Samstag, 29. Dezember 2012

2012/13 aus chinesischer Sicht

Unerwarteterweise (ich sage nur Maya, Vorsicht Ironie!) neigt sich wieder mal ein Jahr zu Ende und wie es auf diesem Blog mittlerweile schon fast Tradition ist, möchte ich einen kurzen Rückblick auf das Jahr 2012 aus chinesischer Sicht präsentieren sowie einen Ausblick auf 2013 wagen.

Bo Xilai
 Das erste relevante Thema 2012 war rückblickend auch zugleich Chinas Thema des Jahres. Denn die innenpolitische Bombe, die im März im Politbüro der Partei geplatzt war, hätte spektakulärer nicht sein können. Die Rede ist natürlich von Bo Xilai. Der damalige Parteichef der Stadt Chongqing wurde im Frühjahr zunächst überraschend aus seinen Ämtern entfernt. Grund: der dem linken Parteiflügel entstammende Bo war über die vergangenen Jahre parteiintern bereits so populär geworden, dass manche ihm sogar die Nachfolge von Präsident Hu Jintao im Herbst zutrauten. Das wiederum war dem herrschenden rechten Parteiflügel,  den Pragmatikern, gar nicht recht und um einen etwaigen Machtkampf gleich im Keim zu ersticken, wurde Bo Xilai schnellstmöglich gestürzt. Wie sich im weiteren Verlauf dieser Politaffäre, die sich über eine halbes Jahr hinziehen sollte, herausstellen sollte, war Bos Ehefrau Gu Kailai 2011 für die Ermordung eines britischen Geschäftsmannes verantwortlich. Der darauf folgende Prozess, in dem Gu Kailai mit einer bedingten Todesstrafe für schuldig befunden wurde, sollte eine Exempel statuieren und war ein eindeutiges Signal direkt aus den höchsten Parteikreisen an parteiinterne Revoluzzer.

Die Bo Xilai Affäre veranschaulichte v.a. wie zerrissen die KPCh intern derzeit ist. Stagnierende Wirtschaft, steigende Inflation, sinkende Exportzahlen – das alles sind Probleme, mit denen sich Chinas politische Elite seit dem Wirtschaftsaufschwung der 1980er wenig bis gar nicht herumplagen musste. Verschiedene Lösungsansätze sind parteiintern angedacht worden. Durchsetzen wird sich in der strikt hierarchisch gegliederten Parteistruktur jedoch schließlich jener, den das Politbüro bzw. dessen ständiger Ausschuss für erstrebenswert erachtet. Nur zur Verdeutlichung: Wir sprechen hier von 25 bzw. sieben Personen, die über das Schicksal von mehreren Millionen Menschen entscheiden. Da ist es nahe liegend, dass zunehmend viele Kader in Zeiten der Ungewissheit in diesen exklusiven Kreis von Auserwählten hineindrängen um ihren Einfluss geltend zu machen.

Diese Ungewissheit sprang schließlich nach einiger Zeit von der Partei auf die Bevölkerung weiter. Denn nicht einmal die strenge Zensurpolitik Chinas konnte verhindern, dass die (zunächst) grundlose Entmachtung eines Mitglieds des Politbüros schließlich von den Medien aufgegriffen wurde. So war es wenig verwunderlich, dass speziell in den ersten Wochen der Bo Xilai Affäre wilde Gerüchte über einen Militärputsch in Peking kursierten und die Partei – trotz Informationsmonopols! – enorme Mühe hatte, diese Gerüchte glaubhaft zu widerlegen. Eine direkte Konsequenz seitens der Partei war beispielsweise das Sperren der Kommentar- und Weiterleitungsfunktion von Internetpostings auf diversen Social Media Plattformen. Doch auch als Xi Jinping, der Nachfolger von Hu Jintao, zwei Wochen vor seiner Amtsübernahme mehrere Wochen spurlos von der öffentlichen Bildfläche verschwunden war, machten just neue Gerüchte die Runde, dass Xi Jinping ein Attentat überlebt habe (er soll von einem Projektil im Arm getroffen worden sein) und sich auf Genesung befinde. 

Womit wir schon beim nächsten Schwerpunktthema, nämlich der zunehmenden Macht des Microbloggings, wären. Microbloggingplattformen, allen voran Weibo, boomen in China wie nie zuvor. Der Hype lieferte letztes Jahr im Rahmen des Wenzhou Zugsunglücks eine beeindruckende Machtdemonstration ab, indem die nervösen Behörden damals auf Druck der Online Community eine Untersuchungskommission einsetzten (etwas komplett Neuartiges in China) sowie den damaligen Eisenbahnminister absetzten (ebenfalls eine Seltenheit). Auch heuer hat Microblogging in China neue Ausmaße der zivilen Kritik am Staat angenommen. Kritik richtet sich hierbei zunehmend gegen lokale Parteikader – mit Konsequenzen.

Das Foto, welches die Yang Dacai Affäre auslöste
  Stellvertretend für zig weitere Fälle sei an dieser Stelle die Causa Yang Dacai erwähnt. Im August ereignete sich in der Provinz Shanxi ein folgenschwerer Unfall, bei dem ein Langstreckenbus sowie ein Tanklaster involviert waren. Beide Fahrzeuge gingen in Flammen auf, alle 37 Insassen des Langstreckenbusses starben. Kurz darauf wurden Fotos von der Unfallstelle veröffentlicht, auf denen man einen Mann mit einem breiten Grinser zwischen den Wrackteilen scherzend stehen sah. Die Empörung der Online Community war groß und nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann um Yang Dacai, den Provinzchef der Sicherheitsverwaltung, handelte. Doch damit nicht genug: Ein Weibo User fand schließlich zahlreiche Fotos in Archiven, auf denen Yang mit verschiedensten teuren Markenuhren zu sehen war – u.a. ein Vacheron Constantin- und ein Rolex Modell im Wert von 63.000$ bzw. 10.000$. Das wiederum ließ in der Online Community Zweifel aufkommen, wie sich ein lokaler Parteikader, dessen Jahresgehalt sich auf ca. 15.000$ beläuft, derart teure Uhren leisten kann. Die Story verbreitete sich wie ein Lauffeuer in diversen Internetforen und wurde schließlich bald von den Medien aufgegriffen. Damit waren die Behörden gezwungen zu handeln und setzten eine Untersuchungskommission ein. Einen Monat später wurde Yang wegen Bestechung und anderer disziplinärer Vergehen angeklagt und von seinen Ämtern entfernt. Ein Sieg, der auf die Kappe der Online Community ging und frappant an die Folgen des Wenzhou Zugunglücks 2011 erinnerte.


  Microblogging ist somit für die Partei ein zweischneidiges Schwert, dessen Verbot zwar vielleicht die plausibelste, jedoch sicherlich nicht die beste Lösung wäre. Denn einerseits werden so durch die Online Community leichter Skandale veröffentlicht, die sich vor wenigen Jahren vermutlich noch vertuschen hätten lassen. Auch können, wie die Causa Bo Xilai eindrucksvoll zeigt, Gerüchte die Bevölkerung verunsichern – das Worst Case Szenario eines jeden autoritären Staates. Andererseits dienen Plattformen wie Weibo auch der Partei als Stimmungsbarometer der Bevölkerung – ein Werkzeug, das aufgrund der enorm hohen Userzahl von Weibo (ca. 300 Millionen, das entspricht zwei Drittel aller chines. Internetuser) auch wesentlich repräsentativere Daten bietet als eine umständliche Meinungsumfrage. Das heißt nicht, dass dies eine chinesische Variante der Demokratie ist, in der das Volk in gesellschaftspolitischen oder gar in personaltechnischen Entscheidungen via Internet mitbestimmt. Jedoch können die Menschen in einer Weise wie noch nie zuvor ihre Wünsche und Sorgen indirekt an die politischen Entscheidungsträger richten. Sofern diese Sorgen nicht allzu absurd sind, wird die Partei auch in Zukunft gut beraten sein, darauf einzugehen. Denn letztlich resultiert das in einer höheren Akzeptanz der KPCh innerhalb der Bevölkerung und das Volk ist ruhig gestellt. Eine Win-Win Situation eben. So oder so ähnlich würde es idealiter ablaufen. Dass die Machthaber in Peking zwar einerseits schon vermehrt der Bevölkerung „aufs Maul schauen“ wollen, gleichzeitig aber auch wissen möchten von wem welche Forderungen kommen, erklärt, warum alle Internetuser sich ab 2013 bei ihrem Provider mit vollständigem Zivilnamen sowie Personalausweisnummer zu registrieren haben. Das chinesische Internet ist also in Wirklichkeit nicht ganz so anonym wie in anderen Teilen der Welt.

Die Diaoyu Inseln
Das dritte große Thema des Jahres 2012 waren natürlich die Konflikte rund um die Diaoyuinseln im Herbst – eigentlich schon fast ein Evergreen in den Jahresrückblicken. Dennoch haben die Ausschreitungen dieses Jahr Ausmaße angenommen wie zuletzt 2005, als chinesische Nationalisten einen Boykott von japanischen Waren ausgerufen hatten. An dieser Stelle seien die Konflikte nicht nochmals beschrieben, das wurde auf diesem Blog bereits zu Genüge getan. Der Diaoyuinsel Konflikt hat jedenfalls gezeigt, wie schnell Chinas neuer Nationalstolz in radikalen Nationalismus ausarten kann. Mit ähnlichen Konflikten ist auch in Zukunft zu rechnen, wobei deren außenpolitische Bedeutung nicht überschätzt werden sollte. Erstens, handelt es sich bei diesen Konflikten häufig um nationalistisches Säbelrasseln. Nationalismus wird sowohl in Japan als auch in China oft instrumentalisiert um von anderen innenpolitischen Problemen abzulenken bzw. das Volk hinter der regierenden Partei zu vereinen. In diesem Jahr kam hinzu, dass in Japan im Herbst gewählt und in China ein neues Staatsoberhaupt auserkoren wurde. In diesem, und in keinem anderen Licht, sind die Proteste rund um die Diaoyuinseln zu verstehen. Zweitens, hat China zwar Ende September (wohl nicht ganz zufällig zum Höhepunkt des Konflikts) seinen ersten Flugzeugträger, die Liaoning, medienwirksam in Dienst gestellt. Das macht jedoch China noch lange nicht zu einer ernstzunehmenden Seemacht, die in der Lage wäre, die Diaoyuinseln militärisch zu gewinnen.

Die Liaoning bei ihrer Indienststellung
  Dass es sich bei der Liaoning um ein altes sowjetisches Schiff namens Varyag handelt, an dem die Chinesen seit 1998 mühevoll arbeiteten um es wieder halbwegs see- und manövrierfähig (von kampffähig rede ich erst gar nicht) zu machen, ließ man in den chinesischen Medien klanglos unter den Tisch fallen. Andererseits besteht ein einsatzfähiger schlagkräftiger Marineverband aus weitaus mehr als bloß einem Flugzeugträger. Natürlich werden in den kommenden Jahren der Liaoning viele weitere chines. Flugzeugträger folgen. Nur: eine Marine lässt sich nicht über Nacht aufbauen. Die sensationsgeilen Journalisten in manchen westlichen Medien können sich also entspannt zurücklehnen: Auch in den kommenden Jahren wird China militärisch zwar weiter wachsen, diese Macht jedoch nicht im Hinblick auf diverse Inselkonflikte zur Geltung bringen können. Derweil bevorzugt man nach wie vor die Schiene der Soft Power, indem man die meisten Nationen (noch) im wirtschaftlichen Würgegriff hält. Auf dieser Schiene wird China in naher Zukunft auch noch gemütlich weiter fahren können, wenngleich auch das Reisetempo mit einer zunehmend stagnierenden Wirtschaft kontinuierlich abnehmen wird.

Womit wir schon beim Ausblick für das kommende Jahr wären. Im Jahr 2012 wurden in vielen Ländern die Weichen für die kommenden Jahre in Ostasien neu gestellt. Taiwan, Südkorea und Japan haben gewählt. China hat eine neue politische Führung. In Nordkorea ist Kim Jong Un dabei durch diverse Raketenstarts Rückhalt im Militär zu gewinnen und so seine Macht zu festigen. Barrack Obama ist als US Präsident wieder gewählt und muss nicht nur den hohen innenpolitischen Erwartungen seiner Wählerschaft gerecht werden, sondern darf den Pazifik als zunehmend bedeutenden Wirtschaftsraum nicht aus den Augen verlieren. Was all diese Länder gemeinsam haben: sie alle sind gezeichnet von der Wirtschaftskrise und ihren Folgen. Taiwan fühlt sich zunehmend unsicher wie es mit dem großen Nachbarn China umzugehen hat – da hat auch der Sieg des chinafreundlichen Ma Ying Jiu bei den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr wenig geändert. Japan erlebt seine fünfte Rezension in 15 Jahren. Südkorea muss sich wieder einmal mit einem provozierenden Nordkorea plagen. Ratlosigkeit und Unsicherheit sind wohl die Worte, mit denen man die Stimmung in Ostasien derzeit am besten beschreiben kann.

All das wirkt sich schließlich auf die chinesische Politik aus. Viele Chinabeobachter sehen in der Bestellung Xi Jinpings als neues Staatsoberhaupt eine gewisse parteiinterne Unsicherheit wie man mit den Herausforderungen der Neuzeit umzugehen hat. Ganz im Sinne von „never change a running system“ versucht die Partei überaus vorsichtig und langsam an den kleinen Schrauben des chinesischen Wirtschaftsmotors zu drehen um diesen wieder in Gang zu setzen – Hauptdevise: nichts überstürzen. 2013 ist ein Jahr, das so unvorhersehbar wie kein anderes in der jüngsten Vergangenheit ist – zu viele Unsicherheitsfaktoren sind im Spiel. Niemand kann derzeit seriös prophezeien, wie es in einem halben Jahr um die Eurozone als einer der wichtigsten Handelspartner Ostasiens und Chinas bestellt sein wird. So wie Obama seinen Blick 2013 weg von der Heimat verstärkt auf Ostasien richten werden muss, so muss China seinen Blick nach Europa richten. Wenn man so will, liegt 2013 das Schicksal Chinas in Europas Händen. Hätte mir nie gedacht, so einen Satz jemals zu verfassen. Prosit Neujahr!