Sonntag, 31. Juli 2011

Fortschritt um jeden Preis

Eine Woche ist seit dem verheerenden Zugsunglück in Zhejiang, welches 40 Todesopfer und über 200 Verletzte forderte, vergangen. Doch während im Ausland der von den Terroranschlägen in Norwegen überschatteten Katastrophe wenig bis gar keine mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird, besitzt das Thema in China aufgrund einiger Faktoren das Potential zum Aufreger des Jahres zu avancieren – eine Analyse.


Am 23. Juli kommt es auf der Ningbo-Taizhou-Wenzhou Hochgeschwindigkeitszugstrecke zu einer fatalen Verkettung unglücklicher Zufälle. Zum Unfallzeitpunkt wütet in der Region ein schweres Unwetter, eigentlich für die regenreichen Sommermonate Chinas nichts Ungewöhnliches. Um ca. 20 Uhr Ortszeit schlägt ein Blitz in den Richtung Fuzhou fahrenden Hochgeschwindigkeitszug D3115 mit mehr als 1000 Personen an Bord ein. In der Folge kommt es zu einem Energieverlust und der Zug kommt mitten auf einem Viadukt zum Stillstand. Kurz darauf rast der wenige Kilometer dahinter farende D301 Hochgeschwindigkeitszug mit einer Reisegeschwindigkeit von ca. 200 km/h in die stehende D3115 Garnitur – mehrere Waggoons entgleisen, vier davon werden vom ca. 20 Meter hohen Viadukt katapultiert und stürzen in die Tiefe.

Erste Rettungsteam treffen relativ schnell ein, das volle Ausmaß der Katastrophe wird jedoch erst am Morgen des darauffolgenden Tages nach den dunklen Abendstunden langsam erkennbar. Die letzten Opfer können erst 21 Stunden nach dem Unglück geborgen werden. Die Nachricht verbreitet sich rasend schnell über das Internet und die Medien. Auf das Entsezten seitens der Bevölkerung folgt jedoch bald Wut, denn die Art und Weise, wie die chines. Regierung mit der Katastrophe umgeht, ist mehr als ungeschickt.

 
Der Zeitpunkt des Zugsunglücks kommt für die KPCh mehr als ungelegen. Vor knapp einem Monat feierte man noch das 90 jährige Bestehen der kommuistischen Partei Chinas, bezeichnete sich selbst als den Gründer des modernen fortschrittlichen Chinas und als den fürsorglichen Hüter des Volkes. Wenige Tage darauf wurde die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke Beijing-Shanghai – seit jeher ein Prestigeprojekt im Ausbau des chines. Schienenverkehrs – eröffnet. Darüber hinaus tagt derzeit seit langem wieder ein größeres Plenum der Partei im Sommerresort Beidaihe um Lösungen für zukünfige Probleme Chinas zu erarbeiten.


Kurz nach dem Unglück wurden spontan drei hochrangige Funktionäre des Ministeriums für Schienenverkehr entlassen, andere Funktionäre verbeugten sich als Entschuldigung im Rahmen einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras. Die Regierung hat den Angehörigen der Opfer mittlerweile eine Kompensation in der Höhe von 500.000 Yuan (~54.000 €) sowie eine offene und zügige Untersuchung versprochen, das ist für die Massen jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Selbst eine Woche nach dem Zugsunglück wartet die Bevölkerung noch immer vergeblich auf eine plausible Erklärung der Regierung wie es zu dem Unglück kommen konnte – viele können und wollen einfach nicht glauben, dass ein simpler Blitzschlag das moderne Hochgeschwindigkeitsnetzwerk der chines. Eisenbahn so simpel austricksen und zu solch einer fatalen Katastrophe führen kann.

 
In einer Zeit, in der Bürger immer besser informiert und kritischer sind, erscheint die chines. Informationspolitik nicht mehr zeitgemäß. Die chines. Bürger lassen sich nicht mehr so leicht von sog. Prestigeprojekten beeindrucken, von denen sie selbst nicht direkt profitieren. Die Eisenbahn ist das mit Abstand am häufigsten genutzte Fortbewegungsmittel des Langstreckenverkehrs Chinas. Die Tickets für Hochgeschwindigkeitszüge sind jedoch nach wie vor zu teuer für die meisten Reisenden. Ein Ticket auf der neuen Hochgeschindigkeitsstrecke von Beijing nach Shanghai in etwa kostet – je nach Klasse – 555 bis 935 Yuan (~60-100 €) – ca. der gleiche Preis, den man für ein Flugticket von Beijing nach Shanghai bezahlt. Für ein Ticket der selben Strecke mit konventionellen Zügen zahlt man jedoch lediglich 158 bis 306 Yuan (~17-33 €). Chinas Hochgeschwindigkeitsnetzwerk zahlt sich dementsprechend nur bedingt aus und grenzt sein Zielpublikum auf die Ober- und Mittelschicht der urbanen Bevölkerung ein – Hochgeschwindigkeitszüge halten aus Zeitgründen nur noch in größeren Städten.


Hochgeschwindigkeitszüge werden in China seit jeher als ein Symbol des Fortschritts gesehen. Bereits in den 90ern gab es die ersten Pläne zum Ausbau des damals noch maroden Schienensystems. 1993 betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit aller chines. Passagierzüge lediglich 48 km/h. 1997 wurde schließlich die Kampagne zur „Erhöhung der Reisegeschwindigkeit von chines. Zügen“ ins Leben gerufen, welche sich als Ziel setzte binnen zehn Jahren die Durchschnittsgeschwindigkeit von Passagierzügen sowie den Ausbau von Hochgeschwindigkeitsstrecken zu erhöhen bzw. anzutreiben. Das Projekt gilt heutzutage als Erfolg, unzählige Hochgeschwindigkeitszüge wurden angschafft und zahlreiche Strecken ausgebaut bzw. hochgeschwindigkeitstauglich gemacht.

 
Doch bald wurde klar, dass der enorme Fortschritt auch seine Schattenseiten mit sich bringen würde. Im Februar dieses Jahres wurde der ehemalige Minister des Schienenverkehrs Liu Zhijun wegen Korruption festgenommen. Er soll in Verbindung mit der Errichtung neuer Hochgeschwindigkeitsstrecken Schmiergelder in der Höhe von bis zu einer Milliarde Yuan (~100 Mio. €) entgegengenommen haben. In der Zwischenzeit kam es darüber hinaus immer wieder zu Zwischenfällen, die erste Zweifel an der Sicherheit des chines. Hochgeschindigkeitsnetzwerkes aufkommen ließen. Kurz nach der Eröffnung der Beijing Shanghai Linie kam es auf ebendieser Strecke kurz hintereinander zu mehreren Energieverlusten, die zu einem Stillstand von mehr als 30 Zügen für mehr als drei Stunden führten – ein Zwischenfall, der aufgrund des Prestigepotentials der Beijing-Shanghai Strecke der Partei mehr als peinlich war.


Auch in diesem Fall blieb die Informationspolitik der Regierung äußerst vage, man wiederholte stets, dass man sich das Problem „näher ansehen“ werde. Zur weiteren "Beruhigung" verlautbarte das Ministerium für Schienenverkehr kurz darauf am 14. Juli – knapp eine Woche vor dem Zugsunglück in Zhejiang -, dass die chinesischen Hochgeschiwndigkeitszüge dem japanischen Shinkansen, welcher unter Experten als der weltweit technologisch fortschrittlichste Zug seiner Art gilt, „weit überlegen“ seien. Als ob diese mehr als schlecht getimte Aussage nicht schon genug Falten auf die Stirn der politischen Elite Chinas gelegt hätte, tauchte Chinas Premier Wen Jiabao auch noch dazu erst fünf Tage nach dem Unglück an der Unfallstelle auf um gegenüber der Öffentlichkeit Stellung zu nehmen. „Krankheitsbedingt“ sei er nicht in der Lage gewesen früher vor Ort zu sein. Doch wie ein roter Faden in der chines. Informationspolitik bleibt er auch hier der Öffentlichkeit Details schuldig. Man erfährt nicht an welcher Krankheit er litt, lediglich, dass ihm die Ärzte „äußerst unwillig“ die Erlaubnis gegeben hätten einen Tag zu reisen.


Dieses ungeschickte Vorgehen der Partei hat mittlerweile zu Wut und Hasstiraden seitens der Bevölkerung geführt, welche sich v.a. im Internet – dem im Prinzip einzigen Sprachrohr der chinesischen Bevölkerung, entladen. V.a. auf Weibo – dem chines. Twitter Pendant – werden heiße Debatten geführt, Einzelschicksale sickern an die Oberfläche, Handyvideos von Überlebenden des Desasters – kurz vor der Kollision an Bord aufgenommen – werden hochgeladen. Die Partei greift überraschend wenig in die sonst streng kontrollierte Website ein und löscht erstaunlich wenige Kommentare – vermutlich aus Angst vor noch größerer Wut seitens der Bevölkerung.

 
Doch auch innerhalb der Partei regt sich langsam Widerstand. Seit Jahren gibt es einen Flügel innerhalb der KPCh, der die Wachstumspolitik Chinas scharf kritisiert. Demnach sei Chinas Wachstum viel zu kurzfristig, oft nur für Propagandazwecke oder um die Bevölkerung kurzzeitig ruhig zu stellen. Langfristige Perspektiven werden laut Meinung der Kritiker oft viel zu wenig beachtet. Als Beispiel wird hier z.B. die zu platzen drohende chines. Immobilienblase genannt: Bauprojekte werden mit Investitionen in Milliardenhöhe von der Regierung subventioniert um die eigene Konjunktur künstlich hoch zu halten. Zeitgleich steigen die Grundstückspreise, die ohnehin im Vergleich zum Baufortschritt bereits unterlegene Nachfrage leidet noch mehr als ohnehin unter der mangelnden Kaufkraft eventueller Interessenten. Das Phänomen sog. Geisterstädte ist in China mittlerweile ein Alltagsbild geworden – ganze neu errichtete Stadtviertel stehen menschenleer.


Fortschritt um jeden Preis – das war das Motto für die chinesische Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Was man im Ausland schon vor Jahren kritisert hat, dringt nun auch langsam über die chinesische Bevölkerung an die Führungskreise der KPCh durch. Die 2005 von Hu Jintao proklamierte Errichtung einer „harmonischen Gesellschaft“ ist über die letzten Jahre stark ins Wanken geraten. Zeitgleich ist die chinesische Gesellschaft kritischer geworden. Vergleicht man den öffentlichen Aufruhr des Sichuan Erdbebens 2008, welches v.a. so viele Opfer forderte, weil es die Partei verabsäumte hatte in den betroffenen Gebieten in erdbebensicherere Bautechnik zu investieren, mit dem Zugsunglück von Zhejiang 2011 mit seinen realtiv geringen Tragweiten und Opferzahlen, so ist ein deutlicher Zuwachs an Misstrauen gegenbüber der politischen Elite feststellbar. Wenn die Partei auch noch weitere 90 Jahre der „fürsorgliche Hüter des Volkes“ bleiben will, so muss sie begreifen eventuell einen Gang zurückzuschalten und ihrem Volk in aller Ruhe einmal zuzuhören.