In den letzten Tagen war China wieder einmal Thema Nummer 1 in allen Medien. Nicht nur, weil man mittlerweile Japan als 2. größte Volkswirtschaft der Welt überholt hat. Denn zuletzt haben zwei kilometerlange Staus China in aller Munde gebracht, letzterer Stau soll chines. Nachrichtenagenturen zufolge sogar 120km lang gewesen sein. Überraschend? Eigentlich nicht.
Zunächst sollte mal ein genauerer Blick auf die Situation geworfen werden. Wie auch schon der vor wenigen Wochen aufgetretene Stau fand auch der neueste 120km Stau auf derselben Autobahn, dem G6 Jingzang Expressway, statt – ein Prestigeprojekt der chinesischen Regierung. Denn dieser zum Teil noch in Bau befindliche 4 spurige Expressway soll in wenigen Jahren die Hauptstadt Beijing mit dem tibetischen Lhasa verbinden. Die geplante Streckenführung von mehr als 3710km ist deshalb so lang, weil die Straße nicht direkt nach Südwesten, sondern über mehrere kleine Umwege von der Hauptstadt weg zunächst nach Nordosten hinweg durch Hebei und die innere Mongolei führt ehe die Strecke durch einen Südwest-Knick durch Ningxia, Gansu und Qinghai durch letztendlich in Lhasa/Tibet endet. Momentan ist der Abschnitt Beijing-Gansu bereits fertiggestellt und in Betrieb (ein genauer Fertigstellungstermin kann aufgrund extremer vorherrschender Wetterbedingungen nicht gegeben werden) und genau in diesem Teilabschnitt spielte sich auch besagter 120km Stau ab – genau genommen in einem Abschnitt zwischen Beijing und der inneren Mongolei.
Wieso genau dort? Weil erst vor kurzem große Kohleressourcen in der inneren Mongolei entdeckt wurden – für China als weltweit größten Kohleförderer (mit jährlichen Mengen jenseits der 1300 Mio. Tonnen) extrem wichtig. Bisher kam der Großteil der Kohle immer aus der Provinz Shanxi, daran werden auch die neuesten Entdeckungen in der inneren Mongolei nichts ändern. Doch im Gegensatz zur inneren Mongolei hat man sich in Shanxi, dessen Wirtschaft zur überwältigenden Mehrheit von Kohle angetrieben wird, schon längst an das schwarze Gold angepasst – Straßen und Autobahnen wurden extra für den Kohletransport ausgebaut. In der inneren Mongolei tummeln sich daweil tausende von LKWs auf einer 4 spurigen Straße, da beim Bau des G6 Expressways noch niemand etwas von den Kohlevorkommen in der inneren Mongole wusste bzw. unterschätzte.
Verstärkend wirkt außerdem ein Erlass der Regierung der vergangenen Jahre die Besteuerung auf Neuwagen herabzusetzen um somit die nationale Autoindustrie anzukurbeln und um gleichzeitig in Zeiten der Weltwirtschaftskrise bessere Zahlen vorlegen zu können. Zwar wirkte sich diese Regelung großteils auf den Kauf von mehr Privat PKWS und weniger auf LKWs aus, dennoch wurde dadurch die generelle Anzahl von Autos auf Chinas Straßen gesteigert – die Auto-Variable wächst im Vergleich zur Straßen-Variable um einiges schneller, immer mehrAutos haben auf immer weniger eigenen Straßen-Quadtratmetern Platz. Das mag in einem solch großen Land wie China mit einem Autobahnnetz jenseits der 65.000km paradox klingen, allerdings konzentriert sich der Verkehr ja nur in Ballungszentren. Allein in Peking, in dem jeden Tag 2000 PKW Neuzulassungen (!!) stattfinden, soll an diesem Wochenende die 4,5 Mio. PKW Marke erreicht werden nachdem die 4 Mio. Marke erst im Dezember 2009 überschritten worden war, das entspricht einem Zuwachs von einer halben Mio. PKWs binnen einem ¾ Jahr – und das allein in Beijing!
Auch entsprechende Regelungen der Pekinger Stadtregierung, wie zB Autos je nach geradem oder ungeradem Kennzeichen pro Tag fahren zu lassen, konnten das Problem nicht lösen – ganz im Gegenteil. Denn wer nun zB ein Auto mit geradem Kennzeichen hatte und dieses nicht nur jeden zweiten Tag verwenden wollte, kaufte sich eben einen Zweitwagen mit ungeradem Kennzeichen. Denn wer sich in China ein Auto leisten kann, kann sich auch locker ein zweites leisten, man hat für ein/zwei Autos das Geld oder eben nicht – dazwischen gibt es nichts (Stichwort: Schere zw. Arm und Reich). Doch auch in der boomenden Finanzmetropole Shanghai kämpft man gegen den zunehmenden Verkehr an, wenn auch mit etwas radikaleren Mitteln: Denn in der Hafenmetropole ist der Zuwachs an KFZ-Neuzulassungen an die Anzahl verfügbarer Nummerntafeln gekoppelt. Genau genommen sind pro Jahr 50.000 Nummerntafeln für Neuzulassungen verfügbar, die dann auktionsartig unter den zukünftigen Autofahrern versteigert werden – so erwitschaftet die Stadtregierung nebenbei auch noch einen beträchtlichen Zusatzbetrag.
Wer schon mal auf einer chines. Autobahn in der Mitte von Nirgendwo gefahren ist, dem fällt vor allem eins auf: Man sieht eigentlich nur LKWs, was bei der Größe des gesamten Landes auch wenig verwunderlich ist. Unter solchen Umständen kann die chines. Regierung geradezu von Glück sprechen, dass sich der private Autoverkehr „nur“ auf Ballungsräume beschränkt, denn zwischen den großen Städten wird der Autoverkehr zu 90% vom LKW-Gütertransport dominiert – für den Privatanwender ist es viel komfortabler im Zug oder Flugzeug von zB Beijing nach Shanghai zu reisen (was im Auto mind. 14 Stunden dauern würde). In dieser Hinsicht bleibt Chinas Stauproblem weitgehend ein städtisches Phänomen, daran ändern auch die letzten zwei besagten Autobahnstaus wenig. Denn wenn der G6 Expressway vom Anfang an auf den Kohletransport ausgelegt worden wäre, wäre es vermutlich nie zu einem solchen Stau bzw. Aufschrei in den globalen Medien gekommen – in Shanxi funktioniert der Kohletransport ja auch mehr oder weniger einwandfrei.
Die ganze Affäre als Sommerloch abzutun sollte man dann aber vielleicht doch unterlassen, nicht nur aufgrund des Umweltaspektes. Denn das G6 Expressway-Projekt - wie auch schon vor einigen Jahren die Peking-Lhasa Zugstrecke – dient nicht nur dem Ausbau der lokalen Infrastruktur (in ganz Tibet gibt es keine eizige Autobahn), sondern auch als Machtdemonstration der chines. Zentralregierung gegenüber aufmüpfigen ethnischen Minderheiten in der Bevölkerung. Beim Betrachten der Pläne für den Ausbau des nationalen Autobahnsystems (blau: in Betrieb, rot in Bau/Planung) soll vor allem eine Botschaft vermittelt werden: Entlegene Gebiete werden wie durch lange Fühler näher zum Machtzentrum hin verlegt und greifbarer gemacht. Die Ausmaße dieses Konzepts zeigen vor allem die Pläne für den Bau des G3 Jingtai Expressways – einer Autobahn mit direkter Verbindung von Peking ins taiwanesische Taipeh. Doch nicht nur natürliche- (eine 100km lange Brücke über die Formosastraße), sondern auch politische Schwierigkeiten dürften dieses Projekt zu einem äußerst interesanten Unterfangen verkommen lassen.


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