Das Christentum boomt in der
Volksrepublik China. Jährliche Wachtsumszahlen von bis zu 15 Millionen
Kirchenbeitritten bestätigen bloß das, was der normale chinesische Bürger
längst wahrgenommen hat. In einer oberflächlichen Welt, in der Konsum und
Wirtschaftswachstum zum höchsten Maß der Zeit deklariert wurden, suchen immer
mehr Chinesen nach dem Spirituellen in ihrem Leben. Zeitgleich werden jedoch
auch Kirchen unter Begleitung heftiger Proteste demoliert, Messen gewaltsam
aufgelöst, Gläubige in Internierungslagern inhaftiert. Was wie eine Utopie klingt,
ist in China Wirklichkeit geworden und stellt somit nur einen von unzähligen
krassen Widersprüchen im ehemaligen Reich der Mitte dar.
Chinas Regierung hat nicht nur ein
Problem mit dem Christentum, sondern betrachtet Religion generell skeptisch –
und zwar nicht erst seit die Kommunistische Partei 1949 die Macht übernommen
hat. Das Problem ist vielmehr historisch als ideologisch bedingt. Erste
Kontakte mit dem Christentum erfuhr das damalige Kaiserreich China als Johannes
von Montecorvino 1294 in Peking ankam, wo er binnen zehn Jahren mehr als 6000
Menschen taufte und sogar eine Kirche errichten ließ. Es folgten weitere
Missionen angeführt von Matteo Ricci und Adam Schall von Bell, Mitglieder des
Jesuitenordens. Durch die teilweise Anpassung an bestimmte lokale Bräuche
gelang es ihnen selbst hohe lokale Beamte zu konvertieren. Ausschlaggebend war hierbei
das immense Wissen im Bereich der Astronomie, welches die Jesuiten mit sich
brachten, mithilfe dessen im 17. Jahrhundert sogar eine Kalenderreform am
chinesischen Kaiserhof durchgeführt wurde.
Doch so schnell der christliche
Glaube bei Chinas Elite populär geworden war, so rasch fiel er auch wieder in
Ungnade. Die von den Westmächten provozierten Opiumkriegen im 19. Jahrhundert
und die haushohe Niederlage Chinas hatten zunächst vor allem zwei Auswirkungen:
Sie führten China einerseits vor Augen, dass es technisch sowie militärisch
hinter den Westen zurückgefallen war – wenige Jahrhunderte zuvor galt China durch
die vier großen Erfindungen der Neuzeit (Papier, Buchdruck, Kompass,
Schießpulver) noch als fortschrittlichstes Land der Welt. Andererseits führte
die teils überhebliche Art der Westmächte zunehmend zu Nationalismus und
Ablehnung des Westens in China: der christliche Glaube wurde ab nun zunehmend
als ein westliches und daher abzulehnendes Produkt angesehen.
Bestärkt wurde diese Ansicht wenige
Jahre später, als sich Hong Xiuquan, der mehrmals an den staatlichen
Beamtenexamina gescheitert war, aus Frust eine religiös motivierte Rebellion im
Süden des Landes startete. Zu jener Zeit war das chinesische Kaiserreich von
zahlreichen Krisen betroffen: soeben hatte man die Opumkriege verloren, hinzu
kamen Überschwemmungen und Dürrekatastrophen – die Bevölkerung war in Aufruhr.
Christliche Missionare waren zu jener Zeit ein mittlerweile gewohntes Alltagsbild
geworden und häufig anzutreffen – auch im Süden Chinas, der Heimat von Hong. Er
machte sich im Laufe der Zeit mit den christlichen Schriften vertraut und behauptete
schließlich der Sohn Gottes und Jesus’ Bruder zu sein. Zeitgleich nutzte er die
allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung gegenüber dem Kaiserhof und fand
rasch zahlreiche Anhänger für eine Privatarmee. Nach mehreren territorialen Eroberungen
gründete er schleißlich 1851 im Süden des Landes das Himmlische Reich des
höchsten Friendes, eine Art christlich motivierter Gottesstaat, mit dem
ultimativen Ziel den Kaiser zu stürzen. Erst dreizehn Jahre später konnte der
Rebellenstaat von der kaiserlichen Armee niedergeschlagen werden. Zeitgleich
wurde dem chinesischen Kaiserhof zum ersten Mal die Macht von Religion im
Hinblick auf Massenmobilisierung bewusst. Die allgemein immer
fremdenfeindlichere und anti-christliche Haltung des Kaiserhofes und der Bevölkerung
sollte schließlich 1900 zum Boxeraufstand führen, bei dem zahlreiche Missionare
ihr Leben lassen mussten.
Nach dem Untergang des chinesischen
Kaiserreiches 1911 und wirren Jahren der
Republik und eines Bürgerkrieges, aus dem die Kommunistische Partei erfolgreich
hervorgehen sollte, kam es 1949 zur Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao
Zedong. Das neue China wurde zunächst als laizistischer Staat gegründet, die
Regierung erlaubte ihren Bürgern jedoch das Recht auf freie Religionsausübung,
da man davon ausging, dass Religionen mit dem zunehmenden Fortschritt des Sozialismus
im Laufe der Zeit ohnehin automatisch verschwinden würden. Das Gegenteil war
der Fall. Gespeist durch negative historische Erfahrungen, wie der Taiping
Rebellion, kam es im Laufe der 1950er zu einer immer feindseeligeren Haltung
der Regierung gegenüber Religion, was schließlich dazu führte, dass alle 6200
bis dato im Land verbliebenen christlichen Missionare ausgewiesen und der
Kontakt der lokalen Kirchen zu ausländischen Organisationen abgebrochen wurde. Diese
Entwicklung verschärfte sich während der Kulturrevolution, in der zahlreiche
Kirchen und buddhistische Tempel niedergebrannt und unzählige Gläubige
inhaftiert oder hingerichtet wurden um die „alte verstaubte Kultur“ auszurotten.
Religiöse Institutionen – gleichgültig ob legal oder illegal – mussten ab
sofort in den Untergrund ausweichen.
Der Tod Maos und der Beginn der
Reformpolitik Ender der 1970er Jahre brachten auch Lockerungen hinsichtlich der
Religionsfreiheit mit sich, was zu einer Wiedergeburt des Christentums in China
während den 1980ern führte. Die religiöse Aufbruchstimmung fand jedoch rasch
ihr Ende mit dem Aufkommen der Falun Gong Bewegung 1992. Der Gründer von Falun
Gong, Li Hongzhi, versprach seinen Anhängern durch die Ausübung von speziellen
Yoga Übungen in die Zukunft sehen zu können. Ein Falun Gong Hype rollte durch
das Land, immer mehr Menschen – darunter sogar hohe Parteikader – schlossen sich
der verheißungsvollen Bewegung an, öffentliche Massenvorführungen wurden von
Falun Gong Anhängern organisiert. Eine Entwicklung, welche die Kommuistische
Partei mit Argusaugen beobachtete. Erst wenige Jahre waren seit dem
Tiananmenmassaker 1989, Chinas größter innenpolitischer Krise seit Beginn der
Reformpolitik, vergangen. Die Regierung fürchtete, dass im Falle von Falun Gong
Religion erneut als Mobilisierungsmittel gegen die politische Elite verwendet
werden könnte. 1999 wurde Falun Gong schließlich verboten und gilt bis dato als
eine die Staatsgewalt untergrabende Institution. Diese Entwicklungen wirkten
sich auch negativ auf andere Religionen aus, welche von nun an wieder
skeptischer betrachtet wurden.
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| Falun Gong Anhänger in Guangzhou, 1990er Jahr |
Dennoch boomt das Christentum
heutzutage in China und trotzdem werden gleichzeitig Gottesdienste gewaltsam
aufgelöst und Kirchen niedergerissen. Wie das möglich ist? Nach der
Machtübernahme der Kommunistischen Partei und der Ausweisung aller Missionare,
gründete die Regierung 1957 die Chinesische Katholisch-Patriotische Vereinigung
(CKPV) als Dachverband aller christlichen Institutionen in China. Die CKPV ist
eng mit der Kommunistischen Partei verknüpft. Das wirkt sich nicht nur auf das Personalwesen,
sondern auch auf die Glaubensinhalte aus. Bedingt durch die Einkindpolitik sind
in China Abtreibungen bis in den sechsten Schwangerschaftsmonat nicht nur
legal, sondern auch staatlich gefördert. Ein Umstand, der sich auch auf den
christlichen Glaubensinhalt auswirkt: Empfängnisverhütung und Abtreibung stehen
in Einklang mit der christlichen Lehre unter der CKPV. Das ist mitunter auch
ein Grund, warum der Vatikan als einer von weltweit 24 Staaten nicht die
kommunistische Volksrepublik China, sondern die Republik China auf Taiwan anerkennt
und diplomatische Beziehungen führt. Gläubige, die sich mit den Vorgaben der
CKPV nicht anfreunden wollen, sind gezwungen auf illegale Untergrundkirchen
auszuweichen und laufen somit Gefahr inhaftiert oder gar hingerichtet zu werden.
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| Xujiahui Kathedrale in Shanghai |
Offiziell gibt es heute 19 Mio.
Christen in China. Diese Zahl bezieht sich jedoch lediglich auf die Anhänger
der CKPV-Kirchen. Experten gehen davon aus, dass de facto bis zu 100 Mio.
Chinesen Anhänger des christlichen Glaubens sind, wenn man Angehörige der
illegalen Untergrundkirchen miteinbezieht. Das entspräche knapp acht Prozent
der chinesischen Bevölkerung. Wenn sich die Kommunistische Partei bereits vor
knapp einem Zehntel ihrer Bevölkerung fürchtet, sollte sie eher die eigene
Politik überdenken, anstatt durch restriktive Maßnahmen Menschen in der
Ausübung ihres Glaubens zu hindern.
***Dieser Artikel erschien in der heurigen Herbstausgabe des '105er's, dem Magazin des Wiener Cartellverbandes.



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