Donnerstag, 17. September 2009

Herbstplaudereien

Der Herbst hat Peking erreicht und mit ihm angenehmes Wetter begleitet von frischen Windbrisen und wolkenlosem smogfreien Himmel. Die Klimaanlage läuft schon seit Tagen nicht mehr und in der Nacht reicht es nicht mehr aus sich einfach mit einem Leintuch zuzudecken. Herbst – so meinen die meisten Pekinger – sei die schönste Jahreszeit in der Stadt. Das Wetter ist herrlich (nicht glühend heiß nicht frierend kalt), die Leute angenehm im Umgang (entspannt aus dem Somerurlaub zurück) und die Anzahl der Touristengruppen hat ihren Jahreszenit bereits überschritten. Man genießt die letzten warmen sonnigen Tage - ehe für ein halbes Jahr klirrende Kälte, Smog und kein Sonnenschein das Stadtbild dominieren werden – sitzt mit Freunden am Straßenrand oder im Park, plaudert über dieses und jenes. Und in der Tat, derzeit gibt es v.a. zwei große Themen für die Pekinger.

Großes Thema Nummer 1 ist die neue Ubahnlinie 4. Von einigen heiß erwartet von anderen verflucht hat sie bereits im Vorfeld ihrer Eröffnung die Gemütswellen der Bevölkerung hoch schlagen lassen wie keine Ubahnlinie bevor. Vor- und Nachteile von Linie 4 liegen klar auf der Hand, die da wären: positiv: eine äußerst gute (=praktische) Streckenführung, die neben div. Sehenswürdigkeiten (Sommerpalast, Beijing Zoo) und wichtigen Verkehrsknotenpunkten (Xizhimen, Beijing South Railway Station) auch endlich den westlichen Teil der sog. „Inneren Stadt“ (= alles binnen der 2. Ringstraße) an das Ubahnnetz anbindet, speziell für den Südbahnhof wurde das höchste Zeit. Negativ: Mit Eröffnung der neuen Linie am 28. September wird ein neues Tarifmodell eingeführt. Die derzeit gültige Flatrate zu 2 Kuai/Fahrt wird damit der Vergangenheit angehören, als neues Modell strebt man ein Tarifmodell mit den Konstanten Streckendistanz und Linienwechsel an, sprich: je länger man fährt und je öfter man Linie wechselt desto mehr bezaht man. Genaue Preise wurden noch nicht genannt, man kann aber davon ausgehen, dass sich die Pekinger Stadtregierung sehr nach dem Shanghaier Ubahnsystem richten wird (3-9 Kuai/Fahrt). Des Weiteren regt sich auch der Eine oder Andere auf, dass es im Gegensatz zum restlichen Ubahnsystem in Linie 4 nich gestattet sein wird Essen oder Getränke zu konsumieren – und das trotz nicht vorhandener Kebab-Infrastruktur.

Noch viel größeres Thema Nr. 2: Das 60jährige Jubiläum zum Bestehen der VR China. Für den 1. Oktober (chines. Nationalfeiertag, Proklamation der Volksrepublik) ist ein Spektakel der Superlative angekündigt. Wie alle zehn Jahre zuvor wird auch dieses Jahr eine gigantische Militärparade auf der Chang’An Jie, der längsten durchgehenden Straße in Beijing, abgehalten werden. Doch neben diesem Programmhöhepunkt wird es auch ein unglaubliches Nebenprogramm geben, in ähnlicher wenn nicht sogar noch massiverer Größenordnung wie seiner Zeit während der olympischen Spiele. Bereits im Vorfeld mussten zahlreiche Studenten ihre Ferien aufgeben um während des Sommers für die Jubiläumszeremonie, an der sie am 1. Oktober teilnehmen werden, täglich üben und trainieren. Dass hier natürlich von „Freiwilligen“ die Rede ist muss man in China ja schon gar nicht mehr erwähnen.

Doch egal welcher Gesellschaftsschicht man angehört, dem Thema 60Jahre Jubiläum entkommt derzeit niemand. Sei es im Internet, im Fernsehen, im Radio oder in den Printmedien, überall wird man damit derzeit konfrontiert. Und selbst Menschen, die keine Massenmedien konsumieren, werden durch Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens so ganz nebenbei darauf aufmerksam gemacht, dass ihr geliebtes Vaterland demächst seinen 60. Geburtstag feiert. Beeinträchtigung des öffentl. Lebens? Das ist eigentlich zu Zeiten des Nationalfeiertages nicht Ungewöhnliches in Peking, kommen doch Jahr für Jahr Millionen Chinesen aus den hintersten Provinzen zu jener Zeit in die Hauptstadt um den Nationalfeiertag dort zu genießen und nebenbei ein bisschen Sightseeing zu betreiben. Das sämtliche Verkehrssystem – schon selbst mit den 15 Mio. Einwohnern Peking bereits am Limit operierend – bricht nun völlig zusammen, Touristenattraktionen sowie öffentliche Plätze oder Einkaufsstraßen sind dermaßen unangenehm überfüllt, dass man am liebsten keinen Fuß vor die Haustüre setzen will. Bereits letztes Jahr war es unerträglich, dieses Jahr wird es vermutlich noch um einen Grad schlimmer. Das Paradoxe an dem ganzen Treiben ist ja, dass man von dem eigentlichen Trubel – der Parade und der ganzen Zeremonie usw – als Bürger live überhaupt nichts mitbekommt. Natürlich wird das ganze Spekakel im Fernsehen zu sehen sein, aber die Chang’An Jie selbst wird großräumig für die Öffentlichkeit nicht betretbar sein. Eine Parade, bei der niemand daneben stehen und zusehen darf, sowas gibt’s auch nur in China.

Wie 2008 zu Zeiten von Olympia ist man auch dieses Jahr kurz vor diesem geschichtsträchtigen Ereignis auf Seiten der Partei sehr um Harmonie innerhalb der Bevölkerung bemüht. Umso ungünstiger kommen derzeit die ausartenden Injektionsnadelattacken in Chinas Problemprovinz Xinjiang (Details siehe Eintrag: Chinas Minderheitenproblem). Dementsprechend rasch versucht China derzeit die ganze Sache abzuschließen, hält Spontanverhöre ab und spricht Blitzverurteilungen gegen die Angeklagten aus, nur allzu schnell versucht man die Sache unter den Teppich zu kehren. Das Internet wurde mittlerweile einer weiteren Zensurwelle unterzogen, war es während des Sommers noch möglich mittels div. Proxyprogrammen auf gesperrte Seiten wie Facebook oder Youtube zuzugreifen, so ist dies nun auch wieder „unmöglich“. Und: „mysteriöserweise“ funktioniert seit kurzem mein taiwanesischer Fernsehsender nicht mehr bzw eingeschränkt. Mal ist kein Ton da, mal kein Bild, mal weder noch. Was für ein Zufall. Wie schon vor einem Jahr während der olympischen Spiele will China nicht nur das geringste Risiko bzgl Imageschaden eingehen und so einen Fleck auf seiner vermeintlich weißen Weste riskieren.

Parallel dazu läuft derzeit auf allen Massenmedien eine Art Wohlfühlkampagne, die offenbar die Stimmung in der Bevölkerung kurz vor dem Nationalfeiertag heben soll. Alle zwei bis drei Tage wird der ganze Bereich um den Tiananmen Platz (dem Zentrum der Jubiläumszeremonie) für Proben abgesperrt, Verkehr blockiert, Touristen abgeschottet und Ubahnen durch die betroffenen Stationen nonstop durchgejagt. Am nächsten Tag sieht man dann in den Breaking News die brav übenden Leute im Gleichschritt marschieren, singen oder tanzen. Gleichzeitig berichten TV Shows und Internetseiten mit aufregenden Fotos vom Training der Soldaten in den Kasernen. Hier wird einem klar gemacht: der 1. Oktober 2009 wird der sicherste Tag in China während des ganzen Jahres werden. Neben Einsatzvideos von Häuser stürmenden Spezialkommandos und exerzierenden Soldaten sieht man jedoch auch den offensichtlich lockeren und fröhlichen Alltag der Mannschaft, da werden schon mal gern Fußball-, Mahjiang- oder Seilziehen Tourniere ausgetragen. Und gelächelt wird dabei sowieso immer. „Unseren Soldaten geht es wirklich gut“, der unvermeidliche Kommentar der Off Sprecherin. Was für ein Zufall, dass derzeit die meisten Schüler ihre drei „Armeetage“ abhalten (in diesen drei Tagen werden sie in das Grundlegende der Armee eingeführt und können sich danach entscheiden ob sie sich verpflichten oder nicht).

So wie sich das Chinas Bild im Westen während der vergangenen 60 Jahren gewandelt hat, hat sich auch die Propaganda verändert. Vorbei sind die Zeiten kommunistischer Plakate mit Waffen gen Himmel haltend brüllenden Revolutionären. Im 21. Jahrhundert geht man viel dezenter vor. Mittlerweile für China schon fast unumgänglich sind die kitschigen (Propaganda)Musikvideos/Lieder geworden, welche jedes mal rund um ein wichtiges Ereignis speziell produziert werden. Derzeit wurde folgender Song extra für das 60 Jahre Jubiläum veröffentlicht:

http://v.youku.com/v_show/id_XOTQyNjIyNTY=.html

In dem u.a. von Jackie Chan gesungenen Lied geht es grundsätzlich um ein Wortspiel. Das chines. Wort für Staat lautet "guojia", welches sich wiederum aus „guo“ und „jia“ zusammensetzt. „guo“ bedeutet soviel wie Land/Gebiet während „jia“ schlicht für Familie steht. Der Text geht das ganze Lied über in die Richtung „Mein Land/Gebiet ist mein Land/Gebiet, meine Familie ist meine Familie // Ich liebe mein Land/Gebiet, ich liebe meine Familie etc“, währenddessen sind im Video Familien aus den verschiedensten Teilen Chinas zu sehen - klar, dass China trotz immenser Minderheitenprobleme wieder einmal seine vermeintliche multikulturelle Harmonie betonen muss. Zum Höhepunkt werden zum Schluss die zwei Worte zum Wort „guojia“ zusammengefügt, der Liedtext ändert sich in „ich liebe meinen Staat [=VR China]“ und schon sieht man die im Wind wehende chines. Flagge. Perfekte Propaganda, als harmlos wirkendes Musikvideo vermarktet.

Eines ist bereits jetzt klar. China bzw. die Partei geht als großer Gewinner aus diesem ganzen Jubiläumsspektakel hervor. Im Vergleich zu vor 60 Jahren agiert man selbstbewusster denn je, unterstreicht seinen Anspruch auf die Rolle des Global Players noch kräftiger. Zumindest nach außen hin präsentiert man sich als starkes einheitliches Land mit glorreicher Zukunft. Doch unter dieser resistenten Kruste befindet sich ein weicher Kern mit vielen ungelösten Konfliktherden. China Wirtschaft stagniert, 100.000e sind durch die Krise arbeitslos geworden. Auch wenn man im internationalen Vergleich noch mit einem blauen Auge davon gekommen ist, so wird man sich in Zukunft doch daran gewöhnen müssen mit der Zeit immer mehr Investoren nach Indien, dem neuen Zukunftsmarkt, abwandern zu sehen. Doch neben wirtschaftlichen Problemen sind es vor allem die sozialen Themen, die massives Konfliktpotential in sich bergen. Nach wie vor ungelöst ist da das Minderheitenproblem, allerm voran die Unruheregionen Xinjiang & Tibet. Denn eines ist klar, die Tibetunruhen letzten Frühling sowie die diesjährigen Xinjiangaufstände waren vor allem ethische Konflikte. Doch auch die restl. Bevölkerung ruhig halten zu können wird sich als schwierig gestalten. Trotz Reformen blüht die Korruption seitens Parteikader auf Kreisebene wie eh und je, der Unterschied zwischen Stadt und Land wird immer eklatanter, Massenmigartion in städt. Gebiete sowie brach liegende unbewirtschaftete Felder sind die Folge. Wenn hier rechtzeitig nicht gegengesteuert wird ist eine Lebensmittelknappheit größerer Kategorie unumgänglich. Des Weiteren haben Krisen wie SARS anno 2003 und die diesjährige Schweinegrippe nicht nur die Schwächen des im Grunde genommen nicht vorhandenen chines. Gesundheitssystem sowie der Krankenversorgung, sondern auch viel mehr die mit zunehmender Bedrohung rapide sinkende Zivilcourage innerhalb der Bevölkerung aufgezeigt – einig im sozialen Sinne war das Land zuletzt unter der gescheiterten Reformpolitik Maos.

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