Freitag, 14. Juni 2013

Schlechtes Timing

Auf den ersten Blick mag es seltsam anmuten, dass Edward Snowden ausgerechnet in China, einem Land dem regelmäßig seitens des Westens Verstöße gegen die Menschenrechte vorgeworfen werden, um politisches Asyl ansucht. Bei genauerer Betrachtung liegt es aber auf der Hand, dass das Reich der Mitte dem amerikanischem Whistleblower Unterschlupf gewähren könnte.

Seit wenigen Tagen steht die Welt Kopf. Nicht nur durch die Enthüllung, dass die US-amerikanische National Security Agency (NSA) seit Jahren die Internetkommunikation von Privatpersonen in und außerhalb der USA überwacht hatte. Sondern auch, weil Edward Snowden, jener NSA IT Techniker der die ganze Affäre öffentlich enthüllte, in Hong Kong untergetaucht und so einem amerikanischem Haftbefehl entkommen war. Snowden habe Hong Kong als Ausreiseziel gewählt, da es in der von China verwalteten Sonderverwaltungszone nicht nur Rede- und Pressefreiheit gibt, sondern da Hong Kong seiner Einschätzung nach – im  Gegensatz zu anderen westlichen Staaten – dem Druck von Washington eher standhalten könne. Es existiert zwar ein allgemeines Auslieferungsabkommen zwischen Hong Kong und den USA. Hong Kong wurde aber 1997 als Sonderverwaltungszone ein Teil Chinas, somit hat China seitdem die Möglichkeit ein Veto in Fällen der Auslieferung von Kriminellen einzulegen. 

Edward Snowden
 Genau diese Option mag auf den ersten Blick im Fall Snowden seltsam wirken, ist doch genau China jenes Land, dem besonders oft Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Snowden selbst hatte außerdem geäußert, dass er weder an China noch an die USA ausgeliefert werden wolle und im besten Falle im autonomen Hong Kong bleiben könne. Die Sympathie der chinesischen Online Community, die den Whistleblower schon als heroischen Aufdecker feiert, hat Snowden jedenfalls schon gewonnen. Ob er nun auch die chinesischen Behörden für sich gewinnen kann bleibt abzuwarten. Ein Veto seitens Chinas gegen Snowdens Auslieferung läge aus zumindest zwei Gründen auf der Hand.

Erstens ist das Prinzip der Nicht-Einmischung in die politisch-internen Angelegenheiten anderer Staaten seit jeher eines der zentralen Aspekte von Chinas Außenpolitik. Das erklärt warum China mit sog. Schurkenstaaten wie z.B. Angola oder dem Sudan massiv Handel betreibt und dafür regelmäßig harsche Kritik vom Westen einfährt. Der westliche Vorwurf an China lautet, dass von dem chinesischen Handel v.a. diktatorische und menschenverachtende Regime profitieren würden, anstatt die lokale Bevölkerung. China schmettert solche Anschuldigungen stets mit der Argumentation ab, dass man sich eben nicht in die Politik eines anderen Staates einmischen wolle und sich bloß auf den wirtschaftlichen Aspekt der Partnerschaft konzentriere. Die zentrale Wichtigkeit des Aspekts der Nicht-Einmischung erklärt auch warum China im Gegenzug jegliche Kritik des Westens hinsichtlich der Tibet oder Taiwan Problematik vehement abwehrt. Und es erklärt, warum China – trotz anfänglicher Skepsis – mittlerweile zu einem glühenden Advokaten der UN geworden ist. Artikel 4 der UN Charta bestärkt das Prinzip der unverletzlichen territorialen Integrität eines jeden Staates. Das ist auch ein Grund wieso China seit Jahren für UN Friedensmissionen nur kampfunterstützende (Sanitäter, Pioniere etc.) und keine reinen Kampftruppen zur Verfügung stellt. Zu groß ist Pekings Angst im Ausland als „interfering force“ wahrgenommen zu werden.

In einer ähnlichen Weise könnte China im Fall Snowden vorgehen. Die Tatsache, dass die NSA nicht nur ihre eigenen Bürger, sondern auch Nicht-US Bürger überwacht hat, steht nicht nur im diametralen Gegensatz zu Chinas moralischer außenpolitischen Grundeinstellung der Nicht-Einmischung. Es verstößt auch im weiteren Sinne gegen die UN Charta. In diesem Zusammenhang könnte China im Falle eines Vetos den USA einen Denkzettel verpassen und sich nebenbei – zumindest vom eigenen Volk – als Verfechter der Freiheit feiern lassen und die USA weiter innerhalb der chinesischen Bevölkerung dämonisieren. Eine Propagandakampagne wie sie im Buche steht. 

In diesem Kontext passt auch der zweite Grund für ein Veto gegen die Auslieferung Snowdens gut ins Konzept der KPCh. Denn ein politisches Asyl für Snowden wäre eine späte Retourkutsche gegen die USA für den Fall Chen Guangcheng, einem angeklagten chinesischen Menschenrechtsaktivisten, dem 2012 die Flucht aus dem Hausarrest in die amerikanische Botschaft in Peking gelang und im Anschluss politisches Asyl in den USA gewährt wurde. Somit wurde eine Auslieferung Chens an die chinesischen Behörden bis dato erfolgreich verhindert – ein Dorn im Auge der Machthaber in Peking.

Xi Jinping und Barack Obama in Kalifornien
Unter all diesen Umständen und Überlegungen erscheint ein politisches Asyl für Snowden in China nun gar nicht mehr so abstrakt, bleibt aber momentan nur ein mögliches Szenario. Letztlich wird es an Xi Jinping, Chinas neuem Staatspräsidenten, liegen wie weit er in dieser Causa gehen will. Xi hält sich nämlich seit einigen Tagen zusammen mit Barack Obama auf einem Gipfeltreffen in Kalifornien auf, wo er die sino-amerikanischen Beziehungen verbessern will, die sich im Laufe der Amtszeit seines Vorgängers Hu Jintao drastisch verschlechtert haben. Inwiefern Xi in diesem Unterfangen bereit ist sich durch ein Veto für Snowden einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen, bleibt zunächst unklar. Das Timing hätte jedenfalls schlechter nicht sein können.