China befindet sich derzeit im Ausnahmezustand, wie zuletzt beim Milchskandal 2008. Grund hierfür sind die Unruhen in Xinjiang von vergangener Woche. Auch wenn sich mittlerweile die Lage wieder entspannt hat, bleibt die Stimmung angespannt. Überraschenderweise wurde diesmal ausführlichst in den chines. Medien über die Unruhen berichtet. Der Grund ist ersichtlich und das Motiv genau das selbe wie anno 2008 als China völlig überraschend komplett offen über das Sichuan Edbeben berichtete. Warum? Aus beiden Themen konnte politisches Kapital geschlagen werden. Beim Erdbeben konnte man sich rühmen wie toll nicht die chines. Hilfsorganisationen/kräfte etc arbeiten würden, bei den Xinjiang Unruhen geht man sogar noch einen Schritt weiter. Doch zunächst ein paar Hintergrundinfos.
Xinjiang ist Heimat der Uiguren (einem muslimischen Turkvolk), eines von 55 staatlich anerkannten Minderheitenvölker in China. Xinjiang war bereits Ende der Kaiserzeit im chines. Reich eingegliedert, englitt dann aber der Regierung aus der Kontrolle nachdem die Monarchie zusammenbgebrochen und das Land durch einen jahrelangen Bürgerkrieg und japansche Aggressionspolitik im Chaos versank. Mit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei sowie der Ausrufung der Volksrepublik anno 1949 erreichte das Land langsam wieder Stabilität und begann sein Territorium (v.a. Richung Westen) auszuweiten. In dieser Periode wurden Tibet und Xinjiang besetzt, beide Gebiete in autonome Provinzen umgewandelt. Xinjiang ist für China unabkömmlich, was auf den ersten Blick vl. Etwas paradox erscheinen mag, da Xinjiang zum Großteil nur aus menschenfeindlicher Wüste besteht. Naturgemäß ist die Sache nicht so simpel, de facto ist Xinjiang reich an Bodenschätzen wie zB Erdöl, für China als aufsteigende Wirtschaftsnation unentbehrlich.
Die Erdölindustrie boomt in Xinjiang und ist neben dem bisschen Tourismus der Hauptantrieb für das lokale Wachstum von durchschnittlich 10% in den letzten 30 Jahren. Der neue Reichtum hat dementsprechend auch viele Han Chinesen nach Xinjiang gelockt. Han Chinesen sind jene Bevölkerungsgruppe in China, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachen (jenseits der 90%), manchmal wird auch von sog. „homogenen Chinesen“ gesprochen. Aufgrund der großen Zuwanderung von Han Chinesen in den letzten Jahren fühlten sich Uiguren zunehmend in ihrer Existenz bedroht. Argumentiert wird mit Benachteiligung gegenüber Han Chinesen etc.
Obwohl die genauen Hintergründe der Xinjiang Unruhen vergangener Woche noch immer nicht vollständig geklärt sind, gibt es doch eindeutige Motive, Motive ethnischer Natur. Aus einer zunächst friedlichen Demonstration uigurischer Dempnstranten entwickelte sich zusehends ein ausrastender Mob, der zunächst auf Einrichtungen von Han Chinesen, später dann auch auf die Polizei selbst losging. Allein in der ersten Nacht kam es zu über 100 Toten. Über Nacht scheinte sich die Lage veruhigt zu haben, doch am nächsten Morgen kam es zur Racheaktion von Han Chinesen, die nun Vergeltung auf der offenen Straße suchten.
Die Partei reagierte rigoros. Zwar war das Thema von Anfang an in den Medien vorhanden, jedoch wurden zunächst zahlreiche Kommunikationsmittel massiv eingeschränkt. Bereits am zweiten Tag der Gewaltausbrüche kam es zu einer massiven Zensur des Internets. Waren wenige Wochen zuvor bereits Seiten wie Youtube, MSN, das chinesische Google oder Twitter zensiert worden, so kam diesmal auch Facebook auf die schwarze Liste der chines. Sittenwächter. Kurze Zeit später war dann schließlich das ganze Internet offline, wenn auch nur für einige Stunden. Des Weiteren wurde die Verordnung verlautbart, dass jeder egal welcher Staatsangehörigkeit oder Minderheit, der seinen Hukou (sprich Hauptwohnsitz) NICHT in Xinjiang hat, umgehend die Provinz verlassen muss.
Mittlerweile hat sich die Lage stabilisert, in den Medien hat das Thema aber noch immer Priorität Nummer 1. Warum? China oder besser gesagt die Partei kann daraus perfekt politisches Kapital schlagen. Dass China ein Minderheitenproblem hat liegt auf der Hand, die Tibetunruhen vergangenes Jahr sowie die perfekt verheimlichten Anschläge während der olympischen Spiele von uiugrischen Extremisten sind jüngste Beweise dafür. Die Taktik der Partei, ein unterdrücktes Volk durch Wirtschaftswachstum erkaufen und damit für sich gewinnen zu können, ist kläglich gescheitert, der Schuss ging nach hinten los und gerade das Beispiel Xinjiang zeigt wie sehr dieses Unterfangen den Keil noch tiefer zwischen die vorherrschenden Bevölkerungsgruppen treibt. China dementiert sein Minderheitenproblem freilich heftigst, behauptet geradezu naiv, dass die jüngsten Unruhen in Xinjiang nicht auf die Unuzfriedenheit der Uiguren, sondern viel mehr auf die Taliban oder andere Terrornetzwerke im Ausland dafür verwantwortlich sind, die Leute im Ausland für terror. Aktivitäten trainieren und sie dann zu Übungszwecken nach Xinjiang schicken. Gerade deswegen sei die Präsenz der Partei und generell der Han Chinesen in Xinjiang notwendig um das eigene Land quasi vom Vorposten aus zu schützen.
Wenn es nach der Partei geht wäre die Welt freilich schwarz/weiß. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass es alles andere als den eigenen Führungsansrpuch bestärkend ist, wenn man Verantwortung vertrotzt ins Ausland abschiebt. Diesen Fehler hatte China schon zu Zeiten des Kaisers ab dem 16. Jahrhundert begangen und damit seinen langsamen Untergang als Kaiserreich eingeleitet. Schon damals fühlte man sich anderen überlegen, allein schon durch die Vereinnahmung der konfuzianischen Denkweise, die einen selbst über die sog. „Barbaren“ da draußen stellt. Wozu sollte man neue Denkweisen oder gar technische Mittel adoptieren, wie es umliegende Völker bereits seit Jahrzehnten machten? Man ist doch schon mal allein wegen der Moral haushoch dem Feind überlegen, wozu neue Technologien adoptieren?
Das moderne China befände sich auf dem besten Weg den selben Fehler erneut zu begehen, wenn die Theorie der ausländischen Sündenböcke stimmen würde. Naturgemäß ist die Sache ein wenig komplizierter. Denn wenn ausländische Terrornetzwerke tatsächlich Leute rekrutieren sollten um sie danach auf chines. Territorium zu trainieren, warum ist dann nur die Provinz Xinjiang betroffen? Warum nicht auch Tibet? Warum dann nicht auch gleich Nachbarländer wie Kasachstan oder Pakistan (wofür man übrigens seitens der Taliban viel mehr Gründe hätte, Stichwort Indien-Pakistan Konflikt)?
Au der einen Seite spielt die Partei immer den großen Beschützer seines Volkes und ist stolz auf die Diversität Chinas, auf der anderen Seite spielt man dann immer wieder den Beledigten, wenn einzelne Minderheiten – allen voran die Tibeter und Uiguren - absolute Autonomie fordern. Ja, es stimmt, es gibt zahlenmäßig weitaus größere Minderheitenvölker als die Tibeter oder Uiguren, allerdings sind diese mit Großteil an der Küste oder im Süden Chinas anzutreffen, sprich in jenen Regionen, die das höchste Wirtschaftswachstum haben und den höchsten Lebensstandard genießen, noch höher als selbst jener der Hauptstadt Peking. Dass dort Verteilung wesentlich besser funktioniert als in einer spärlich bevölkerten Hochgebirgs- oder Wüstenprovinz ist selbstverständlich.
Die neuesten Unruhen in Xinjiang haben wiederum bewiesen wie tief Chinas Bevölkerung v.a. westlich der Heihe-Tengchong Linie ( http://de.wikipedia.org/wiki/Heihe-Tengchong-Linie ) wirklich gespalten ist. So ist diese Linie nicht nur die Grenze zwischen durchschnittlich hohem und niedrigem Wirtschaftswachstum (was sich schon allein an der Bevölkerungsichte zeigt, da 9/10 östlich der Linie leben), sondern viel mehr. Sie ist auch die symbolische Grenze zwischen arm und reich aber vor allem kann sie auch mit wenigen Ausnahmen als die Homogenitätsrenze Chinas verstanden werden, sprich die Grenze die mit 90%iger Sicherheit als DAS kulturell originale China verstanden werden kann. Alles andere sind Territorien, die rein kulturell nichts mit China zu tun haben und nur im Rahmen von Aggressionspolitik erstanden wurden.
Ob Xinjiang und Tibet in dieser Hinsicht für China eher Segen oder Fluch waren wird die Zukunft zeigen. Fakt ist, dass vor allem von diesen beiden Provinzen eine extreme Gefahr hinsichtlich der fortwährenden Stabilität Chinas ausgeht. Und solange die Partei weiterhin angesichts dieser Problematik ihren Kopf in den Sand steckt wird sich die Lage sicherlich nicht entspannen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen