Anlässlich des 120
jährigen Jubiläums von Mao Zedongs Geburtstag verbeugt sich Chinas derzeitiger
Staatspräsident Xi Jinping vor Maos Sarkophag und huldigt dessen
Errungeschaften – und erntet dafür von westlichen Medien Kritik. Dabei wird
vergessen, dass Xi Jinping in Wahrheit keine andere Wahl hat. Über die
Gottessymbolik eines Revolutionärs.
Mao ist wohl eine der
umstrittensten Personen der chinesischen Geschichte. Von den einen
(insbesondere jenen in Hong Kong, Taiwan und so manchem Polit-Veteranen in
Washington) gehasst, von den anderen (chinesische Politiker & Bevölkerung)
großteils wie ein Gott verehrt. Und beide Seiten haben ihre guten Gründe. Einerseits
hat Maos das katastrophal mislungene Wirtschaftsexperiment, den „Großen Sprung
vorwärts“, aufgrund von Miswirtschaft und folglicher Nahrungsmittelknappheit rund 30 Millionen Menschen
das Leben gekostet. Die von Mao initiierte Kulturrevolution hat sein Reich in
eine Dekade voller Chaos, Rechtlosigkeit und Terror gestürzt und eine ganze
Generation desillusioniert.
Andererseits besitzt
Mao den unbrechbaren Bonus „Chinas Landesvater“ zu sein. Er war es, der den
Bürgerkrieg für die Kommunisten gewinnen und Jiang Kaisheks Nationalpartei vom
Festland vertreiben konnte. Wenn es nach der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung
geht, war Mao – und nicht die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – ausschlaggenend
dafür, dass sich die japanischen Besatzungstruppen gegen Ende des 2. Weltkriegs
von chinesischen Territorien zurückzogen. Mao war auch jener, der es schaffte
die „Einheit des chinesischen Reiches“ wiederherzustellen, indem er mittels
militärischen Feldzügen die Gebiete von Xinjiang und Tibet, welche in den letzten
chaotischen Jahren des Kaiserreichs und der nachfolgenden (nicht weniger
chaotischen) Republik sukzessiv der Einflussphäre Pekings englitten waren,
wieder in das chinesische Reich eingliederte.
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| Im Gegensatz zu Kärnten ist in China die Sonne nicht vom Himmel gefallen. |
Dank all dieser
Erfolge konnte Mao seiner Nation, welche jahrzehntelang von ausländischen
Mächten im Rahmen der Opiumkriege oder des Boxeraufstandes geschmäht worden und
durch eine unfähige Regierung in den letzten Jahren des Kaiserreichs bzw. der Republik
heruntergewirtschaftet und innerlich zerrissen war, ein neues Selbstbewusstsein
verleihen. Eine Tatsache, die die meisten Chinesen bis heute so sehr zu schätzen
wissen, dass man über einige politische Fehltritte Maos hinweg sieht. Die
offizielle Bewertung von Maos Politik seitens der KPCh fällt demnach heutzutage
so aus: 70% seiner Taten waren positiv, 30% negativ.
Mao wird demnach
selbst heute noch extrem verehrt. Vom Großteil der (insbesonderede älteren und
ländlichen) Bevölkerung, vom derzeit herrschenden pragmatischen sowie vom
ideologischen Parteiflügel (dem Mao seiner Zeit angehörte). Mao ist auch mehr
als 30 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig. Sein Antlitz lächelt milde in Form
eines Gemäldes von den Toren der Verbotenen Stadt. Sein Leichnam ist in einem
gläsernen Sarkophag einbalsamiert und in einem eigens errichteten Mausoleum am
Tiananmen Platz in Peking aufgebahrt. Mao Bibeln sind ein Verkaufshit und ein begehrtes
Touristensouvenir. Mao Talismänner hängen auf zahlreichen Autorückspiegeln und
sollen den Fahrer vor Unheil bewahren.
Man sollte sich also stets
all diese Tatsachen im Hinterkopf behalten, wenn man Xi Jinping, einem deklarierten
Anänger des pragmatischen Parteiflügels, kritisiert und einen Flip-Floper
nennt, weil dieser seine Haltung zu Mao angeblich geändert habe, bloß weil er Maos
Mausoleum besucht, sich dort verbeugt und ein paar benevolente Worte über Mao
geäußert hat. Denn zum einen haben alle Vorgängers Xi Jinpings in der
Vergangenheit bei runden Jubiläen von Maos Geburtstag das gleiche getan (wohlgemerkt
ebenfalls alles Anhänger des pragmatischen Parteiflügels). Zum anderen wäre es
undenkbar und käme einem Tabu gleich, wenn eine Führungspersönlichkeit der KPCh
die Taten oder gar die Person Maos öffentlich kritisieren würde. Denn Mao
symbolisiert durch die oben erwähnten Erfolge nicht nur den Vater einer
gesamten Nation und des modernen Chinas. Mao war auch seit der 1921 im Untergrund
gegründeten KPCh von Anfang an in der Partei engagiert. Er zählt somit nicht
nur zu den Urgesteinen der Partei, sondern symbolisiert aufgrund der geschichtlichen
Bedeutung seiner Person auch die ganze Partei an sich. Kritik an der Person
Maos, käme der Kritik einer ganzen Nation (dem modernen China) und dessen
politischen Systems (KPCh) gleich.
Dementsprechend sind
Xi Jinpings Taten eher als symbolisches Zugeständnis an den ideologischen Parteiflügel
zu verstehen. In der Tat hat sich Xi Jinping extrem bemüht Abstand vom
Personenkult rund um Mao zu nehmen und ist alles andere als jener Flip-Floper, als
den ihn viele westliche Medien nun bezeichnen. So erregte Xi Jinping die
Gemüter von Maoisten und des ideoogischen Parteiflügels, als er Anfang November
auf einer Tour durch die Provinz Hunan es verabsäumte nach Maos Heimatort
Shaoshan zu pilgern. Stattdessen zog es ihn am 26. November – einen Monat vor
Maos Geburtstag – nach Qufu, der Heimatstadt des Philospohen Konfuzius, dessen
Lehren von Maoisten und von Mao selbst seit jeher als der Inbegriff des feudalen
und rückständigen Chinas aufgefasst werden.
Die „Mao-Lobby“ ist in
Chinas Gesellschaft nach wie vor stark vertreten. 1999 wurden im Rahmen des 50
jährigen Bestehens der Volksrepublik China Geldscheine mit einem neuen Design
in Umlauf gebracht. Seitdem lächelt Mao anstatt diverser chinesischer Minderheitsvölker
von den Renminbischeinen. Als die KPCh 2011 eine Konfuziusstatue am
Tiananmenplatz, wenige Meter von Maos Mausoleum errichten ließ, kam es umgehend
zu Protesten seitens des ideologischen Parteiflügels. Daraufhin wurde die
Statue nach wenigen Tagen wieder entfernt. Der Tiananmen Platz „gehört“ seitdem
wieder Mao allein. Anschauliche Beispiele wie einflussreich maoistische Strömungen
in der chinesischen Gesellschaft noch sind.
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| Ein alter und neuer 50 Renminbischein. |
Dennoch steht keine „kommunistische
Wende“ in der chinesischen Politik bevor. Weder wird der ideologische Flügel
den pragmatischen Flügel aus der Macht putschen. Noch wird Xi Jinping seinen
pragmatischen Führungsstil ändern. Dies hat er auch in seiner Rede im Rahmen der
Gedenkfeierlickeiten durchklingen lassen: „Revolutionäre
Führer sind Menschen, und keine Götter. Wir sollten sie nicht wie Götter
verehren [...], aber wir sollten sie auch nicht aufgrund einiger Fehler
verleugnen. Wir müssen weiter voranschreiten, ohne jedoch dabei jenen Pfad zu
vergessen, der uns hierher gebracht hat.“. Flip-Floping sieht wahrlich
anders aus.


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