Vor knapp einer Woche hat China die mit Spannung erwarteten Ergebnisse der 2010 durchgeführten Volkszählung veröffentlicht. Die Ergebnisse sind großteils wenig überraschend, liefern jedoch trotzdem interessante Einblicke in Modelle und Theorien hinsichtlich der zukünftigen demographischen Entwicklung Chinas.
So ist es wenig überraschend, dass China nach wie vor das weltweit bevölkerungsreichste Land der Erde ist (1,339 Mio Einwohner). Ein Detail von viel höherer Bedeutung kommt dem Geschlechterverhältnis zu. Gab es in dieser Hinsicht der vorangegangenen Volkszählung aus dem Jahre 2000 zufolge noch eine Geschlechterverteilung von 100:106,7 (auf 100 Frauen kommen 106,7 Männer), so scheint sich diese Lücke langsam aber stetig zu schließen. Laut Volkszählung 2010 steht das Verhältnis mittlerweile bei 100:105,2. China leidet also nach wie vor unter einem akuten Frauenmangel, der zwar im langsamen Rückgang begriffen ist, aber nach wie vor ein riesiges Problem darstellt.
Als Grund für dieses Problem wird von vielen Experten die Ein-Kind-Politik Chinas bezeichnet, welche es Familien mithilfe finanzieller Sanktionen u.ä. de facto untersagt mehr als ein Kind großzuziehen. Diese Ende der 70er eingeführte Regelung sollte v.a. das für die Wirtschaft Chinas bedrohlich starke Bevölkerungswachstum eindämmen, sorgte aber auch gleichzeitig für zahlreiche andere Probleme wie z.B. einer ungleichen Verteilung der Geschlechter. Speziell in den 80ern war geschlechterspezifische Abtreibung ein Massenphänomen in China – z.T. getrieben von traditionellen Wertevorstellungen (ein Mann ist mehr wert als eine Frau) bis hin zu ökonomischen Überlegungen (ein Mann kann mehr körperliche Arbeit verrichten, ergo mehr Vermögen erwirtschaften) kam es zu unzähligen Abtreibungen von Föten des weiblichen Geschlechts. Eine langsam tickende sozial-demographische Zeitbombe wurde somit scharf gemacht, deren Auswirkungen die jetzige Jugend und jungen Erwachsenen voll zu spüren bekommen. In China gibt es einen Mangel an grob 40 Mio. Frauen – eine Tatsache, die mittlerweile zu abstrusen Zusatzphänomenen geführt hat: Frauen werden aus den benachbarten Entwicklungs- und Schwellenländern Südostasiens entführt und illegal über die Grenzen hinweg nach China gebracht und dort für viel Geld illegal an chinesische Junggesellen verkauft. Somit hat die Ein-Kind-Politik indirekt den bilateralen Menschenhandel gefördert. Die chinesische Regierung versuchte dieser Entwicklung erst im Jahre 2000 mit der Einführung eines Verbots der Ultraschallmethodik zur Geschlechtsfeststellung entgegenzusteuern, jedoch ist es nach wie vor großteils möglich Ärzte mit Geld zu bestechen um das Geschlecht eines ungeborenen Kindes illegal bestimmen zu lassen um es dann im Zweifel vorzeitig abtreiben zu können. Selbst wenn dies nicht gelingen und man auf einen gesetzestreuen Arzt treffen sollte, hat man als Elternteil nach wie vor stets die Möglichkeit einen weiblichen Säugling kurz nach der Geburt auszusetzen oder eigenhändig umzubringen; in erschreckender Regelmäßigkeit wird in den chinesischen Nachrichten vom Fund toter Säuglinge berichtet – großteils weiblichen Geschlechts.
Darüber hinaus hat sich die Ein-Kind-Politik direkt auf die Alterspyramide der Bevölkerung ausgewirkt. China besitzt derzeit eine noch nie dagewesene hohe Anzahl an Arbeitskräften, welche jedoch in einigen Jahren großteils das arbeitsunfähige Alter erreicht haben werden. Gingen z.B. 1995 noch rund 31 Mio. Arbeitskräfte in Pension, so waren es 2002 bereits 40 Mio, von denen viele Frühpensionisten waren. China hat somit mit demselben Problem wie die meisten westlichen Länder zu kämpfen: eine Überalterung der Gesellschaft. Als verschärfender Faktor kommt hinzu, dass China über kein zentralisiertes staatliches Pensionssystem wie die meisten westlichen Industrieländer verfügt. Ganz im Gegenteil: Chinas Pensionssystem besteht aus rund 2000 sog. social pools. Solche social pools können als eine Art Fond betrachtet werden, die der direkten Verwaltung der jeweiligen lokalen Behörden bzw.Regierungen unterstehen. Jeder Arbeitgeber muss für seine Arbeitnehmer einen gewissen Betrag in den jeweiligen social pool einzahlen. Als Bemessungsgrundlage dient hierbei die Anzahl der Arbeitnehmer in einem Unternehmen: d.h. dass Unternehmen mit vielen Arbeitnehmern höhere Beträge einzahlen müssen als kleinere Betriebe. So weit so gut. Viele Unternehmen korrigieren jedoch illegalerweise ihre Beschäftigtenzahlen nach unten um somit weniger in die social pools einzahlen zu müssen, was wiederum zu einem Dauerdefizit der social pools und folglich zu einer allgemeinen Knappheit an Pensionsgeldern führt. Diesem Problem könnte nur unter sehr mühsamen Bedingungen und verdeckten Ermittlungen seitens der Lokalregierungen entgegengesteuert werden, was jedoch wiederum Unmengen an Verwaltungskosten verschlingen würde, womit dieses Problem ein ungelöstes bleibt.
Hinsichtlich der langsamen Überalterung Chinas wirkt sich das Problem der mangelnden Pensionen v.a. negativ auf die Wirtschaftsleistung des gesamten Landes aus. In wenigen Jahren wird eine noch nie da gewesene große Anzahl an Pensionisten von einer in Relation gesehen noch nie da gewesenen geringen Anzahl an Erwerbstätigen versorgt werden müssen. Überlegungen wie diese haben in letzter Zeit immer öfter zu verschärfter Kritik an der Ein-Kind-Politik geführt und deren Sinnhaftigkeit nachhaltig in Frage gestellt. Teils ist die Regierung auch gewillt Kompromisse einzugehen. So ist die Ein-Kind-Politik z.B. nicht für Angehörige von ethnischen Minderheitsgruppen in China gültig, ebenso ausgenommen von der Regelung sind Bauernfamilien, die ein zweites Kind haben dürfen, falls das erste ein Mädchen war. Noch radikaler gelten solche Ausnahmen für die Bevökkerung Shanghais, der größten und wirtschaftlich bedeutsamsten Metropole Chinas. Aufgrund des dortigen extrem hohen Lebensstandards kam es zu einer rapiden Überalterung der Stadtbevölkerung, die dermaßen ausgeprägt ist, dass die Stadtregierung befürchtet bei gleich bleibender Bevölkerungsentwicklung in wenigen Jahren die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit, die v.a. besonders viele junge Arbeitskräfte benötigt, zu verlieren. Um das zu verhindern wurde schließlich die Ein-Kind-Politik für die gesamte Stadtbevölkerungs Shanghais ausnahmslos aufgehoben.
Ob die Ein-Kind-Politik letztlich in ganz China eines Tages abgeschafft werden wird, bleibt fraglich – die Zahlen der neuesten Volkszählung deuten jedoch auf ein Umdenken der Bevölkerung hinsichtlich Familienplanung hin. So kann der Rückgang der Lücke zwischen den Geschlechtern dahingehend erklärt werden, dass Angehörige des relativ neuen Mittelstandes bzw. der Oberschicht sich eher für ein Mädchen entscheiden, da sie einem Jungen ggf. eine teure Hochzeit oder eine Wohnung kaufen müssten: in China existiert nach wie vor die Vorstellung, dass der Bräutigam die Wohnung und die Hochzeit bezahlt, während die Braut der Familie des Bräutigams eine Mitgift zukommen lässt. Hinsichtlich des allgemeinen Bevölkerungswachstums muss sich Chinas Regierung nach wie vor keine Sorge machen. Bis 2030 prophezeien Demographen eine Zunahme der chinesischen Bevölkerung, erst danach soll es zu einem Rückgang kommen. Frühestens zu diesem Zeitpunkt kann davon ausgegangen werden, dass China aufgrund der dann akuten Gefahr einer Überalterung der Gesellschaft die Abschaffung der Ein-Kind-Politik ernsthaft in Betracht ziehen wird.


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