Der Westen muss sich entscheiden, wie er mit China umgehen will.
Der 8. August 2008 steht in China
für den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die olympischen Sommerspiele in Peking
2008 waren die perfekte Werbekampagne für das Reich der Mitte: China war mit
einem Schlag weltweit in aller Munde. Doch auch für die Chinesen selbst waren
die Spiele bedeutend, indem über Nacht das Selbstbild eines ganzen Volkes in
neuem Stolz erstrahlte. Und der Westen war verwundert. Was war nur aus diesem
Land geworden, welches 1989 im Rahmen der Tiananmen Proteste die Waffen gegen
das eigene Volk richten ließ und 1996 noch Raketen vor die taiwanesische Küste
schoss? Der rasante Wandel Chinas schien an den Augen des Westens spurlos
vorübergegangen zu sein.
Am Höhepunkt dieser Periode der westlichen
China-Euphorie brach im Herbst 2008 die Finanzkrise zunächst über die USA und
schließlich auch über Europa herein. Während die Krise weite Teile des Westens
nach wie vor fest im Griff hat, überstand China diese relativ unbeeindruckt mit
einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 9%. Die Wirtschaftskrise war zur
Identitätskrise des Westens geworden. Stellt das politisch-ökonomische System Chinas
ein Alternativmodell für die krisengeschüttelte westliche Welt dar? Ähnliche
Fragestellungen waren damals vermehrt wahrzunehmen, sind jedoch in letzter Zeit
aus gutem Grund rarer geworden.
Die jüngsten parteiinternen
Machtkämpfe haben medienwirksam veranschaulicht, dass die KPCh in Wahrheit
nicht jener unerschütterliche Fels in der Brandung ist, für den sie sich stets ausgibt.
Die seit Jahren zunehmenden Proteste der Zivilbevölkerung gegen korrupte
Parteikader haben Pekings politischer Führung zudem das Korruptionsproblem
ihrer Partei vor Augen geführt. Die graduelle Umstellung der chinesischen
Wirtschaft auf ein System der freien Marktwirtschaft hat dem Land zwar bescheidenen
Wohlstand gebracht. Doch die stetig zunehmende Korruption hat mit seinen
informellen Netzwerken über die Jahre hinweg ein eigenständiges, doppelbödiges
System geschaffen, das die Effizienz der chinesischen Marktwirtschaft zunehmend
aushöhlt. Hinzu kommen starke staatliche Eingriffe und Unmengen an
Investitionen in wirtschaftlich unrentable Staatsunternehmen. China Railway schreibt
seit Jahren tiefrote Zahlen, trotz massiver Subventionen. Hinzu kommen
Korruptionsskandale (Hochgeschwindigkeitsstrecken wurden auf Bestechung hin in
wirtschaftlich komplett unrentable Regionen gebaut) und Sicherheitsmängel (wie
das Wenzhou Zugsunglück 2011 mit mehr als 40 Toten tragisch bewiesen hat). Der
staatliche Erdölförderer Sinopec schreibt pro Barrel einen Verlust von zwei US
Dollar, während zeitgleich der amerikanische Counterpart Chevron sieben Dollar
Profit aus jedem Barell schlagen kann.
Darüber hinaus wird in China seit
Jahren eine Immobilienblase in Form von unbewohnten Geisterstädten herangezüchtet.
Diese Geisterstädte sollen einerseits durch die hochgefahrene Bauindustrie die Konjunktur
am Leben und die Arbeitslosenrate gering halten. Andererseits dienen
diese Immobilien primär als Wertanlagen, da es an alternativen Möglichkeiten
zur Kapitalanlage fehlt. Der Zinssatz der staatlich regulierten Banken liegt
oft unter der Inflationsrate, wodurch Bankeinlagen über die Jahre hinweg kontinuierlich
dezimiert werden. Hinzu kommen strenge Auflagen, die Kapitalabwanderung ins
Ausland in höheren Summen de facto verhindern. Kapital fließt also v.a. in den
Immobiliensektor, wo Häuser primär als Wertanlage und erst sekundär als
Behausung errichtet werden. Dass im Zuge dessen massive Spekulationsgeschäfte
stattfinden, ist selbstverständlich: für eine Ein-Zimmer-Wohnung in Shanghai
muss der durchschnittliche „White Collar Worker“ mittlerweile seine kompletten
Arbeitsgehälter von 25 Jahren aufwenden.
| Die Baubranche als Mittel gegen die Konjunkturflaute |
Doch auch im sozialen Bereich wird
China in den kommenden Jahren mit mehreren Problemen zu kämpfen haben. Die 1979
staatlich verordnete Ein-Kind-Politik hat die einstige chinesische
Bevölkerungspyramide zunehmend in eine asymmetrische Vase verwandelt. Die
Überalterung der chinesischen Gesellschaft wird sich in Zukunft nicht nur auf
die Wirtschaft auswirken: das rudimentäre staatliche Pensionssystem stößt
bereits jetzt an seine Kapazitätsgrenzen. Regelmäßig ziehen unzählige Pensionisten
nach Peking um wegen nicht ausbezahlter Renten zu protestieren. Während heute
noch fünf Erwerbstätige einen Pensionisten versorgen, wird diese Zahl im Jahr
2050 auf unter zwei gesunken sein. So viel zur Vase. Asymmetrisch ist diese, da
in China dank (seit 1994 verbotener) selektiver Abtreibung ein Frauenmangel von ca. 24 Mio. herrscht.
Konkret bedeutet dies, dass ebenso viele Männer keine Ehefrau finden, wodurch
wiederum der Menschenschmuggel im Südwesten Chinas floriert: junge Mädchen
werden in Laos oder Myanmar entführt und in China an den Meistbietenden
verkauft. Für Geld kann man in China praktisch alles erwerben.
Die Umweltverschmutzung stellt eine weitere
Herausforderung für die chinesische Gesellschaft dar. Im Jahr 2007 listete das
Blacksmith Institut die 30 verschmutztesten Städte der Welt auf, sechs davon
liegen in China – so viel wie in keinem anderen Staat. Die Stadt Linfen in der
chinesischen Provinz Shanxi wurde damals zum verschmutztesten Ort der Welt
„gekürt“, die seit Jahrzehnten ansässige Kohleindustrie hatte ihre Spuren
hinterlassen. Linfens Bewohner leiden überdurchschnittlich oft an
Atemwegserkrankungen und müssen auf das mit Schwermetallen verseuchte
Leitungswasser gänzlich verzichten (in der Provinz Shanxi sind gar 52% aller
Grundwasserbrunnen mit Schwermetallen verseucht). Die Schmach als dreckigster
Ort der Welt zu gelten traf Linfens Stadtregierung hart und diente letztlich
als Katalysator für radikale Umweltreformen. Die Maßnahmen kamen schließlich auch
dem Image der lokalen Politik zugute, ist doch „Gesicht zu bewahren“ nach wie
vor ein zentraler Aspekt der chinesischen Kultur.
| Linfen anno 2011, nach den Umweltreformen |
Linfen ist ein Beispiel
erfolgreicher chinesischer Umweltpolitik. Auch die Zentralregierung in Peking
hat das Umweltproblem längst erkannt und seit einigen Jahren ist ein
Umdenkprozess zu erkennen. Bis vor kurzem galt Wirtschaftswachstum noch als
oberstes Gebot. Dabei spielte auch die alte sozialistische Vorstellung des
Eroberns und der Gestaltung der Natur durch den Menschen eine zentrale Rolle.
Kein Projekt symbolisiert diesen Willen nach Gestaltung und der (scheinbaren)
Macht über die Natur so sehr wider wie der Drei-Schluchten-Staudamm mit all
seinen Folgen. Jährlich werden mehr als 40 Mio. Tonnen Sediment abgetragen,
welches schließlich ins 1600km entfernte Shanghai getragen wird und somit die Millionenmetropole
immer anfälliger für Überschwemmungen macht. Im Gegenzug hat der steigende
Wasserspiegel des Jangtse auf der anderen Seite des Dammes nicht nur die
Zwangsumsiedlung von einer Million Menschen bewirkt, sondern auch zu verstärkten
Murenabgängen geführt und somit eine konstante Gefahr für die lokale
Bevölkerung geschaffen.
Nun ist der Drei-Schluchten-Staudamm
aus verschiedenen Gründen ein Prestigeprojekt der KPCh und ähnliche Projekte
werden folgen. Jedoch ist damit zu rechnen, dass in Zukunft mehr Wert auf den Umweltschutz
gelegt werden wird – nicht zuletzt auch durch den steigenden Widerstand in der
Bevölkerung. Einschlägige strenge Umweltrichtlinien existieren de jure seit 1997,
seit einigen Jahren ist Umweltverschmutzung auch de facto strafrechtlich
verfolgbar. Jedoch scheitern diese Ambitionen oft an den untersten
Verwaltungsebenen, die mit der Durchsetzung von strengeren Umweltbestimmungen die
Abwanderung lokaler Betriebe befürchten – oft die wichtigste und einzige Quelle
für lokales Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. Die damit verbundene
Korruption sowie die mangelnde politische Loyalität stellen in Zukunft eine
zentrale Herausforderung für die Machthaber in Peking dar.
| Wandaufschrift in Linfen "Ein herrliches Leben beginnt mit Umweltschutz" |
Selbst die streng regulierten Medien
berichten mittlerweile mit einer Mischung aus Kritik und Zynismus so offen wie
nie zuvor über Chinas Umweltproblematik. Und auch die Bevölkerung ist
kritischer geworden: als sich 2011 ein Fluss in einem chinesischen Dorf
plötzlich blutrot färbte, schoss ein Passant mit seinem Smartphone ein Foto und
stellte dieses ins Internet, wo das Thema schließlich so gehypt wurde, dass es die
lokalen Medien aufgriffen und somit die Politik am Zug war. Eine Untersuchungskommission
machte anschließend eine illegal errichtete Fabrik flussaufwärts ausfindig, die
wochenlang Industrieabfall in den örtlichen Fluss gekippt hatte. Und erst kürzlich
durften die Bewohner Shanghais ein ähnliches Erlebnis machen, als mehr als 500
Schweinekadaver im lokalen Huangpu Fluss, die primäre Trinkwasserquelle der Metropole,
angeschwemmt wurden.
Doch auch in der Außenpolitik wird
China immer stärker wahrgenommen. Im Zuge der jüngsten Inselkonflikte mit Japan
rund um die (Erdgasfelder bei den) Senkakuinseln wurde seitens westlicher
Medien gar ein bevorstehender militärischer Konflikt prophezeit. Hierzu ist zu
sagen, dass der Streit um die Senkakuinseln ein alter ist. Beinahe im
Jahrestakt werfen sich Peking und Tokio gegenseitig diplomatische
Anschuldigungen an den Kopf. Darüber hinaus wird „Japan-Bashing“ von der chinesischen
Regierung immer wieder zum Ablenken von innenpolitischen Problemen verwendet. 2012
hatten die Proteste zwar auf beiden Seiten einen neuen Höhepunkt erreicht, was jedoch
im Kontext des Machtwechsels beider Länder zu verstehen ist – fand der Konflikt
doch nur wenige Monate vor dem Machtwechsel in der KPCh und inmitten des
japanischen Wahlkampfes statt. Dementsprechend populistische Töne erklangen auf
beiden Seiten.
Ebenso skurril war die Meldung
einiger westlicher Medien nach der Indienststellung von Chinas erstem Flugzeugträger, der Liaoning, im Oktober 2012, dass China nun seine Gebietsansprüche
im südostchinesischen Meer geltend machen würde. Solche Aussagen zeugen nicht
nur von militärischer Unkenntnis, sondern auch von mangelndem Wissen über die
Region Ostasien. Abgesehen davon, dass die Liaoning ein altes sowjetisches
Schiff ist, das über 15 Jahre hinweg von China manövriertauglich gemacht wurde,
kann man mit einem (kampfuntauglichen) Flugzeugträger allein noch keine
militärische Macht projizieren. Zwar steckt China derzeit Milliarden in den
Ausbau seiner Marine, bis jedoch ein einsatzfähiger Flottenverband zur
Verfügung steht wird es noch Jahre dauern. Hinzu kommt, dass ein militärischer
Konflikt Chinas Wirtschaft vehement schaden würde: die reichen Küstenprovinzen
Chinas stellen das Herzstück der chinesischen Wirtschaft dar. Durch
militärische Auseinandersetzungen in Küstennähe würden ausländische Investoren
vermehrt abwandern (aus dem gleichen Grund ist eine militärische Aktion in der
Taiwanstraße derzeit auszuschließen). So
lange es dem Reich der Mitte also wirtschaftlich einigermaßen gut geht, ist mit
keiner militärischen Eskalation seitens Chinas zu rechnen.
Beim Beurteilen von China sollte man
letztlich zwei Farben aus dem Spiel lassen: rosa und gelb. China ist weder
übermäßig euphorisch mit rosaroter Brille zu betrachten, noch mit dem ständigen
Hintergedanken der „gelben Gefahr“. Die Realität liegt, wie so oft, in der
Mitte dieser beiden Extreme. Wie auch immer der Westen China beurteilen mag: es
ist entscheidend, dass zunächst überhaupt ein Urteil gefällt wird. Seit nunmehr
rund 20 Jahren existiert ein von den USA dominiertes unipolares Weltbild. Im
21. Jahrhundert ein Weltbild aufrechtzuerhalten, in dem China keinen Platz hat,
zeugt von Realitätsverweigerung. Der Westen muss sich
eingestehen, dass China in den kommenden Jahrzehnten eine zentrale Rolle in der
Weltpolitik spielen wird. Wir werden China schlichtweg akzeptieren und in ein
neues Weltbild eingliedern müssen. Ob China in diesem Weltbild die Rolle des
Verbündeten, Neutralen oder des Feindes spielt, wird der Westen entscheiden
müssen. Wichtig ist jedenfalls, dass sich der Westen überhaupt entscheidet wie
er mit China künftig umgehen will. Das derzeitige unipolare Weltbild hat
ausgedient.
** Dieser Artikel erschien in der Maiausgabe der 'Academia', der Zeitschrift des Österreichischen Cartellverbandes.
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