Freitag, 30. April 2010

Ein grünes China?

Wenn man als Österreicher in der Welt herumreist und dabei anderen Leuten Auskunft über die eigene Herkunft gibt, bekommt man eigentlich immer nur zwei verschiedene Antworten: „Ooooh, Australia! Sidney! Very beautiful!“ oder „Ooooh, Austria! Mozart! Music! Very beautiful!“. Auch hier in China ist das durchwegs nicht anders. Allerdings kommt es mittlerweile immer öfter vor, dass Chinesen – sofern sie Österreich kennen – neben klassischer Musik auch einen anderen Aspekt unserer Alpenrepublik zu schätzen wissen: die Natur.



Der Mensch und die Natur – das ist im Reich der Mitte ein recht ambivalentes Verhältnis. Boomenden in Smog gehüllten Millionenmetropolen an der Küste stehen unberührte Landstriche im Landesinneren gegenüber. Dass es diese Kombination in nahezu allen Schwellen- oder Industrieländern gibt, ist nichts Besonderes, allerdings ist der Kontrast fast nirgends dermaßen ausgeprägt wie in China. Zumeist sind es Jugendliche oder Wanderarbeiter, die auf der Suche nach Arbeit, dem Reiz nach Abenteuer und dem Traum von bescheidenem Wohlstand immer öfter in urbane Gebiete abwandern. Zurück in den Dörfern bleiben die Alten, Schwangeren und Kleinkinder. Bereits heute leben zwei Drittel der chines. Bevölkerung in Städten, Tendenz stark steigend. Die Landflucht ist zu einer tickenden ökonomischen Zeitbombe geworden, denn während immer mehr Menschen in die städtischen Dienstleisungssektoren strömen, müssen gleichzeitig immer weniger Menschen das ganze Land auf dem Agrarsektor versorgen. Die Regierung hat dieses Problem schon längst erkannt, erfolgreiche Maßnahmen zur Gegensteuerung konnten bisher jedoch nicht gefunden werden – zu groß ist hierfür der Unterschied zwischen Stadt und Land.

In dieser Hinsicht fügt sich China perfekt in die lange Liste aller Schwellenländer ein. Denn während in westlichen Industrienationen der Drang nach Grünem in der der Bevölkerung immer lauter wird und immer mehr Menschen ein Leben auf dem Land oder zumindest in den Suburbs eines Ballungsraumes vorziehen, unterliegt der allgemeine Trend in Schwellenländern weiterhin einer eher pragmatischen Entscheidungsnatur. Fragt man heutzutage Durchschnittschinesen ob sie ein Leben auf dem Land oder ein Leben in der Stadt bevorzugen, wird man wohl so gut wie keine Befürworter des Landlebens finden. Das ist auch wenig verwunderlich, unterscheidet sich doch ein typisches chines. Bauerndorf von einem durchschnittlichen Kuhdorf in Österreich doch um ein Vielfaches.

Lokalaugenschein in Fuli, einem Dorf in der südchinesischen Provinz Guangxi. Der boomende Tourismus in der benachbarten Stadt Yangshuo - weniger als 10km entfernt - hat hier wenig Einfluss auf das Alltagsleben der Dorfbewohner, Touristengruppen oder gar Ausländer verirren sich nur selten hier her. Asphaltierte Straßen gibt es nicht, Strom ab und zu, Wasser nur aus dem Dorfbrunnen. Unbeeindruckt von unserem Besuch und der idyllischen Berglandschaft, die das Dorf umgibt, verrichten die Bauern ihre Arbeit im Reisfeld. Mit einem Fahrrad und einer gefälschten Rolex Armbanduhr in seinem Besitz gilt der Bürgermeister als reichster Bewohner des Dorfes. Stolz präsentiert er uns sein bescheidenes Heim und seine Zuchtküken. Es scheint als ob die Zeit auf diesem kleinen Fleckchen Erde für einen kurzen Augenblick still stehen würde, am liebsten würde man sich hier in der Rente niederlassen.

Szenenwechsel. Hochsommer in Beijing, Heimat von 15 Mio. Menschen, 4 Mio. Autos wälzen sich täglich durch die Straßen dieses Ballungsraumes, schon beinahe traditionell hängt eine Smogglocke tief über der Stadtebene, die durchschnittliche Sichtweite beträgt dieser Tage ein bis zwei Kilometer, Restaurants entleeren ihren Müll und ihren WC Auslass am Straßenrand, welcher bei zermürbenden 35 Grad vor sich hinglüht, die Luft ist dick und stickig. Nicht umsonst verlassen unzählige Mengen jährlich während der Sommermonate die Hauptstadt um Entspannung in entlegenen Naturgebieten zu suchen. Hauptziele sind hierbei oft Nationalparks (in China nicht selten UNESCO Weltkulturerbe) wie z.B. Mount Wuyi, der zur Hochsaison wie alle Touristenorte in China von Menschen geradezu überflutet wird, so dass man vor lauter Menschenmassen die Natur selbst schon fast nicht mehr sieht. Wer sich davon trotzdem nicht abschrecken lässt und weiterhin dem Drang nach Grünem folgt, wird auch bei relativ astronomischen Tagesticketpreisen jenseits der 20€ ein Auge zudrücken.

Weitaus gemütlicher geht es da in den Städten zu. Die wenigen Leute, die über den Hochsommer hier geblieben sind, vergnügen sich in den städtischen Parks. Gigantische Parkanlagen wie der Himmelstempel in Beijing oder der Westsee in Hangzhou dienen nicht nur als grüne Lunge moderner Ballungsräume, sondern auch als Naherholungsgebiet für die lokale Bevölkerung. Dass für öffentliche Parks oft ein geringes Eintrittsgeld zu begleichen ist, ist in China mittlerweile so üblich wie die kostenpflichtige öffentliche Toilette in Europa. Den Besucheransturm auf die städtischen Parkanlagen vermindert das geringe Eintrittsgeld jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil: Viele Leue kommen nun extra in die Parks „da mit dem Eintrittsgeld die Gepflegtheit und Sauberkeit der Anlage garantiert wird“ - zwei Variablen von der die typische chinesische Stadtbevölkerung eindeutig zu wenig hat. In den Parkanlagen selbst steht ganz und gar die Natur im Rampenlicht: wie in einem botanischen Garten steht vor jedem Baum ein kleines Schild mit chines. und lateinischer Bezeichnung der Baumart, als ob es nichts Schöneres auf dieser Welt geben würde machen Chinesen beinahe euphorisch unzählige Fotos von Blütenknospen, Wurzelverflechtungen oder Goldfischen in kleinen Teichen.

Wie dieses Verhalten mit einem grundsätzlich nicht vorhandenen Umweltbewusstsein seitens der Durchschnitssbevölkerung vereinbar ist, ist schwer erklärbar. Müll wird nicht einmal ansatzweise getrennt (nicht einmal Glas und Papier): Mülleimer besitzen zwar quasi alibimäßig zwei Einwürfe mit der Aufschrift „Recycable“ und „Not Recycable“, im Endeffekt landet der Abfall aber in der selben Tonne. Und während im Westen die komplette Autoindustrie aufgrund der Wirtschaftskrise einen Gang zurückschaltet, boomt der Luxusautomarkt nirgends so extrem wie derzeit in China: hier macht sich noch niemand Gedanken über Benzinverbrauch oder Emissionen – man kann sich sein durstiges Audi oder Mercedes PS-Monster schlichtweg leisten oder nicht. Doch auch bei dem „kleinen Mann“ lässt das Umweltbewusstsein durchaus zu wünschen übrig, denn in der chines. Bevölkerung scheint der Begriff „Müll“ untrennbar mit der Größe des Abfallobjekts verbunden zu sein. Während zum Beispiel alte Zeitschriften durchaus als Müll gelten und brav entsorgt werden, werden kleine Gegenstände wie Taschentücher oder Zigarettenschachteln einfach auf die Straße geworfen. Ein grünes China? Falsch gedacht!

Auch die Partei hat mittlerweile den Ernst der Lage erkannt und im Rahmen des nationalen Volkskongresses 2009 den Umweltschutz als eines der wichtigsten politischen Ziele der nächsten Jahre deklariert. Inwiefern dies gelingt wird die Zukunft zeigen. Erst vor Kurzem hat die verheerenste Dürreperiode in Jahrzehnten den sonst so regenreichen Südwesten Chinas heimgesucht, Ernteschäden sowie Millionen Menschen ohne Trinkwasserversorgung waren die Folge. So mancher munkelt sogar, dass die Dürreperiode und das vorangegangene Regenchaos in der Provinz Guangdong anno 2009 eine direkte Folge des umstrittenen Drei Schluchten Staudammes seien. Da hilft auch ein besorgt dreinschauender Premierminister beim Besichtigen ausgetrockneter Flussbetten oder ein Mut machend singender Jackie Chan im Rahmen eines von der Partei produzierten Musikvideos herzlich wenig. Wenn China wirklich etwas an seiner Umweltpolitik liegt, müssen den Worten nun endlich Taten folgen.

Montag, 12. April 2010

Vom Traum der harmonischen Gesellschaft

Mehr als ein Dutzend Sicherheitsleute einer Karaokebar gehen auf einen jungen Mann namens Cui mit Stahlstöcken los. Auch die eigentlich unbeteiligten Begleiter von Cui – dessen Freundin sowie Cousin – werden von den Sicherheitskräften, die eher einem außer Kontrolle geratenen Mob als einer unter Kommando stehenden Einheit gleichen, brutalst zusammengeschlagen. In der Hitze des Gefechts wird Cuis Pulsschlagader auf der rechten Hand von einem spitzen Gegenstand der Sicherheitskräfte durchtrennt, Blut beginnt auf den Boden zu strömen. Die weinende Freundin von Cui legt sich schützend über ihren langsam verblutenden Freund, was die Sicherheitskräfte weiterhin nicht davon abhält weiter auf die drei am Boden liegenden und sich nicht mehr wehrenden Leute einzuschlagen – 8 Minuten lang. Selbst als die Freundin Cuis knieend um Erbarmen und einen Ambulanzwagen fleht wird der Mob an Sicherheitsleuten nur noch mehr erzürnt, schlägt nochmals Minuten lang auf die Individuen ein, und sperrt vorsichtshalber die Foyertür ab damit niemand mehr ein- oder ausgehen kann – als ob drei sich am Boden vor Schmerzen windend und blutende schwer Verletzte nach 8 Minuten Prügelei mit mehr als 12 bewaffneten Sicherheitsbeamten noch plötzlich die Flucht ergreifen könnten. Eine Überwachungskamera zeichnet das ganze Geschehen still und unzensiert auf.

http://v.youku.com/v_show/id_XMTYzMTkxMTIw.html

Wie sich im Nachhinein herausstellt war der Auslöser des ganzen Streites simpel: Der bereits etwas angetrunkene Cui wollte eine größere Karaokekabine haben, welche aber zu jenem Zeitpunkt nicht verfügbar da ausgebucht war. Das wollte Cui nicht akzeptieren und es kam zum lautstarken Streit mit der Rezeptionistin und schließlich zum Handgemenge. Natürlich, grundsätzlich gilt hier ganz klar die Regel „Wie man in den Wald ruft, so ruft der Wald zurück“, aber kein erdenklicher Grund der Welt kann ein solches Verhalten der Sicherheitsbeamten rechtfertigen, speziell gegenüber den unbeteiligten Begleitern von Cui und überhaupt gegen schwer Verletzte, denen dann noch dazu Erste Hilfe verweigert wird.

Die im staatlichen Fernsheen bzgl. Ihrer raschen Einsatzbereitschaft immer so hoch gepriesene Polizei erscheint erst nach mehr als 15 Minuten am Tatort um im Endeffekt lediglich die Rettung zu verständigen. In anschließenden TV Interviews mit Cui und dessen Begleitern sieht man ihnen anstatt Wut die bloße Angst förmlich ins Gesicht geschrieben, niemand will es wagen die privat angestellten Sicherheitsbeamten der Karaokebar in einem öffentlichen TV Interview zu denunzieren. Sie tun auch gut daran, denn für das Gericht wird der Fall wohl mit einer unzureichenden Schadensersatzzahlung an Cui abgeschlossen sein, selbstverständlich ohne weiteren Folgen für den Sicherheitschef der Karaokebar, für die Sicherheitskräfte oder gar den Manager der Karaokebar selbst. Zu mächtig sind diese Leute, zu undurchsichtig vor lauter Korruption der Entertainment-Sumpf (ein durchaus weit gefächerter Begriff). Der Traum der harmonischen Gesellschaft ist ausgeträumt.

Doch wer glaubt das sei ganz und gar allein die Schuld korrupter Beamter liegt falsch und sollte mal als normaler Bürger bei sich selbst anfangen. Denn dermaßen schockierende Vorfälle sind in China durchaus gang und gäbe, was jedoch viel erschreckender ist: die Zivilcourage von Passanten ist bei nahezu allen Fällen im Keller. Jeder, der einmal einen Autounfall in China hatte, kann ein Lied davon singen. Anstatt Verwundeten zu helfen steht eine Menschentraube an ca. 50 Personen lieber sensationslüstern herum und schaut zu. Erst vor wenigen Wochen machte ein Fall aufmerksam, als drei offensichtlich angetrunkene Unbekannte eine Internetbar stürmten, dort mit der 21 Jährigen Rezeptionistin ein Streitgespräch anfingen und sie daraufhin quer durch die ganze Internbar an ihren Haaren am Boden hinter sich her zogen um sie im Anschluss zusammenzuschlagen. Geholfen hat in der nahezu ausgebuchten Internetbar kein Einziger.

Aber was erwartet man sich auch von einer asozialen Gesellschaft, die zu 90% ohne Geschwister als verhätscheltes Einzelkind aufgewachsen ist - in einem pseudosozialen Staat, welcher mitsamt seinen Alltagsregeln den eigenen Bürgern tagtäglich die „Nur die Stärksten kommen durch“ Philosophie vorlebt? Wenigstens empfand es ein Kunde als angebracht die Polizei zu verständigen. Gott sei Dank. Für die Partei ist die harmonische Gesellschaft somit wieder hergestellt.

Sonntag, 11. April 2010

DNA vs. 脱氧核糖核酸

Als Österreicher ist man bekanntlich durchaus an ein Leben auf der sog. Insel der Seeligen gewohnt, denn wenn man sich ansieht über welche „Probleme“ wir tagtäglich debattieren und uns deswegen gegenseitig als Spießbürger oder Gutmenschen bezeichnend die Schädel einschlagen, kann man sich nur auf den Kopf greifen. Manchmal tut es aber auch gut zu sehen, dass wir offensichtlich nicht die vermeintlich einzige Bananenrepublik auf diesem Planeten sind.

Denn vor Kurzem hat auch mal wieder die chinesische Regierung mit einer etwas seltsam anmutenden Verordnung den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen. In einem Rundschreiben wurden der Staats TV-Sender CCTV sowie Beijings lokaler TV-Sender BTV dazu aufgefordert künftig englische Abkürzungen in Berichterstattungen sowie Untertiteln zu unterlassen und stattdessen die korrekten chines. Bezeichnungen zu verwenden. Die NBA heißt dann halt ab nun 美国职业篮球联赛 (direkt übersetzt: Professionelle Basketball Liga der Vereinigten Staaten von Amerika), die WTO (Welthandelsorganisation) 世界贸易组织 und das GDP (Bruttoinlandsprodukt) 国内生产总值. Doch was zunächst wie ein mäßig witziger Aprilscherz aussieht, ist vollkommen ernst gemeint und soll dem „Interesse der sprachlichen Reinheit“ dienen.


Das Dilemma der chines. Sprache besteht nunmal darin, dass es im Alltag nur Schriftzeichen gibt. Die uns bekannten Buchstaben des Alphabets werden nur zum Erlernen von Fremdsprachen oder der chines. Lautspache (welche allerdings nie geschrieben im Sinne von verwendet wird, sondern nur dem Erlernen der richtigen Aussprache von Schriftzeichen dient) verwendet. Oder eben auch für englisschsprachige Abkürzungen, welche mittlerweile großteils verbreiteter sind als die originalen chinesischsprachigen Begriffe. Des Weiteren ist es in China im Gegensatz zu Korea und Japan eher unüblich, englische Worte mithilfe von Silben der eigenen Sprache direkt zu adaptieren, so dass z.B. bei der Aussprache des Wortes „News“ selbst in Korea oder Japan jeder genau weiß worum es sich hierbei handelt da man lediglich spracheigene Silben aneinanderreiht, welche der Aussprache des englischen Wortes „News“ ähneln. Aus praktischen Überlegungen heraus macht es somit für viele Chinesen einfach mehr Sinn „DNA“ anstatt eines sechs silbrigen chinesischen Wortes zu sagen. Außerdem verwunderlich ist auch die Tatsache, dass oben genannte Verordnung offensichtlich nur an ausgewählte Medien ging, denn in anderen Provinzen hat man bisher bei keinem Lokalsender von diesem neuen Rundschreiben gehört. Nicht einmal die staatliche Behörde für Radio, Film & Fernsehen war für Anfragen hinsichtlich dieser Problematik erreichbar.

Wie auch immer sich die Medien an diese Verordnung halten werden, sie wird wohl als Kuriosum in die Geschichte eingehen. Denn eines dürfte den Reformern in der Regierung wohl entgangen sein: Wenn man nun also zukünftig auf Abkürzungen wie NATO, NGO, WHO und dergleichen verzichten muss, warum darf sich dann der staatliche TV Sender CCTV (China Central TeleVision) nach wie vor so nennen?