Freitag, 28. September 2012

Christentum in China


Das Christentum boomt in der Volksrepublik China. Jährliche Wachtsumszahlen von bis zu 15 Millionen Kirchenbeitritten bestätigen bloß das, was der normale chinesische Bürger längst wahrgenommen hat. In einer oberflächlichen Welt, in der Konsum und Wirtschaftswachstum zum höchsten Maß der Zeit deklariert wurden, suchen immer mehr Chinesen nach dem Spirituellen in ihrem Leben. Zeitgleich werden jedoch auch Kirchen unter Begleitung heftiger Proteste demoliert, Messen gewaltsam aufgelöst, Gläubige in Internierungslagern inhaftiert. Was wie eine Utopie klingt, ist in China Wirklichkeit geworden und stellt somit nur einen von unzähligen krassen Widersprüchen im ehemaligen Reich der Mitte dar. 


Chinas Regierung hat nicht nur ein Problem mit dem Christentum, sondern betrachtet Religion generell skeptisch – und zwar nicht erst seit die Kommunistische Partei 1949 die Macht übernommen hat. Das Problem ist vielmehr historisch als ideologisch bedingt. Erste Kontakte mit dem Christentum erfuhr das damalige Kaiserreich China als Johannes von Montecorvino 1294 in Peking ankam, wo er binnen zehn Jahren mehr als 6000 Menschen taufte und sogar eine Kirche errichten ließ. Es folgten weitere Missionen angeführt von Matteo Ricci und Adam Schall von Bell, Mitglieder des Jesuitenordens. Durch die teilweise Anpassung an bestimmte lokale Bräuche gelang es ihnen selbst hohe lokale Beamte zu konvertieren. Ausschlaggebend war hierbei das immense Wissen im Bereich der Astronomie, welches die Jesuiten mit sich brachten, mithilfe dessen im 17. Jahrhundert sogar eine Kalenderreform am chinesischen Kaiserhof durchgeführt wurde.

Doch so schnell der christliche Glaube bei Chinas Elite populär geworden war, so rasch fiel er auch wieder in Ungnade. Die von den Westmächten provozierten Opiumkriegen im 19. Jahrhundert und die haushohe Niederlage Chinas hatten zunächst vor allem zwei Auswirkungen: Sie führten China einerseits vor Augen, dass es technisch sowie militärisch hinter den Westen zurückgefallen war – wenige Jahrhunderte zuvor galt China durch die vier großen Erfindungen der Neuzeit (Papier, Buchdruck, Kompass, Schießpulver) noch als fortschrittlichstes Land der Welt. Andererseits führte die teils überhebliche Art der Westmächte zunehmend zu Nationalismus und Ablehnung des Westens in China: der christliche Glaube wurde ab nun zunehmend als ein westliches und daher abzulehnendes Produkt angesehen.

Bestärkt wurde diese Ansicht wenige Jahre später, als sich Hong Xiuquan, der mehrmals an den staatlichen Beamtenexamina gescheitert war, aus Frust eine religiös motivierte Rebellion im Süden des Landes startete. Zu jener Zeit war das chinesische Kaiserreich von zahlreichen Krisen betroffen: soeben hatte man die Opumkriege verloren, hinzu kamen Überschwemmungen und Dürrekatastrophen – die Bevölkerung war in Aufruhr. Christliche Missionare waren zu jener Zeit ein mittlerweile gewohntes Alltagsbild geworden und häufig anzutreffen – auch im Süden Chinas, der Heimat von Hong. Er machte sich im Laufe der Zeit mit den christlichen Schriften vertraut und behauptete schließlich der Sohn Gottes und Jesus’ Bruder zu sein. Zeitgleich nutzte er die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung gegenüber dem Kaiserhof und fand rasch zahlreiche Anhänger für eine Privatarmee. Nach mehreren territorialen Eroberungen gründete er schleißlich 1851 im Süden des Landes das Himmlische Reich des höchsten Friendes, eine Art christlich motivierter Gottesstaat, mit dem ultimativen Ziel den Kaiser zu stürzen. Erst dreizehn Jahre später konnte der Rebellenstaat von der kaiserlichen Armee niedergeschlagen werden. Zeitgleich wurde dem chinesischen Kaiserhof zum ersten Mal die Macht von Religion im Hinblick auf Massenmobilisierung bewusst. Die allgemein immer fremdenfeindlichere und anti-christliche Haltung des Kaiserhofes und der Bevölkerung sollte schließlich 1900 zum Boxeraufstand führen, bei dem zahlreiche Missionare ihr Leben lassen mussten.

Nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreiches 1911 und wirren Jahren  der Republik und eines Bürgerkrieges, aus dem die Kommunistische Partei erfolgreich hervorgehen sollte, kam es 1949 zur Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Zedong. Das neue China wurde zunächst als laizistischer Staat gegründet, die Regierung erlaubte ihren Bürgern jedoch das Recht auf freie Religionsausübung, da man davon ausging, dass Religionen mit dem zunehmenden Fortschritt des Sozialismus im Laufe der Zeit ohnehin automatisch verschwinden würden. Das Gegenteil war der Fall. Gespeist durch negative historische Erfahrungen, wie der Taiping Rebellion, kam es im Laufe der 1950er zu einer immer feindseeligeren Haltung der Regierung gegenüber Religion, was schließlich dazu führte, dass alle 6200 bis dato im Land verbliebenen christlichen Missionare ausgewiesen und der Kontakt der lokalen Kirchen zu ausländischen Organisationen abgebrochen wurde. Diese Entwicklung verschärfte sich während der Kulturrevolution, in der zahlreiche Kirchen und buddhistische Tempel niedergebrannt und unzählige Gläubige inhaftiert oder hingerichtet wurden um die „alte verstaubte Kultur“ auszurotten. Religiöse Institutionen – gleichgültig ob legal oder illegal – mussten ab sofort in den Untergrund ausweichen.

Der Tod Maos und der Beginn der Reformpolitik Ender der 1970er Jahre brachten auch Lockerungen hinsichtlich der Religionsfreiheit mit sich, was zu einer Wiedergeburt des Christentums in China während den 1980ern führte. Die religiöse Aufbruchstimmung fand jedoch rasch ihr Ende mit dem Aufkommen der Falun Gong Bewegung 1992. Der Gründer von Falun Gong, Li Hongzhi, versprach seinen Anhängern durch die Ausübung von speziellen Yoga Übungen in die Zukunft sehen zu können. Ein Falun Gong Hype rollte durch das Land, immer mehr Menschen – darunter sogar hohe Parteikader – schlossen sich der verheißungsvollen Bewegung an, öffentliche Massenvorführungen wurden von Falun Gong Anhängern organisiert. Eine Entwicklung, welche die Kommuistische Partei mit Argusaugen beobachtete. Erst wenige Jahre waren seit dem Tiananmenmassaker 1989, Chinas größter innenpolitischer Krise seit Beginn der Reformpolitik, vergangen. Die Regierung fürchtete, dass im Falle von Falun Gong Religion erneut als Mobilisierungsmittel gegen die politische Elite verwendet werden könnte. 1999 wurde Falun Gong schließlich verboten und gilt bis dato als eine die Staatsgewalt untergrabende Institution. Diese Entwicklungen wirkten sich auch negativ auf andere Religionen aus, welche von nun an wieder skeptischer betrachtet wurden.

Falun Gong Anhänger in Guangzhou, 1990er Jahr
 Dennoch boomt das Christentum heutzutage in China und trotzdem werden gleichzeitig Gottesdienste gewaltsam aufgelöst und Kirchen niedergerissen. Wie das möglich ist? Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei und der Ausweisung aller Missionare, gründete die Regierung 1957 die Chinesische Katholisch-Patriotische Vereinigung (CKPV) als Dachverband aller christlichen Institutionen in China. Die CKPV ist eng mit der Kommunistischen Partei verknüpft. Das wirkt sich nicht nur auf das Personalwesen, sondern auch auf die Glaubensinhalte aus. Bedingt durch die Einkindpolitik sind in China Abtreibungen bis in den sechsten Schwangerschaftsmonat nicht nur legal, sondern auch staatlich gefördert. Ein Umstand, der sich auch auf den christlichen Glaubensinhalt auswirkt: Empfängnisverhütung und Abtreibung stehen in Einklang mit der christlichen Lehre unter der CKPV. Das ist mitunter auch ein Grund, warum der Vatikan als einer von weltweit 24 Staaten nicht die kommunistische Volksrepublik China, sondern die Republik China auf Taiwan anerkennt und diplomatische Beziehungen führt. Gläubige, die sich mit den Vorgaben der CKPV nicht anfreunden wollen, sind gezwungen auf illegale Untergrundkirchen auszuweichen und laufen somit Gefahr inhaftiert oder gar hingerichtet zu werden.

Xujiahui Kathedrale in Shanghai
 Offiziell gibt es heute 19 Mio. Christen in China. Diese Zahl bezieht sich jedoch lediglich auf die Anhänger der CKPV-Kirchen. Experten gehen davon aus, dass de facto bis zu 100 Mio. Chinesen Anhänger des christlichen Glaubens sind, wenn man Angehörige der illegalen Untergrundkirchen miteinbezieht. Das entspräche knapp acht Prozent der chinesischen Bevölkerung. Wenn sich die Kommunistische Partei bereits vor knapp einem Zehntel ihrer Bevölkerung fürchtet, sollte sie eher die eigene Politik überdenken, anstatt durch restriktive Maßnahmen Menschen in der Ausübung ihres Glaubens zu hindern.

***Dieser Artikel erschien in der heurigen Herbstausgabe des '105er's, dem Magazin des Wiener Cartellverbandes.