Dienstag, 6. Oktober 2009

Chinas neues Selbstbewusstsein

Nun war es also letztendlich so weit. China hat seinen 60. Geburtstag gefeiert – und zwar im großen Stil. Nachdem die letzten Wochen ohnehin überwiegend von den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten geprägt war (Details siehe letzter Eintrag) war es am Vorabend bzw am 1. Oktober selbst nahezu unmöglich irgendwie diesem Massenspektakel zu entkommen. Auf nahezu allen TV Kanälen lief die Zeremonie, die Innenstadt Pekings war abgesperrt, das öffentliche Verkehrssystem der 15 Mio. Metropole lahm gelegt – als würde die Partei jedem suggerieren man brauche an diesem Tag ohnehin nicht das Haus zu verlassen, lieber solle man sich vor den Fernseher setzen und die Feierlichkeiten genießen.

Erwartungsgemäß präsentierte sich China an jenem ersten Oktober von seiner besten Seite. Unerwünschte Internetseiten wurden schon vor Monaten blockiert bzw deren Zensur verschärft (siehe vergangene Einträge) und während Peking in den Tagen vor dem Jubiläum noch in dicken Smog gehüllt war, präsentierte sich die Stadt am 1. Okotber bei wolkenlosem Kaiserwetter – das Wetterministerium hatte am Vorabend wieder einmal einige Sodium-Jodith Raketen in den Himmel geschossen.

Doch bevor es überhaupt soweit kam wurde noch seitens der Medien ordentlich Spannung bzgl der Jubiläumsfeierlichkeiten erzeugt. Am Vorabend gab es einen ausgedehnten Spezialreport (mehrere Stunden lang!) über die Vorbereitungen am Tiananmen Platz etc. Des Weiteren wurden in den Nachrichten stolz die Titelblätter jener ausländischer Magazine gezeigt, welche das chines. Jubiläum zum Thema hatten. Stolz wurden Interviews mit in China reisenden Touristen gezeigt, die sowieso alle nur die selben Phrasen droschen: fascinating, stunning economic growth, wonderful country, interesting culture usw – das sind die Dinge, die die Chinesen gern hören. Was man wiederum nicht so gerne hört sind die unzähligen Probleme Chinas, sowohl die der Vergangenheit als auch der Gegenwart. Dementsprechend waren Themen wie das Tiananmen Massaker oder die Kulturrevolution während den Feierlichkeiten (wie auch sonst) absolutes Tabu.

Schließlich begann um 10 Uhr Ortszeit der Festakt, Auftakt hierbei war eine Parade die unglaubliche zweieinhalb Stunden dauerte und aus zwei wesentlichen Teilen bestand. Zunächst eine Miltärparade und im Anschluss eine Parade, die anhand von Präsentationswägen - wie wir sie von anderen Großveranstaltungen (zB Love Parade etc) kennen – die glorreiche Geschichte Chinas erzählte. Zum Abschluss gab es dann noch für jede chines. Provinz einen einzelnen Wagen, der die Besonderheiten der jeweiligen Provinz in den Vordergrund stellen und nebenbei auch ein bisschen Tourismuswerbung betreiben sollte. Dass Taiwan unter jenen Wagen ebenfalls zu finden war, war an sich keine große Überraschung, allerdings war der Taiwan Wagen der am allerletzten präsentierte, offenbar wollte man hier eine Provokation vermeiden. Nach diesem Festzug war der erste Teil der Feierlichkeiten mal geschafft und den Zuschauern wurde eine Pause bis in die Abendstunden vergönnt, denn für 20 Uhr Ortszeit war ein zweistündiger Festakt mit Feuerwerk vorgesehen. Dieser Festakt stand der Parade vom Vormittag um nichts nach. Wenig verwunderlich, hatten doch die 200.000 (!) mitwirkenden Akteuere seit über einem Jahr auf diesen Tag hintrainiert. Des Weiteren war das Budget der gesamten Feierlichkeiten zehn mal so hoch datiert wie jenes für die Feierlichkeiten von Olympia 2008! Keine Frage, China griff für dieses Jubiläum sehr tief in die Tasche, waren doch die rein numerisch betrachtet viel bedeutenderen 50 Jahr-Feierlichkeiten anno 1999 nichts gegen jene von diesem Jahr.

China ist in den letzten Jahren extrem selbstbewusst geworden. Gründe dafür sind nicht nur der eigene wirtschaftliche Aufschwung, sondern auch die Vergabe von internationalen Veranstaltungen wie die EXPO oder Olympia an China – erst kürzlich ist der Gedanke für eine Bewerbung als Austragungsort für die Olympischen Winterspiele 2018 wieder laut geworden. Doch das neu errungene Selbstbewusstsein hat auch seine Schattenseiten. Nationalistische Töne werden in China immer lauter – das, von dem man in Österreich zu wenig hat, hat man in China zu viel: Patriotismus. Das ist vor allem der Kommunistischen Partei zu verdanken, die sich eigentlich ihres Namens schämen sollte, denn abgesehen von diesem ist in China genau genommen eigentlich nichts mehr kommunistisch. Und wie es nunmal so ist, wenn man als Partei kein Programm in Form von Ideologie mehr präsentieren kann, muss man auf andre Mittel zurückgreifen. In China ist dies konkret eine „Wohlfühlkampagne“ mit einer Würze Patriotismus. Sei es der was weiß ich wievielte staatlich produzierte Kinofilm über die Errungenschaften der Partei, oder eines der unzähligen kitschig-patriotischen Musikvideos anlässlich eines Großereignisses – das Produkt China steht immer im Mittelpunkt und wird perfekt vermarktet, und zwar immer so wie es der Partei gerade recht ist: als Opfer oder als Held. China ist das Opfer in unzähligen dieser Tage ausgestrahlten Geschichtsdokus. Nach der Gründung bereits in der Weltstaatengemeinschaft ein Opfer, niemand will das böse neue kommunistische Reich anerkennen. Ende der 80er Jahre nach dem Beschluss des dritten Generationenwechsels in der Partei als Opfer, der Westen sanktioniert China mit politischem und wirtschaftlichem Embargo. FALSCH. Es stimmt zwar, dass der Westen oben angesprochene Sanktionen gegen China erlassen hat, allerdings nicht wie von China dargestellt aufgrund des Führungswechsels in der Partei, sondenr aufgrund der simplen Tatsache, dass China in diesem Fall nicht Opfer, sondern Täter im Zuge des Tiananmenmassakers 1989 war, was ein Waffenembargo sowie ein vorübergehendes diplomatisch gestörtes Verhältnis mit dem Westen zur Folge hatte.

Als Held wird China dann stilisiert, wenn man sich trotz der oben angesprochenen „Ungerechtigkeiten“ zum Global Player entwickelt hat. China ist Held, als Tibet „aus der Sklaverei befreit“ wird. China ist Held, als es durch die Reform & Öffnungskampagne Millionen Menschen aus der Armut in den Wohlstand hievt. China ist Held, als es den Leitzins seiner Währung während der Asienkrise anno 1997 im Gegensatz zu den meisten anderen ostasiatischen Staaten nicht absenkt und dadrch ein noch größeres Fiasko verhindert. China ist Held, als es nach einem erfolglosen Versuch (natürlich aufgrund westlicher Intrigen) im zweiten Anlauf anno 2001 endlich die Zusage für die olympischen Spiele bekommt. Ja noch besser: China ist sogar Held, als Hong Kong wieder in die landeseigene Verwaltung übertritt! Um es auf den Punkt zu bringen: China ist einfach das beste Land der Welt und schlichtweg das Zentrum von Ostasien. Und jeder, der irgendeinen Aspekt daran bezweifelt, hat China somit in seinen Grundfesten beleidigt und gedemütigt. Denn wie tief oben angesprochene Propaganda bereits in den meisten Menschen sitzt beweist mittlerweile eine simple Diskussion mit einem Durchschnitsschinesen. Hierbei muss man sich nicht einmal kontroversieller Themen wie zB Maos verfehlter Ideologiepolitik bedienen, es reichen ganz simple Kontroversen wie zB: „wie kommt die Partei dazu dermaßen viel Steuergeld für diese viel zu pompöse 60 Jahr Feier zu verwenden?“ Die Antworten reichen von „Wir müssen unser Land ehren“ über „Liebst du dein Vaterland denn nicht?“ bis hin zu „Nestbeschmutzer!“. Genau das ist Chinas Argumentationsproblem. Selbst kleinste Kritik an kleinsten Faktoren werden sofort auf das ganze Land umgelegt und als eine Beleidigung der Nation verstanden.

Anderes Beispiel gefällig? Vor wenigen Monaten hatte die berühmte chines. Schauspielerin Gong Li die singapurische Staatsbürgerschaft angenommen. Da in der VR China keine Doppelstaatsbürgerschaften möglich sind, wurde sie somit im Endeffekt reine singapurische Staatsbürgerin. Die Resonanz seitens der chines. Bevölkerung war enorm. Abgesehen von unzähligen öffentlichen Beschimpfungen (Vaterlandsverräterin etc) wurde u.a. zum Boykott ihrer Filme aufgerufen. Höhepunkt war ihr Ausschluss aus der China Film Association.

Es ist auch alles andere als Zufall, dass zu Zeiten des neuen chines. Selbstbewusstsein wieder die anti-japanischen Töne lauter werden. So wurde im August aus Anlass des Hiroshima Jubiläums in einem chinesischen BBS Internetforum ein Thread gestartet, der zum Inhalt kommentarlos Fotos von heute erwachsenen Hiroshima Opfern hatte. Die Antworten gingen schnell in die hunderte (der Thread ist mittlerweile einer der meistgelesensten in besagten Forum). Von Mitleidsantworten bis hin zu Racheaufufen war hier alles zu finden.

http://tinyurl.com/ybwvnug

„Geschieht euch recht!“

„Haha, ich kann gar nicht aufhören zu lachen“

„Das sollten wir wiederholen“

„Threadstarter, bist du Japaner oder was?“

„Zum 100. Staatsjubiläum der VR China werden wir Japan von der Landkarte löschen“

„Die Welt wäre einfach besser ohne Koreaner und Japaner“

Ähnliche Antworten blieben eindeutig in der Überzahl. Klar. Das Internet ist eine eigene Welt und rein gar nicht mit der Realität oder gar der politischen Haltung Chinas vergleichbar. Auch wenn einige Kommentare aufgrund Anonymität im Internet überspitzt/übertrieben sein mögen, so zeigen sie doch welches Gedankengut in den Leuten steckt. Auch in der Realität kann sich der Großteil der Chinesen nicht vorstellen mit einem Japaner oder Koreaner verheiratet zu sein.

Anstatt dieser Entwicklung durch Aufklärungskampagnen entgegenzusteuern verschärft die Kommunistische Partei diesen Konflikt jedoch immer weiter indem sie ihre de facto nicht mehr vorhandene Ideologie durch Partiotismus (der mittlerweile in Nationalismus seitens der Bevölkerung ausartet) ersetzt. Doch man legt sogar noch nach: gerade eben bei den 60 Jahrsfeierlichkeiten ist es wieder einmal beängstigend ans Licht gekommen wie sehr man mittlerweile wieder versucht einen gewissen Personenkult in China zu etablieren. Abgesehen davon, dass Chinas derzeitiger Paramount Leader Hu Jintao ohnehin Thema Nummer eins in allen Nachrichtensendungen ist (der Satz „Heute hat Präsident Hu Jintao Land XY besucht“ gehört mittlerweile zum täglichen Repertoire einer jeden Newssendung), auch während der Jubiläumsfeierlichkeiten wird er als Vaterfigur inszeniert, Leute winken ihm föhlich zu, Kinder lächeln ihn an und halten seine Hände, Frauen tanzen mit ihm – und das ganze begleitet von heroischer Musik als er sich von seinem VIP Rang hinunter auf die Straße zum Fußvolk begibt. Aber nachstehende Aufnahmen stehen ja sowieso für sich (ebenso wie die Kommentare): http://v.youku.com/v_show/id_XMTIyNTY4ODY0.html

Was in unseren Augen lächerlich erscheint auf das ist man in China stolz. In den Folgetagen übte man sich in sämtlichen Medien im Selbstlob und sparte nicht mit Superaltiven. Selbst jetzt gerade, knapp eine Woche nach den Feierlichkeiten, laufen noch immer ganze Wiederholungen der Feierlichkeiten (immerhin summa summarum knappe 5 Stunden). Keine Frage, es war beeindruckend aber auch beängstigend. Beeidruckend weil es einfach unglaublich zum Ansehen ist und es schlicht nichts Vergleichbares im Westen gibt, der amerikanische Independence Day ist – wie man in Österreich so schön sagen würde – ein Lercherlschaß dagegen. Beängstigend deswegen, weil ich mir nicht erklären kann, warum ich beim Betrachten eigentlich regelmäßig Gänsehaut bekommen habe. Vielleicht ist es Chinas neues Selbstewusstein, das mir Angst einjagt.

Um im Namen des Abschlussliedes zu sprechen, mit dem die Feierlichkeiten beendet wurden: Wo de jia zhu zai xin li – Meine Heimat ist in meinem Herzen. Dieser Satz stand am 1. Oktober wohl stellvertretend für 1,3 Milliarden Menschen dieser Welt. Mindestens.

http://v.youku.com/v_show/id_XMTIyNTY4MTU2.html