Ein
Streitgespräch als Stilbild eines Konflikts zweier Generationen und
Weltanschauungen. Oder doch nicht?
Letztens durfte ich beim Eingang meiner
U-Bahnstation ein Streitgespräch zwischen einer alten Frau und einem jungen (um
die 20 Jahre alten) Burschen miterleben. Der Zeitraum zwischen April und Juni fällt
in Shanghai traditionell sehr regenreich aus. In der Regel gehört ein Regenschirm
zur Standardausrüstung jedes Bewohners Shanghais. Doch ab und zu kann das
Wetter sehr unerwartet umschlagen und binnen weniger Minuten können sich am
Himmel dunkle Regenwolken zusammenbrauen. Pech, wenn man dann keinen Regenschirm
dabei hat. Aber keine Sorge. Geschäftstüchtig wie sie sind, die Chinesen, sind in
solchen Fällen von akutem Platzregen am Ausgang von U-Bahnstationen oder Einkaufszentren
stets Händler anzutreffen, die spontan für 10-20 Yuan Regenschirme an unvorbereitete
Passanten verkaufen.
| Ein Regenschirmhändler |
Genau so ein Händler war auch der besagte
junge chinesische Bursche, der neben dem Ausgang meiner U-Bahnstation einen
kleinen Tisch aufgebaut hatte, auf dem er seine unterschiedlichen Regenschirmmodelle
präsentierte, und leger auf einem kleinen Hocker sitzend mit seinem Smartphone
spielte. Wenige Minuten zuvor hatte ein heftiger Regenschauer begonnen, der
zahlreiche Passanten (mich inklusive) überrascht hatte. Dementsprechend gut
lief das Geschäft des jungen Regenschirmhändlers. Schließlich kam die besagte
alte Frau aus der U-Bahnstation und es dauerte nicht lange, bis ein Streit
zwischen ihr und dem jungen Burschen entbrannte. Der Grund: Die alte Frau
wollte nicht 20 Yuan für einen Regenschirm bezahlen, der Bursche weigerte sich
jedoch seinen Preis zu senken.
„Früher
[unter Mao?] hätte es sowas nicht gegeben! Wie kannst du nur eine alte Frau einfach
so dem kalten Regen überlassen und so viel Geld verlangen?! Eigentlich müsstest
du mir einen Regenschirm umsonst geben! Hast du überhaupt keine Solidarität mit
der Gemeinschaft?“,
schrie die alte Frau erzürnt. Der junge Bursche
spielte unbeeindruckt mit seinem Smartphone weiter ohne die alte Frau weiters zu
beachten.
Die Szenerie erinnerte mich nicht nur frappant
an den Generationenkonflikt zwischen Jung & Alt, den es wohl in jeder
Gesellschaft gibt („diese Jugend von
heute...“). Bis zu einem bestimmten Grad spiegelte die ganze Situation für mich auch in gewisser Weise das
Aufeinanderprallen zweier Weltanschauungen wider. Ein Konflikt zwischen zwei Generationen,
die mit verschiedenen Ideologien aufgewachsen sind. Auf der einen Seite die
alte Frau, die den Großteil ihres Lebens in einem China verbracht hat, das von
Klassenkampf und Mao-Rhetorik geprägt war. Wo man sich gemäß allen Regeln der Sozialromantik
für die Gemeinschaft aufgeopfert hat um die Erschaffung einer neuen
sozialistischen Gesellschaft voranzutreiben.
Auf der anderen Seite steht der 20 jährige
Bursche, der mit all diesen sozialistischen Phrasen und Konzepten wenig bis gar
nichts anfangen kann und sie maximal aus dem Geschichtsunterricht kennt. Er ist im Gegensatz zu der Generation der alten Frau von
klein auf im Wohlstand aufgewachsen. In einer Zeit, in der sich China der Welt
öffnete, neue Ideen und Konzepte ins Land herein ließ. Eine Zeit, die den
Startschuss für den Turbokapitalismus im heutigen China lieferte – mit all
seinen Nebenprodukten: z.B. einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in
der sich jeder selbst der Nächste ist. Der Begriff „Gemeinschaft“ oder „Allgemeinheit“
wird hierbei neu definiert. Ab nun steht das Wohl und die Entwicklung des Individuums
über der Gemeinschaft – ein diametraler Gegensatz zur sozialistischen, aber
auch zur konfuzianischen Wertevorstellung, die in Chinas Gesellschaft
jahrhundertelang tief verwurzelt war. „Was
schert mich denn, ob die alte Frau oder die Allgemeinheit nass wird? 20 Yuan und
sie bleiben trocken. Egal ob reich oder arm, egal ob jung oder alt. Ich muss
schließlich auch von etwas leben.“, wird sich der junge Bursch wohl gedacht
haben.
Als ich diese Einschätzung einer
chinesischen Freundin erzählte, winkte die jedoch gleich ab und lieferte ihre
eigene Interpretation des Streitgesprächs. Ich solle da nicht so viel
politisches hinein interperetieren. Alte Leute würden die ganze Zeit versuchen,
sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen. So würden viele Pensionisten in
China mit Verweis auf das eigene Alter versuchen, sich bei Warteschlangen vordrängen,
am Markt günstigere Preise verlangen oder in der U-Bahn einen Sitzplatz
ergattern zu können. Und außerdem hätten chinesische Pensionisten ohnehin viel
zu viel Freizeit und würden dementsprechend gerne und ausgiebig mit anderen
Leuten streiten, bloß um die Zeit vergehen zu lassen.
Es wird sich wohl jeder selbst seine
Meinung bilden müssen, welche Interpretation des Streitgesprächs ihm glaubhafter oder sympathischer erscheint...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen