Dienstag, 6. Mai 2014

„Unter Mao hätte es sowas nicht gegeben!"

Ein Streitgespräch als Stilbild eines Konflikts zweier Generationen und Weltanschauungen. Oder doch nicht?


Letztens durfte ich beim Eingang meiner U-Bahnstation ein Streitgespräch zwischen einer alten Frau und einem jungen (um die 20 Jahre alten) Burschen miterleben. Der Zeitraum zwischen April und Juni fällt in Shanghai traditionell sehr regenreich aus. In der Regel gehört ein Regenschirm zur Standardausrüstung jedes Bewohners Shanghais. Doch ab und zu kann das Wetter sehr unerwartet umschlagen und binnen weniger Minuten können sich am Himmel dunkle Regenwolken zusammenbrauen. Pech, wenn man dann keinen Regenschirm dabei hat. Aber keine Sorge. Geschäftstüchtig wie sie sind, die Chinesen, sind in solchen Fällen von akutem Platzregen am Ausgang von U-Bahnstationen oder Einkaufszentren stets Händler anzutreffen, die spontan für 10-20 Yuan Regenschirme an unvorbereitete Passanten verkaufen.

Ein Regenschirmhändler

Genau so ein Händler war auch der besagte junge chinesische Bursche, der neben dem Ausgang meiner U-Bahnstation einen kleinen Tisch aufgebaut hatte, auf dem er seine unterschiedlichen Regenschirmmodelle präsentierte, und leger auf einem kleinen Hocker sitzend mit seinem Smartphone spielte. Wenige Minuten zuvor hatte ein heftiger Regenschauer begonnen, der zahlreiche Passanten (mich inklusive) überrascht hatte. Dementsprechend gut lief das Geschäft des jungen Regenschirmhändlers. Schließlich kam die besagte alte Frau aus der U-Bahnstation und es dauerte nicht lange, bis ein Streit zwischen ihr und dem jungen Burschen entbrannte. Der Grund: Die alte Frau wollte nicht 20 Yuan für einen Regenschirm bezahlen, der Bursche weigerte sich jedoch seinen Preis zu senken.

„Früher [unter Mao?] hätte es sowas nicht gegeben! Wie kannst du nur eine alte Frau einfach so dem kalten Regen überlassen und so viel Geld verlangen?! Eigentlich müsstest du mir einen Regenschirm umsonst geben! Hast du überhaupt keine Solidarität mit der Gemeinschaft?“, schrie die alte Frau erzürnt.  Der junge Bursche spielte unbeeindruckt mit seinem Smartphone weiter ohne die alte Frau weiters zu beachten.

Die Szenerie erinnerte mich nicht nur frappant an den Generationenkonflikt zwischen Jung & Alt, den es wohl in jeder Gesellschaft gibt („diese Jugend von heute...“). Bis zu einem bestimmten Grad spiegelte die ganze Situation  für mich auch in gewisser Weise das Aufeinanderprallen zweier Weltanschauungen wider. Ein Konflikt zwischen zwei Generationen, die mit verschiedenen Ideologien aufgewachsen sind. Auf der einen Seite die alte Frau, die den Großteil ihres Lebens in einem China verbracht hat, das von Klassenkampf und Mao-Rhetorik geprägt war. Wo man sich gemäß allen Regeln der Sozialromantik für die Gemeinschaft aufgeopfert hat um die Erschaffung einer neuen sozialistischen Gesellschaft voranzutreiben.

Auf der anderen Seite steht der 20 jährige Bursche, der mit all diesen sozialistischen Phrasen und Konzepten wenig bis gar nichts anfangen kann und sie maximal aus dem Geschichtsunterricht kennt. Er ist im Gegensatz zu der Generation der alten Frau von klein auf im Wohlstand aufgewachsen. In einer Zeit, in der sich China der Welt öffnete, neue Ideen und Konzepte ins Land herein ließ. Eine Zeit, die den Startschuss für den Turbokapitalismus im heutigen China lieferte – mit all seinen Nebenprodukten: z.B. einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Der Begriff „Gemeinschaft“ oder „Allgemeinheit“ wird hierbei neu definiert. Ab nun steht das Wohl und die Entwicklung des Individuums über der Gemeinschaft – ein diametraler Gegensatz zur sozialistischen, aber auch zur konfuzianischen Wertevorstellung, die in Chinas Gesellschaft jahrhundertelang tief verwurzelt war. „Was schert mich denn, ob die alte Frau oder die Allgemeinheit nass wird? 20 Yuan und sie bleiben trocken. Egal ob reich oder arm, egal ob jung oder alt. Ich muss schließlich auch von etwas leben.“, wird sich der junge Bursch wohl gedacht haben.

Als ich diese Einschätzung einer chinesischen Freundin erzählte, winkte die jedoch gleich ab und lieferte ihre eigene Interpretation des Streitgesprächs. Ich solle da nicht so viel politisches hinein interperetieren. Alte Leute würden die ganze Zeit versuchen, sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen. So würden viele Pensionisten in China mit Verweis auf das eigene Alter versuchen, sich bei Warteschlangen vordrängen, am Markt günstigere Preise verlangen oder in der U-Bahn einen Sitzplatz ergattern zu können. Und außerdem hätten chinesische Pensionisten ohnehin viel zu viel Freizeit und würden dementsprechend gerne und ausgiebig mit anderen Leuten streiten, bloß um die Zeit vergehen zu lassen.

Es wird sich wohl jeder selbst seine Meinung bilden müssen, welche Interpretation des Streitgesprächs ihm glaubhafter oder sympathischer erscheint...