Donnerstag, 17. September 2009

Herbstplaudereien

Der Herbst hat Peking erreicht und mit ihm angenehmes Wetter begleitet von frischen Windbrisen und wolkenlosem smogfreien Himmel. Die Klimaanlage läuft schon seit Tagen nicht mehr und in der Nacht reicht es nicht mehr aus sich einfach mit einem Leintuch zuzudecken. Herbst – so meinen die meisten Pekinger – sei die schönste Jahreszeit in der Stadt. Das Wetter ist herrlich (nicht glühend heiß nicht frierend kalt), die Leute angenehm im Umgang (entspannt aus dem Somerurlaub zurück) und die Anzahl der Touristengruppen hat ihren Jahreszenit bereits überschritten. Man genießt die letzten warmen sonnigen Tage - ehe für ein halbes Jahr klirrende Kälte, Smog und kein Sonnenschein das Stadtbild dominieren werden – sitzt mit Freunden am Straßenrand oder im Park, plaudert über dieses und jenes. Und in der Tat, derzeit gibt es v.a. zwei große Themen für die Pekinger.

Großes Thema Nummer 1 ist die neue Ubahnlinie 4. Von einigen heiß erwartet von anderen verflucht hat sie bereits im Vorfeld ihrer Eröffnung die Gemütswellen der Bevölkerung hoch schlagen lassen wie keine Ubahnlinie bevor. Vor- und Nachteile von Linie 4 liegen klar auf der Hand, die da wären: positiv: eine äußerst gute (=praktische) Streckenführung, die neben div. Sehenswürdigkeiten (Sommerpalast, Beijing Zoo) und wichtigen Verkehrsknotenpunkten (Xizhimen, Beijing South Railway Station) auch endlich den westlichen Teil der sog. „Inneren Stadt“ (= alles binnen der 2. Ringstraße) an das Ubahnnetz anbindet, speziell für den Südbahnhof wurde das höchste Zeit. Negativ: Mit Eröffnung der neuen Linie am 28. September wird ein neues Tarifmodell eingeführt. Die derzeit gültige Flatrate zu 2 Kuai/Fahrt wird damit der Vergangenheit angehören, als neues Modell strebt man ein Tarifmodell mit den Konstanten Streckendistanz und Linienwechsel an, sprich: je länger man fährt und je öfter man Linie wechselt desto mehr bezaht man. Genaue Preise wurden noch nicht genannt, man kann aber davon ausgehen, dass sich die Pekinger Stadtregierung sehr nach dem Shanghaier Ubahnsystem richten wird (3-9 Kuai/Fahrt). Des Weiteren regt sich auch der Eine oder Andere auf, dass es im Gegensatz zum restlichen Ubahnsystem in Linie 4 nich gestattet sein wird Essen oder Getränke zu konsumieren – und das trotz nicht vorhandener Kebab-Infrastruktur.

Noch viel größeres Thema Nr. 2: Das 60jährige Jubiläum zum Bestehen der VR China. Für den 1. Oktober (chines. Nationalfeiertag, Proklamation der Volksrepublik) ist ein Spektakel der Superlative angekündigt. Wie alle zehn Jahre zuvor wird auch dieses Jahr eine gigantische Militärparade auf der Chang’An Jie, der längsten durchgehenden Straße in Beijing, abgehalten werden. Doch neben diesem Programmhöhepunkt wird es auch ein unglaubliches Nebenprogramm geben, in ähnlicher wenn nicht sogar noch massiverer Größenordnung wie seiner Zeit während der olympischen Spiele. Bereits im Vorfeld mussten zahlreiche Studenten ihre Ferien aufgeben um während des Sommers für die Jubiläumszeremonie, an der sie am 1. Oktober teilnehmen werden, täglich üben und trainieren. Dass hier natürlich von „Freiwilligen“ die Rede ist muss man in China ja schon gar nicht mehr erwähnen.

Doch egal welcher Gesellschaftsschicht man angehört, dem Thema 60Jahre Jubiläum entkommt derzeit niemand. Sei es im Internet, im Fernsehen, im Radio oder in den Printmedien, überall wird man damit derzeit konfrontiert. Und selbst Menschen, die keine Massenmedien konsumieren, werden durch Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens so ganz nebenbei darauf aufmerksam gemacht, dass ihr geliebtes Vaterland demächst seinen 60. Geburtstag feiert. Beeinträchtigung des öffentl. Lebens? Das ist eigentlich zu Zeiten des Nationalfeiertages nicht Ungewöhnliches in Peking, kommen doch Jahr für Jahr Millionen Chinesen aus den hintersten Provinzen zu jener Zeit in die Hauptstadt um den Nationalfeiertag dort zu genießen und nebenbei ein bisschen Sightseeing zu betreiben. Das sämtliche Verkehrssystem – schon selbst mit den 15 Mio. Einwohnern Peking bereits am Limit operierend – bricht nun völlig zusammen, Touristenattraktionen sowie öffentliche Plätze oder Einkaufsstraßen sind dermaßen unangenehm überfüllt, dass man am liebsten keinen Fuß vor die Haustüre setzen will. Bereits letztes Jahr war es unerträglich, dieses Jahr wird es vermutlich noch um einen Grad schlimmer. Das Paradoxe an dem ganzen Treiben ist ja, dass man von dem eigentlichen Trubel – der Parade und der ganzen Zeremonie usw – als Bürger live überhaupt nichts mitbekommt. Natürlich wird das ganze Spekakel im Fernsehen zu sehen sein, aber die Chang’An Jie selbst wird großräumig für die Öffentlichkeit nicht betretbar sein. Eine Parade, bei der niemand daneben stehen und zusehen darf, sowas gibt’s auch nur in China.

Wie 2008 zu Zeiten von Olympia ist man auch dieses Jahr kurz vor diesem geschichtsträchtigen Ereignis auf Seiten der Partei sehr um Harmonie innerhalb der Bevölkerung bemüht. Umso ungünstiger kommen derzeit die ausartenden Injektionsnadelattacken in Chinas Problemprovinz Xinjiang (Details siehe Eintrag: Chinas Minderheitenproblem). Dementsprechend rasch versucht China derzeit die ganze Sache abzuschließen, hält Spontanverhöre ab und spricht Blitzverurteilungen gegen die Angeklagten aus, nur allzu schnell versucht man die Sache unter den Teppich zu kehren. Das Internet wurde mittlerweile einer weiteren Zensurwelle unterzogen, war es während des Sommers noch möglich mittels div. Proxyprogrammen auf gesperrte Seiten wie Facebook oder Youtube zuzugreifen, so ist dies nun auch wieder „unmöglich“. Und: „mysteriöserweise“ funktioniert seit kurzem mein taiwanesischer Fernsehsender nicht mehr bzw eingeschränkt. Mal ist kein Ton da, mal kein Bild, mal weder noch. Was für ein Zufall. Wie schon vor einem Jahr während der olympischen Spiele will China nicht nur das geringste Risiko bzgl Imageschaden eingehen und so einen Fleck auf seiner vermeintlich weißen Weste riskieren.

Parallel dazu läuft derzeit auf allen Massenmedien eine Art Wohlfühlkampagne, die offenbar die Stimmung in der Bevölkerung kurz vor dem Nationalfeiertag heben soll. Alle zwei bis drei Tage wird der ganze Bereich um den Tiananmen Platz (dem Zentrum der Jubiläumszeremonie) für Proben abgesperrt, Verkehr blockiert, Touristen abgeschottet und Ubahnen durch die betroffenen Stationen nonstop durchgejagt. Am nächsten Tag sieht man dann in den Breaking News die brav übenden Leute im Gleichschritt marschieren, singen oder tanzen. Gleichzeitig berichten TV Shows und Internetseiten mit aufregenden Fotos vom Training der Soldaten in den Kasernen. Hier wird einem klar gemacht: der 1. Oktober 2009 wird der sicherste Tag in China während des ganzen Jahres werden. Neben Einsatzvideos von Häuser stürmenden Spezialkommandos und exerzierenden Soldaten sieht man jedoch auch den offensichtlich lockeren und fröhlichen Alltag der Mannschaft, da werden schon mal gern Fußball-, Mahjiang- oder Seilziehen Tourniere ausgetragen. Und gelächelt wird dabei sowieso immer. „Unseren Soldaten geht es wirklich gut“, der unvermeidliche Kommentar der Off Sprecherin. Was für ein Zufall, dass derzeit die meisten Schüler ihre drei „Armeetage“ abhalten (in diesen drei Tagen werden sie in das Grundlegende der Armee eingeführt und können sich danach entscheiden ob sie sich verpflichten oder nicht).

So wie sich das Chinas Bild im Westen während der vergangenen 60 Jahren gewandelt hat, hat sich auch die Propaganda verändert. Vorbei sind die Zeiten kommunistischer Plakate mit Waffen gen Himmel haltend brüllenden Revolutionären. Im 21. Jahrhundert geht man viel dezenter vor. Mittlerweile für China schon fast unumgänglich sind die kitschigen (Propaganda)Musikvideos/Lieder geworden, welche jedes mal rund um ein wichtiges Ereignis speziell produziert werden. Derzeit wurde folgender Song extra für das 60 Jahre Jubiläum veröffentlicht:

http://v.youku.com/v_show/id_XOTQyNjIyNTY=.html

In dem u.a. von Jackie Chan gesungenen Lied geht es grundsätzlich um ein Wortspiel. Das chines. Wort für Staat lautet "guojia", welches sich wiederum aus „guo“ und „jia“ zusammensetzt. „guo“ bedeutet soviel wie Land/Gebiet während „jia“ schlicht für Familie steht. Der Text geht das ganze Lied über in die Richtung „Mein Land/Gebiet ist mein Land/Gebiet, meine Familie ist meine Familie // Ich liebe mein Land/Gebiet, ich liebe meine Familie etc“, währenddessen sind im Video Familien aus den verschiedensten Teilen Chinas zu sehen - klar, dass China trotz immenser Minderheitenprobleme wieder einmal seine vermeintliche multikulturelle Harmonie betonen muss. Zum Höhepunkt werden zum Schluss die zwei Worte zum Wort „guojia“ zusammengefügt, der Liedtext ändert sich in „ich liebe meinen Staat [=VR China]“ und schon sieht man die im Wind wehende chines. Flagge. Perfekte Propaganda, als harmlos wirkendes Musikvideo vermarktet.

Eines ist bereits jetzt klar. China bzw. die Partei geht als großer Gewinner aus diesem ganzen Jubiläumsspektakel hervor. Im Vergleich zu vor 60 Jahren agiert man selbstbewusster denn je, unterstreicht seinen Anspruch auf die Rolle des Global Players noch kräftiger. Zumindest nach außen hin präsentiert man sich als starkes einheitliches Land mit glorreicher Zukunft. Doch unter dieser resistenten Kruste befindet sich ein weicher Kern mit vielen ungelösten Konfliktherden. China Wirtschaft stagniert, 100.000e sind durch die Krise arbeitslos geworden. Auch wenn man im internationalen Vergleich noch mit einem blauen Auge davon gekommen ist, so wird man sich in Zukunft doch daran gewöhnen müssen mit der Zeit immer mehr Investoren nach Indien, dem neuen Zukunftsmarkt, abwandern zu sehen. Doch neben wirtschaftlichen Problemen sind es vor allem die sozialen Themen, die massives Konfliktpotential in sich bergen. Nach wie vor ungelöst ist da das Minderheitenproblem, allerm voran die Unruheregionen Xinjiang & Tibet. Denn eines ist klar, die Tibetunruhen letzten Frühling sowie die diesjährigen Xinjiangaufstände waren vor allem ethische Konflikte. Doch auch die restl. Bevölkerung ruhig halten zu können wird sich als schwierig gestalten. Trotz Reformen blüht die Korruption seitens Parteikader auf Kreisebene wie eh und je, der Unterschied zwischen Stadt und Land wird immer eklatanter, Massenmigartion in städt. Gebiete sowie brach liegende unbewirtschaftete Felder sind die Folge. Wenn hier rechtzeitig nicht gegengesteuert wird ist eine Lebensmittelknappheit größerer Kategorie unumgänglich. Des Weiteren haben Krisen wie SARS anno 2003 und die diesjährige Schweinegrippe nicht nur die Schwächen des im Grunde genommen nicht vorhandenen chines. Gesundheitssystem sowie der Krankenversorgung, sondern auch viel mehr die mit zunehmender Bedrohung rapide sinkende Zivilcourage innerhalb der Bevölkerung aufgezeigt – einig im sozialen Sinne war das Land zuletzt unter der gescheiterten Reformpolitik Maos.

Dienstag, 1. September 2009

Nordkorea Reisebericht

Was Reisen betrifft bin ich normalerweise ein realtiv entspannter Mensch. Ich habe keine Flugangst, lasse mich meistens nicht für einen 10-14 Tage Aufenthalt extra impfen und kaufe keine Reiseversicherung. Doch dieses mal ist alles anders. Nordkorea steht auf meinem Reiseplan und während ich so im Taxi Richtung Beijing Capital Airport fahre muss ich mir doch eingestehen, dass ich ein etwas mulmiges Gefühl habe – nicht nervös, aber auch alles andere als gelassen.

Nordkorea ist wohl eines jener Länder von denen man nichts weiß, trotzdem oder gerade deswegen ist es so interessant für den einen oder anderen dort hinzufahren. Während andere als Traumziel Malediven oder Thailand nennen , so findet sich auf meiner Lister aller Wunschreiseziele seit jeher Nordkorea abgeschlagen auf Platz 1. Nach einem Semester arbeiten und Geld sparen hatte ich dann im Endeffekt das benötigte Kleingeld für einen Urlaub meiner Wahl beisammen. Ursprünglich war ein Trip nach Tibet geplant, doch aufgrund der Xinjiang Aufstände und der daraus resultierenden strengeren Einreisebestimmungen für Ausländer in die gesamte Westregion Chinas hatte sich dies erübrigt. Die Entscheidung war gefallen.

Reisen in Nordkorea ist anders, es ist kein Urlaub, sondern vielmehr eine Erfahrung – und was für eine! So ist zB individual reisen in Nordkorea unmöglich. Es wird nie geschehen, dass man als Tourist alleine durch die Straßen gehen kann. Man hat stets zwei Reisebegleiter dabei, offiziell um dem Touristen als Reiseführer zu dienen, inoffiziell aber ebenso um den Touristen zurechtzuweisen, auf ihn aufzupassen, ihm zu sagen was er fotografieren darf und was nicht, wann er sich vor welcher Statue zu verbeugen hat und wo er Blumen für welches Monument kaufen soll(t)e. Wer nach Nordkorea fährt muss sich mit dem Gedanken anfreunden an einer bombastischen Propagandatour quer durch das Land teilzunehmen. Kritik am Kommunismus, Nordkorea, Kim Il Sung, Kim Jong Il, der Juche Ideologie oder ähnlichem ist völlig fehl am Platz und kann im schlimmsten Falle in einem Abbruch der Reise enden. „Hier geht es nicht darum wer Recht und Unrecht hat, es geht darum neue Perspektiven kennen zu lernen“, so schilderte es mir meine Reisegesellschaft beim Pre-Briefing, einen Tag vor der Abreise nach Pyongyang.

Es gibt wenige Reisegesellschaften, die mit der Genehmigung Nordkoreas Touren nach Nordkorea organisieren dürfen. In meinem Fall handelte es sich um eine britische Reisegesellschaft mit Sitz in Beijing, ausschließlich auf Reisen nach Nordkorea spezialisiert. Unsere Tourgruppe bestand aus 15 Leuten, großteils Engländer bzw Europäer. So ging es dann also Mitte August für knapp eine Woche nach Nordkorea. Als ich im Jänner nach Japan reiste musste ich im Nachhinein feststellen, dass man sich in Japan wie 15 Jahre in der Zukunft vorkommt. In Nordkorea verhielt es sich jedoch wie eine Reise 40 Jahre zurück in die Vergangenheit. Bereits das Flugzeug der nordkoreanischen Fluglinie Air Koryo – eine in den 60ern von den Sowjets erbaute Tupolev Tu-204 - hatte zumindest vom Design her viel an Nostalgie zu bieten, mal ganz abgesehen von der fehlenden Lärmdämmung während des Flugs und der offensichtlich undichten Kabinendecke, aus der die ganze Zeit Wasser heruntertropfte. Auf dem 90 Minuten Flug nach Pyongyang war das Service aber erstaunlich gut, warme Mahlzeit inklusive. Interessant: Cola gab es an Bord nicht, Stichwort amerikanisches Produkt.

Pünktlich am Flughafen Pyongyang angekommen hieß es dann erstmal Uhren um eine Stunde nach vorn stellen, Zeitverschiebung. Dann ab zum Flughafenhauptgebäude, das original geschätzte 20 Meter tief ist. Auf diesen 20 Metern sind – lediglich durch ca 1,80m hohe Glaswände voneinander getrennt - Einwanderungskontrolle, Gepäcksausgabe und Zoll sowie Wartehalle untergebracht (!!). Beim Zoll wurden Handys eingesammelt (Handyverbot für Ausländer) und v.a. Kameras genau überprüft, da Objektivlinsen ab einem gewissen Durchmesser in Nordkorea verboten sind (Stichwort Journalisten haben in Nordkorea Einreiseverbot). Danach ab in die Wartehalle unsere Tour Guides treffen und auf die restl. Gruppe warten. Zu dem Zeitpunkt war am Flughafen verhältnismäßg viel los, da kurz zuvor auch eine Maschine aus Vladivostock angekommen war – zusammen mit unserem Flug die einzigen zwei Flüge an diesem Tag.

Danach ging es mal gleich ab in den Tourbus Richtung Pyongyang. Bereits auf der Fahrt dorthin zeichnete sich das vermutete ab: absoluter Schock. Irgendwie konnte ich es nicht glauben wirklich in Nordkorea zu sein. Häuser, die bei uns max. als Bauruine durchgehen würden, werden hier bewohnt, Leute sind simpelst gekleidet und dürr, keine Autos weit und breit, ebenso keine Fahrräder, keine Straßenlaternen, an jeder 3. Ecke ein Propagandagemälde, weibliche Verkehrsregler anstelle von Ampeln, ich wollte es nicht wahrhaben. Alles fühlte sich so surreal an. Ich war in Nordkorea! Doch am surrealsten inmitten dieser vermeintlichen Zeitreise waren die Menschen selbst! Was kennen wir schon von Nordkorea, welcher Bilder schwirren in unseren Köpfen herum? Das einzige das wir mit Nordkorea assoziieren kennen wir aus den Abendnachrichten: in den Himmel schießende Raketen, Militärparaden, Aufnahmen eines nie lächelnden leicht übergewichtigen Führers, aber was ist mit der Bevölkerung? Wir haben keine Vorstellung, kein Bild in unserem Kopf, von den normalen Menschen, dem „Fußvolk“. Und nun plötzlich sind sie da, und machen mich sprachlos, obwohl es doch nur Menschen sind! Wenn man im Westen von Nordkorea redet wird mal schnell vom Bösewicht geredet, von der Achse des Bösen, von Terroristen. Allein die Reaktion „Was? Bist verrückt? Da wirst ja entführt werden!“ 90% meiner Freunde auf die Aussage, dass ich demnächste nach Nordkorea fahre, spiegelt das westliche Denken über dieses Land nur allzu deutlich wieder. Und nun im Kontext dazu sieht man diese armen Leute. Leute wie du und ich, Leute die lachen, miteinander sprechen, nicht im Stechschritt sondern ganz gemütlich die Straße entlang schlendernd. Und plötzlich fühlt man Mitleid und Reue.

Während all diesen Eindrücken erzählt mittlerweile unsere Reiseleiterin über die Geschichte des Landes, doch wirklich zuhören tut eh fast niemand, jeder ist zu beschäftigt diese Flut an Impressionen und Informationen, die da außerhalb der Busfenster an uns vorbeizieht, zu verarbeiten. Interessant ist jedoch, dass nie von „Nordkorea“ oder „dem Norden“ die Rede ist. Es wird jedes mal der Ausdruck „Korea“ verwendet, da „die Teilung Koreas eine von den amerikanischen Aggressoren künstlich herbeigeführte Staatenbildung verursachte“, daher gebe es nach wie vor nur ein wahres Korea, das es nun zu vereinen gelte. Im Gegenzug ist aber auch nie von „Südkorea“ die Rede, viel eher greift man zu Begriffen wie „der Süden“ oder gar „die Amerikaner“.

Im Hotel angekommen wird man dann mal schnell von der kargen nordkoreanischen Realität zurück in die westl. Spaßgesellschaft katapultiert. Bei dem Hotel, in dem ausschließlich alle nach Pyongyang reisenden Touristen untergebracht werden, handelt es sich um ein Luxuxhotel der Spitzenklasse, auf einer eigens errichteten Insel mitten auf dem Taedong River. Hier befindet sich alles, was das westl. Konsumherz höher schlägen lässt. Unzählige Restaurants & Cafes, Souvenirshops, Bücherläden, Bowlinghalle, Casino, ein eigener Nachtclub, Sauna, Wellness Center, Golfplatz, Swimming Pool, Driving Ranch, Tennisplätze, BBQ Grillplatz, ja sogar ein eigenes Fußballfeld mit extra zugebautem Stadion (!!) lassen sich auf dieser Insel finden, selbstverständlich rund um die Uhr verfügbar. Mein Zimmer liegt im 27. von 47 Stockwerken und die Aussicht auf das abendliche Pyongyang ist wunderschön. Als Fernsehsender hat man eine kleine Auswahl an nordkoreanischen, russischen, chinesischen und japanischen Sendern, darunter befindet sich auch als einzig englischsprachiger Sender BBC World. Das nordkoreanische Fernsehen entpuppt sich nicht so interessant wie vl. Angenommen. Unter der Woche gibt es einen Sender, der ca 5 Stunden lang am Abend und am Vormittag sendet. Am Wochenende gibt es noch zwei zusätzliche „Unterhaltungssender“. Am Hauptsender laufen neben den täglich einmal laufenden Nachrichten (bekannt aus den westl. Nachrichten, wenn Nordkorea wieder mal irgendetwas angestellt hat) fast ausschließlich Propagandalieder in Karaokeversion mit schönen Naturaufnahmen und Untertitel als Musikvideo zum Mitsingen. Auch das Radioprogramm unterscheidet sich nur geringfügig.

In der Nacht wird in ganz Nordkorea aus Geldgründen der Strom abgeschalten, unser Hotel hat jedoch einen eigenen Generator und somit auch übernachts Strom. Ganz Pyongyang ist dunkel, nur der Juche Tower sowie die 20 Meter hohe Kim Il Sung Statue sind beleuchtet. Die Stadt ist totenstill, man hört kein Auto, keine Menschen, keine Musik, keine zerbrechenden Glasflaschen. Der Sternenhimmel ist dermaßen klar, dass man sogar Teile der Milchstraße erkennen kann. In dieser Nacht schlafe ich nicht gut. Ich bin viel zu aufgeregt, kann es noch immer nicht fassen hier zu sein.

Am nächsten Tag heißt es um 6 in der Früh aufstehen, auf dem Programm stehen die Fahrt zur demilitarisierten Zone (DMZ, nicht kundige bitte googlen) im Süden des Landes. Die Fahrt mit dem Bus dauert knappe 4 Stunden. Die Autobahn von Pyongyang nach Kaesong (Stadt naher der DMZ) ist zwar relativ neu, wird aber trotzdem momentan renoviert. Ständig sind Teilabschnitte gesperrt, was uns zum Ausweichen auf kleinere Bundes- oder Nebenstraßen zwingt – zu unserem Glück. Denn diese Straßen führen direkt durch kleine ländliche Dörfer, für mich als 0815 Tourist gibt es wohl kaum etwas interessanteres. Trotz Verbots fotografiere ich ständig heimlich aus dem fahrenden Bus heraus. Man sieht Leute auf dem Feld oder am Rand der Straße arbeiten, Kinder baden derweil aufgrund des heißenWetters im örtlichen Bach und winken uns fröhlich zu, wenn wir an ihnen vorbei fahren. Zwischen dem ganzen Ortsgetummel immer wieder kleine Soldatentruppen, die der lokalen Bevölkerung offenbar bei der Landarbeit zur Hand gehen. Sie sind unbewaffnet, lediglich der Kommandant hat ein Gewehr (ähnlich einer Ak47) um den Rücken gehängt. Zwischen den einzelnen Ortschaften herrscht karge Einöde. Entlang der Schotterstraße windet sich eine Stromleitung, befestigt an ca 3 Meter hohen Holzstrommasten – die hohen Stahlmonster aus dem Westen haben hier noch nicht Einzug gehalten. Auf den Feldern sieht man während der Mittagshitze niemanden arbeiten. Alle haben sich in eigens zu diesem Zweck errichtete kleine Strohhütten zurückgezogen, wobei der Begriff Hütten übertrieben ist. Vielmehr erinnert das Gestell, an 2 Seiten offen und mit einem Strohdach bedeckt, an einen Unterstand. Dort ruht man bis zum Nachmittag, wenn die Hitze wieder erträglicher wird. Meist sind die Wohnhäuser der Bauern so weit von deren Feldern entfernt, dass es sich nicht auszahlen würde nach Hause zu gehen, dafür gibt es diese Unterstände. Und in der Tat gibt es auf dem Land kein mobiles Fortbewegungsmittel. Öffentlicher Verkehr exisiert sowieso nicht, Autos und Fahrrad kann sich keiner leisten, Ochsen nur die wenigsten, also wird einfach zu Fuß gegangen. Es ist unglaublich wie viele Menschen man zwischen 2 Ortschaften in vermeintlicher Einöde gehen sieht.

Kurz nach Mittag sind wir dann letztendlich an der DMZ angekommen. Nach einer kurzen Einweisung anhand eines Offiziers der Armee beginnt auch schon die Führung. Zuerst bringt man uns in ein kleines Gebäude, in dem seiner Zeit das Waffenstillstandsabkommen nach dem Koreakrieg unterzeichnet wurde. Seitdem ist das Gebäude ein Museum über den Koreakrieg. Stolz erzählt uns der Offizier über den Sieg der Nordkoreaner gegen den „amerikanischen Aggressor“. Hier wird kein Hehl daraus gemacht, dass man die Amerikaner hasst, denn „sie haben ja die Trennung Koreas herbeigeführt“, „but we respect all the people who love the world piece“ wird dann jedoch noch diplomatisch hinzugefügt. Des Weiteren – so erläutert der Pffizier weiter - betrachtet man sich als Sieger des Koreakriegs, weil die nordkoreanische Armee zum Zeitpunkt des Krieges gerade mal zwei Jahre alt war. Die Amerikaner hingegen hätten eine über Jahrhunderte hinweg dauernde Erfahrung in Kriegsführung. Dass es der nordkoreanischen Armee unter diesen Umständen trotzdem gelungen ist einen „Gleichstand“ in Form des Waffenstillstandes zu erringen, sei simpel als Sieg anzusehen. Danach geht es weiter zur wirklichen Grenze zwischen Nordkorea, gekennzeichnet durch eine am Boden befindliche Linie. Links und rechts davon jeweils nord- bzw südkoreanische Wachposten, die sich gegenseitig anstarren. Wir alle kennen diese Szene aus dem Fernsehen, doch wenn man sie dann in realitas sieht wird einem erst wirklich die Perversität des ganzen Koreakrieges mitsamt seinen Folgen bewusst. Tausende Familien für ewig auseinander gerissen, getrennt durch eine ca 30cm breite Waschbetonlinie.

Im Anschluss heißt es Abschied nehmen von der DMZ, es geht per Bus weiter zu einem anderen Ort nahe der DMZ. Die ganze Anlage ist abgeschieden mitten am Land auf einem Hügel erbaut und erinnert stark an einen Bunker, gut gertarnt. Es handelt sich um ein einzelnes kleines Häuschen. Von dort aus lässt sich per Fernstecher eine Mauer in ca 2km Entfernung erkennen, genau an der innerkoreanischen Grenze. Diese Mauer wurde laut Auskunft des anwesenden nordkoreanischen Offiziers in den 70ern oder 80ern (hab das genaue Datum vergessen) seitens der Südkoreaner errichtet. Sie ist durschnittlich 3 - stellenweise sogar 6 - Meter hoch und ist im Querschnitt wie eine Stufe angelegt. Sprich die südkoreanische Seite ist erhöht und man kann locker in den Norden eindringen, allerdings nicht umgekehr. Dies soll nach Auskunft des Offiziers verhindern, dass Nordkoreaner in den Süden flüchten. Ich hatte noch nie zuvor von der Mauer gehört, aber grundsätzlich kann ich dieser Geschichte wenig Glauben schenken da aus dem Norden kommende Flüchtlinge im Süden immer besonders herzlich empfangen & aufgenommen werden. Das ganze hatte also einen etwas fahlen Beigeschmack von Propaganda. Diese Mauer wird seitens der Nordkoreaner übrigens auch stets als einer der Hauptgründe angeführt, warum die Wiederverinigung der beiden Länder nicht funktionieren kann. „So lange es die Mauer gibt, wird es kein vereintes Korea geben“. Dies ist vor allem wichtig in der nordkoreanischen Argumentation rund um die Wiedervereinigung. Auf der einen Seite hat man uns dutzende Male versichert, dass die Wiedervereinigung nach wie vor Nordkoreas wichtigstes politisches Ziel sei, allerdings seien alle noch so krampfhaften Bemühungen seitens des Nordens umsonst, wenn der Süden nicht zu einer Wiedervereinigung bereit sei(!!).

Danach ging es zurück nach Kaesong City um Mittag zu essen. Auffällig hierbei war erstmals die noch viel größere Armut im Vergleich zu anderen Großstädten wie zB Pyongyang. Natürlich war das Fotografieren wieder mal verboten (wirklich gehalten hat sich dann aber eh niemand dran) und das Restaurant mitten in der Stadt war natürlich in einem schöneren Viertel gelegen. Zumindest auf den ersten Blick. Denn mal abgesehen von dem sowohl von außen als auf von innen, sehr schön hergerichteten Restaurant selbst, befanden sich auch alle benachbarten Gebäude in einem für Nordkorea überraschend guten Zustand. Irgendwas musste faul sein. Und tatsächlich. In einem Moment der Unaufmerksamkeit seitens der Tour Guides schlich ich mich schnell um die Ecke eines dieser besagten schönen Häuser und siehe da: Während die Hausfront im himmelfarbenen Blau strahlte, bröckelte auf der Hinterseite der Lehm bereits von der Wand, von Farbe weit und breit keine Spur – das ganze erinerte mich sehr an ein Filmset, so kann man natürlich auch eine Scheinwelt vortäuschen.

Der Nachmittag verlief dann eher unspektakulär. Wir besichtigten ein Museum über antike koreanische Geschichte inkl. Fünden von Grabbeigaben etc und danach einen Grabhügel eines längst verstorbenen Königs. Im Anschluss wieder zurück nach Kaesong City zu unserem Hotel, welches weitaus bescheidener war als jenes in Pyongyang. Kein Warmwasser, kein Strom, gegessen wurde dann im Speisesaal des Hotels mit Taschenlampen, mal was anderes.

Der dritte Tag unserer Reise hat begonnen und mit ihm einer der wichtigste Feiertage im Land: Tag der Befreiung von der japan. Okkupation. Dementsprechend viele Menschen sind auf der Straße zu sehen, bis auf wenige Ausnahmen hat heute jeder frei. Zunächst geht es mal mit dem Bus zurück Richtung Pyongyang, stundenlang über autoleere Highways, durch unbeleuchtete Tunnell, vorbei an unzähligen ländlichen Dörfern. In Pyongyang angekommen widmen wir uns gleich dem Liberation Museum, passend zum heutigen Feiertag. Das Museum, welches sich ausschließlich dem Widerstand gegen die Japaner und Amerikaner widmet, ist unglaublich groß und wirklich interessant, leider werden wir von der Museumsführerin wie aufgescheuchte Hühner durchgejagt – immerhin hätte die Museumswärterin heute frei, wenn da nicht wir Touristen wären. Somit bleibt leider wenig Zeit sich alles in Ruhe anzusehen. Schade.

Danach geht es auf zum Taedong River, wo sich die USS Pueblo, ein „Spionageschiff der Amerikaner“, welches Ende der 60er Jahre von den Nordkoreanern gekapert wurde, befindet. Stolz führt man uns durch das Schiff, das für eine Besatzung von ca 80 Personen ausgelegt war. Des weiteren gibt es noch einen Spionagetorpedo der Amerikaner zu besichtigen, welcher anno 2004 von den Nordkoreanern abgefangen wurde.

Nach dem Mittagessen geht es zunächst in einen lokalen Park, der voll von Menschen ist. Die meisten von ihnen sind in traditionellen koreanischen Gewändern gekleidet, spielen mit ihren Kindern, tanzen und singen miteinander. Jeder scheint Spaß zu haben und diesen freien Tag so gut wie möglich zu genießen. Unsere Anwesenheit trübt die Stimmung dabei kein bisschen, ganz im Gegenteil, fröhlich werden wir empfangen, einige Leute haben das Vergnügen mit einigen Koreanern zu tanzen. Im Anschluss geht es noch auf einen Hügel des Parks, von dem man eine super Aussicht auf Pyongyang hat, leider herrscht an diesem Tag keine gute Fernsicht. Danach geht es noch auf einen Sprung zu Kim Il Sungs Geburtshaus vorbei, in einem andren Park ca 10 Autominuten entfernt. Zugegeben dieser Nachmittag hätte spannender ausfallen können, aber dafür steht am Abend mein persönliches Highlight der ganzen Tour auf dem Programm – die Arirang Mass Games, oder schlicht Massengymnastik.

Diese finden im Mayday Stadion statt, das mit 150.000 Sitzplätzem gemessen an Kapazität größte Stadion der Welt. Und so gigantisch wie das Stadion selbst sind auch die Arirang Mass Games. Nicht weniger als 100.000 Teilnehmer zählt dieses spektakuläre 90 Minuten lange Event, welches jährlich von Mitte August bis Mitte September abgehalten wird. Selbst 5 Jährige nehmen an der Veranstaltung teil, und wenn man sieht wie diese unzähligen Kinder in ihren schnuckeligen Kostümen unglaubliche Kunststücke synchron en masse ausführen weiß man nicht ob man lachen oder weinen soll. Zu versuchen die Mass Games mit Worten zu beschreiben oder zusammenzufassen hat wenig Sinn, nicht einmal Fotos hinterlassen jenen Eindruck, den die Live Performance auf mich hinterlassen hat. Ich möchte deswegen auch nicht weiter auf die Arirang Games eingehen, ich denke die Fotos auf meiner Facebook/StudiVZ Seite sprechen sowieso Bände. Summa summarum kann ich jedoch sagen, dass die Mass Games – wie erwartet – das absolute Reisehighlight waren. In Euphorie gebadet kommen wir spätabends zurück ins Hotel und können noch immer nicht fassen was sich gerade eben vor unseren Augen abgespielt hat.

Der letzte Tag unserer Tour markiert auch zugleich den aus politischer Sicht wichtigsten Tag, denn auf dem Programm stehen u.a. das Kim Il Sung Maosuleum sowie die Kim Il Sung Statue. Zeitig in der Früh geht es an diesem Sonntag bereits per Bus zum Maosuleum, in dem Fotografieren strengstens verboten ist. Beim Mausoleum handelt es sich um einen unglaublichen riesigen Gebäudekomplex, der über einen unendlich lang erscheinenden Seitenflügel betreten wird. Im Seitenflügel befinden sich waagrechte Förderbänder – wie in Flughäfen - , welche es zu verantworten haben, dass wir ca 15 Minuten in der Haupttrakt benötigen. Denn als das Mausoleum seiner Zeit eröffnet wurde, gab es noch keine Förderbänder, Menschenmassen marschierten die unendlich langen Gänge entlang. Ergebnis: viel Lärm, was einem Mausoleum nicht unbedingt gerecht wird, deswegen seitdem die Förderbänder um Ruhe in den heiligen Hallen walten zu lassen. Schlussendlich erreicht man das Hauptgebäude in dem zunächst einmal in der Garderobe alles nur denkbare Mögliche abgegeben werden muss. Feuerzeug, Handy, Kamera, ja sogar Medikamente. Leute, die nicht entsprechend gekleidet sind (das bedeutet konkret für Männer Hemd und Krawatte, für Frauen elegantere Kleidung und keine Flip Flops oder trägerlose Tops), werden gebeten das Gebäude zu verlassen. Danach geht es durch eine schmale Stelle mit am Boden befindlichen sich drehenden Bürsten, die die Schuhe der Besucher reinigen sollen. Anschließend betritt man einen (im Wesentlichen leeren) Raum, in dem man eine mp3 Audio Führung bekommt. Inhalt der knapp 5 Minuten langen Führung ist hauptsächlich Kim Il Sungs wichtigstes Anliegen: die Befreieung Koreas von der japanischen Besatzung. Dementsprechend anti-japanisch ist die ganze Führung gehalten, umso witziger, dass die mp3 wiedergebenden Diktiergeräte ausgerechnet von Sony stammen. Danach geht es per Aufzug einen Stock höher Richtung „Grabkammer“. Kurz vor Betreten des „heiligen Raumes“ wird man noch schnell durch eine ca ein Quadratmeter große und ca zwei Meter hohe „Windkammer“ durchgejagt, in der aus allen erdenklichen Richtungen starker Wind aus verschiedenen Düsen in der Wand bläst. Der Grund dieser Kammer liegt darin, dass niemand dem großen Führer mit Staub o.ä. auf seinem Gewand gegenübertreten soll. Dann ist es letztendlich so weit. Wir betreten in Vierer Grüppchen den großen kühlen Raum, in der Mitte in einer gläsernen Vitrine ist Kim Il Sung aufgebahrt. Man selbst befindet sich ca 3 Meter von ihm enfernt, macht an jeweils 3 Seiten des Sarges eine Verbeugung und verlässt im Anschluss den Raum wieder. Das ganze Spektakel dauert nicht länger als 30 Sekunden, trotzdem gibt es Menschen, die aus den hintersten Provinzen des Landes extra dafür angereist sind. Nach dem Höhepunkt lässt die Spannungskurve eklatant nach. Es gibt einen Raum, in dem man alle Dienstreisen des Kim Il Sungs sowie seinen Dienstwagen (Mercedes S 600) bewundern kann, sowie einen Raum, in dem alle nationalen und internationalen Orden oder Auszeichnungen für den großen Führer ausgestellt sind. Und man glaube es kaum: Auch Österreich hat einst in den 70ern den großen Führer geehrt, genauergesagt die Uni Inssbruck. Für was genau ist dann aber leider auch nicht erklärt gewesen.

Nach diesem doch recht imposanten Gesamteindruck geht es weiter Richtung Heldenfriedhof, ein Friedhof auf dem sich alle Offiziere, welche in der Revolution gegen die japanische Besatzung gefallen sind, befinden. Die ganze Anlage befindet sich am Rande Pyongyangs auf einem Hügel mit tollen Ausblick auf die Stadt. Zu guter Letzt wird noch ein Blumenstrauß im Namen der Gruppe gekauft und vor dem Heldendenkmal niedergelegt – begleitet von einer gemeinsamen Verbeugung. Im Anschluss geht es auch schon weiter zur 20 Meter hohen Kim Il Sung Statue mitten in der Stadt. Auch dort gilt wieder die übliche Prozedur des Blumen Kaufens und sich Verbeugens. Hierzu möchte ich nebenbei erwähnen, dass wir zu keinem Zeitpunkt gezwungen wurden Blumen zu kaufen oder uns zu verbeugen. Es wurde uns lediglich immer mit den Worten „it would be nice if you pay respect to our great leader Kim Il Sung“ nahe gelegt. Und mehr ist es ja im Prinzip auch nicht, simple Höflichkeit. Man nimmt ja auch aus Höflichkeit die Kopfbedeckung in der Kirche ab oder zieht sich die Schuhe in einer Moschee aus, trotzdem ist man deshalb noch lange nicht Christ oder Moslem. Zur Statue selbst muss ich ehrlich sagen, dass ich sie mir ein bisschen imposanter vorgestellt hätte, denn in realitas wirken die 20 Meter dann doch nicht so beeindruckend wie auf manchen Bildern. Faszinierend ist es trotzdem allemal.

Nach dem Mittagessen steht ein weiteres persönliches Reisehighlight auf dem Programm. Die Fahrt mit der Ubahn. Das 1968 erbaute Ubahnsystem von Pyongyang ist erwartungsgemäß recht simpel ausgefallen. Es besteht gerade mal aus zwei Linien, die wie ein X angeordnet sind. Mit 100 Metern Tiefe ist es eines der tiefsten (wenn nicht sogar das tiefste?) Ubahnsysteme der Welt. Eine einfache Fahrt von A nach B kostet umgerechnet 5 Eurocent. Die Ubahnstationen selbst sind sehr prunkvoll ausgefallen, geschmückt mit riesigen Lustern an der Decke und zahlreichen Wandgemälden. Generell hat mich das Innendesign sehr an Fotos der Moskauer Ubahn erinnert. Nach nicht allzulanger Zeit fährt auch schon ein Zug ein, der uns zur nächsten Station bringen soll. Bei den eingesetzten Zügen handelt es sich um gebrauchte Garnituren aus der DDR, dementsprechend simpel die Ausstattung. Schon nahezu obligatorisch ist im Inneren des Waggoons das Foto von Kim Il Sund und Kim Jong Il and der Wand. Nach einer lauten und ruckeligen Fahrt sind wir dann auch schon in der zweiten Station angekommen, die der ersten in punkto Innenausstattung um nichts nach steht. Gerne würde ich noch mehr vom Ubahnnetz sehen, leider ist es Touristen jedoch nur gestattet diese zwei Ubahnstationen zu besichtigen. Das ist unter anderem auch der Nährboden für verschiedenste Gerüchte rund um die Pyongyang Ubahn, welche im Wesentlichen besagen, dass das Ubahnsystem in Wirklichkeit nur aus besagten zwei Stationen besteht. Ehrlich gesagt kann ich dem keinen Glauben schenken, viel plausibler erscheint es mir, dass die restl. Stationen einfach nicht dermaßen prunkvoll ausgestattet sind und dementsprechend keinen guten Eindruck auf Touristen hinterlassen würden.

Im Anschluss ging es noch schnell in einen International Bookshop wo ich die Möglichkeit hatte eine Ausgabe der englischsprachigen Pyongyang Times zu ergattern. Abgesehen von den üblichen Propaganda-geprägten Artikeln war v.a. eine Rubrik namens „War Crimes“ interessant. Diese beschäftigte sich v.a. mit den während der Okkupation von den Japanern begangenen Kriegsverbrechen in Korea, inkl Bildmaterial von toten koreanischen Zivilisten, Szenen einer Enthauptung oder Bilder von Schwerter schleifenden japanischen Soldaten, Bildtext: „Tha japanese monster prepares to kill another dozen innocent civilians“.

Der weitere Nachmittabg verlief dann recht entspannt, auf dem Programm standen noch die Besichtigung des ca 90 Meter hohen Juche Towers (von dem die Aussicht wegen schlechter Fernsicht leider nicht so gut wie erwartet war) sowie ein kurzer Abstecher zum Party Foundation Momument. Nett zum Ansehen, aber nach vier Tagen Propagandatour durchs Lad hat man sich dann doch auch schon an solche Anblicke gewöhnt. Der letzte Abend im Land findet in der Hotelbar mit ein paar nordkoreanischen Bierchen (nicht schlecht übrigens) seinen Ausklang.

Am nächsten Morgen heißt es früh Aufstehen, ab zum Bahnhof: Die Zugfahrt zurück nach China steht bevor. Zugfahrten in Nordkorea sind für den Durchschnittwestler sicherlich gewöhnungsbedürftig und aufregend zugleich, unterscheiden sich aber zu jenen in China nur marginal. Dementsprechend nicht wirklich aufregend für mich. Abgesehen vom Dampfantrieb haben die Züge ziemlich die gleiche Ausstattung wie die chinesischen, auffälligster Unterschied in der Innenausstattung sind die obligatorischen Führerportrais an der Wand jedes Waggoons. Die wesentlichen Unterschiede spielen sich auf der Bahnstrecke selbst ab. So sind Weichen nicht elektrisch steuerbar, bei jeder Weiche sitzt in einer kleinen Hütte ein „Weichensteller“, der zu gegebenem Zeitpunkt die Weiche in die jeweilige Richtung umstellt. Wirklich interessant wird es dann wieder mit dem Aufenthalt an der nordkoreanischen-chinesischen Grenze, welcher sich über knappe 3 Stunden hinwegzieht. Zunächst werden im Vorfeld diverse Formulare ausgeteilt, Customers Declaration etc. Dann betreten auch schon die ersten nordkoreanischen Soldaten den Waggoon, kontrollieren Reisepass und Ticket. Eine Stunde vergeht. In einer zweiten Kontrollwelle werden sämtliche Gepäcksstücke überprüft und durchsucht. Eine weitere Stunde vergeht. Zu guter Letzte kommen wieder Soldaten an Bord und verlangen alle Kameras, danach werden alle Fotos gecheckt und ggf. gelöscht (sollten sie Nordkorea in irgendeiner Weise schlecht darstellen). Als dann nach einer weiteren Stunde auch das geschafft ist wird unser Waggoon schließlich an einen chinesischen Zug gekoppelt und die Fahrt über die Staatsgrenzen, den Yalu River, wird fortgesetzt. Am anderen Flussufer ragen bereits Chinas Wolkenkratzer in den Himmel, Werbungen prangern von den Hauswänden, mittlerweile befremdend viele Autos tummeln sich im Straßenverkehr. Gleichzeitig bekommen wir unsere Handys wieder zurück, im ganzen Waggoon ertönen unzählige SMS Klingeltöne – keine Frage die westliche Welt hat uns wieder eingeholt und mit jedem weiteren Meter, den wir uns von Nordkorea entfernen, realisiere ich mehr und mehr, was ich in den letzten vier Tagen eigentlich alles erlebt habe.

Nordkorea war kein Urlaub, es war eine Erfahrung. Ich würde wahrscheinlich nicht ein zweites mal hinfahren, aber ich kann es jedem empfehlen sich dieses Land noch anzusehen, so lange es sich noch in der jetzigen Isolation unter dem kommunistischem Regime befindet. Denn ein anderes vergleichbares Reiseziel lässt sich derzeit mit Sicherheit nicht auf dieser Welt finden.