden (Zhang: 102).
Diese Antwort ist insofern interessant, da sich Chinas politische Führung offenbar
selbst eingesteht, dass sie ihren
eigenen finanziellen Institutionen nicht vertraut und eine Privatisierung des
Bankensektors vermutlich der beste Lösungsansatz wäre!
Künstlich niedrig gehaltene Zinsraten haben
v.a. drei Nebenwirkungen:
- Niedrige Zinsen dezimieren das Ersparte von Kleinanlegern und fördern einseitig privilegierte Kunden, die Zugriff auf Kredite und ertragsreichere Anlageoptionen haben.
- Sie steigern die Nachfrage an Krediten und tragen so zum bereits hohen Fremdkapitalanteil des chinesischen Bankensektors bei.
- Sie fördern letztlich die Entstehung von 2 Kreditmärkten: einem etablierten, der die Privilegierten bedient und einem „Schattenmarkt“, der den Unter-privilegierten dient – wobei die Bedingungen des etablierten Markts die Ursache für die Existenz des Schattenmarkts ist.·
Generationen von Chinesen wurde als Kind
eingeredet, wie wichtig es sei, zu sparen. Doch im derzeitigen Finanzsystem
Chinas verliert der kleine Sparer massiv. Die Ersparnisse eines
Durchschnittschinesen reichen nicht aus, um in Anlagen einer traditionellen Bank
zu investieren. Und sie reichen auch – der Immobilienblase sei Dank – zunehmend
weniger aus, um sich eine Wohnung zu kaufen. Dabei bleibt den meisten Chinesen
gar keine andere Wahl als in den Immobiliensektor zu investieren, wenn sie ihr
Geld irgendwie anlegen wollen. Verstärkt wird dies durch gesellschaftliche
Erwartungen, dass ein Mann bei seiner Hochzeit zumindest eine erkaufte Wohnung als
Sicherheit in die Ehe einbringen muss.
| Chinas Immobilienpreise 2000-2013 |
Doch die Immobilienpreise sind v.a. in den
Großstädten astronomische teuer und für den Durchschnittschinesen nicht mehr
leistbar. Viele müssen daher für einen Immobilienkauf in ländliche Gebiete oder
an den Rand von Ballungsräumen ausweichen und nehmen dafür stundenlanges
Pendeln zwischen Wohnsitz und Arbeitsplatz in Kauf. Oder sie werden zu sog.
Haussklaven (房奴), die
ihr restliches Leben den Großteil ihres Vermögens für das Begleichen einer aufgenommenen
Hypothek aufwenden müssen. Die etwas Vermögenderen kaufen sich in urbanen Außenbezirken
eine zweite Immobilie als Wertanlage und glauben, ihre Lebensersparnisse weise zu
investieren. Doch solche Zweitimmobilien stehen aufgrund ihrer ungünstigen Lage
oft 10-15 Jahre lang leer, ohne dabei je benutzt oder gewartet zu werden. Das
Resultat ist, dass solche Immobilien trotz stetig steigendener Immobilienpreise
de facto massiv an Wert verlieren und 20-30 Jahren oft wegen mangelnder Wartung
baufällig und abrissreif sind. Mit einer Liberalisierung der Zinsen könnten Banken
Kleinanlegern attraktivere Anlageoptionen anbieten und somit zum Abkühlen des
Immobiliensektors beitragen.
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| Chinas urbane Bevölkerung spart mehr als sie ausgibt |
Ein weiterer wichtiger Reformschritt wäre die
flächendeckende Einführung von Einlagensicherungen bei traditionellen Banken,
da diese bisher entweder gar nicht oder nur in sehr geringem Ausmaß existiert. In
keinem anderen Land weltweit werden so viele verfügbare Haushaltsrücklagen in
bar zu Hause gehortet wie in China. Das ist nicht nur ein Ausdruck des
Misstrauens gegenüber Banken, sondern v.a. ein massiver Verlust an Geldmenge
für den gesamten Geldfluss der chinesischen Wirtschaft.Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass Chinesen traditionell eher sparsam und nicht sehr konsumfreudig sind.
Chinas Politik sollte also v.a. diese
Probleme adressieren, anstatt WMPs und Schattenbanken zu dämonisieren. Natürlich
wird man auch diese Bereiche (v.a. das Schattenbankwesen) mit effizienteren
und ausgeklügelteren Regelwerken reformieren müssen. Doch in Wahrheit sind WMPs
und Schattenbanken nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Höhere Zinsen würden
nicht nur das Wachstum der Immobilienblase bremsen, sondern auch das Vermögen
von Kleinanlegern steigern. Das würde zu einem höheren verfügbaren
Haushaltskapital führen, welches sich wiederum
positiv auf das Konsumverhalten der chinesischen Bevölkerung auswirken würde.
Und ein gesteigerter Konsum ist letztlich ausschlaggend um Chinas Wirtschaft
weg von einem eportgetriebenen zu einem konsumorienmtierten Wachstumsmodell zu
führen.
Zum Abschluss noch eine Binsenweisheit:
- Wo Regulierung, da Umgehung
- Wo Zoll, da Schmuggel
- Wo regulierte Zinsen, da Schatteninstitutionen·
In diesem Sinne sollte China vorrangig
seine Zinspolitik reformieren, da dies die mit Abstand tiefgreifensten Effekte
auf den chinesischen Finanz- und Bankensektor sowie Chinas Wirtschaft hätte. Einfach
WMPs und Schattenbanken als Sündenböcke abzustempeln, bringt in dieser Hinsicht
wahrlich niemanden weiter.
Weiterführende Literatur:
Zhang, Joe (2013): China's Shadow Banking Industry - The Next Big Crisis?





