Im
September wurde Hongkong – die ehemalige britische Kronkolonie und seit 1997
unter chinesischer Verwaltung – von massiven Protesten heimgesucht. Ausgangspunkt
war die von Peking erarbeitete und schließlich beschlossene Wahlrechtsreform zur
künftigen Wahl des Hongkonger Chief Executives (Verwaltungschef). Um die
Proteste voll zu verstehen, muss man ein bisschen in den Geschichtsbüchern
blättern.
Hongkong
geriet im 19. Jahrhundert unter britische Kontrolle. Das damalige chinesische
Kaiserreich war von den Opiumkriegen und anderen internen Krisen geschwächt und
befand sich in seinen letzten Atemzügen. 1898 gelang es schließlich den
britischen Gesandten der finanzielll runinierten Qing Dynastie einen
Pachtvertrag für die Insel Hongkong und das Gebiet zum Shenzhen-Fluss, der
heutigen Grenze, zu entlocken, der auf 99 Jahre begrenzt war und Hongkong unter
britische Kontrolle brachte. Hongkong profitierte von seiner günstigen
geographischen Lage und von der britischen Kolonialherrschaft, die es verstand,
das ländlich geprägte Gebiet binnen weniger Jahre als einem der wichtigsten
Umschlaghäfen und Wirtschaftszentren Ostasiens zu etablieren. Gleichzeitig
versank Festlandchina im Chaos und eine Krise jagte die nächste: Zusammenbruch
des Kaiserreichs, Bürgerkrieg, Invasion und Besatzung durch die Japaner, erneut
Bürgerkrieg, chaotische Anfangsjahre nach Ausrufung der kommunistischen
Volksrepublik China.
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| Hongkongs Skyline in den 1950ern |
Erst
in den 1980ern waren die Karten neu gemischt: Mao(ismus) war Geschichte und seit
1978 war Deng Xiaoping an der Macht, der China binnen weniger Jahre mit
liberalen Wirtschaftsreformen zu bescheidenem Wohlstand geführt hatte. Nach
Jahrzehnten, in denen sich Chinas politische Elite ausschließlich um die
internen Probleme des Landes kümmern musste, war nun endlich Zeit die
außenpolitische Agenda in Angriff zu
nehmen. Auf dieser stand ganz oben – gleich nach der „Befreiung Taiwans“ – die
Rückholung Hongkongs aus britischer Kontrolle. So kam es ab 1982 zu offiziellen
Verhandlungen zwischen der chinesischen und britischen Regierung betreffend der
Rückgabe von Hongkong. Deng vermochte es wie kein anderer chinesischer
Politiker zuvor sich wie ein Vollprofi auf dem diplomatischen Parkett der
Weltbühne zu bewegen und gab sich betont selbstbewusst. Für ihn stand das „ob“
– ob Hongkong zu China zurückkehren werde – nie zur Diskussion, lediglich das
„wie“, also die Rahmenbedingungen dafür.
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| 1984: Unterzeichnung der Sino-British Joint Declaration |
So
kam es 1984 zwischen ihm und Margret Thatcher zur geschichtsträchtigen Sino-British
Joint Declaration, in der vertraglich fixiert wurde, dass Hongkong 1997 (nach
Ablaufen der 99 jährigen Pachtfrist) als Sonderverwaltungszone mit einem hohen
Autonomiegrad wieder ordnungsgemäß unter chinesische Verwaltung gestellt werden
würde. Doch zu jenem Zeitpunkt hätten Hongkong und China unterschiedlicher
nicht sein können. Zumindest offiziell war China nach außen hin eine Volksrepublik nach
sozialistischer Ordnung mit äußerst eingeschränkter Presse- und
Meinungsfreiheit. Auch die chinesiche Wirtschaft war fest in staatlicher
Kontrolle und alles andere als liberalisiert. Im Gegensatz dazu war Hongkong
eine florierende offene Wirtschaftsmetropole nach westlichem Vorbild – ein
Verdienst den sich die britische Kolonialregierung mit nicht wenig Stolz auf die
eigenen Fahnen schrieb. Dementsprechend entlockte Großbritannnien Chinas Führung
einige Zugeständnisse im Rahmen der Hongkong-Verhandlungen. Die zwei wohl
zentralsten Forderungen der Briten waren, dass 1) China den Status Quo was die
Situation der liberalen Bürgerrechte und Wirtschaft etc. betrifft mindestens 50 Jahre
nicht beschneiden dürfe (bis 2047); und 2) dass China in diesen 50 Jahren die
Entwicklung der Demokratie in Hongkong förden und weiterentwickeln solle, mit
dem Ziel der Errichtung einer Demokratie unter „universal suffrage“ (universalem
Wahlrecht), wie es im Originaltext heißt. Dazu ließ sich China vertraglich
verpflichten, indem es diese Passagen in das Hongkonger Grundgesetz (der „Verfassung“
Hongkongs) aufnahm.
1997
wurde Hongkong schließlich wieder chinesisches Territorium, allerdings unter
der Prämisse „Ein Land, zwei Systeme“, da ja Hongkong weiterhin seine „Sonderrechte“
beibehalten durfte.
Heutige Bürger Hongkongs besitzen auch nach wie vor einen eigenen Hongkonger
Reisepass und keinen chinesischen. Für den durchschnittlichen Hongkonger
änderte sich 1997 also grundsätzlich zunächst nicht viel – das Misstrauen
gegenüber der nach wie vor als kommunistisch und repressiv wahrgenommenen Pekinger Regierung
blieb aber dennoch weiterhin bestehen, v.a. da viele Bewohner
Hongkongs seiner Zeit vor den politischen Programmen (Kulturrevolution etc.)
der kommunistischen Festlandregierung nach Hongkong geflohen waren.
In
den Jahren nach der Übergabe arbeitete Pekings Regierung schließlich an einer
Wahlrechtsreform für Hongkong. Im August 2014 beschloss der Nationale
Volkskongress in Peking schließlich, dass ab 2017 der Chief Executive Hongkongs
über ein Komitee gewählt werden solle. Dieses Komitee würde aus 1200 Personen
bestehen und von Peking aus bestimmt werden. Kandidaten können sich demnach
bewerben und zur Wahl aufstellen lassen, sobald ihre Kandidatur von dem
Wahlkommitee genehmigt werden würde. Genau an diesem Punkt sahen sich viele
Demonstranten, die auf die Sino-British Joint Declaration verwiesen, „betrogen“ und befürchteten eine Bevormundung
durch Pekings Regierung, die China-feindliche Kandidaten nicht zur Kandidatur
für die Wahl zum Chief Executive zulassen würde.
Binnen
weniger Tage formierten sich schließlich massive Proteste, imzugedessen Teile
des Regierungsviertels (Central) sowie einige Shopping-und Wohnbezirke
(Admiralty & Mongkok) Hongkongs von Demonstranten durch Barrikaden und
Sitzstreiks lahmgelegt wurden (daher
auch „Occupy Central“ als Name der Protestbewegung). Erklärtes Ziel der
Demonstranten war es „wirklich freie Wahlen“ für 2017 mit zivilem Ungehorsam zu
erzwingen. Die Demonstranten, großteils junge Schüler und Studenten, wurden
u.a. vom 17 jährigen Joshua Wong angeführt, welcher v.a. von chinesischen
Medien schnell als Marionette China-feindlicher Gruppierungen oder gar der USA bezeichnet
wurde. Generell wurden die Proteste in chinesischen Medien nicht nur stets als
illegal, sondern als eine vom Ausland aus dirigierte Einmischung in
staatsinterne Angelegenheiten dargestellt.
Nachdem
China zunächst Polizeikräfte mit Tränengas erfolglos gegen Demonstranten
vorgehen ließ, änderte man nach einiger Zeit die Taktik, indem man die Proteste
schlicht aussaß. Mit der Zeit stellten sich auch immer mehr Bürger Hongkongs,
die anfangs durchaus Sympathien für die Proteste hegten, auf die Seite der
Regierung und verlangten ein Ende der Proteste, nachdem das öffentlche Leben in
Teilen der Stadt bereits seit mehr als zwei Monate beeinträchtigt gewesen war.
Letztlich verlor die Protestbewegung an Momentum und leistete wenig bis gar
keinen Widerstand als wenige Tage vor Weihnachten Sicherheitskräfte vorrückten
um die letzten verbliebenen Straßenbarrikaden und Demonstranten von den Straßen
zu schaffen. Einige Medien titelten daraufhin höhnisch: „Shopping und freie
Straßen für Hongkonger wichtiger als Demokratie“.
Doch
so einfach lässt sich die Protestbewegung dann auch wieder nicht analysieren.
(Insbesondere westliche) Medien tendieren gern dazu allgemeine
Unmutsbekundungen schnell als Demokratiebewegung zu bezeichnen. Das war seiner
Zeit bei den Tiananmenprotesten schon so, bei denen die Studenten mit ihren
Forderungen nach politischen Reformen nur einen Teil der
Protestbewegung ausmachte, während sich die Masse aus Arbeitern und
Angestellten zusammensetzte, die für tiefgreifendere Wirtschaftsreformen
protestierten. Und auch bei den Hongkong Protesten von 2014 handelte es sich mehr
um eine generelle Unmutsbekundung gegenüber China unter dem „Deckmantel“ der
Demokratie, mit der Wahlrechtsreform als Auslöser. Dafür sprechen mehrere
Indizien.
Erstens,
ist es nicht zu verleugnen, dass Hongkong mittlerweile viel von seinem kolonialen
Ruhm und Glanz der 1980er und 90er Jahre verloren hat – v.a. hinsichtlich
seiner Funktions als Finanz- und Handelszentrum. Das hat mehrere Gründe: eine
zunehmend globalisierte und miteinander vernetzte Weltwirtschaft, aber auch ein
immer wirtschaftsliberaleres und offeneres Festlandchina, das immer mehr
Investoren direkt anlockt und somit Hongkongs ehemalige Funktion als „Tor zu
China“ zunehmend obsolet macht. Darüber hinaus forciert Chinas Regierung seit
Jahren eine Wirtschafts- und Finanzpolitik, mit der Shanghai Hongkong bis 2020
als Chinas führendes Finanz- und Wirtschaftszentrum gezielt ablösen soll.
Zweitens,
hat die zunehmende Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft eine neue
Mittelklasse mit bescheidenem Wohlstand in China hervorgebracht. Diese stetig
wachsende Mittelklasse kann es sich in zunehmenden Ausmaße leisten nach
Hongkong zu fahren, um dort Luxusartikel
oder Lebensmittel in Massen zu kaufen, die in China als zu teuer oder
„unsicher“ gelten. Doch nicht nur Gucci Handtaschen oder Milchpulver sind das begehrte
Ziel von Festlandtoruisten. Auch Hongkongs Immobilienmarkt war in den
vergangenen Jahren zunehmend das Ziel von chinesischen Investitionen, mit dem
Resultat von überdurchschnittlich stark steigenden Grundstückspreisen – eine
Rechnung, die nun auch die einheimische Bevölkerung Hongkongs zu bezahlen hat. Schon
in den 1990ern zählte Hongkong zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der
Welt. Platz- und Wohnungsmangel war für Hongkonger stets omnipräsent. Diesem
Umstand wurde in den letzten Jahren durch chinesische Spekulationen auch noch
ein unglaublicher Preisdruck aufgesetzt. Bei stagnierenden Gehältern können
sich Hongkonger immer öfter nur noch kleinere aber immer teurer werdende
Wohnungen leisten. Der Unmut ist groß und der Hauptschuldige – China – in den
Augen der lokalen Bevölkerung schnell ausgemacht. Diese Arithmetik ließ sich auch
schon in jüngster Vergangenheit bei zahlreichen anderen Anlässen beobachten,
wie z.B. bei den Protesten gegen das von Peking vorangetriebene Projekt einer
Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke von Festlandchina nach Kowloon.
Dabei
wurde stets der Eindruck vermittelt, dass die Proteste weniger von „Vernunft“
oder rationalen Argumenten als vielmehr von einem generellen Misstrauen/ Unmut
gegenüber der chinesischen Regierung/ China getrieben waren. Bekräftigt werden
solche Tendenzen durch ein überdurchschnittliches „Nationalbewusstsein“ der
Hongkonger Bevökerung: obwohl der Großteil der heutigen Bevölkerung Hongkongs
von ihrer ethnischen Abstammung her eindutig den Han-Chinesen zuzuschreiben
ist, bezeichnet sich die überwältigende Mehrheit der Hongkonger auch heute noch
als „Hongkonger“ anstatt als „Chinese“. Paradoxerweise sind Hongkonger darüber
hinaus unter normalen Umständen besonders unpolitisch und sind mit jeder
politischen Lage (um nicht Ideologie zu sagen) zufrieden, solange sich nichts
an ihrem „Business“ und ihrem eigenen Leben ändert (jeder, der eine Zeit lang
in Hongkong gelebt hat, wird diese Aussage unterschreiben können). Gemäß dem
Motto „Stabilität über alles“. Umso verwunderlicher erscheint es nun, wenn man
den Artikeln der (westlichen) Journalie Glauben schenken will,die behaupten,
dass Hongkongs Bevölkerung quasi über Nacht zum glühenden Verfechter an vorderster Front im Kampf für Demokratie geworden ist.
Womit
wir bei Punkt 3 wären, warum die offizielle Darstellung der Protestbewegung als
reine Demokratiebewegung infrage gestellt werden darf. Denn entgegen so mancher
Darstellung kam Hongkongs Bevölkerung bis dato noch nie in den Genuss von – weder eingeschränkter noch komplett
freier – Demokratie. Vor 1897, als Teil des Kaiserreichs China, wurde Hongkong
von einem Kaiser, der im mehrere tausend Kilometer entfernten Peking saß, von
der Ferne aus regiert. Unter britischer Kolonialherrschaft wurde der Gouverneur
Hongkongs in London – am anderen Ende der Welt – bestimmt, ohne dass die
Bevökerung auch nur ein Wort mitzuentscheiden hatte. Seit der Rückgabe
Hongkongs an China werden bis dato regelmäßige Wahlen abgehalten, bei denen
ein 400 köpfiges (Peking-treues) Wahlkomitee den Chief Executive für Hongkong
bestimmt – ebenfalls ohne Stimmrecht der normalen Bevölkerung. Das soll sich
nun mit der Wahlrechtsreform ab 2017 ändern, indem die Zivilbevölkerung – gemäß
der Sino-British Joint Declaration – einen von mehreren Kandidaten, die zuvor
von einem Wahlkommitee zur Wahl zugelassen wurden, als Chief Executive wählen
können. Somit hätte die Hongkonger Bevölkerung einen dermaßen hohen Grad an
demokratischer Mitbestimmmung wie noch nie zuvor – eine Tatsache, die von
(westlichen) Medien gern unter den Tisch gekehrt wird. Gleichzeitig würde China
mit dieser Wahlrechtsreform die Bedingungen der Sino-British Joint Declaration
zumindest formal erfüllen, denn diese schreibt China nicht vor, wie ein „universales
Wahlrecht“ konkret auszusehen hat – lediglich, dass es binnen 50 Jahren bis
2047 umgesetzt werden muss. Die Tatsache, dass sich China trotz dieses großen Zeitraums selbst eine
strengere Frist auferlegt und das universale Wahlrecht bereits 2017 – 30 Jahre
früher als eigentlich gefordert – umsetzen will, wird sowohl von den
Demonstranten als auch von einschlägig berichtenden Medien kontinuierlich
ignoriert.
Unter
diesen Umständen erscheint es also mehr als verwunderlich Demokratieforderungen
als die grundlegende Treibkraft der Hongkong Proteste zu bezeichnen. Ebenso
verwunderlich ist es beispielsweise, wie sich der 17 jährige Joshua Wang
dermaßen enthusiastisch für „echte Demokratie“ einsetzen kann, obwohl er weder
die Übergabe des „demokratischen Hongkongs unter britischer Herrschaft“ an
China miterlebt hat (er war zum Zeitpunkt der Übergabe 9 Monate alt), noch eine
nennenswerte Zeit lang in einem Staat mit „echter Demokratie“ gelebt hat. Man
darf sich durchaus die Frage stellen mit welcher Motivation (um nicht
Voreingenommenheit zu sagen) hier gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten
gekämpft wird.
Durch
seine Stellung als Sonderverwaltungszone hat sich Hongkongs Presse und Bevölkerung
in den letzten Jahren oft als „letztes Kontrollorgan“ der chinesischen
Regierung verstanden. Es waren v.a. Gruppierungen aus Hongkong, die in den
letzten Jahren Lebensmittelskandale oder Menschrenrechtsverstöße in China
aufdeckten und versuchten dagegen anzukämpfen. Dieses Selbstverständnis wird
durch die oben angesprochenen Entwicklungen immer mehr untergraben. Hinzu kommt
eine polarisierte, mit Vorurteilen beladene Misstrauenshaltung zwischen
Hongkongern und Festlandchinesen. Hongkonger bezeichnen Festlandtouristen als
unzivilisiert. Im Gegenzug sehen Chinesen Hongkonger als arrogante Träumer, die
der eigenen Vergangenheit nachtrauern und die neue Realität (ein mächtigeres
China) nicht akzeptieren wollen. Beide Seiten haben teilweise Recht und die Wahrheit
liegt, wie so oft, in der Mitte. Die Zeichen auf Annäherung könnten schlechter
nicht stehen.
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| Aus Prinzip dagegen? |
Umso
wichtiger wäre es für beide Seiten ihre Defensivhaltung aufzugeben und offen
miteinander zu reden. Das wird ein schmerzlicher Prozess für beide Seiten
werden. China wird lernen müssen, dass man Hongkongs Gesellschaft (aber auch
zunehmend die eigene Bevölkerung) nicht bloß mit massiven Investitionen und
Prestige-Infrastrukturprojekten beeindrucken und letztlich für sich gewinnen
kann. Hongkong wird sich eingestehen müssen, dass sich die Regierung in Peking
in den letzten Jahrzehnten – trotz ihres nach wie vor kommunistischen Namens – wesentlich
verändert hat, genauso wie sich China als Land und Gesellschaft massiv
gewandelt hat. Es wäre auch vorteilhaft, wenn China die Reformen seines
Justizsystems schneller vorantreiben würde, um nicht nur Misstrauen in der
Hongkonger, sondern auch in der eigenen Bevölkerung und Geschäftselite
abzubauen. Vielleicht würde man dann im Gegenzug in Hongkong aufhören, jeden
aus Peking kommenden Reformvorschlag vorab als „kommmunistische
Unterwanderungsstrategie“ abzustempeln und somit einfach „aus Prinzip“ dagegen vorzugehen.
Fakt
ist, dass sowohl China als auch Hongkong von einer beidseitigen Annäherung oder
zumindest Aussöhnung profitieren würden. Hongkong wird in den kommenden Jahren
seine wirtschaftliche Vormachtsstellung immer mehr an Shanghai und Singapur verlieren
und finanzielle Mittel aus Peking benötigen. Im Gegenzug wäre eine erfolgreiche
Annäherung Hongkongs für Chinas Regierung wertvoll, um ein Exempel für ein
künftiges Annäherungsmodell mit Taiwan zu statuieren. Die Frage lautet nicht,
ob diese Annäherung zwischen China und Hongkong erfolgen wird, sondern lediglich
wann.
Beide
Territorien sind kulturell, geschichtlich und letztlich auch wirtschaftlich zu
sehr miteinander verflochten. Bereits in wenigen Jahren wird eine pragmatische
Generation Hongkongs Alltag prägen und Schicksal lenken, die komplett unter chinesischer
Administration aufgewachsen ist und die britische Kolonialherrschaft nur noch
aus Erzählungen oder dem Geschichtsbuch kennen wird. Im Gegensatz zu älteren Generationen Hongkongs wird
diese Generation aufgeschlossener gegenüber Festlandchina sein: statt der
Kulturrevolution, dem Tiananmen-Massaker oder Hungersnöten wird ein
wirtschaftlicher Pragmatismus das Kollektivgedächtnis dieser jungen Generation
prägen. Ein Annäherungsprozess zwischen China und Hongkong – auch wenn er
einige Jahre dauern möge – ist vorprogrammiert und wird weder durch konstantes
gegenseitiges Dämonisieren noch durch das Herbeischreiben von vermeintlichen Ungerechtigkeiten
aufzuhalten sein.




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