Mit
seiner jüngst deklarierten Luftverteidigungszone hat China Unmut bei seinen
unmittelbaren Nachbarn in Ostasien und bei den USA hervorgerufen. Doch ein
militärischer Konflikt im ostchinesischen Meer gilt auch weiterhin als höchst
unwahrscheinlich.
Eines
muss man Chinas politischer Elite schon zugestehen: das Handwerk für spektakuläre
Überraschungen beherrscht Chinas Fürungselite dank ihrer undurchsichtigen Entscheidungsnatur
nach wie vor. Als ein Sprecher der chinesischen Armee am 23. November eine
Luftverteidigungszone mit sofortiger Wirkung in den Gewässern des
ostasiatischen Meeres verkündete, war nicht nur die Überraschung in der eigenen
Bevölkerung, sondern auch bei anderen ostasiatischen Ländern groß. Den Angaben
des Militärsprechers zufolge müssten sich demnach ab sofort alle Luftfahrzeuge,
die besagte Zone durchqueren wollen, bei der chinesischen Luftfahrtbehörde voranmelden
und sich beim Betreten der Zone identifizieren. Ansonsten droht China mit „militärischen
Defensivmaßnahmen“. Eine politische Bombe war geplatzt.
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| Die neue chinesische Luftverteidigungungszone wird der Bevölkerung in den TV Nachrichten präsentiert. |
Doch
auf Gegenreaktionen musste man nicht lange warten. Japan und Südkorea äußerten
ihre Bedenken, da sich die chinesische Zone auch mit ähnlichen Luftverteidigungszonen
der jeweiligen Länder überschneidet. Schon beinahe selbstverständlich scheint es, dass die umstrittenen Senkakuinseln, seit
jeher ein Streitpunkt in den chinesisch-japanischen Beziehungen,
sowohl in der japanischen als auch in der neuen chinesischen Luftverteidigungszone
liegen.
Doch
die USA, die zahlreiche Militärbasen u.a. im japanischen Okinawa und in
Südkorea betreibt, überraschte wohl am allermeisten, indem man just drei Tage
nach Errichtung der chinesischen Luftverteidigungszone zwei (unbewaffnete) B-52
Bomber in die chinesische Zone fliegen ließ ohne Peking vorab zu informieren. Je
nach Standpunkt bezeichneten die einen diese Aktion als überflüssig und provozierend.
Für die anderen war es geschicktes Taktieren. Denn die besagten B-52 Bomber waren
mit keinerlei militärischen Defensivmaßnahmen, wie ursprünglich von Peking angedroht,
konfrontiert. Ganz im Gegenteil: laut US Aussagen wurden die Bomber nicht
einmal von der chinesischen Seite zur Identifikation angefunkt. Ist Chinas neue
Luftverteidigungszone also bloß eine rhetorische Fassade von ausuferndem
Nationalismus der chinesischen Regierung? Ein Papiertiger, wie man in China
sagen würde?
Der Gesichtsverlust
für das chinesische Militär war jedenfalls groß. Und zwar nicht nur auf
internationaler, sondern auch auf nationaler Ebene. Vor allem in diversen
chinesischen Internetforen und Microbloggingdiensten wurden schnell kritische
Stimmen gegenüber dem chinesischen Militär laut: „Wozu bezahlen wir das Militär
mit unseren Steuern, wenn es dann erst recht nichts unternimmt?“ war der Konsens
der chinesischen Online Community. Mithilfe der staatlichen Medien versuchte
die chinesische Regierung zu retten, was noch zu retten war. Und scheiterte
kläglich.
Zunächst
versuchte man die Sache zu relativieren und ein Nicht-Einschreiten damit zu
begründen, dass die amerikanischen Bomber eigentlich gar nicht die Zone
betreten hätten, sondern lediglich entlang der östlichen Zonengrenze geflogen
seien Daher wären Gegenmaßnahmen nicht erforderlich gewesen. Diese Aussage
wurde jedoch kurz darauf von den USA widerlegt, die bekräftigten, dass die
Bomber weit in die chinesische Zone hinein vorgedrungen seien und erst auf der
Höhe der umstrittenen Senkakuinseln gewendet hätten. Luft ringend relativierte Chinas
Militär die eigene Luftverteidigungszone um ein weiteres Mal, indem es argumentierte,
dass die neue Luftverteidigungszone „eigentlich nur gegen Japan gerichtet sei“.
Gleichzeitig schickte man Chinas einzigen Flugzeugträger, die im Oktober 2012
in Dienst gestellte Liaoning, in das Gebiet rund um die Senkakuinseln um dort –
rein zufällig versteht sich – eine Militärübung mit Teilen von Chinas Luft- und
Seestreitkräften abzuhalten.
So
manches westliches Medium spricht derweilen bereits von einem neuen Kalten
Krieg im Pazifik und von drohender militärischer Eskalation. Doch so weit wird
es nicht kommen. Es stimmt zwar, dass die jüngsten Ereignisse (v.a. die
Tatsache, dass sich nun auch die USA in den Konflikt eingeschaltet haben) die
schwerwiegenste Eskalation im ostasiatischen Meer seit 1996 darstellt. Damals ließ
China zur politischen Einschüchterung Taiwans, Raketentests in der Taiwanstraße
durchführen, was zur Folge hatte, dass die USA als Schutzmacht Taiwans zwei
Flugzeugträger in die Region schickten. Damals kam es zu keinem militärischen
Konflikt und auch beim jüngsten Konflikt um die Senkakuinseln wird es mit hoher
Wahrscheinlichkeit ähnlich ausgehen.
Denn Chinas
Drohungen sind, wie so oft im Zusammenhang mit dem Senkakukonflikt, zunächt
einmal nicht allzu wörtlich zu nehmen. China geht es nicht darum einen Krieg
mit dem für die eigene Exportwirtschaft extrem wichtigen Japan oder gar den USA
anzuzetteln. Ebenso wenig Interesse hat Peking daran nicht kooperierende Luftfahrzeuge
in der eigenen Luftverteidigungszone militärisch zu bekämpfen. Man ist sich in
Peking der Konsequenzen solcher Aktionen durchaus bewusst. Vielmehr geht es bei
solchen Aktionen um eine formale Bekräftigung von Chinas Forderungen und
Territorialansprüchen, die man sowohl vor der eigenen Bevölkerung als auch vor der
internationalen Staatengemeinschaft immer wieder gebetsmühlenartig wiederholen will.
Fast als hätte man Angst, dass die eigenen Ansprüche in Vergessenheit geraten könnten.
Die Machthaber in Peking sind sich – offenbar ebenso wie jene in Washington –
durchaus bewusst, dass sie viele ihrer Forderungen (zumindest derzeit) nicht
durchsetzen können. Das haben zwei US Bomber im Falle der chinesischen
Luftverteidigungszone eindrucksvoll bewiesen.
Und
selbst wenn China militärisch dazu in der Lage wäre, ist ein Konflikt deswegen
noch lange nicht vorporgrammiert. Militärisch wäre China beispielsweise
mittlerweile ohne große Probleme in der Lage die „abtrünnige Provinz“ Taiwan
einzunehmen und „zu befreien“, wie es bereits Mao vor 60 Jahren gefordert hatte
(übrigens auch eine jener Forderungen, die seitens Chinas bis heute
kontinuierlich wiederholt wird). Passiert ist eine chinesischen Invasion
Taiwans bis dato dennoch nicht. Manche begründen dies mit Taiwans Schutzbündnis
mit der Supermacht USA, die für Chinas Militär wohl doch mehr als ein
Jausengegner sein dürfte. Andere begründen dies mit einer wachsenden Rationalität/Vernunft
in Chinas politischen Führungskreisen. Eine Entwicklung, die übrigens auch in anderen
ostasiatischen Fürungskreisen zu beobachten ist, beispielweise in Japan. In den
vergangenen Monaten durchquerten chinesische Jagdflugzeuge mehrmals provokativ die
japanische Luftverteidgungszone rund um die Senkakuinseln. Und sie kehrten
jedenmals heil ans chinesische Festland
zurück, da Japan keine militärischen Gegenmaßnahmen eingeleitet hatte.
Denn
abseits der populistisch-nationalistischen Parolen und Schlagzeilen der
chinesischen und japanischen Regierung oder Medien, scheint in Peking und Tokyo
in dieser Hinsicht doch noch ein gewisser Restgrad an Vernunft und Rationalität
zu walten. Vernunft, die einen militärischen Konflikt im ostchinesischen Meer
in den nächsten Jahren weiterhin unwahrscheinlich macht. Trotz immer wiederkehrenden
Papiertigern.

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