Samstag, 16. November 2013

Chinas Trauma von Veränderungen

Nach einem vier Tage langen Plenum haben die mächtigsten 350 Parteikader die Öffentlichkeit mit vagen Phrasen anstatt mit detaillierten Reformplänen abgefertigt. Für viele war der Ausgang des dritten Plenums des 18. Zentralkomitees der KPCh entäuschend. Westliche Medien portraitierten es gar als verpasste Chance oder Realitätsverweigerung. Dabei ist der Ausgang des Plenums alles andere als überraschend, die Aufregung darüber gekünstelt. Ein simpler Blick in die Geschichtsbücher hätte Abhilfe verschaffen.

Ein Jahr ist vergangen seit Xi Jinping die Macht in seiner Partei übernommen hat und große Reformpläne angekündigt hat. Doch die bisherige Amtszeit von Xi ist für viele entäuschend. Großen Worten sind bisher wenige Taten gefolgt. Lediglich der eine oder andere Schauprozess gegen korrupte Parteikader sollte der Bevölkerung klar machen, dass die KPCh in Zukunft strenger gegen parteiinterne Korruption vorgehen werde. Umso größer waren die Erwartungen vor dem jüngsten Plenum. Schnell wurden Vergleiche mit jenem geschichtsträchtigen dritten Plenum des 11. Zentralkommitees Ende 1978 gezogen, als Chinas damaliger Führer Deng Xiaoping die Weichen für jene wirtschaftllichen Reformmaßnahmen stellte, die letztich zu Chinas Aufstieg in der Weltwirtschaft führten.

Und umso größer waren die Entäuschungen mancher (v.a. westlicher) Beobachter über den Ausgang der jüngsten Plenums. Statt detaillierten Reformplänen präsentierte die KPCh ein kurzes im typischen Parteijargon verfasstes knapp 5000 Schriftzeichen langes Abschlusscommuniqué.  Darin ist u.a. von einer „Vertiefung des Reformweges“ und einer „weiteren Öffnung der Wirtschaft“ die Rede. Alles Dinge, von denen man schon vor dem Plenum wusste, dass sie auf der Agend stehen würden. Vorrangig westliche Medien belächelten in der Folge Xi Jinping und sein Plenum, sprachen von vergebenen Chancen und attestierten Chinas Führung Realitätsverweigerung und Reformunwillen.  Ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht.

Zunächst einmal sollten die werten Kollegen so manches westlichen Mediums wissen, dass eine derartige Vorgangsweise bei solchen regelmäßig stattfindenden Plena stets die gleiche ist. Sprich: während eines solchen Plenums wird nicht – wie oft fälschlicherweise berichtet – binnen 4 Tagen ein detailliertes Reformkonzept über die Zkunft Chinas auf die Beine gestellt. Dieses Konzept ist nämlich schon längst von verschiedenen Arbeitsgruppen ausgearbeitet worden. Diese Arbeitsgruppen haben in den letzten Monaten in intensiver Arbeit und unter Ausschluss der Öffentlickeit jenes Maßnahmenpaket geschnürt, welches nun auf dem jüngsten Plenum den 200 höchsten Parteikadern der KPCh präsentiert und erläutert wurde. In anderen Worten wurden auf dem jüngsten Plenum die eigenen Kader auf eine neue/ abgeänderte  Parteilinie einschwören. Jene detaillierten Reformpläne, auf die so mancher (westlicher) Berichterstatter so ungeduldig gewartet hat, werden erst in den kommenden Tagen und Wochen schrittweise der Öffentlichkeit präsentiert. So will man einerseits zunächst den eigenen Kadern Zeit geben die neue Parteilinie zu „verdauen“. Andererseits will man die Öffentlichkeit nicht mit zu vielen neuen schlagartig veröffentlichten Reformplänen verschrecken.

Warum das so abläuft? Ein einfacher Blick in die Geschichtsbücher hätte so manchem westlichen Journalisten gut getan. So hätte der eine oder andere nämlich herausgefunden, dass selbst das Abschlusscommuniqué des geschichtsträchtigen dritten Plenums des 11. Zentralkomitees Ende 1978 nur so von maoistischen Phrasen wie „Reformen duchführen um den Sozialismus zu stärken“ strotzte und mehrere Monate sehr vage blieb. Dennoch leitete es letztlich eine wirtschaftliche Revolution ein. Ähnlich verhält es sich mit der erst kürzlich eröffneten Sonderwirtschaftszone (SWZ) in Shanghai. Diese SWZ soll als Versuchslabor für zukünftige landesweite wirtschaftliche Reformen dienen. So soll beispielsweise in dieser Zone der Renminbi frei konvertibel sein, ausländischen Unternehmen soll es erlaubt sein in bisher steng geschützte Sektoren wie die Versicherungs- und die Finanzbranche zu investeren. Wie das genau funktionieren soll, weiß die Öffentlichkeit selbst knapp drei Monate nach Eröffnung der SWZ in Shanghai nach wie vor nicht. Doch auch hier sollte man nicht übereifrig Kritik üben und sich zunächst an die geschichtlichen Anfänge von SWZs in China zurückerinnern. Diese wurden zu Beginn der 1980er Jahre zunächst nur in der südchinesischen Stadt Shenzhen eingeführt um die Auswirkungen von freier Marktwirtschaft zu testen. Ausländische Investoren wurden zugelassen, Waren konnten erstmals auch für den Export produziert werden. Die SWZ in Shenzhen wurde 1980 errichtet. Dennoch dauerte es ganze drei Jahre bis ein vollständiges Regelwerk ausgearbeitet war und die SWZ richtig zu „funktionieren“ begann.  Als sich das Modell als erfolgreich erwies, wurde es zunächt auf weitere Städte und schließlich auf das gesamte Land ausgeweitet. Der Rest ist Geschchte. In ähnlicher Manier wird die chinesische Regierung nun auch bei der jetzigen SWZ in Shanghai als Teil des neuen Reformprogramms vorgehen.

Historisch gesehen hat China mit plötzlichen Reformen und Veränderungen großteils negative Erfahrungen gemacht. Der Befehl der Ming Dynastie, die Erkundungsfahrten der kaiserlichen Flotten auf den Weltmeeren einzustellen, leitete eine Isolationsphase des Landes ein und legte somit den Grundstein für den Untergang des kaiserlichen Chinas. Der plötzlich aufkommende Welthandel, der China ab dem 18. Jahrhundert gewaltsam gegen den eigenen Willen von den Westmächten aufgezwungen wurde, hatte verschiedenste Territorialabtretungen (z.B. Hong Kong) an den Westen zur Folge. Maos gescheiterter Kampf um die beschleunigte Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft forderte während der Kulturrevolution unzählige Tote und traumatisierte eine ganze Generation. Es ist also alles andere als verwunderlich, wenn das Wort „Reform/ Veränderung“ Unbehagen bei Chinas politischer Elite hervorruft.

Das heißt nicht, dass sich die KPCh über die Probleme ihres Landes nicht im Klaren oder gar reformunwillig ist. Man will eben nichts überstürzen. Stattdessen geht man die Sache lieber langsam und behutsam an. Wie bei einem Laborversuch und gemäß einem chinesischen Sprichwort 安全第一: Sicherheit zuerst. Das Letzte, das Chinas politische Führung braucht, ist – wie einst Gorbatschow in der Sowjetunion – die Kontrolle über einen überhasteten Reformprozess zu verlieren.

Chinas Elite geht Reformen langsam an. Man hat die Zeit auf seiner Seite – noch. Denn eine rasch alternde Gesellschaft, sinkende Exportzahlen oder wachsende Immobilienspekulationen geben genug Anlass für zahlreiche Reformen in den kommenden Jahren. Die KPCh ist sich dieser Probleme bewusst und wird entsprechende Reformen einleiten. Die Tatsache, dass sie dies – wenn auch in kryptisch-vagem Parteijargon – in ihrem jüngsten Communiqué verewigt hat, bekräftigt diese Erwartung nur. Denn im Gegensatz zu westlichen Politikern, deren Horizont wahlkampfzyklisch bedingt meist nach 4-5 Jahren endet, denkt Chinas politische Führung generationsenübergreifend. Und hat damit langläufig den Faktor Zeit auf ihrer Seite. 

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