Montag, 12. April 2010

Vom Traum der harmonischen Gesellschaft

Mehr als ein Dutzend Sicherheitsleute einer Karaokebar gehen auf einen jungen Mann namens Cui mit Stahlstöcken los. Auch die eigentlich unbeteiligten Begleiter von Cui – dessen Freundin sowie Cousin – werden von den Sicherheitskräften, die eher einem außer Kontrolle geratenen Mob als einer unter Kommando stehenden Einheit gleichen, brutalst zusammengeschlagen. In der Hitze des Gefechts wird Cuis Pulsschlagader auf der rechten Hand von einem spitzen Gegenstand der Sicherheitskräfte durchtrennt, Blut beginnt auf den Boden zu strömen. Die weinende Freundin von Cui legt sich schützend über ihren langsam verblutenden Freund, was die Sicherheitskräfte weiterhin nicht davon abhält weiter auf die drei am Boden liegenden und sich nicht mehr wehrenden Leute einzuschlagen – 8 Minuten lang. Selbst als die Freundin Cuis knieend um Erbarmen und einen Ambulanzwagen fleht wird der Mob an Sicherheitsleuten nur noch mehr erzürnt, schlägt nochmals Minuten lang auf die Individuen ein, und sperrt vorsichtshalber die Foyertür ab damit niemand mehr ein- oder ausgehen kann – als ob drei sich am Boden vor Schmerzen windend und blutende schwer Verletzte nach 8 Minuten Prügelei mit mehr als 12 bewaffneten Sicherheitsbeamten noch plötzlich die Flucht ergreifen könnten. Eine Überwachungskamera zeichnet das ganze Geschehen still und unzensiert auf.

http://v.youku.com/v_show/id_XMTYzMTkxMTIw.html

Wie sich im Nachhinein herausstellt war der Auslöser des ganzen Streites simpel: Der bereits etwas angetrunkene Cui wollte eine größere Karaokekabine haben, welche aber zu jenem Zeitpunkt nicht verfügbar da ausgebucht war. Das wollte Cui nicht akzeptieren und es kam zum lautstarken Streit mit der Rezeptionistin und schließlich zum Handgemenge. Natürlich, grundsätzlich gilt hier ganz klar die Regel „Wie man in den Wald ruft, so ruft der Wald zurück“, aber kein erdenklicher Grund der Welt kann ein solches Verhalten der Sicherheitsbeamten rechtfertigen, speziell gegenüber den unbeteiligten Begleitern von Cui und überhaupt gegen schwer Verletzte, denen dann noch dazu Erste Hilfe verweigert wird.

Die im staatlichen Fernsheen bzgl. Ihrer raschen Einsatzbereitschaft immer so hoch gepriesene Polizei erscheint erst nach mehr als 15 Minuten am Tatort um im Endeffekt lediglich die Rettung zu verständigen. In anschließenden TV Interviews mit Cui und dessen Begleitern sieht man ihnen anstatt Wut die bloße Angst förmlich ins Gesicht geschrieben, niemand will es wagen die privat angestellten Sicherheitsbeamten der Karaokebar in einem öffentlichen TV Interview zu denunzieren. Sie tun auch gut daran, denn für das Gericht wird der Fall wohl mit einer unzureichenden Schadensersatzzahlung an Cui abgeschlossen sein, selbstverständlich ohne weiteren Folgen für den Sicherheitschef der Karaokebar, für die Sicherheitskräfte oder gar den Manager der Karaokebar selbst. Zu mächtig sind diese Leute, zu undurchsichtig vor lauter Korruption der Entertainment-Sumpf (ein durchaus weit gefächerter Begriff). Der Traum der harmonischen Gesellschaft ist ausgeträumt.

Doch wer glaubt das sei ganz und gar allein die Schuld korrupter Beamter liegt falsch und sollte mal als normaler Bürger bei sich selbst anfangen. Denn dermaßen schockierende Vorfälle sind in China durchaus gang und gäbe, was jedoch viel erschreckender ist: die Zivilcourage von Passanten ist bei nahezu allen Fällen im Keller. Jeder, der einmal einen Autounfall in China hatte, kann ein Lied davon singen. Anstatt Verwundeten zu helfen steht eine Menschentraube an ca. 50 Personen lieber sensationslüstern herum und schaut zu. Erst vor wenigen Wochen machte ein Fall aufmerksam, als drei offensichtlich angetrunkene Unbekannte eine Internetbar stürmten, dort mit der 21 Jährigen Rezeptionistin ein Streitgespräch anfingen und sie daraufhin quer durch die ganze Internbar an ihren Haaren am Boden hinter sich her zogen um sie im Anschluss zusammenzuschlagen. Geholfen hat in der nahezu ausgebuchten Internetbar kein Einziger.

Aber was erwartet man sich auch von einer asozialen Gesellschaft, die zu 90% ohne Geschwister als verhätscheltes Einzelkind aufgewachsen ist - in einem pseudosozialen Staat, welcher mitsamt seinen Alltagsregeln den eigenen Bürgern tagtäglich die „Nur die Stärksten kommen durch“ Philosophie vorlebt? Wenigstens empfand es ein Kunde als angebracht die Polizei zu verständigen. Gott sei Dank. Für die Partei ist die harmonische Gesellschaft somit wieder hergestellt.

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