Freitag, 27. Dezember 2013

120 Jahre - und kein bisschen alt

Anlässlich des 120 jährigen Jubiläums von Mao Zedongs Geburtstag verbeugt sich Chinas derzeitiger Staatspräsident Xi Jinping vor Maos Sarkophag und huldigt dessen Errungeschaften – und erntet dafür von westlichen Medien Kritik. Dabei wird vergessen, dass Xi Jinping in Wahrheit keine andere Wahl hat. Über die Gottessymbolik eines Revolutionärs.

Mao ist wohl eine der umstrittensten Personen der chinesischen Geschichte. Von den einen (insbesondere jenen in Hong Kong, Taiwan und so manchem Polit-Veteranen in Washington) gehasst, von den anderen (chinesische Politiker & Bevölkerung) großteils wie ein Gott verehrt. Und beide Seiten haben ihre guten Gründe. Einerseits hat Maos das katastrophal mislungene Wirtschaftsexperiment, den „Großen Sprung vorwärts“, aufgrund von Miswirtschaft und folglicher  Nahrungsmittelknappheit rund 30 Millionen Menschen das Leben gekostet. Die von Mao initiierte Kulturrevolution hat sein Reich in eine Dekade voller Chaos, Rechtlosigkeit und Terror gestürzt und eine ganze Generation desillusioniert.

Andererseits besitzt Mao den unbrechbaren Bonus „Chinas Landesvater“ zu sein. Er war es, der den Bürgerkrieg für die Kommunisten gewinnen und Jiang Kaisheks Nationalpartei vom Festland vertreiben konnte. Wenn es nach der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung geht, war Mao – und nicht die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – ausschlaggenend dafür, dass sich die japanischen Besatzungstruppen gegen Ende des 2. Weltkriegs von chinesischen Territorien zurückzogen. Mao war auch jener, der es schaffte die „Einheit des chinesischen Reiches“ wiederherzustellen, indem er mittels militärischen Feldzügen die Gebiete von Xinjiang und Tibet, welche in den letzten chaotischen Jahren des Kaiserreichs und der nachfolgenden (nicht weniger chaotischen) Republik sukzessiv der Einflussphäre Pekings englitten waren, wieder in das chinesische Reich eingliederte.

Im Gegensatz zu Kärnten ist in China die Sonne nicht vom Himmel gefallen.

Dank all dieser Erfolge konnte Mao seiner Nation, welche jahrzehntelang von ausländischen Mächten im Rahmen der Opiumkriege oder des Boxeraufstandes geschmäht worden und durch eine unfähige Regierung in den letzten Jahren des Kaiserreichs bzw. der Republik heruntergewirtschaftet und innerlich zerrissen war, ein neues Selbstbewusstsein verleihen. Eine Tatsache, die die meisten Chinesen bis heute so sehr zu schätzen wissen, dass man über einige politische Fehltritte Maos hinweg sieht. Die offizielle Bewertung von Maos Politik seitens der KPCh fällt demnach heutzutage so aus: 70% seiner Taten waren positiv, 30% negativ.

Mao wird demnach selbst heute noch extrem verehrt. Vom Großteil der (insbesonderede älteren und ländlichen) Bevölkerung, vom derzeit herrschenden pragmatischen sowie vom ideologischen Parteiflügel (dem Mao seiner Zeit angehörte). Mao ist auch mehr als 30 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig. Sein Antlitz lächelt milde in Form eines Gemäldes von den Toren der Verbotenen Stadt. Sein Leichnam ist in einem gläsernen Sarkophag einbalsamiert und in einem eigens errichteten Mausoleum am Tiananmen Platz in Peking aufgebahrt. Mao Bibeln sind ein Verkaufshit und ein begehrtes Touristensouvenir. Mao Talismänner hängen auf zahlreichen Autorückspiegeln und sollen den Fahrer vor Unheil bewahren.

Man sollte sich also stets all diese Tatsachen im Hinterkopf behalten, wenn man Xi Jinping, einem deklarierten Anänger des pragmatischen Parteiflügels, kritisiert und einen Flip-Floper nennt, weil dieser seine Haltung zu Mao angeblich geändert habe, bloß weil er Maos Mausoleum besucht, sich dort verbeugt und ein paar benevolente Worte über Mao geäußert hat. Denn zum einen haben alle Vorgängers Xi Jinpings in der Vergangenheit bei runden Jubiläen von Maos Geburtstag das gleiche getan (wohlgemerkt ebenfalls alles Anhänger des pragmatischen Parteiflügels). Zum anderen wäre es undenkbar und käme einem Tabu gleich, wenn eine Führungspersönlichkeit der KPCh die Taten oder gar die Person Maos öffentlich kritisieren würde. Denn Mao symbolisiert durch die oben erwähnten Erfolge nicht nur den Vater einer gesamten Nation und des modernen Chinas. Mao war auch seit der 1921 im Untergrund gegründeten KPCh von Anfang an in der Partei engagiert. Er zählt somit nicht nur zu den Urgesteinen der Partei, sondern symbolisiert aufgrund der geschichtlichen Bedeutung seiner Person auch die ganze Partei an sich. Kritik an der Person Maos, käme der Kritik einer ganzen Nation (dem modernen China) und dessen politischen Systems (KPCh) gleich.

Dementsprechend sind Xi Jinpings Taten eher als symbolisches Zugeständnis an den ideologischen Parteiflügel zu verstehen. In der Tat hat sich Xi Jinping extrem bemüht Abstand vom Personenkult rund um Mao zu nehmen und ist alles andere als jener Flip-Floper, als den ihn viele westliche Medien nun bezeichnen. So erregte Xi Jinping die Gemüter von Maoisten und des ideoogischen Parteiflügels, als er Anfang November auf einer Tour durch die Provinz Hunan es verabsäumte nach Maos Heimatort Shaoshan zu pilgern. Stattdessen zog es ihn am 26. November – einen Monat vor Maos Geburtstag – nach Qufu, der Heimatstadt des Philospohen Konfuzius, dessen Lehren von Maoisten und von Mao selbst seit jeher als der Inbegriff des feudalen und rückständigen Chinas aufgefasst werden.

Die „Mao-Lobby“ ist in Chinas Gesellschaft nach wie vor stark vertreten. 1999 wurden im Rahmen des 50 jährigen Bestehens der Volksrepublik China Geldscheine mit einem neuen Design in Umlauf gebracht. Seitdem lächelt Mao anstatt diverser chinesischer Minderheitsvölker von den Renminbischeinen. Als die KPCh 2011 eine Konfuziusstatue am Tiananmenplatz, wenige Meter von Maos Mausoleum errichten ließ, kam es umgehend zu Protesten seitens des ideologischen Parteiflügels. Daraufhin wurde die Statue nach wenigen Tagen wieder entfernt. Der Tiananmen Platz „gehört“ seitdem wieder Mao allein. Anschauliche Beispiele wie einflussreich maoistische Strömungen in der chinesischen Gesellschaft noch sind.



Ein alter und neuer 50 Renminbischein.

Dennoch steht keine „kommunistische Wende“ in der chinesischen Politik bevor. Weder wird der ideologische Flügel den pragmatischen Flügel aus der Macht putschen. Noch wird Xi Jinping seinen pragmatischen Führungsstil ändern. Dies hat er auch in seiner Rede im Rahmen der Gedenkfeierlickeiten durchklingen lassen: „Revolutionäre Führer sind Menschen, und keine Götter. Wir sollten sie nicht wie Götter verehren [...], aber wir sollten sie auch nicht aufgrund einiger Fehler verleugnen. Wir müssen weiter voranschreiten, ohne jedoch dabei jenen Pfad zu vergessen, der uns hierher gebracht hat.“. Flip-Floping sieht wahrlich anders aus.

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