Mittwoch, 31. März 2010

David gegen Goliath

Der eine oder andere möge vielleicht schon vergessen haben, dass China von einem „kommunistischen“ Regime geführt wird, zu brutal klingt hierfür das Wort „Regime“, zu nett lächelt der Zollbeamte bei der Einreise am Beijing Capital Airport, zu schön und farbenfroh schwirren noch die Erinnerungen von Olympia 2008 in vielen Köpfen herum. Gerade letzterer Event wurde seiner Zeit von wenigen Individuen und Gruppierungen massiv kritisiert, was jedoch in der öffentlichen Verblendung in Form einer Mischung aus Naivität, Heuchelei, Feigheit oder Profitgier klaglos unterging. Dass die VR China ein massives Problem bzgl. persönlicher Freiheitsrechte hat, ist nichts Neues – mal ganz abgesehen von der „klassischen“ Tibet- und Taiwanproblematik. Diese Tatsache scheint dem Großteil der Menschen allerdings nicht wirklich bewusst zu sein, anders lässt es sich nämlich nicht erklären, warum in den letztem Tagen plötzlich wieder alle scheinheilig mit dem Finger auf Chinas Regierung gezeigt haben.


Es ist natürlich - wie könnte es dieser Tage anders sein – vom Streit Google vs. China die Rede. Nun ist es also letztlich doch noch so weit gekomen, dass sich Google nicht mehr an die Zensurvorgaben von Peking halten möchte. Nebeninfo: Da in China keine freie Meinungs- und Informationspolitik herrscht, ist selbst das vermeintlich freie Internet in China nur begrenzt frei – populäre Webdienste wie Twitter, Youtube oder Facebook sind ebenso geblockt wie Seiten mit regierungskritischem- oder pornografischen Inhalt, offiziell zum Schutz der Bevölkerung vor schlechten Einflüssen. Der Entscheidung Googles, sich aus dem chinesischen Markt tw. nach Hong Kong zurückzuziehen, gingen aber noch andere Ereignisse vor, wie zB ein Hackerangriff der chines. Regierung (laut Google) auf die Gmail Konten diverser regierungskritischer chinesischer Blogger vor wenigen Wochen. Nun hat Google nach wochelanger interner Beratung endlich eine Entscheidung getroffen: „Aufrund der Infromationspolitik in der VR China hat sich Google dazu entschlossen sich vom chines. Markt zurückzuziehen“.



Prinzipiell kann man diese Entscheidung Googles natürlich nur gut heißen, allerdings ist die Sache naturgemäß ein wenig komplexer. Denn während Google die mit Abstand weltweit führende Online-Suchmaschine ist (Marktanteil über 80%!) grundelt der Megakonzern in der VR China „nur“ auf Platz 2 hinter demr lokal überlegenen Suchmaschine „Baidu“ herum. Als Google 2006 in den strategisch unglaublich wichtigen chinesischen Markt einstieg, waren die Erwartungen natürlich hoch gesteckt. Dass Google früher oder später auch in China Marktführer werden würde, wurde schon damals hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Knapp fünf Jahre später sieht die Realität freilich weniger rosig aus. Dass sich ein derart großer Riese wie Google nicht gegen einen vergleichsweise winzigen lokalen Kontrahenten durchsetzen kann, war dann wohl einigen Personen im Google Aufsichtsrat doch etwas zu peinlich. Zwar hat Google China Akzente auf dem chines. Markt gesetzt, zB durch sein umfangreiches Online-Musikangebot oder durch Google Maps (beim Konkurrenten Baidu unausgereift bis gar nicht vorhanden), allerdings hat man es in einem halben Jahrzehnt dennoch nicht geschafft sich eindeutig auf dem chines. Markt als Nummer eins zu etablieren.


Bevor man also jetzt einen Fehler oder Schwächen eingesteht, muss halt mal schnell die chines. Regierung mitsamt ihren Zensurvorschriften als Sündenbock herhalten. Denn bei aller Verachtung gegenüber den chinesischen Regenten muss man ihnen doch rechtgeben, dass Google beim Markteintritt den chines. Zensurbestimmungen zugestimmt hat, was dann wiederum doch ein recht fahles - da profitgeil – Licht auf den Megakonzern wirft. Denn: Wenn Google wirklich so an Meinungsfreiheit interessiert ist, warum hat man sich dann überhaupt auf den chines. Markt mit all seinen „Spezialregeln“ eingelassen? Diese Frage spaltet derzeit die Befürworter und Gegner von Google, immer öfter fallen Phrasen wie „scheinheilig“ oder „ein Zeichen setzen“. Der Wunschtraum einiger, dass nun unzählige andere Firmen in China Googles Beispiel folgen werden, ist völlig aus der Luft gegriffen, zu profitversprechend ist dafür der unglaublich große chines. Markt. Auf der anderen Seite wäre es aber besonders in heutigen Zeiten, in denen China als aufstrebende Wirtschaftsnation immer mehr an Selbstvertrauen auf der weltpolitischen Bühne gewinnt, wichtig das Reich der Mitte auch mal ab und zu „in seine Schranken zu weisen“ oder ihm zu zeigen „So nicht, mein Freund“ – allein schon der Gedanke an eine solche Aktion treibt wohl jedem politisch korrekten Diplomaten auf dieser Welt den Schweiß auf die Stirn, was wiederum die Frage „wie sehr kontrolliert uns China mittlerweile schon?“ aufwirft.


Dass Geld und Moral selten gut zusammen passen, ist weithin nichts Neues – insofern sollte man an Firmen, die Ihre Ware in China herstellen lassen oder in den chines. Markt expandieren, bzgl. ethischer Entscheidungen keine allzu großen Erwartungen richten. Dass jedoch ausgerechnet Politiker, die abgesehen von staatlichen Eigeninteressen auch noch diverse Werte vertreten sollten (sic!), sich dermaßen von dem „Gelben Riesen“ einschüchtern lassen, grenzt dann aber doch schon an Absurdität. Als man es nach der Vergabe der olympischen Spiele an China wagte die Regierung aufgrund der Tibetproblematik zu kritisieren, kam prompt jene Antwort aus Peking, die man in solchen Angelegenheiten immer zu hören bekommt: „That is none of your business“. Genauso ging es zu, als im Dezember 2009 ein gebürtiger Brite in China wegen Drogenschmuggels hingerichtet wurde – selbst ein mehrmaliges Bitten diverser britischer Diplomaten sowie Gordon Brown selbst konnte der chines. Regierung nur ein trockenes „That is none of your business“ entlocken. Das Ganze geht sogar so weit, dass der Organisator der Frankfurter Buchmesse 2009 zwei chines. Dissidenten, die dort an einer Podiumsdiskussion teilnehmen sollten, auf den letzten Drücker ausgeladen hat, um China (und somit den größten Buchmarkt weltweit) nicht zu verärgern!


Aber wer denkt ein kleiner Buchmessenorganisator würde nur aufgrund nicht vorhandener Macht dermaßen handeln, irrt gewaltig. Denn selbst der vermeintlich mächtigste Mann der Welt, Barrack Obama höchstpersönlich, lässt sich von der chines. Regierung auf der Nase herumtanzen. So zB als der US Präsident sich letztens mit dem Dalai Lama (seines Zeichens von der chines. Partei ja offiziell als „religiöser Terrorist“ bezeichnet) im Weißen Haus getroffen hat. Dass dieses Treffen hohe Wellen in Peking schlagen würde, war im Vorhinein klar, wochenlang pochte man seitens Chinas auf eine Absage des Treffens „um die chinesisch-amerikanischen Beziehungen nicht zu stören“. Obama entschloss sich daraufhin für die denkbar ungünstige Methode: Abgesagt wurde das Treffen freilich nicht, allerdings dann auch nicht ganz so offiziell wie ursprünglich vorgesehen abgehalten – der US Präsident empfing den Dalai Lama ganz unglamorös ohne Reporter und Presse in einem Hinterzimmer des Weißen Hauses „um die Forderungen Chinas zu respektieren“. Peking war nichtsdestotrotz verärgert (um es mild auszudrücken). Ebenso vermisst man eine gewisse Standhaftigkeit von Obama in der Causa Waffenverkauf der USA an Taiwan im vergangenen Jahr. Auch hier mischte sich China wieder ein und drohte Richtung USA mit den schon beinahe obligatorischen Worten „die chinesisch-amerikanischen Beziehungen stehen auf dem Spiel“, aber den Mut mit dem Fuß stark auf dem Boden aufzustampfen und zu sagen „That is none of your business“ hat inkl. Obama bisher noch niemand auf dieser Welt gefunden.


In diesem Kontext betrachtet erscheint Googles Entscheidung gleich in einem komplett anderen Licht. Selbst wenn es sich nur um eine geschickt eingefädelte Marketingasche handeln sollte, muss man Google doch zu Gute halten, dass sie (wenn auch evtl. unfreiwillig) ein Zeichen gesetzt haben. Ein Zeichen, für das die Partei ein wenig Zeit zum Verdauen brauchte, denn unmittelbar nach Googles Ankündigung, fiel den Machthabern in Peking vorerst auch nichts anderes ein, als diverse Suchabfragen auf Google Hong Kong von China aus zu blockieren. Wenige Tage später richtete sich ein Sprecher der Regierung mit einer eher hilflos wirkenden anstatt wohl durchdachten Behauptung an Google: Google führe Spionage für US Geheimdienste durch um sich für einen etwaigen „Internetkrieg“ zu rüsten. Zeitgleich wurde in den Medien, welche über die ganze Affäre relativ ausführend berichteten, eine Hetzkampagne auf Google gestartet, in der man dem Konzern alle möglichen berechtigten Tatbestände vorwarf, die jedoch völlig aus dem Zusammenhang gerissen und in keinster Weise in Verbindung mit Google China standen. So wurde zB über die Kritik in vielen anderen Ländern an Googles „Street View“ Funktion (welche in China nicht einmal zur Verfügung steht!) viel berichtet und somit versucht den US Konzern in ein fahles Licht zu rücken. Wie es langfristig mit Google China weitergeht kann momentan vermutlich niemand ernsthaft abschätzen, es scheint jedoch am wahrscheinlichsten, dass Googles Suchmaschinenfunktion langfristig teilweise oder gänzlich in China blockiert werden wird und beliebte Zusatzangebote wie Google Maps oder das Musikportal weiterhin zugänglich bleiben. Somit wäre der chines. Markt auch gut aufgeteilt: Baidu kümmert sich um Suchaufträge, während Google sich auf diverse Webdienste spezialisiert.



Das einzige, was von dieser David vs Goliath Affäre bleiben wird, ist ein fahler Beigeschmack der chinesischen Informationspolitik. Denn dass Verbote den Reiz des Verbotenen noch viel mehr steigern, dürfte man in Peking noch nicht ganz überissen haben. Die mit Abstand meistgelesenste Zeitschrift ist FHM China, die sich zwar in Sachen Inhalt von einem Damen-Unterwäschekatalog wenig bis gar nicht unterscheidet – ein nacktes Schulterblatt erinnert aber vermutlich doch den Einen oder Anderen an den Geruch von Freiheit und Revolution. Im Sommer 2009 sorgte der Blog einer jungen Taiwanesin, die als Austauschstudentin in Frankreich studiert, für Aufsehen. Besagte junge Dame hatte sich nämlich – warum auch immer – als Ziel gesetzt in einem Sommer 100 verschiedene wildfremde Männer zu küssen und jeden Kuss auf Fotos festzuhalten, welche dann im Anschluss auf Ihrem Blog veröffentlicht wurden. Der Blog wurde binnen kürzester Zeit dermaßen bekannt, dass sogar die Partei darauf aufmerksam wurde und den Blog – trotz vermeintlich nicht vorhandenem anstößigen Inhalt – kurzum zensierte. Wenn schon ein simpler Kuss bei den Machthabern in Peking Panik ausbrechen lässt, dann gute Nacht, China.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen