Knapp eine Woche
ist seit dem verheerenden Vorfall am Kunming Bahnhof vergangen, bei dem 8
Attentäter das Bahnhofsgelände stürmten und mit Macheten und Messern wahllos
auf Passanten und Reisende einstochen. Die Bilanz: 29 Tote und mehr als 130
teils schwer Verletzte. Doch neben der Suche nach Tatmotiven dominiert derzeit
v.a. eine Frage die chinesische Öffentlichkeit: Warum Kunming?
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| Der Bahnhof Kunming kurz nach dem Attentat |
Die chinesische
Staatsführung zögerte nich lange mit Schuldzuweisungen und sprach noch am selben
Abend von einem „Terroranschlag von uigurischen Separatisten“. Einschlägige
Beweise seien am Tatort sichergestellt worden. Uiguren sind eines von jenen 55 Minderheitsvölkern Chinas, die v.a. in der nordwestlichen moslemisch
geprägten Provinz Xinjiang zu Hause sind. Die Region wird seit Jahren immer
wieder von Anschlägen und Unruhen erschüttert.
Die Uiguren fühlen sich zunehmend von den Han-Chinesen unterwandert. Dank von
Peking geförderterter gezielter Zuwanderungspolitik und einer florierenden Rostoffindustrie beträgt die Anzahl von
ethnischen Uiguren in der Provinz Xinjiang mittlerweile nur noch 43,3%, dicht
gefolgt von 41% Han-Chinesen.
Dies hat im Laufe
der letzten Jahre zu immer stärker werdenden ethnischen Spannungen geführt, die
sich v.a. seit den 90ern regelmäßig in Form von Unruhen und blutigen Anschlägen
entladen. Wer sich die Chronologie der letzten Jahre (siehe
hier) von
ethnisch motivierten Unruhen/ Anschlägen mit Xinjiang-Zusammenhang durchliest,
wird sich vermutlich eher an Afghanistan anstatt an das sonst so friedliche China
erinnert fühlen. Bzgl. der oben erwähnten Anschlagsliste muss man jedoch
ergänzen, dass sie jenen Selbstmordanschlag vom Herbst 2013, bei dem angebliche
Uiguren einen mit Benzinkanistern beladenen Geländewagen in eine Menschengruppe vor der
Verbotenen Stadt in Peking steuerten, nicht beinhaltet.
Warum nun also
ausgerechnet Kunming als Tatort? Mehrere chinesische Sicherheitsexperten haben
sich in den Medien in den vergangen Tagen zu dieser Frage geäußert. Einige
wiesen auf die laschen Sicherheitsbestimmungen im Süden Chinas hin. Andere auf
die geographische Nähe Kunmings zur Provinz Xinjiang. Der wahre Grund scheint
jedoch all diesen Experten bewusst zu sein und wird aus gutem Grund in den
chinesischen Massenmedien verschwiegen.
Wer sich die oben
erwähnte Anschlagsstatistik durchliest, dem fällt v.a. eines auf: Bisher fanden alle
Anschläge in Xinjiang selbst statt. Mit dem Anschlag in Peking erreichte der
Xinjiang Konflikt zwar eine neue Ebene (nämlich eine jenseits der Grenzen
Xinjiangs), war aber dennoch halbwegs „logisch“. Logisch in dem Sinne, da es
aus Sicht von Terroristen nunmal Sinn macht einen Anschlag auf einem
symbolträchtigen Ort (Verbotene Stadt) in einer symbolträchtigen Stadt (Peking
als politisches Zentrum) zu verüben. Um
es in anderen Worten auszudrücken: Bisher konnte sich die chinesische
Bevölkerung darauf verlassen, dass uigurisch motivierte Anschläge „nur“ in
Xinjiang selbst oder in der symbolischen und politisch
wichtigen Haupstadt Peking stattfinden würden. Solange man sich also abseits
dieser zwei Gebiete befindet, konnte man sich halbwegs in Sicherheit wägen.
Mit der willkürlich
scheinenden Wahl von Kunming als Anschlagsort wurde jedoch genau dieses subjektive Sicherheitsempfinden
der chinesischen Bevölkerung erheblich geschwächt. Und das war vermutlich auch genau
jener Haupteffekt, den die Kunming Attentäter erreichen wollten. Jeder, der China bereits mit dem Zug bereist hat, weiß: Während die Sicherheitsbestimmungen
bei Inlandsflügen in der Regel internationalen Standards entsprechen, sind die
Sicherheitskontrollen bei Bahnhöfen äußerst lasch. Zwar müssen alle Reisenden
ihr gesamtes Gepäck vor Betreten der Abfahrtshallen scannen lassen, detaillierte
Körperkontrollen werden jedoch aufgrund des massiven Andrangs an Reisenden (im
Gegensatz zu Österreich sind chinesische Züger immer bis auf den letzten Platz
ausverkauft) und zugunsten eines fließenden Durchschleusen dieser Massen oft
nur sehr stümperhaft durchgeführt.
Personen müssen
zwar wie auf einem Flughafen durch Metalldetektoren marschieren, sollte der
Detektor jedoch anschlagen (was sie in 99,9% aller Fälle tun), werden die betroffenen
Passagiere von den Sicherheitskräften alibi-mäßig kurz mit den Händen „abgestreift“
und in selteneren Fällen muss man den Inhalt seiner vorderen Hosentaschen vorweisen
(die ganze Prozedur kann man sich hier ansehen). Dementsprechend ist es wahrlich keine Kunst ein Klappmesser im
Intimbereich der Unterhose oder gar eine Machete im dick ausgepolsterten Wollmantel
in den Bahnhofsbereich zu schmuggeln. So weit so schlecht.
Doch selbst mit
ausgekügelten und ernstvoll durchgeführten Sicherheitskontrollen auf Bahnhöfen
wäre das Kunming Attentat nicht zu verhindern gewesen. Denn das Massaker fand
u.a. auch bei der Tickethalle am Vorplatz des eigentlichen
Bahnhofgebäudes statt (siehe Grafik). Auf chinesischen Bahnhöfen sind Ticketverkaufsstellen
oft vom eigentlichen Bahnhof mit seinen Warteräumen und Gleisen
getrennt und weisen auch oft keine eigenen Sicherheitsmaßnahmen wie Gepäcksscanner oder
Metalldetektoren auf. Dementsprechend einfach war es für die Attentäter den
Moment der Überraschung auszunützen und plötzlich völlig wahllos auf fremde
Passanten einzustechen und eine Massenpanik zu kreieren. Das in der Folge
ausbrechende Chaos konnten die Attentäter ausnutzen um an den Sicherheitskontrollen
vorbei in das eigentliche Bahnhofsgebäude zu gelangen, wo sie letztlich von den
anrückenden Spezialeinheiten eingekesselt und erschossen bzw. festgenommen wurden.
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| Schematische Google Earth Darstellung des Bahnhofs Kunming |
Letztlich können zwei schmerzhafte Lehren aus dem Kunming Attentat gezogen werden. Erstens: Die
Sicherheitskozepte von chinesichen Massentransportmittel sind – abgesehen von
Flughäfen – veraltet, ineffektiv und dienen v.a. einem Grund: der
Aufrechterhaltung des subjektiven Sicherheitsgefühls. Zweitens: Mit
Terroranschlägen im Zusammenhang mit der Xinjiang-Frage muss ab sofort auch
abseits von Xinjiang selbst oder von symbolischen Orten wie Peking gerechnet
werden. Die ineffektiven öffentlichen Sicherheitsstandards fördern diese
Entwicklung auch noch dementsprechend.
Eigentlich ist es
nur verwunderlich, dass noch kein Attentäter auf die Idee gekommen ist, sich in
der Rush Hour in der Shanghaier Ubahn in die Luft zu jagen. Den am eigenen Körper
und unter einem dicken Mantel getragenen Sprenggürtel schleust man bequem vorbei
an den laschen Sicherheitskontrollen von (Bus)bahnhöfen vorbei in die nächste
Großstadt. Kritiker mögen jetzt anmerken, dass der Attentäter spätestens bei
der Ubahn scheitern würde, da die meisten chinesischen Ubahnsysteme mittlerweile
mit Gepäckscannern beim Stationseingang ausgestattet sind. Realisten werden dem
entgegensetzen, dass diese Gepäcksscanner (mit Ausnahme von Peking) in der
Regel von den Fahrgästen – allen Aufforderungen des Ubahnpersonal zum Trotz – ignoriert
werden. Den Rest darf sich jeder selbst ausmalen. Und wer jetzt meint, dass ein
Sprengsatz viel zu auffällig sei, der ersetze den Selbstmordanschlag mit einer
Messerattacke. Verursacht durch ein herkömmliches Klappmesser in der
Hosentasche eines Attentäters.
Die Tatsache,
dass die Partei in Zusammenarbeit mit den Medien den Faktor des gesenkten
öffentlichen Sicherheitsbewusstseins derart herunterspielt, beweist zumindest,
dass die Regierung den Ernst der Lage erkannt hat. Das letzte was man jetzt
braucht, ist eine verunsicherte und verängstigte Bevölkerung, die sich nicht
mehr auf die Straße traut. Ich bin will kein Pesimist sein und den Teufel an
die Wand malen. Aber wenn der chinesischen Regierung wirklich etwas an der
Sicherheit ihrer Bevökerung liegt, reicht es nicht hastige Schuldzuweisungen auszusprechen.
Dementsprechend sollte die KPCh ihren Worten
nun Taten folgen lassen und das öffentliche Sicherheitskonzept des chinesischen
Nah- und Fernverkehrs komplett überarbeiten.


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