Vor
zehn Jahren wusste in China niemand was PM2.5 überhaupt bedeutet – heute ist der
Begriff ein Synonym für den Unmut einer ganzen Generation.
Smog und schlechte Luft waren bisher nur
ein Problem chinesischer Industriestädte und der boomenden Hauptstadt Peking.
Doch in den letzten Jahren haben immer mehr Millionenstädte Chinas damit zu
kämpfen. Grund ist zum einen die nach wie vor stark expandierende chinesische
Industrie und zum anderen ein stetig steigender Wohlstand einer immer größeren
Mittelschicht – mit entsprechenden erhöhten Bedürfnissen wie z.B. einem eigenen
Auto. Selbst in der Hauptstadt Peking ist die Luft mittlerweile so dick, dass
es bereits messbare Einbrüche in der Wirtschaft und im Tourismus gibt. Immer
weniger hochqualifizierte Arbeiter sind bereits trotz beträchtlichen Gehalts-
und Karriereaussichten ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Immer weniger
Touristen wollen sich ihre hart verdienten und spärlichen Urlaubstage durch
Atemmasken und grauen Himmel vermiesen lassen. Und auch im benachbarten
Südkorea, das regelmäßig von chinesischen Smogwolken heimgesucht wird, steigt
der Unmut über Chinas Umweltpolitik.
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| Blick aus meiner Wohnung in Shanghai: Unterschied normaler Tag zu Tag mit Smog |
Somit verwundert es nicht, dass Chinas
politische Elite bei der jüngsten Sitzung des nationalen Volkskongresses
(Chinas Paralament) Mitte März ungewohnt deutliche Worte bzgl. Chinas
Umweltproblematik fand und medienwirksam – in Anlehnung an Amerikas „Krieg
gegen den Terror“ – einen „Krieg gegen die Luftverschmutzung“ ausrief. Das kam
einem Paradigmenwechsel gleich, denn noch nie zuvor hatte sich die Partei so
deutlich die Umweltproblematik eingestanden. Diese neue Herangehesnweise steht
somit im krassen Gegensatz zur Philosophie der letzten Jahre: Wachstum über
alles, koste es was es wolle.
In der Tat hat sich der Umgang mit
Umweltproblemen in den letzten Jahren radikal geändert. In den 90ern wurden
Bittsteller mit Umweltanliegen noch regelmäßig im Interesse des Wirtschaftswachstums
ignoriert oder eingesperrt. Als die amerikanische Botschaft in Peking 2010
begann Feinstaubwerte der Messstation am eigenen Botschaftsgebäude zu
veröffentlichen, führte das noch zu einer diplomatischen Verstimmung mit China.
Drei Jahre später ist diese Praxis in China Standard und ein
selbstverständlicher Teil jedes Wetterberichts (selbst im staatlichen
Fernsehen) geworden. Seit 2011 haben fast alle Großstädte Beschränkungen für
den Individualverkehr, temporäre Produktionsstops einzelner Fabriken und
strenge Verbote von Feuerwerken beschlossen.
Ein Problembewusstsein ist also in der
politischen Elite durchaus vorhanden. Auch verschiedenste Umweltschutzgesetze
und –erlässe sind auf dem Papier sehr ausgereift und vorbildlich, scheitern
jedoch oft an korrupten Parteikadern auf lokaler Ebene, die es lieber vorziehen
der ortsansäßigen Fabrik (oft die einzige Quelle für Arbeitsplätze und Fiskaleinnahmen)
keine strengen Umweltrichtlinien aufzuerelegen um somit eine Abwanderung des
Betriebs zu verhindern.
Kein anderes Thema treibt die Chinesen
derzeit so zur Weißglut wie die Umweltproblematik. Denn im Gegensatz zu
abgehobenen Debatten über Demokratie oder ob eine Inselgruppe im Gelben Meer
nun China oder Japan gehört, betrifft die Umweltproblematik jeden einzelnen
Chinesen – egal welchen Alters und egal mit welchem Kontostand. Wer es sich
leisten kann, verlässt das Land und wandert aus – der schlechten Umwelt wegen,
wie zahlreiche Umfragen mittlerweile belegen. Die fehlerhafte Umweltpolitik der
letzten Jahre wird von der Bevölkerung zusehends als Regierungsunfähigkeit der
Partei verstanden.
Dementsprechend ist es wenig verwunderlich,
dass die politische Führung nun zumindest rhetorisch härtere Töne anschlägt,
handelt es sich beim Thema Umwelt doch um einen potentiellen Konfliktherd der
sonst so zufriedenen Bevölkerung. Dass man sich Handlungsbedarf eingesteht ist
lobenswert, doch nun müssen signifikante Taten folgen. Denn über kurz oder lang
wird es nicht reichen einfach den Autoverkehr einzelner Städte zu limitieren oder
ausgewählte Fabriken über ein Wochenende herunterzufahren. China bezieht knapp
zwei Drittel seiner Energie nach wie vor aus Kohle. Hier liegt die eigentliche
Herausforderung und der wahre Handlungsbedarf. Nicht beim einzelnen
Mercedesfahrer oder Feuerwerkskörper.



