Samstag, 6. Oktober 2012

Mein Auto ist japanisch, mein Herz chinesisch


Ursprünglich hätte das 63. Jubiläum der Volksrepublik China rund um den chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober im Vergleich zu den runden Jubiläen der Vergangenheit eher im überschaubaren Rahmen über die Bühne laufen sollen. Stattdessen lieferte ein Inselkonflikt mit Japan genügend Reizstoff um den diesjährigen Nationalfeiertag mit einer besonderen Portion an chinesischem Selbstbewusstsein und Patriotismus zu bereichern.

Es ist – wie könnte es anders sein – wieder einmal von den Diaoyu Inseln die Rede, die seit Jahren eine zentrale Rolle in den unzähligen Inselkonflikten im südchinesischen Meer spielen. Die Diaoyu Inseln – in Japan besser bekannt als Senkaku Inseln – sind ein kleines gottverlassenes Atoll 200 Kilometer nordöstlich von Taiwan. Die schroffe Inselgruppe wird seit Jahren sowohl von China, Japan als auch von Taiwan (welches wiederum von China beansprucht wird und die Sache nicht unbedingt einfacher macht) beansprucht. Die letzten größeren Protestbewegungen gab es in China dies bezüglich anno 2010 als der Kapitän eines chinesischen Fischerbootes, welches sich in den Gewässern der Diaoyu Inseln aufhielt, von der japanischen Küstenwache festgenommen wurde (siehe hier).

Die diesjährigen Proteste erreichten ihren vorläufigen Höhepunkt im September 2012, die Grundsteine dafür wurden jedoch bereits im April gelegt, als die Regierung Tokyos verkünden ließ drei der insgesamt acht Inseln kaufen zu wollen. Was zunächst als harmloses Säbelrasseln abgetan wurde, entwickelte sich schnell zu einer diplomatische Krise als Mitte August mehrere Hong Konger Aktivisten, welche eine der Diaoyu Inseln betreten hatten, von der japanischen Küstenwache festgenommen wurden. In China wurden prompt Erinnerungen an die Ereignisse von 2010 wach und es kam zu ersten kleinen Protesten. Eine Gruppe von japanischen Aktivisten, die kurz darauf auf eine der Inseln die japanische Flagge hisste sowie einen Leuchtturm errichtete und dabei nicht von der japanischen Küstenwache gehindert worden war, goss zusätzlich Öl ins Feuer. Als die Stadtregierung Tokyos schließlich Anfang September verkünden ließ, dass man sich mit dem derzeitigen japanischen Pächter der Inseln auf einen Kaufpreis von ca. 20 Mio. Euro geeinigt hätte und die Übergabe demnächst vollziehen werde, war das sprichwörtliche Fass in China übergelaufen.

In Dutzenden Städten kam es zu anti-japanischen Protesten sowie gewaltsamen Ausschreitungen. Ein eher ungewöhnliches Bild für China, welches Demonstrationen und Proteste jeglicher Art normalerweise sofort im Keim erstickt und mit harten Repressalien gegen die Organisatoren vorgeht. Nicht jedoch, wenn es darum geht anti-japanisches Ressentiment in der Bevölkerung zu schüren. Bis heute ist nicht restlos geklärt wie die anti-japanischen Proteste letztlich zustande kamen. Viele Beobachter vermuten, dass die chinesische Regierung selbst an der Organisation der Proteste beteiligt war, da es einerseits keine großen Aufrufe in diversen Internetforen oder Social Media Plattformen gegeben hatte, andererseits eine mögliche Protestformation bereits am Vorabend im staatlichen TV angekündigt worden war. Der regierungskritische Künstler Ai Wei Wei sprach in diesem Kontext der japanischen Regierung seinen Dank aus, da es den chinesischen Bürgern ohne Japan nie möglich gewesen wäre eine derart groß angelegte Protestkundgebung legal abhalten zu dürfen.

In der Tat ist das Argument, die chinesische Regierung stecke als Initiator hinter den anti-japanischen Protesten, weder neu noch weit hergeholt. In der Vergangenheit hat sich die „Anti Japan Keule“ bereits mehrmals nicht nur als effizientes Werkzeug zur Steigerung der Loyalität gegenüber der Partei als auch als effektives Ablenkungsmanöver von anderen (innen)politischen Problemen erwiesen. Und von Letzterem gibt es in China derzeit genug: seit knapp einem halben Jahr wird Chinas innenpolitische Landschaft von dem Skandal um Bo Xilai und dessen Ehefrau Gu Kailai erschüttert. Bo Xilai, bis zu seiner Entmachtung Parteichef der zentralchinesischen Stadt Chongqing, galt als Spitzenkandidat für den Nachfolger des derzeitigen Präsidenten Hu Jintaos. Das Problem hierbei war, dass Bo dem ideologisch-konservativen Flügel der Partei angehört, während Hu Teil des liberalen Pragmatenflügels der Partei ist. Dass Bo in seiner politischen Heimat Chongqing durch ein sozial-romantisches Revival der Kulturrevolution – in Form von Gesangwettbewerben mit Revolutionsliedern oder öffentlichen Kampagnen mit Anlehnung an Praktiken der Kulturrevolution – die lokale Bevölkerung schnell für sich gewinnen konnte, gefiel den liberalen Kadern an den zentralen Schalthebeln in Peking freilich wenig. Immerhin identifiziert sich die heutige Kommunistische Partei unter Führung des pragmatischen Flügels nur noch bedingt bis gar nicht mit den Inhalten der Kulturrevolution unter einer streng ideologischen Führung Mao Zedongs.

Bo Xilai
 Als ob ein parteiinterner Provinzrevoluzer nicht schon genug wäre, kam jedoch auch noch ein überaus schlechtes Timing hinzu. Denn ursprünglich war für Oktober der Generationenwechsel in der Führungsspitze der Partei geplant, ein Nachfolger für Hu Jintao wurde gesucht. Allein dieses Timing verpasste Bo Xilai nicht nur enormen Aufwind in der Bevölkerung, sondern auch innerhalb der Partei. Plötzlich sahen immer mehr Kader im Politstil Bo Xilais die Antwort auf Inflation, stagnierende Wirtschaft und sonstige Herausforderungen der Neuzeit. Die Führungsspitze in Peking hatte jedoch bereits intern den ebenfalls liberalen Pragmatiker Xi Jinping als Nachfolger Hu Jintaos sorgfältig auserwählt. Ein erneuter Machtkampf wie zuletzt nach dem Tod Maos 1976 schien der Partei bevor zu stehen. Dass man sich einen solchen Konflikt jedoch nicht leisten könne, war der Parteiführung mehr als bewusst. Dementsprechend musste schnell gehandelt werden. Im März wurde Bo Xilai von seinem Posten als Parteichef von Chongqing abgesetzt und ein parteiinternes Verfahren wegen „schwerwiegender Disziplinarvergehen“ angesetzt. Gleichzeitig wurde Bos Ehefrau Gu Kailai vorgeworfen an der Ermordung eines britischen Geschäftsmannes im Jahr 2011 beteiligt gewesen zu sein – sie wurde schließlich Ende August zu einer bedingten Todesstrafe mit Aussicht auf Umwandlung in eine lebenslange Haftstrafe verurteilt.

Der Fall hatte in China für außergewöhnliches Aufsehen sowie mediales Interesse gesorgt, schließlich gab es nichts Vergleichbares in der chinesischen Innenpolitik seit Ende der Kulturrevolution. Umso unangenehmer war der Partei die negative Berichterstattung, welche sich im Laufe der Zeit immer mehr mit diversen Gerüchten rund um den Mordprozess von Gu Kailai vermischte. Kurzum: alles andere als gute Voraussetzungen für einen Parteitag im Herbst, an dem sich die Partei geschlossen präsentieren und ein neues Oberhaupt wählen sollte. In diesem Zusammenhang erscheinen die anti-japanischen Proteste rund um die Diaoyu Inseln plötzlich in einem ganz anderen Licht. War im August noch der Anklageprozess um Gu Kailai Thema Nummer eins in allen Medien und auf diversen Social Media Plattformen, so war das Thema mit dem Aufkeimen der anti japanischen Proteste plötzlich vom Tisch.

 
Selbstverständlich spielt die Natur der chinesischen Medienlandschaft als praktisches Tool der Meinungsmache der Partei in diesem Fall in die Karten, denn im Fernsehen wird freilich nur die chinesische Sicht der Dinge verbreitet. Diskussionsrunden, bei denen Pro und Contra Redner eingeladen werden, existieren nicht. Stattdessen wird Selbstbeweihräucherung betrieben, Chinas Standpunkt ständig wiederholt. Das treibt schnell seltsame Blüten: Etwa, wenn Interviews aus den 1990ern mit bereits verstorbenen japanischen Historikern und Politikern aus dem Archiv gegraben werden, die aussagen, dass die Diaoyu Inseln ein Teil Chinas sind. Oder wenn der sonst so verhasste Nachbar Südkorea plötzlich als neuer Bruder in den Nachrichten dargestellt wird, weil sich Südkorea im Laufe der anti japanischen Proteste auf die Seite Chinas gestellt hat (nicht zuletzt wohl auch aus Frust gegenüber Japan aufgrund eines Konflikts um die Dokdo Inseln, welche von Japan und Südkorea beansprucht werden, doch das ist eine andere Geschichte…). Unterstrichen wird das ganze durch Geschichtsdokumentationen, welche belegen sollen, dass die Diaoyu Inseln bereits seit der Ming Dynastie Teil des chinesischen Kaiserreichs waren. Wiederum wird die japanische Argumentation hier außer Acht gelassen. Diese Art der Berichterstattung führt schließlich innerhalb der Bevölkerung zu einer Art Selbstverständlichkeit, die Behauptung, dass die Diaoyu Inseln ein Teil Chinas seien, wird schließlich zu einer handfesten Tatsache.

Proteste in Xi'an erreichen ihren Höhepunkt
 Der bloße Zweifel daran, dass die Diaoyu Inseln ein Teil Chinas sind, wird mit der Infragestellung von Naturgesetzen gleichgesetzt und dementsprechend von der chinesischen Bevölkerung quittiert. In dieser Hinsicht war die chinesische Regierung erfolgreich, hat man es doch nach innenpolitischen Schwierigkeiten wieder mal geschafft das Volk hinter sich mithilfe von Patriotismus loyal zu vereinen. Patriotismus, der in China (speziell wenn es sich um Japan handelt) jedoch oft in Nationalismus ausartet. Am Höhepunkt der Proteste Mitte September mussten japanische Botschaftsgebäude und Konsularabteilungen in ganz China großräumig abgeriegelt werden, diverse japanische Automobilkonzerne ließen aus Sicherheitsgründen ihre Werke in China schließen, Sony war um die Sicherheit seiner Mitarbeiter gar so besorgt, dass es von Geschäftsreisen nach China dringend abriet. In Xi’an, wo es die schwersten Ausschreitungen im Rahmen der anti japanischen Bewegung gab, fanden die Proteste schließlich ihren tragischen Höhepunkt, als ein chinesischer Mann von einem wütenden Mob aus seinem Auto gezerrt und auf offener Straße krankenhausreif geschlagen wurde. Grund: Er fuhr einen Toyota, eine japanische Automarke. Natürlich kann man von diesem Einzelfall nicht auf den Rest der chinesischen Bevölkerung schließen, jedoch zeigt es, was für ein Potential chinesischer Nationalismus entwickeln kann (nämlich ein solches, dass eigene Landsleute sich gegenseitig attackieren). 

Autoaufkleber "Mein Auto ist japanisch, aber mein Herz ist chinesisch"
Abgerundet werden solche Ereignisse durch rote Banner allerorts, die besagen, dass die Diaoyu Inseln ein Teil Chinas sind; Anstatt den Tagesmenüs oder Sonderangeboten schreiben Restaurants auf ihren LED Anzeigetafeln Sprüche wie „Japan soll aufhören China zu provozieren“; in Bars tragen Kellner die Uniformen der Volksbefreiungsarmee um ihre Solidarität mit China kundzutun. Zu guter Letzt ist es schließlich sicherlich auch kein Zufall, dass Chinas erster Flugzeugträger, die Liaoning, am 25. September in Betrieb genommen wurde. Befragt man dieser Tage einen Durchschnittsschinesen auf der Straße zum Thema Diaoyu Inseln, bekommt man vor allem zwei Antworten: „Die Diaoyu Inseln gehören zu China“. Und: „Sollen die Japaner uns doch ruhig angreifen, wir werden sie ohnehin besiegen“. Vorbei sind die Zeiten, in denen China – geschmäht durch militärische Niederlagen in der Vergangenheit (Boxeraufstand, sino-japanische Kriege etc.) – seinen Kopf einzog und sich in Tiefstapelei übte. Deng Xiaoping, ein Meister des politischen Understatements, führte ein krisengeschütteltes China aus der Mao Ära hinein in ein neues durch Wirtschaftswachstum geprägtes Zeitalter. Während Dengs Nachfolger Jiang Zemin und Hu Jintao sich ebenfalls noch im Tiefstapeln des Mentors des modernen Chinas übten, ist diese Bescheidenheit in den vergangenen Jahren verflogen.

Indienststellung der Liaoning
 Das alljährliche Prozedere der Ehrung der Volkshelden rund um den chinesischen Nationalfeiertag hat eines deutlich gezeigt: Die chinesische Führerschaft zeigt ihren Respekt in Form einer Verbeugung nur den eigenen gefallenen Volkshelden, sonst niemandem. China ist zurück auf der politischen Weltbühne und das als selbstbewusster Hauptakteur, auf den alle Scheinwerfer gerichtet sind. Chinas neu erstarktes Selbstbewusstsein bringt jedoch auch vor allem ein großes Problem mit sich: wer das Gold hat, macht die Regeln. China hat dank seiner Schlüsselposition in der Weltwirtschaft seine politischen Mitstreiter (noch) fest im Griff. Kompromisse werden nicht gesucht: entweder man ist auf der Seite Chinas oder man ist gegen das Reich der Mitte. Territorialkonflikte wie jene um die Diaoyu Inseln zeigen dies nur allzu deutlich. Diese Unfähigkeit bzw. der fehlende Willen Chinas andere Sichtweisen zu akzeptieren, gefährdet mittel- bis langfristig den Frieden im ostasiatischen Raum, insbesondere im südchinesischen Meer. China bezeichnet sich selbst stets als friedfertige Nation, seine Streitkräfte als reine Selbstverteidigungsarmee. In jüngster Vergangenheit mag dieses Argument zutreffen und v.a. auf die mangelnde Kampfkraft der chinesischen Marine zurückzuführen sein. Mit der Modernisierung seiner Seestreitkräfte in Kombination mit dem Konflikt um die Diaoyu Inseln sowie der Angelobung einer neuen Führungsgeneration wird sich zeigen, wie ernst es China mit dieser Aussage wirklich meint.


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