Jede Geschichte findet einmal ihr Ende, auch wenn es so scheint, dass man das in China ab und zu vielleicht nicht so recht wahrhaben will. Denn nun hat auch die diesjährige EXPO in Shanghai ihre Pforten endgütlig geschlossen und während der Rest der Welt Halloween feiert, versuchen die letzten Besucher an jenem späten Oktoberabend noch schnell ein paar Blicke auf die teils futuristischen Pavilions zu erhaschen.
Das EXPO Areal, auf dem sich an Spitzentagen bis zu über einer Million Menschen gleichzeitig getummelt haben, gleicht beinahe einer Betonwüste. Die Pavilons, vor denen sich teilweise Besucherschlangen mit bis zu 7 Stunden Wartezeit oder mehr gebildet hatten, wirken plötzlich wie unbelebte Geisterhäuser. Die Flaggen der Teilnehmerländer werden zum letzten mal von den Hostessen eingeholt. Mitarbeiter der verschiedenen Pavilons verschenken in den letzten Stunden mit großzügigen Rabbaten ihre landesspezifischen Produkte – der Italienpavilon verkauft italienische Schuhe zum Spottpreis, die französischen Kollegen verscherbeln ihren eigenen Qualitätswein um umgerechnet knappe 2€, im deutschen Pavilon gibt es Freibier. Alles muss raus, eine Retour-Ausfuhr dieser ohnehin schon von der Importsteuer begünstigten Produkte würde horrende Kosten verursachen. Den Besuchern ists recht und den Ausstellern der EXPO ebenso.
Als um Mitternacht sämtliche Eingangstüren endgültig geschlossen werden ist die Stimmung ausgelassen – auch wenn an diesem Abend ein Hauch von Abschiedsschmerz nicht zu verleugnen ist, die Melancholie in der Luft erinnert stark an jene Stimmung, welche man in China nach Abschluss des Prestigeprojekts Oympia 2008 zu spüren bekam. Irgendwie wollte man auch damals nicht so wirklich wahrhaben, dass Olympia vorbei ist, selbst Monate nach der Abschlusszeremonie wurden noch immer ganze olympische Events im Rahmen der x-ten Wiederholung im chinesischen Fernsehen ausgestrahlt. Was wird von der EXPO bleiben? Abgesehen von dem China Pavilon (der Rest des Geländes wird planiert) eine Reihe von Rekorden. Die Weltausstellung mit den meisten Besuchern (72 Mio.), mit den meisten Teilnehmern (sogar Nordkorea), den höchsten Investitionen usw.
Die meisten Chinesen waren mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest einen Tag auf dem EXPO Gelände: Es wäre bedauerlich gewesen nicht dabei gewesen zu sein. Es wäre bedauerlich gewesen nicht einen Blick in die große weite Welt werfen zu können. Es wäre bedauerlich gewesen all diese sonst so teuren Importwaren aus verschiedensten Ländern nicht so preiswert wie sonst nur im Duty Free Shop eines Flughafens zu bekommen. Es wäre bedauerlich gewesen, sich nicht über alternative Energieformen und Nachhaltigkeitskonzepte zu informieren. Letzterer Punkt muss leider des Konjunktivs beraubt werden – man ging halt zur EXPO, weil sie in China war, nicht weil es China wirklich um zukunftsweisende & grüne (ergo wachstumsbremsende) Technologien geht.
Auf die Frage über die Sinnhaftigkeit der diesjährigen EXPO, antwortet der Regierungskommissar des österr. Pavilons Hannes Androsch passend: „Es wäre sehr schädlich gewesen nicht daran teilzunehmen“. Treffender hätte man Chinas heutigen wirtschaftlichen Einfluss gar nicht auf den Punkt bringen können. Zitatergänzung: Da sie ja in China stattfindet. Und um somit die Erfolgsgeschichte der chines.EXPO zu beschließen: Alle sind zufrieden. Die Westler haben ihre Produkte und Ideen auf den wichtigen chines. Markt gebracht und zukunftsweisende wirtschaftliche Beziehungen geknüpft. China hat im Gegenzug seine Soft Power im wirtschaftlichen Bereich ausgebaut und so ganz nebenbei auch noch sein Ansehen in der internationalen Staatengemeinschaft verbessert. Die chinesische Bevölkerung war froh in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und unbeliebten Nobelpreisträgern abgelenkt zu werden und freut sich bereits auf das nächste Propagandaevent – was für ein Zufall, dass die Asian Games bereits ab 12. November im südchinesischen Guangzhou steigen. So lebten sie alle glücklich dahin. Und wenn sie nicht gestorben sind…


"zukunftsweisende & grüne (ergo wachstumsbremsende) Technologien geht"
AntwortenLöschenNaja, eigentlich nicht :-P: in Elektroautos investieren auch chines. Unternehmen eine Menge, da man die Zukunft nicht verpassen möchte:
http://tinyurl.com/342uw68
bzw gibts ja auch Technologien wie Solarthermie, die jetzt schon wettbewerbsfähig sind!
Da hast du natürlich recht. Vielleicht habe ich mich etwas unglücklich ausgedrückt: Mit "wachstumsbremsend" meinte ich eher strengere Umweltauflagen für Unternehmen hin zu sauberer/grünerer Energie.
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