
Wenn CCTV – der mächtigste und einflussreichste TV Sender der Volksrepublik – Chinas mit Abstand berühmteste Schauspielerin ausgerechnet an ihrem eigenen Geburtstag geschlagene 20 Minuten lang im Rahmen der Abendnachrichten denunziert, muss im Reich der Mitte einiges in Bewegung gesetzt worden sein. Die Rede ist, wie könnte es anders sein, von Zhang Ziyi. Die mittlerweile 31-Jährige - aus Filmen wie „Croching Tiger, Hidden Dragon“ oder „Memoirs of a Geisha“ bekannt - ist wohl eine jener Persönlichkeiten, die die chinesische Bevökerung am meisten polarisieren. Aber alles der Reihe nach.
Wir schreiben das Jahr 2008. Ein verheerendes Erdbeben mit einer Stärke von 8,0 laut Richter trifft die chinesische Zentralprovinz Sichuan und fordert 70.000 Todesopfer, knapp 6 Millionen Menschen werden obdachlos. Die Rettungsmaßnahmen laufen schnell an, sowohl nationale wie auch internationale Hilfsteams eilen nach Sichuan, weltweit werden Spendenaktionen ausgerufen. Bereits wenige Tage später am anderen Ende der Welt organisiert die chinesische Schauspielerin Zhang Ziyi im Rahmen der 61. Filmfestspiele von Cannes eine Spendenaktion für die Opfer von Sichuan im Namen ihrer Wohltätigkeitsstifung. Medienberichten zufolge sollen damals mehr als eine Mio. RMB (~110.000€) in ihre Stiftung geflossen sein. So weit so gut. Doch wie Ende Jänner 2010 einige Journalisten auf Nachfrage bei der Provinzregierung von Sichuan erfahren hatten, dürften bis dato „nur“ knapp 840.000 RMB an Spendengeldern an die Provinz Sichuan geflossen sein – 160.000 RMB zu wenig. „Wo ist das restliche Geld hin?“, fragen sich nun viele Leute nicht zu Unrecht. Denn sollte sich das bestätigen, wonach es hier auf den ersten Blick aussieht, ist Zhang in einen handfesten Spendenskandal verwickelt, für welchen nach chinesischer Gesetzgebung wegen Trickbetrugs mehrere Jahre Haft als Strafvollzug vorgesehen sind. Die Leute sind erzürnt, speziell da es sich hier um das in China äußerst sensible Thema „Sichuan Erdbeben“ handelt – böse Zungen behaupten sogar, dass sich der Superstar den abgängigen Betrag direkt auf ihr eigenes Konto überwiesen habe.
Für Zhang sind solche Attacken aus ihrer eigenen Heimat unterdessen nichts neues. Denn während die Filmdiva im Westen hohe Anerkennung genießt, ist sie in ihrer Heimat immer öfter der öffentlichen Kritik ausgesetzt und führt seit längerem einen verbissenen Imagekampf an zwei Fronten – hin- und hergerissen zwischen dem Karriere-fördernden liberalen Westen und der tief im Herzen nach wie vor traditionsbewussten chinesischen Bevölkerung. Quasi als das Aushängeschild Chinas in Sachen Schauspielertum sind viele Chinesen der Ansicht, dass Zhang ihr Volk mitsamt seinen moralischen Vorstellungen und Prinzipien nicht gut repräsentiere. Das ganze Theater begann schon seiner Zeit, als die Schauspielerin im preisgekrönten Film „Memoirs of a Geisha“ eine Japanerin (in China sind Japaner seit jeher verhasst) mimte, setzte sich mit ihrer von der Öffentlichkeit verpöhnten Lippensynchronisation während der „Chinese New Year Gala 2008“ fort und fand schließlich ihren vorläufigen Höhepunkt in rassistischen Empörungen über ihre Beziehung mit einem Ausländer, dem israelischen Großindustriellen Vivi Nevo.
Unterdessen erzürnt der aktuelle Spendenskandal erneut die Bevölkerung, vor allem da eine plausible Erklärung seitens Zhangs Management nach bisher zwei Wochen noch immer ausblieb. Während die Masse der Schauspielerin kaltblütgen Betrug und Volksverrat vorwirft, stellt sich eine kleine Minderheit hinter den Superstar: Es handle sich um eine Deffamierungskapagne seitens der Bevölkerung, am liebsten würden die Leute Zhang für das Erdbeben selbst verantwortlich machen.
Dass sich nun auch ausgerechnet der von der Partei kontrollierte und grundsätzlich Zhang Ziyi nicht abneigend gegenüberstehende TV Sender CCTV in die Diskussion einschaltet, ist in diesem Zusammenhang alles andere als verwunderlich - die Leute wollen Gerechtigkeit im Sinne des Volkes und proben den Aufstand. Denn korrupte Parteikader im erdbebengefährdeten Sichuan, welche es seiner Zeit verabsäumt hatten dafür vorgesehene Steuergelder in bebensichere Gebäudearchitektur zu investieren, können im Gegensatz zu Zhang Ziyi nicht öffentlich beschuldigt werden. Das hat vor wenigen Tagen die Verurteilung des chines. Bürgerrechtlers Tan Zuoren, der eben die Problematik der Wohnhauspolitik in Sichuan öffentlich angesprochen hatte, zu 5 Jahren Haft nur allzu deutlich gezeigt. Der Partei kommt Zhang Ziyis Spendenskandal in dieser Hinsicht nur allzu recht. Denn nicht einmal dem Propagandaministerium selbst wäre eine bessere Methode eingefallen um von den wahren Schuldigen abzulenken.
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