Wenn man als Österreicher in der Welt herumreist und dabei anderen Leuten Auskunft über die eigene Herkunft gibt, bekommt man eigentlich immer nur zwei verschiedene Antworten: „Ooooh, Australia! Sidney! Very beautiful!“ oder „Ooooh, Austria! Mozart! Music! Very beautiful!“. Auch hier in China ist das durchwegs nicht anders. Allerdings kommt es mittlerweile immer öfter vor, dass Chinesen – sofern sie Österreich kennen – neben klassischer Musik auch einen anderen Aspekt unserer Alpenrepublik zu schätzen wissen: die Natur.
Der Mensch und die Natur – das ist im Reich der Mitte ein recht ambivalentes Verhältnis. Boomenden in Smog gehüllten Millionenmetropolen an der Küste stehen unberührte Landstriche im Landesinneren gegenüber. Dass es diese Kombination in nahezu allen Schwellen- oder Industrieländern gibt, ist nichts Besonderes, allerdings ist der Kontrast fast nirgends dermaßen ausgeprägt wie in China. Zumeist sind es Jugendliche oder Wanderarbeiter, die auf der Suche nach Arbeit, dem Reiz nach Abenteuer und dem Traum von bescheidenem Wohlstand immer öfter in urbane Gebiete abwandern. Zurück in den Dörfern bleiben die Alten, Schwangeren und Kleinkinder. Bereits heute leben zwei Drittel der chines. Bevölkerung in Städten, Tendenz stark steigend. Die Landflucht ist zu einer tickenden ökonomischen Zeitbombe geworden, denn während immer mehr Menschen in die städtischen Dienstleisungssektoren strömen, müssen gleichzeitig immer weniger Menschen das ganze Land auf dem Agrarsektor versorgen. Die Regierung hat dieses Problem schon längst erkannt, erfolgreiche Maßnahmen zur Gegensteuerung konnten bisher jedoch nicht gefunden werden – zu groß ist hierfür der Unterschied zwischen Stadt und Land.
In dieser Hinsicht fügt sich China perfekt in die lange Liste aller Schwellenländer ein. Denn während in westlichen Industrienationen der Drang nach Grünem in der der Bevölkerung immer lauter wird und immer mehr Menschen ein Leben auf dem Land oder zumindest in den Suburbs eines Ballungsraumes vorziehen, unterliegt der allgemeine Trend in Schwellenländern weiterhin einer eher pragmatischen Entscheidungsnatur. Fragt man heutzutage Durchschnittschinesen ob sie ein Leben auf dem Land oder ein Leben in der Stadt bevorzugen, wird man wohl so gut wie keine Befürworter des Landlebens finden. Das ist auch wenig verwunderlich, unterscheidet sich doch ein typisches chines. Bauerndorf von einem durchschnittlichen Kuhdorf in Österreich doch um ein Vielfaches.
Lokalaugenschein in Fuli, einem Dorf in der südchinesischen Provinz Guangxi. Der boomende Tourismus in der benachbarten Stadt Yangshuo - weniger als 10km entfernt - hat hier wenig Einfluss auf das Alltagsleben der Dorfbewohner, Touristengruppen oder gar Ausländer verirren sich nur selten hier her. Asphaltierte Straßen gibt es nicht, Strom ab und zu, Wasser nur aus dem Dorfbrunnen. Unbeeindruckt von unserem Besuch und der idyllischen Berglandschaft, die das Dorf umgibt, verrichten die Bauern ihre Arbeit im Reisfeld. Mit einem Fahrrad und einer gefälschten Rolex Armbanduhr in seinem Besitz gilt der Bürgermeister als reichster Bewohner des Dorfes. Stolz präsentiert er uns sein bescheidenes Heim und seine Zuchtküken. Es scheint als ob die Zeit auf diesem kleinen Fleckchen Erde für einen kurzen Augenblick still stehen würde, am liebsten würde man sich hier in der Rente niederlassen.
Szenenwechsel. Hochsommer in Beijing, Heimat von 15 Mio. Menschen, 4 Mio. Autos wälzen sich täglich durch die Straßen dieses Ballungsraumes, schon beinahe traditionell hängt eine Smogglocke tief über der Stadtebene, die durchschnittliche Sichtweite beträgt dieser Tage ein bis zwei Kilometer, Restaurants entleeren ihren Müll und ihren WC Auslass am Straßenrand,
welcher bei zermürbenden 35 Grad vor sich hinglüht, die Luft ist dick und stickig. Nicht umsonst verlassen unzählige Mengen jährlich während der Sommermonate die Hauptstadt um Entspannung in entlegenen Naturgebieten zu suchen. Hauptziele sind hierbei oft Nationalparks (in China nicht selten UNESCO Weltkulturerbe) wie z.B. Mount Wuyi, der zur Hochsaison wie alle Touristenorte in China von Menschen geradezu überflutet wird, so dass man vor lauter Menschenmassen die Natur selbst schon fast nicht mehr sieht. Wer sich davon trotzdem nicht abschrecken lässt und weiterhin dem Drang nach Grünem folgt, wird auch bei relativ astronomischen Tagesticketpreisen jenseits der 20€ ein Auge zudrücken.Weitaus gemütlicher geht es da in den Städten zu. Die wenigen Leute, die über den Hochsommer hier geblieben sind, vergnügen sich in den städtischen Parks. Gigantische Parkanlagen wie der Himmelstempel in Beijing oder der Westsee in Hangzhou dienen nicht nur als grüne Lunge moderner Ballungsräume, sondern auch als Naherholungsgebiet für die lokale Bevölkerung. Dass für öffentliche Parks oft ein geringes Eintrittsgeld zu begleichen ist, ist in China mittlerweile so üblich wie die kostenpflichtige öffentliche Toilette in Europa. Den Besucheransturm auf die städtischen Parkanlagen vermindert das geringe Eintrittsgeld jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil: Viele Leue kommen nun extra in die Parks „da mit dem Eintrittsgeld die Gepflegtheit und Sauberkeit der Anlage garantiert wird“ - zwei Variablen von der die typische chinesische Stadtbevölkerung eindeutig zu wenig hat. In den Parkanlagen selbst steht ganz und gar die Natur im Rampenlicht: wie in einem botanischen Garten steht vor jedem Baum ein kleines Schild mit chines. und lateinischer Bezeichnung der Baumart, als ob es nichts Schöneres auf dieser Welt geben würde machen Chinesen beinahe euphorisch unzählige Fotos von Blütenknospen, Wurzelverflechtungen oder Goldfischen in kleinen Teichen.
Wie dieses Verhalten mit einem grundsätzlich nicht vorhandenen Umweltbewusstsein seitens der Durchschnitssbevölkerung vereinbar ist, ist schwer erklärbar. Müll wird nicht einmal ansatzweise getrennt (nicht einmal Glas und Papier): Mülleimer besitzen zwar quasi alibimäßig zwei Einwürfe mit der Aufschrift „Recycable“ und „Not Recycable“, im Endeffekt landet der Abfall aber in der selben Tonne. Und während im Westen die komplette Autoindustrie aufgrund der Wirtschaftskrise einen Gang zurückschaltet, boomt der Luxusautomarkt nirgends so extrem wie derzeit in China: hier macht sich noch niemand Gedanken über Benzinverbrauch oder Emissionen – man kann sich sein durstiges Audi oder Mercedes PS-Monster schlichtweg leisten oder nicht. Doch auch bei dem „kleinen Mann“ lässt das Umweltbewusstsein durchaus zu wünschen übrig, denn in der chines. Bevölkerung scheint der Begriff „Müll“ untrennbar mit der Größe des Abfallobjekts verbunden zu sein. Während zum Beispiel alte Zeitschriften durchaus als Müll gelten und brav entsorgt werden, werden kleine Gegenstände wie Taschentücher oder Zigarettenschachteln einfach auf die Straße geworfen. Ein grünes China? Falsch gedacht!
Auch die Partei hat mittlerweile den Ernst der Lage erkannt und im Rahmen des nationalen Volkskongresses 2009 den Umweltschutz als eines der wichtigsten politischen Ziele der nächsten Jahre deklariert. Inwiefern dies gelingt wird die Zukunft zeigen. Erst vor Kurzem hat die verheerenste Dürreperiode in Jahrzehnten den sonst so regenreichen Südwesten Chinas heimgesucht, Ernteschäden sowie Millionen Menschen ohne Trinkwasserversorgung waren die Folge.
So mancher munkelt sogar, dass die Dürreperiode und das vorangegangene Regenchaos in der Provinz Guangdong anno 2009 eine direkte Folge des umstrittenen Drei Schluchten Staudammes seien. Da hilft auch ein besorgt dreinschauender Premierminister beim Besichtigen ausgetrockneter Flussbetten oder ein Mut machend singender Jackie Chan im Rahmen eines von der Partei produzierten Musikvideos herzlich wenig. Wenn China wirklich etwas an seiner Umweltpolitik liegt, müssen den Worten nun endlich Taten folgen.
